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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-22 · 16 (22.4.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
16 (22.4.1898)
Date
1898-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Vr. BUntz» WvchrnMrM Seite 303 formen im Gottesdienste jeden Radicalismus entschieden perhorrescirte. In einer Ansprache, die er beim Festmahle der Chewra-Kadischa am 19. April 1863 gehalten, berührte er diesen Punkt in folgender Weise: „Wissen Sie, was mir immer in dieser Versammlung zunächst Herz und Sinn erhebt? Wenn ich sehe, wie alle die Gegensätze, die das heutige Judenthum in sich trägt, sich da zusammenfinden und fügen, wie das Alles sich befreundet im brüderlichen Bunde; wie der Orient mit seiner tausendjährigen Ueberlieferung, der Occident mit seinen modernen Anschauungen, die starre. Observanz von ehedem und der forschende, bildende Geist, wie ihn die neue Zeit in sich trägt, sich da begegnen, befreunden. die Hand reichen tm und zum brüderlichen Bunde — so schwillt mir das Herz. Namentlich, wenn ich daran denke, wie anderswo die Parteiungen um sich gegriffen und die Gemeinde Gottes in zwei Hälften zerklüftet, zerspalten, zerrissen — und wie da Alles brüderlich zusammenhält in brüderlicher Eintracht und Verständigung — so schwillt und hebt sich mir das Herz! Es ist die Aufgabe, die ich mir einst gestellt, und es gereicht mir zur Beruhigung und thut mir wohl, daß ich jetzt tu meinen alten Tagen auf mein früheres Wirken und Streben zurückschauen kann, und das Bewußtsein mit in mein Grab nehme, daß ich den Frieden in der Gemeinde Gottes nie gestört, sondern ihn oft mit Aufopferung und Verleugnung meiner selbst gewahrt habe." Als Mannheimer am 17. October 1863 seinen siebzigsten Geburtstag feierte, da zeigte es sich erst, welcher Sympathien sich dieser edle, fromme, gottbegnadete Lehrer in allen Schichten und Kreisen der Bevölkerung zu erfreuen hatte. Alles wetteiferte gleichsam miteinander, um ihm, dem allbeliebten Redner und Seelsorger, Ovationen darzubringen. Die hervorragendsten Gemeinden, wie Prag, Pest, Brünn, Arad rc. ließen sich bei diesem Feste durch Deputationen vertreten. Von dem Gemeinderathe der Haupt- und Residenzstadt Wien wurde dem Jubilar taxfrei das Bürgerrecht verliehen, und der Wiener Schriftstellerverein „Concordia" ernannte ihn zu seinem Ehrenmitgliede. Eine Ehrengabe von 4000 fl. in Grundentlastungs-Obligationen, die dem Jubilar von dem „Comite zur Mannheimer- Feier" überreicht wurde, widmete er zu einer Stiftung, die seinen Namen trägt. Anfangs März 1865 erkrankte Mannheimer an einer Lungenentzündung, die gar bald einen sehr bedrohlichen Charakter annahm, so daß die Aerzte alle Hoffnung auf eine Wiedergeuesung aufgaben. Nachdem er Freitag Abends, 17. März 1865, den Sabbath begrüßt und das übliche Abendgebet mit dem „Adon Olan", dessen letzter Vers: „In Deine Hand empfehle ich meinen Geist, ob ich schlafe oder wache, Gott ist mit mir, ich fürchte nicht", er besonders ergreifend sprach, verrichtet hatte, schied er noch in derselben Nacht sanft und ruhig aus diesem Leben. Dr. M. H. Friedländer. Die Aufhebung de« Ghettos in Rom. (17. April 1848.) H. Bl. Die Wahl des menschenfteundlichen, hochgesinnten Papstes Pius IX. erweckte allenthalben im Kirchenstaate die freudigsten Hoffnungen. Diese frohen Erwartungen beseelten auch die unter dem Druck von Jahrhunderten ächzenden Juden der ewigen Stadt. Im römischen Ghetto erzählte man sich, daß der neugewählte Papst auf einer Fahrt durch Rom einen kranken jüdischen Greis, der wie leblos auf dem Straßenpflaster lag, mit eigenen Händen in den päpstlichen Wagen gehoben und in seine Wohnung gebracht habe. Auf die lieblose Bemerkung des herumstehenden Pöbels: „Es ist nur ein Jude," fragte der Papst entrüstet: „Gehören denn die Juden nicht zu unseren Nebenmenschen, denen wir helfen müffen?" Die Vertreter der jüdischen Gemeinde Roms sollten sich bald selbst von dem Wohlwollen des Papstes für die Tiefgebeugten überzeugen. Als Pius IX. am 13. Juli 1846 die jüdische Gemeinde-Deputation empfing, versicherte er sie in der freundlichsten Weise seiner guten Gesinnung; bald darauf verfügte er, daß auch die jüdischen Armen an den von ihm für die Dürftigen bestimmten Spenden und Wohlthaten Theil haben sollen; er linderte das vexatorische Verfahren, worunter die in das Ghetto gezwängten Juden so unsagbar litten, ja er gestattete mehreren angesehenen Juden, sich in der Christenstadt niederzulaffen. Am Tage, da Pius IX. die allgemeine Amnestie erließ, gedachte er auch seiner jüdischen Unterthanen: außer einer bedeutenden Quantttät Brot ließ er unter die Armen des Ghetto 300 Scudi vertheilen. Dankerfüllten Herzens priesen die durch die Huld der Hohen nicht gerade allzusehr Verwöhnten den hochsinnigen Träger der Tiara. Dr. Moses Leone Finzi in Ferrara ließ ein allegorisches Bild unfertigen mit der Inschrift: „Mild im Bestrafen, ein Gott im Verzeihen, das ist das wahre Bild Pins'" 0des Frommen). Jüdische Dichter feierten den Papst in überschwänglicher Weise. Die jüdische Gemeinde in Rom überreichte ihm ein kostbares, reich verziertes Album mit einem Gedichte in hebräischer, lateinischer und italienischer Sprache. Als gegen den Schluß des Jahres (1846) die Bewohner des in dem ungesundesten Theil Roms gelegenen Ghettos, wie fast alljährlich während einer Ueberschwemmung des Tibers von der größten Gefahr bedroht waren — das Wasser war bis über das erste Stockwerk der Häuser gestiegen — erlaubte der Papst den schwer Heimgesuchten, sich außerhalb des Ghettos, im christlichen Rom niederzulassen, bis das Wasser sich verlaufen habe und die Häuser wieder bewohnbar sein würden. Dieser Nothstand, die Bitten der Gemeinde um die Verbesserung der Lage der Ghettobewohner, das Erwachen der öffentlichen Meinung im März 1848, welche die Absonderung und Ausschließung der Juden nicht weiter dulden wollte — der Marquis d'Azeglio vertheidigte in einer Broschüre die gerechten Ansprüche der Juden auf eine Verbesserung ihrer Lage: „der Abbe Ambroßli wagte es, in der großen Kirche Santa Maria di Trastevere, nahe bei dem alten Ghetto, eine Predigt über die Toleranz zu halten, die einen solchen Eindruck hervorrief, daß mehrere Zuhörer — die Heiligkeit des Ortes vergessend — sich lärmend erhoben und laut ihre Absicht erklärten, die Mauern und Thore des Ghetto niederznreißen" (Berliner: „Aus den letzten Tagen des römischen Ghetto") — alle diese Momente haben wohl den Entschluß des Papstes hier Wandel zu schaffen, zur Reife gebracht. Schon im Mai des Vorjahres hatte Pius IX. auf eine Vorstellung der jüdischen Einwohner eine Commission zur Untersuchung der materiellen Lage der Judengemeinde und des Zustandes des Ghetto ernannt, in welcher der edle Fürst von Teano, Don Michele Gaetani, der Graf Guiseppe Malatesta, der Gouverneur von Rom und der Generalschatzmeister unter dem Vorsitze des Cardinalvicars saßen. Das erste Ergebniß ihrer Berathungen war die Bestimmung, wonach den Juden gestattet wurde, sich in den dem Ghetto benachbarten Gegenden niederzulaffen. Auch in den Kreisen der Bürgerschaft war man eifrig bemüht, den Intentionen des Papstes und dem Wunsche den Juden gerecht zu werden und nach Thunlichkeit die trennenden Scheidewände, welche die Juden von ihren christlichen Mitbürgern absonderten, niederzureißen. Ernst und aufrichtig war die Absicht, auch die gesellschaftliche Stellung der Juden zu einer würdigeren zu gestalten. In bisher ausschließlich christlichen Gesellschaften wurden nunmehr auch Juden ausgenommen. Den Pöbel, dem diese judenfreundliche Strömung wider den Strich ging, wußten wahrhaft freisinnige Männer allmälig von dem alten Borurtheile und dem stets genährten Judenhasse zu heilen. „In einer Volksversammlung am 15. Juli 1847 aus der Anhöhe des Torre di Quinto, welche von 2000 Personen besucht war, brachte es die Beredsamkeit Cicernacchio's, des Trasteveriners Favella und des Regolanten Mecocceta dahin, daß auch die energischesten Gegner der Juden ihnen als Brüder und Freunde, als Blut eines Vaterlandes versöhnt die Hand reichten. Noch am Abend desselben. Tages zogen 6000 römische Männer ins Judenviertel. Alles umarmte einander. Aller Groll schien vergessen." (Bogelstein-Rieger, „Geschichte der Juden in Rom II.") In einer Broschüre „über die Emancipation der Israeliten" richtete Massimo d'Azeglio am 8. December 1847 an Pius IX. als den von Gott gesandten, von aller Welt geliebten Fürsten die Aufforderung zur völligen Gleichstellung der Juden, da die Wiedergeburt Israels aufs engste mit jener Italiens verbunden sei. Dieselbe Sttmmung erfüllte nunmehr auch die Massen bei dem großen Bolksaufzuge am Namensfeste des Papstes, bei welchem Pius IX. die Liste der vierunddreißig Postulats des Volkes, deren elftes die Emancipation der Juden enthielt, von einer Deputation übergeben werden sollte. „Die Juden traten immer mehr ins öffentliche Leben ein. Auch sie waren von Begeisterung fiir die Sache Italiens erfüllt. Aus die Kunde vom Aufstande in Wien und von der Erhebung Mailands

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