Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 3Ö4 Kr. Vlortz'» WorhrnsrtzrM. y(i. iß wurden sie mit von dem allgenieinen Taumel ergriffen. Unter den Freiwilligen, welche den lombardischen Brüdern kämpfend beistehen, welche mit an dem „Kreuzzug" für Italiens heilige Sache theilnehmen wollten, befanden sich zahlreiche römische Juden. Wie die christlichen Soldaten, hefteten sie sich ein Kreuz in den Nationalfarben an die Brust." Der Papst förderte unaufhaltsam sein Liebeswerk zu Gunsten der jüdischen Gemeinde in Rom. Auf den Antrag seines Polizeiministers, des Advocaten Galetti, sanctionirte er die ebenso außerordentliche, als unerwartete Maßregel, nämlich die Niederreißung der Mauern und Thore des Ghettos. Niemand hatte in der Judengemcinde eine Ahnung von d-mi bevorstehenden Ereignisse. Es war in der ersten Nacht des Passahfestes, am 17. April 1848 um 10 Uhr Abends, man saß in den Häusern des Ghettos bei der fröhlichen Osterfeier — als die Festesstille durch laute Axtschläge unterbrochen wurde. Schrecken und Furcht ergriff die Bewohner des Ghettos; sie glaubten, daß fanatische Christen sie anläßlich der Passahfeier überfallen. Bestürzt drängten sie sich hinaus, um sich nöthigenfalls zur Wehre zu setzen. Wie verwandelte sich jedoch die Angst in Freude, als sie erfuhren, daß die Axtschläge die Niederlegung der schimpflichen Scheidemauern zwischen den jüdischen und christlichen Bewohnern der Stadt bedeuten, als sie sahen, daß viele edle Bürger Roms, welche zufällig von dem Befehle des Papstes Kunde erhalten hatten, freudigst und bereitwilligst mit Hand anlegten an der Niederreißung der Mauern und Thore des Judenzwingers. Wie mächtig erschollen nun die Dankesliedsr und Preisgebete aus dem Munde der so unerwartet Erlösten! Mit welcher Inbrunst wiederholten sie die nun an ihnen zur Wahrheit gewordenen Worte des königlichen Sängers: „Aus derBedrängniß rief ich Gott an, und er antwortete mir im weiten Raume!" Am 18. April war ein großer Theil der Mauern verschwunden. An demselben Tage las man in der „Gazetta di Roma" die kurze Notiz: „Gestern Abends wurde auf allerhöchste Anordnung die Umgebungsmauer beseitigt, welche die Israeliten von den anderen Bürgern absonderte." Aber was so rasch niedergerissen worden, das wurde alsbald wieder aufgerichtet. Die Revolution hatte Pius IX. zur Flucht aus Rom genöthigt. Nach seiner Rückkehr aus Gaeta stand die Reaction in vollster Blüthe. Die Juden hatten darunter schwer zu leiden. Das Ghetto erstand wieder, die mittelalterlichen Beschränkungen behinderten sie neuerdings an der freien Entwicklung, ein Leben voll Bitterniß und herber Prüfungen war ihr Los, gekränkt und bedrängt mußten sie zusammengepfercht in dem ungesunden engen Raume des Ghetto auf eine bessere Zeit, auf fröhlichere Tage in Geduld harren. Und die bessere Zeit brach nach mehr als zwei Jahrzehnten an, die fröhlicheren Tage begannen in dem Augenblicke, als der sehnlichste Wunsch des italienischen Volkes sich erfüllte, als Rom die Hauptstadt des einheitlichen Italien wurde. Als am 20. September 1870 der erste Schuß von Victor Emanuel's Armee in die Porta Pia fiel, war auch für die Ghettobewohner die Befreiungsstunde angebrochen. Bald thaten sich die Thore des Ghetto frei auf, gesprengt waren die Mauern, die so viel Elend und Unglück umschlossen hatten. Ein Decret Victor Emanuel's hob am 30. October 1870 alle, die bürgerliche und politische Freiheit der Juden beschränkenden Verordnungen und Gesetze auf; am 15. December desselben Jahres erklärte die italienische Deputirteukammer die Gleichheit aller Bekenntnisse vor dem Gesetze, wahrlich nicht zum Schaden des geeinigten Italien, an deffen Kräftigung und Stärkung, an dessen Emporblühen und Gedeihen alle seine Kinder ohne Unterschied des Bekenntnisses in edlem Wetteifer thätigen Antheil nehmen. P. Ll. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der allgemeine israelitische Bund. In den nächsten Tagen findet die constituirende Versammlung des neugegründeren „Allgemeinen österreichischisraelitischen Bundes" statt. Damit gewinnt ein Gedanke Leben und Wirklichkeit, für welchen wir seit Jahren mit aller Wärme und allem Eifer eingetreten sind. Wohl mußte das Statut dem Gesetze gemäß modificirt werden und aus einem Bunde aller Cultusgemeinden Oesterreichs wurde ein Bund, dem neben den Gemeinden auch Einzelpersonen angehören dürfen. An dem Wesen der Institution wird durch diese Formalität nichts geändert. Der Bund wird in den Gemeinden seine sichersten Stützen finden und als ihr gemeinsames Organ wird er Macht und Geltung gewinnen. Ein in seinen Wirkungen heute kaum noch zu bemeffender Schritt nach Vorwärts auf der Bahn der Organisation der österreichischen Judenschaft ist damit vollbracht. Sie wird als solche in Zukunft machtvoll ihre Stimme erheben können gegen Rechtsbeugung und Rechtsverkürzung jeder Art, denn der Bund wird autorisirt und legitimirt sein, im Namen der österreichischen Gesammtjudenheit zu sprechen. Unter den Zwecken, die er zu erfüllen hat, heißt es in Punkt 7: „Rechtsschutz gegen rechtswidrige Angriffe gegen Juden und Judenthum durch Bestellung von Rechtsfreunden oder in sonst einer den Gesetzen entsprechenden Weis e." Jeder einzelne unserer Glaubensgenossen weiß von da ab, daß er und wo er einen Rückhalt zu finden vermag, wenn er als Jude gekränkt, verfolgt oder unterdrückt wird. Die Cultusgemeinden als solche, konnten nur den ausschließlichen Zwecken der Cultusverwaltung, des Unterrichtes und der Humanität dienen; der „Allgemeine österreichisch-israelitische Bund" schließt alle diese Zwecke in seine Thätigkeit ein, er hat aber durch den Punkt 7 noch die Rechte einer politischen Corporation, eines Centralorganes zur Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der österreichischen Gesümmtjudenschaft erworben. Das ist der Kernpunkt seines Wesens, das ist der Rechtstitel seiner Gründung und seines Bestandes. Ein vielverheißender Gedanke ist verwirklicht worden und wir begrüßen die Constituirung des Bundes zwar nicht mit überschwänglichen Hoffnungen, aber doch mit der Erwartung, daß es ihm gelingen werde, die Ehre des jüdischen Namens zu schützen, die politischen Rechte und die wirthschaftlichen Interessen unserer Glaubensgenossen zu schirmen und die letzteren in allen großen und wichtigen Fragen zu einigen! Antisemitische Excefse in Jungbunzlau. Man schreibt uns aus Jungbunzlau: Der Antisemitismus ist hier in einer Weise ausgeartet, wie vielleicht in keiner zweiten Stadt Böhmens. Einige Facta mögen dies illustriren. Am 11. März erstattete Herr B. F e d e r e r, Beamter der Assecuranz-Gesellschaft „General", bei der k. k. Staatsanwaltschaft folgende Anzeige: Am 10. März d. I. Abends 11 Uhr als Herr F e d e r e r nach Hause ging, wurde er von dem k. k. Hoflieferanten Fr. Sezemsky, Besitzer einer Wachskerzenfabrik, dem er persönlich nicht einmal bekannt war, angefallen und mit Stockhieben attakirt. Als Federer den Attentäter bei seinem Namen nannte und dieser sich somit erkannt sah, schoßer aus einem Revolver dreimal nach Federer ohne ihn zu treffen. Der Letztere eilte nun auf die Polizeiwachstube, ohne daselbst den erbetenen Succurs zu finden. Erst als zwei Officiere zufällig auf die Wachstube kamen, begleiteten diesen Herrn Federer, der auch Reserve- Officier ist, nach Hause. Das hiesige Hetzblatt „Tizeran" brachte einen vollständig entstellten Bericht über diese Anzeige, in welchem die Schuld Sezemsky's einfach abgeleugnet wurde. Dieser selbst klagte Federer auf Ehrenbeleidigung und verflieg sich bei der Verhandlung zu der Behauptung, „die Juden haben alle Zeugen bezahlt". Vom Richter zurechtgewiesen, bemerkte er, er könne dies beweisen. Bis nun ist er jedoch den Beweis für diese Verleumdung schuldig geblieben. Die Zustände in Jungbunzlau müssen als geradezu ungeheuerliche bezeichnet werden. Sie werden durch die Thatsache illustrirt, daß zahlreiche Juden um Ertheilung von Waffenpässen ansuchten. Es ist soweit gekommen, daß die Gattin eines k. k. Gymnasialprofessors mit anderen Frauen herum geht, um die Leute zu verpflichten, daß sie nichts bei Juden kaufen. Sezemsky, der vor Kurzem in der „Österreichischen Wochenschrift" berichtigte, daß er kein Antisemit sei, um seine jüdische Kundschaft in Ungarn und Galizien nicht zu verlieren, fabricirt „LuegerKerzen", auf die er sogar Markenschutz genommen hat. In einem zweiten Schreiben heißt es: „Am 5. December v. I. wurden den meisten Juden die Scheiben eingeschlagen. Man weiß allgemein, wer die Urheber dieser Bewegung sind, man kennt auch die Personen, welche dazu gemiethet waren, ich selbst weiß, daß Leute aus meiner Nachbarschaft zugesehen haben, wie man bei mir die Scheiben