Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Sir. 16 Vr Vwch » WochrnschrM Sertr 305 eingeschlagen hat, und dennoch findet sich kein Zeuge, und führt man einen solchen an, leugnet er Alles ab. Die Polizei selbst weiß von allen Vorgängen, doch darf sie nichts verrathen. Es kann sich kein Jude trauen, einen Verdacht auszusprechen, denn er hat sofort eine Klage zu gewärtigen, und bei diesen Klagen müssen Polizeiwachleute als Zeugen dienen. Ich erhielt vor einigen Wochen einen Zettel anonym zugeschickt, auf welchem Diejenigen verzeichnet waren, die sich an der Spitze der terroristischen Agitation unter dem Namen „Narodni obrana" vereint haben. In erster Reihe der Dechant mit seinen beiden Caplänen; dieser Mann hat aber seine Anstellung als Dechant thatsächlich nur Juden zu verdanken, man hat den Juden lange Zeit hindurch Vorwürfe gemacht, daß sie durch diese Wahl den Christen eine unbeliebte Persönlichkeit aufgedrängt haben — damals waren nämlich 3 Juden Mitglieder der Stadtvertretung und dieser Biedermann ging von Haus zu Haus, um Stimmen betteln und hat sich nicht gescheut, den betreffenden Jüdinnen die Hände zu küssen, damit sie ihre Männer für ihn einnehmen — nun wird ihnen der Dank dafür. Heute ist er das Haupt des Antisemitismus. Weiter ist ein Professor des hiesigen k. k. Staatsgymnasiums, ebenso die Frau eines anderen Professors, eine Lehrerin und endlich zwei Industrielle, die sowohl auf deutsche als auch jüdische Firmen angewiesen sind, von denen einer den Titel eines k. k. Hoflieferanten führt an der Spitze der Bewegung. Die erwähnte Professorin ging von Haus zu Haus, und es mußte sich Jeder schriftlich verpflichten, nicht bei Juden zu kaufen, in allen Dörfern werden mit Hilfe der Ortsvorsteher ähnliche Agitationen eingeleitet." Zum Proeetz Zola. Paris, 16. April. Das fängt gut an! Noch sechs Wochen trennen das Land von dem zweiten Zola-Processe, dessen Verhandlung die Regierung, um der Wiederholung der Unruhen vorzubeugen, nach Versailles verlegte. Schon letzt aber bringt der „Soir", eine Hauptstütze der Militärpartei und dasselbe Blatt, das während des ersten Processes jeden Abend die Namen der Geschwornen in Fettdruck mit genauer Wohnungsangabe brachte, um dem Mob für den Fall, daß das Urtheil nicht nach Wunsch ausfallen sollte, den Weg zu zeigen und den Geschwornen zugleich einen täglichen Vorgeschmack von diesem Besuche zu geben, unter Beifügung eines Planes eine genaue Beschreibung des Weges, den Zola nehmen muß, um aus dem Versailler Justizpalast hinauszugelangen. Dieser „Der Ausgang Zolas" betitelte Artikel ist in seiner Art ein Actenstück zur französischen Zeit- und Culturgeschichte, das Bände redet. Man muß ihm deshalb wohl die unverdiente Ehre anthun, ihn ganz wiederzugeben. „Der Justizpalast von Versailles", schreibt das Blatt, „bietet nicht wie der von Paris dieselben Erleichterungen hinsichtlich der Ausgänge. Er hat deren nur zwei, den der Vorhalle und den des Schwurgerichts, die beide in die Straße Saint-Pierre münden. Wir können also nicht wieder diesen vortrefflichen Schwenkungen beiwohnen, den prächtigen von der Polizeipräfectur ausgearbeiteten Schlachtplänen, dank denen die vom richtigen Wege abgebrachte Menge sich auf falsche Fährten stürzte, während Zola einen nicht allzu geräuschvollen Ausgang bewerkstelligte. Die beiden Angeklagten können diesmal nur durch die sehr enge Rue Saint-Pierre hinausgelangen; man kann also bei ihrer Rückkehr einige Tumulte befürchten. Zola wird vielleicht den Schwurgerichtshof verlassen können, ohne durch die Vorhall zu gehen; in diesem Falle müßte er seinen Weg durch die Thür! des Planes nehmen, die auf den Flur der zum Znchtpolizeigericht geleiteten Angeklagten mündet; er müßte dann das Znchtpolizeigericht durchschreiten, zur letzten Thür hinausgehend, das Berathungszimmer der Ersten Kammer durchschreiten, dessen eine Fensterthür auf den Garten des Justizpalastes hinausgeht. Dort würde er sich entscheiden müssen, entweder durch das einzige, große, ebenfalls in die Rue Saint- Pierre mündende Thor hinauszugelangen oder über die Gartenmauer zu klettern und auf einer Leiter in die Avenue de Paris hinabzusteigen. Das könnte das einzige Mittel sein, der Menge zu entgehen, man muß aber zugeben, daß es wirklich sehr wenig praktisch ist." Kann der heuchlerischere, feige Cynismus versteckter Aufteizung zur Gewaltthat noch weiter gehen? Ihm stellt sich würdig der Gedanke zur Seite, den die Libre Parole aus ihrem Leserkreise, wie sie schreibt, aufgreift und als sehr wichtig der öffentlichen Meinung zur Würdigung unterbreitet, der Gedanke nämlich, was geschähe, wenn Zola morgen plötzlich sterben sollte. Dann geschähe das Ungeheuerliche, bemerkt der Leser der Libre Parole, daß ihm als Inhaber des Officierkreuzes der Ehrenlegion bei seiner Beerdigung militärische Ehren erwiesen würden. Also, so ist die Schlußfolgerung des Blattes, möglichst schnell hinaus mit ihm aus der Legion! „Es ist sehr klar", bemerkt dazu der fortschrittliche Rappel, „Zola ist noch in der Kraft seiner Jahre, keineswegs krank, sondern von bewundernswerth kräftiger Gesundheit. Aber können wir nicht alle das Opfer eines Unfalls werden? Wer weiß, was am 23. Mai in Versailles geschehen wird? Wenn man von dem berühmten Schriftsteller nur seine zerfetzte, von der „Menge" mit Füßen getretene Leiche zurückbringen müßte, wäre es nickt „ärgerlich", ihr militärische Ehren erweisen zu müssen? Um „diesem Uebelstande zu begegnen" — das Wort ist von der Libre Parole —, um jeder Möglichkeit vorzubeugen, soll also schon vorsichtigerweise der Ordensrath der Ehrenlegion ihn vor dem Processe streichen. Daun können diejenigen, die Lust dazu' haben, ruhig darauf losgehen. Wenn dies nicht das ist, was die Libre Parole hat aussprechen wollen, so ist es doch das, was sicherlich alle verstanden haben." Zola hat den Ruf „Ins Wasser mit ihm!" auch im Februar schon in gefahrdrohender Nähe hören müssen, indessen man hatte sich damals doch noch gescheut, dem Pöbel mit strategischen Plänen an die Hand zu gehen und die Möglichkeit seines Begräbnisses zu erörtern, als stände er bereits ans der Candidatenliste des Sensenmannes. Wenn man jetzt schon damit anfängt, so läßt das in der That tief blicken. Jedenfalls wird mau gut thun, die obigen Auslassungen als zwei Denkmäler im Auge zu behalten, die für die Zeitgeschichte bedeutsame Belege abgeben können. Der Mistbauer Kndlich. Hans Kudlich wurde vom Herrn Vicebürgermeister S t r o b a ch in einer Gemeinderathssitzung der Stadt Wien ein „alter Mistbauer" genannt. Wer Hans Kudlich ist und welcher That er seinen Namen verdankt, weiß man überall. Herrn S t r o b a ch kennt man nur in Wien. Und auch hier weiß man nicht viel von ihm-, daß er kurz nach seiner Geburt eine eminente Befähigung zum Buchbinderlehrling an den Tag legre, daß er allmälig bis zu den höchsten Stellen in diesem Gewerbe emporstieg, aber dann plötzlich seinen Berus verließ und sich mit einem Lehrmittelgeschäft etablirte. Bis hieher ist der Lebenslauf unseres großen Zeitgenossen deutlich zu verfolgen. Dann kommt eine mysteriöse Spanne Zeit, die den künftigen Strobach-Biographen viel Kopfzerbrechens machen dürste. Wie wurde Herr Strobach Kandidat des amisemitischen Wahleomites für den Gemeinderath der Stadt Wien? Cr hatte weder Risconto gestohlen, noch Stampiglien gefälscht, noch Obligationen verschwinden lassen. Wo lagen also seine Verdienste, die ihn den christlich-socialen Parteiführern würdig erscheinen ließen, den antisemitischen Hochgedanken officiell zu vertreten? Seiner Unbildung, seiner verganesken Figur, seinen Umgangsformen scheint er es allein zu verdanken, daß er zum Gemeinderath der Stadt Wien gewählt wurde. Die weitere Karriere des Herrn Strobach ist wieder gut zu verfolgen. Mit demselben Clan, mit dem er in der Buchbinderei die höchsten Würden erklommen, avancirte er auch bald im politischen Leben. Ja, als es sich darum handelte, ein Jahr lang den Bürgermeisterstuhl für Herrn Lueger warm zu halten, fiel - vermuthlich wegen seiner körperlichen Eignung - die Wahl ans Herrn Josef Strobach. Zum Dank wurde er später zum Bice-Lneger ernannt, welchen Posten er noch heute inne hat. Von Details seiner Wirksamkeit ist nur bekannt, daß er einmal einen Einspännerkutscher einen „besoffenen Kerl" nannte und daß er für Herrn I r o das Wort „Golatschenbäck" prägte. Nun hat Herr Strobach seinen Thatendurst wieder in etwas befriedigt. Cr hat Hans Kndlich, wie erwähnt, einen „alten Mistbauer" genannt. Hat der Herr Vicebürgermeister jemals in seinem Leben gelernt, wer Hans Kudlich war? Es ist nicht anznnehmeu, denn die Lehrmittel, die ihm zur Verfügung standen, hat er ja immer so rasch als möglich verkauft. Vielleicht hält er ihn für den Erfinder der „Kudlfleck"? Oder ist ihm vielleicht um seinen Bauch bange geworden, weil er von V e r g a n i gehört hat, daß der Kudlich die Leib- Eigenschaften aufheben will? Ter Strobach'sche „Mistbauer" ist jedoch nicht einmal das Merkwürdigste an der Kudlich-Tebatte. Viel erstaunlicher und seltsamer ist der Umstand, daß in dieser ganzen Debatte auch nicht Einer von den 92 Mitgliedern der antisemitischen Majorität aufgestanden ist und erklärt hat, daß Kudlich eigentlich K o h n heißt. Aber natürlich! Das kommt davon, wenn der Tocror Lueger den G r e g o r i g nie reden lassen will! W. A. Z. Woran Spanien zu Gründe geht, kann Niemand zweifelhaft bleiben, der die Geschichte dieses unglücklichen Landes mit offenem, durch kein Vorurtheil getrübten Blick betrachtet. Spanien ist das Mutterland des Elericalismus, dem hier wie nirgend anderswo ein breites Feld gegeben war, seine culturbildeude Kraft in der neuzeitlichen Gesellschaft zu bewähren. Die Mächte, die in anderen Ländern angeblich den Staat und die Gesellschaft untergraben, die Aufklärung und die religiöse Toleranz, blieben hier unterdrückt und die politischen