Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 306 Vr. Blvch's Wochrnkchrifl Nr. 16 Genies des Clericalismus, die Jesuiten, übten eine ungemessene Herrschaft über das gesammte Leben der Nation. Trotzdem sind Noth und Rechtlosigkeit der Massen, die nach unseren Clericalen ein Ergebniß der capitalistischen Entwicklung sein sollen, das mit der „Rückkehr zum Christenthmn" verschwinden müßte, auch dort, wo die moderne Produktionsweise kaum Wurzel gefaßt hat. Die ausgeplünderten Eolonien im verzweifelten Kampfe um ihre Selbständigkeit, das Mutterland durch Parteihaß zerklüftet und materiell entkräftet, das ist das Resultat der 300jährigen jesuitischen Herrschaft, die die Elemente der modernen Cultur theils zerstört, theils in ihre Gewalt gebracht hat. Wie verhängnißvoll die Macht der Jesuiten auch in dem gegenwärtigen Kampfe Spaniens mit den Vereinigten Staaten wirkt, zeigen die Mittheilungen, die die „Frankfurter Zeitung" an der Hand spanischer Blätter der verschiedensten Parteirichtungen veröffentlicht. Danach tragen die Jesuiten nicht geringe Schuld an dem traurige i Zustande der „Transatlantischen Gesellschaft", betreiben sie nämlich den Transport der spanischen Truppen, und zwar in einer Weise, die die Kritik carlistischer und katholischer Blätter hervorrust. Besonders schrecklich sind die Schilderungen, die vom Rücktransport der verwundeten Soldaten aus Euba entworfen werden. Ein clericales Blatt erzählt, wie man die Kranken während der Ueberfahrt ohne genügende Nahrung, ohne Arzt und ohne Pflege gelaffen habe. Die ungeheure Sterblichkeit ist hauptsächlich diesem unmenschlichen Verfahren zuzuschreiben, das den Jesuiten allerdings so bedeutende Profite abwirst, daß man sie ziemlich laut beschuldigt, daß sie gar nichts gegen einen möglichst langen Krieg einzuwenden hätten. Wie habsüchtig sie ihr Geschäft betreiben, wird auch dadurch charakterisirt, daß sie mit Aufgebot ihres ganzen Einflusses die Regierung gezwungen haben, das Anerbieten eines reichen Rheders, die Verwundeten und Kranken u n e n t g e l tl i ch heimzutransportiren, abzulehnen. Auch der Aufstand aus den Philippinen wird dem unheilvollen Einfluß dieses Ordens zugeschrieben. Eine Bittschrift zahlreicher Bewohner der Philippinen schildert die Vergewaltigungen, Räubereien und Jnquisitionsmaßregeln - man folterte unter Anderem Beschuldigte auf öffentlichem Platze — und verlangt die Vertreibung der Mönche. Der General Blanko, jetzt Gouverneur von Cuba, ehemals auf den Philippinen, hat in einer Denkschrift an die Königin dieselbe Meinung ausgesprochen und erklärt, daß das Uebergewicht der Mönche allein genüge, den „Verfall Spaniens z u e r k l ä r e n". Es ist eine Erkenntniß, die darum von ihrer Richtigkeit nicht verliert, weil sie für Spanien zu spät kommt. „Judeneisen." Wir lesen in der „Arbeiter - Zeitung": Wer noch nicht weiß, was für eine Zauberkraft das Wort „Jud" bei den Antisemiten hat, und wie sie alle Erscheinungen und Zustände der Welt, ja sogar die höchsteigenen Dummheiten oder Schlechtigkeiten mit diesem einen Worte und seinen verschiedenen Zusammensetzungen zu erklären wissen, der kann es an dem Beispiel lernen, wie das „Deutsche Volksblatt" mit der traurigen und beschämenden Geschichte von den schadhaften Gasrohren fertig wird. Es ist „Jildeueisen". „Die neuen Röhren sind bekanntlich aus den Wittkowitzer Werken des Rothschild geliefert worden, und der Verdienst, den Rothschild reellerweise machen könnte, hat Rothschild offenbar nicht genügt, er mußte erhöht werden durch Verwendung von schlechtem Material. Die I u d e n f l i n t e n in Deutschland haben also in Oesterreich ein würdiges Pendant gefunden: d a s I u d e nc i s e n." Der Vergleich mutz verblüffen. In der Judenflintengcschichte der Herren Ahlwardt und Genoffen war die Pointe die, daß der deutschen Militärverwaltung zum Vorwurf gemacht wurde, schlechte Jnfanteriegewehre von der jüdischen Firma Loewe gekauft zu haben; aber in Wien bezieht doch die antisemitische Stadtverwaltung das „Judeneisen" der Wittkowitzer Werke. Das „Deutsche Volksblatt" sucht hiefür eine Entschuldigung. Herr Lueger habe „mit Grund Bedenken getragen, mit der jüdischen Firma in Verbindung zu treten, doch die Nothwendigkeit war stärker, da die Wittkowitzer Werke die einzige Firma war, die die Lieferung in der vorgeschriebencn Zeit leisten konnte". Man erinnert sich doch noch, wie im vorigen Jahre am Ball der Stadt Wien der Director der Werke von den Stadtgrößen förmlich gefeiert wurde. Aber das „Deutsche Volksblatt" begnügt sich nicht mit den Gewiffensbedenken, die sie der Stadtverwaltung andichtet, sie sucht „den Zwang der Nothwendigkeit" tiefer zu begründen. „Die Verhältnisse der österreichischen Industrie seien sehr traurig. Nicht an der Noth der Zeit leide sie» sondern der Stillstand in der Entwicklung des Actienwesens schließe in den einzelnen Produktionszweigennahezu jede Concurrenz aus und verschlechtere^ das Product. An diesem Stillstände sei das für die Acti enge s e l l s cha f te n geltende C o n c e s s i o n s s y st e m und die Schwierigkeiten schuld, die die Regierung der Gründung der Aktiengesellschaften entgegenstelle. Eine zeitgemäße Reform des Actienwesens thue noth." Das „Deutsche Volksblatt" für die Aktiengesellschaft, dieselben Aktiengesellschaften, die nach der antisemitischen Lehre der grimmigste Verderber des kleinen Mannes sind, für das mobile Capital, das nach derselben Lehre stets nur jüdisch ist? Wir haben uns daran gewöhnt, daß die Antisenriten, wo sie in der Stadtverwaltung oder Landesverwaltung ihre Grundsätze practisch bethätigen sollten, genau das Gegentheil von dem thun, was ihre Lehre fordert. Sie kaufen beim Fürsten des jüdischen mobilen Capitals ihre Rohre; sie, die Schwärmer für die Unterstützung der heimischen Arbeit, vergeben die größten Arbeitsausträge an ausländische Unternehmer und nehmen im Ausland Anlehen auf; in der Partei, deren heiligster Grundsatz der Befähigungsnachweis ist, verschaffen sich die hervorragenden Mitglieder, obwohl sie „Schriftsteller" sind, wo es irgend angeht, gewerbliche Concessionen. Jetzt verkündigt das leitende Blatt der Partei Lehren, die die Grundlagen des antisemitisch-kleinbürgerlichen Glaubensbekenntnisses Umstürzen. Es preist die freie Concurrenz, wie nur irgend eines der verhaßten „Manchesterblätter", und wenn die Einschränkung des Actienwesens, ja das Verbot der Ausdehnung capitalistischer Betriebsweise auf Gebiete, wo diese bisher noch nicht alleinherrschend ist, sonst einen Hauptsatz im antisemitischen Gesellschaftsrettungsplan darstellte, bekennt das „Deutsche Volksblatt" jetzt, daß solche Einschränkungen, wofern sie eine practische Wirkung haben, nur die haben können, daß sie die Monopolherrfchaft einzelner Jndustriefürsten und Börsenkönige befördern, denen sich dann Alles widerstandslos unterwerfen muß, auch die antisemitische Gemeindeverwaltung der Millionenstadt Wien. Was heißt das aber, als den Bankerott des Antisemitismus anzusagen, als zuzugeben, daß die christlich-sociale Rettung des christlichen Volkes die reine Windmacherei ist? Schiller an Goethe über den Rector Ahlwardt. Diese Ueberschrift, so schreibt man der „Frankfurter Zeitung", enthält nicht etwa einen schlechten Witz, sondern Schiller schreibt wörtlich von Jena aus an Goethe unter dem 30. Juni 1797 — also vor fast 101 Jahren —; „Kennen Sie etwa einen gewissen A h l w a r d t, R e c t o r in. Wenn Sie Böttiger sehen, so seien Sie doch so gütig, ihn nach diesem S u b j e c t zu fragen" rc. — (Vergl. Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, herausgegeben von R. Boxberger, Stuttgart, Speemann v. I. 1. Bd. Seite 288). Dichter sind bekanntlich Propheten. Wie würde aber Böttiger's Auskunft über den Rector Ahlwardt ausgefallen sein, wenn er 100 Jahre später gelebt hätte? Schiller hätte gewiß nicht zu fragen brauchen. Hoffentlich wird Ahlwardt aus seinen Acten beweisen, daß eigentlich er Derjenige ist, der hier unter die Claffiker gerieth. Schutz der deutschen Geflügelzucht. Die agrarischantisemitische „Deutsche Tageszeitung" schreibt: „Die meist jüdischen Eier- und Geflügelhändler werfen galizische, polnische, süd-russische überseeische Schundwaare iu gewaltigen Massen auf den Markt, so daß der heimische Geflügelzüchter seine gute Maare nur zu Spottpreisen oder manchmal sehr schwer los wird. Das kann nur anders werden, wenn die Zölle auf Geflügel und Eier entsprechend erhöht werden. Unsere Zölle sind bekanntlich im Vergleich mit denen anderer Staaten ungemein niedrig." — Ob die Eier- und Geflügelhändler meist Juden sind, wissen wir nicht; dagegen wissen wir, daß die Eier- und Geflügelhändler sich um die Volksernährung in Deutschland sehr verdient gemacht, namentlich den Eierconsum wesentlich erhöht haben. Ob die deutschen Hühner dazu zu bringen sind, das ganze Jahr hindurch Eier zu legen, müssen die Geflügelzüchter ermitteln. Aber auch wenn ihnen das nicht gelingen sollte, haben die Geflügelzüchter von dem wachsenden Consum, der eine wachsende Nachfrage bedingt, dauernden Vortheil. Daß gerade Schundwaare aus dem Auslande kommen und die immerhin hohe Fracht zu tragen imstande sein sollte, ist natürlich ein von dem genannten Blatte erfundenes Märchen. Ein jüdischer italienischer Dichter. Deutschland besitzt iu Heine einen seiner größten Lyriker, einen viel bescheidener» Platz nimmt ein anderer Jude auf dem italienischen Parnaß ein. Ja, der im Jahre 1743 in Toscana geborene, 1815 gestorbene Salomone F i o r e n t i n v ist in vielen Punkten der gerade Gegensatz des Dichters des Ronlanzero. Fiorentino war kein Demokrat, kein Revolutionär, er schlägt sogar in manchen seiner an hohe Persönlichkeiten gerichteten Gedichte einen etwas servilen Ton an. Aber er ist der Religion seiner Väter treugeblieben, führte ein solides Familienleben und erreichte ein Alter von mehr als 70 Jahren. Als Kind wurde er von seinem Vater nach Siena geschickt, wo er zuerst hebräisch lernte und dann im Collegium Tolomni unterrichtet wurde. Hier hörte er zufällig einige Gedichte Tasso's vortragen, die ihn außerordentlich begeisterten, so daß man sagen kann, der Dichter des „Befreiten Jerusalem" habe den Nachkommen der alten Bürger Jerusalems zum Dichter gemacht. Im Jahre 1768 heiratete er in Florenz Laura Gallia „einen Engel an Schönheit und Jugend" und etablirte sich als