Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«eite 302 Vr. Bloch » Wochrnschrist Nr 16 bibliothek hat es der Mann in kurzer Zeit zu einer Fülle von Aemtern und Würden gebracht, die ihm die Kleinigkeit von jährlich 10—12.000 fl. eintragen. Nun hat ihm die Commune Wien noch eine kleine Gefälligkeit erwiesen. Die Gattin des Herrn Gemeinderathes Dr. G e ß m a n n besitzt am Neubau ein Haus, das — hochgeschätzt — 48.000 fl. werth ist. Unter dem Prätexte einer Straßeneröffnung hat die antisemitische Majorität beschlossen, dieses Haus um den Preis von 120.000 fl. abzulösen, also um mehr als das Doppelte seines Werthes. Die Proteste der liberalen Minorität gegen diese unerhörte Transaction blieben unbeachtet — dem Verdienste seine 240.000 Kronen! Die antisemitische Ausbeutung des „christlichen Volkes von Wien" beginnt sich in grellen Facten zu offenbaren. Mag Herr Lueger selbst auch tausendmal versichern, daß seine Hände rein seien, er vermag jene gewissenlosen Glücksritter und Volksschinder nicht abzuschütteln, die auf ihn ihre Hoffnungen gesetzt und von denen er sich hat emporheben lassen. Er ist mitverantwortlich für allen Unrath, den diese um ihn anhäufen, und er empfindet bereits die furchtbare Last dieser Verantwortung. Seine Bahn hat sich gewendet, sie führt nach abwärts. Isak Noe Mannheimer am Grabe der Märzgefallenen. Mcmnbeimer's im österreichischen Reichstag im Jahre 1848 gehaltenen Reden haben Sensation gemacht und wurden allseitig bewundert und gewürdigt. Mein besonderes Aufsehen erregte seine am 17. März 1848 am Grabe der Märzgefallenen gehaltene Rede, welche also lautete: „Als Diener des göttlichen Wortes trete ich hin an dieses Grab, um das Gebet zu sprechen für das Seelenheil unserer dabingeschiedenen Brüder, die gefallen sind im Kampfe für ihr Vaterland. Gott, mein Gott, Du bist es, der Geist und Herz prüft und erforscht. Wenn der gerecht ist, der in dem Glauben an Dein unwandelbares Recht auf Erden, aus innerem Herzenstriebe und Drange mit Leib und Seele einsteht für das, was des Menschen Köstliches auf Erden ist, für Wahrheit, Freiheit, Recht und Würde; wenn der gerecht ist, der den Geist und die Kraft, die von Dir uns sind gegeben, will geschirmt wissen in Macht und Geltung, so sind die, für die ich in dieser Stunde bete, so sind sie Alle, die mit ihnen iu einem Grabe ruhen, gestorben den „Tod der Gerechten." Sie haben ihren Lohn dahin, denn es ist das höchste Gut, um das wir zu beten haben — leben in Treu' und Glauben — sterben den Tod des Gerechten. Sie haben ihrem Vaterlande mit ihrem Blute und Leben einen Sieg errungen, den die Weltgeschichte in ihren Jahrbüchern verewigt. Und Gott, Du weißt es, wäre die Sache, für die sie gekämpft und geblutet, in dieser Stunde nicht die siegende, wäre sie die unterliegende gewesen, und ich stünde da an ihrem Grabe, ich hätte ein Gleiches gesprochen, Herr! vor Dir ein Gleiches im Angesichte der Menschell. So bete ich für sie und ihre christlichen Brüder, denn sie sind uns Allen und sind meinem Herzen Einer wie der Andere werth und theuer; es sind Menschenseelen, geschaffen in Deinem Ebeubilde und Gleichnisse, die Deinen Namen geheiligt auf Erden; so bete ich für sie mit aller Kraft meiner Seele um eine lichte Himmelsstätte in Deinem Gottesreiche: „Möge Euer Verdienst vor Euch hergehen, die Herrlichkeit Gottes Euch empfangen!" Das ist der Segen Gottes, den ich spreche über Euch! Ihr habt geheiliget den Namen Eures Gottes, Ihr habt den einst so glorreichen Namen Israels für Euern Theil gerettet von dem, was die Welt Schmähliches angehängt. Ihr habt Euch gezeigt und bewähret als Sprößlinge aus dem heldenmüthigeu Stamme, aus dem Ehud und Simson, Gideoir, Jephta, David und Jonathan und dem die ritterlichen glorreichen Makkabäer entsprungen und entsprossen sind. Geht hin in Frieden! Geht ein zur ewigen Ruhe! Möge Euer Name vor Gott angeschrieben stehen, „zum ewigen Gedächtnisse unter denen, die ihn ehren und seinen Namen heiligen", wie er in unserem Herzen ausgeschrieben steht. Möge Gott Eure Seelen empfangen in seiner göttlichen Huld und Milde, wie wir sie ihm anvertrauen und i übergeben, in dessen Hand der Geist ist alles Fleisches und die Seele alles Lebens — geheiligt sei sein Name! Und noch ein Gebet zu Dir Vater im Himmel, bevor dieses Grab sich schließt! Der Eine war seines Vaters einzig Kind, sein letztes, seines Herzens Trost und Freude. Sende ihm den Trost aus Deinem Himmelreiche, daß an dem Tage, der mit allen seinen Schrecken und Grauen als ein Ehrentag und Freudentag in unserem Herzen angeschrieben steht, keine blutige Erinnerung hafte und uns Allen den Trost, daß aus diesen Gräbern ein neues Leben sprießet. Amen! Es sei mir noch ein Wort vergönnt an meine christlichen Brüder! Ihr habt gewollt, daß die todten Juden da mit Euch ruhen in Eurer, in einer Erde. Sie haben gekämpft für Euch, geblutet für Euch! Sie ruhen iu Eurer Erde! Vergönnt nun aber auch denen, die den gleichen Kampf gekämpft und den schwereren, daß sie mit Euch leben auf einer Erde, frei und unverkümmert wie Ihr. Ich habe mir selbst angelobet, daß ich fortan keine Bitte, keine Klage mehr erhebe um meines Stammes Recht. Aber ich bin es mir und ihnen schuldig, daß ich das Wort, das sich mir auf die Lippen drängt, nicht verschließe in meinem Herzen. Ich rede nicht für mich. Mein Lebensweg ist abgeschlossen, geht abwärts und seinem Ende zu. Aber die mit Euch gerungen um das Licht der Wissenschaft und ihre Befähigung bewährt, die mit Euch gekämpft den blutigen Kampf und ihren Freimuth und ihre Seelenstärke erprobt, die werden morgen, wenn sie den Lohn ansprecheu, für ihren Fleiß nicht den Lohn und Ehrensold, nein, das Gebiet, und wäre es noch so beschränkt, noch so klein und eng, das Gebiet, daran und darauf sie ihre Tüchtigkeit beweisen konnten, ab- und zurückgewiesen werden und auf das Leben Hingelviesen, das nun seit vielen Jahren und Jahrhunderten unser trauriges, aber unverschuldetes Geschick auf Erden ist. Ihr seid die freien Männer. Gott weiß es, Keiner unter Euch Allen fühlt es inniger und wärmer, wie viel die Errungenschaft der Hingeschiedenen Tage galt. Nehmet auch uns auf als freie Männer und Gottes Segen über Euch! Ich segne Euch Alle, die Tausende Nah und Fern im Namen Gottes des Allmächtigen. Amen!" Jsak Noe Mannheimer, der als der eigentliche Restaurator der Synagoge und Begründer der deutschen Kanzelrede in den israelitischen Gotteshäusern Oesterreichs betrachtet und verehrt wurde, hatte im skandinavischen Norden das Licht der Welt erblickt. Er wurde am 17. October 1793 in Kopenhagen, wo sein Vater Noe Manuheinier als Vorbeter fungirte, geboren. Seine Eltern, obwohl sie in dürftigen Verhältnissen lebten, scheuten kein Opfer, um ihm eine treffliche Erziehung angedeihen lassen zu können. Mit vierthalb Jahren kam er zur Schule und wurde nicht nur in Bibel und Talmud, sondern auch in den Rudimenten der profanen Lehrgegenstände unterrichtet. Im Jahre 1808 wurde er im Gymnasium seiner Vaterstadt ausgenommen und nachdem er 1814 seine Gymnasialstudien absolvirt hatte, bezog er die Universität, wo er mit heißem Bemühen philosophischen und philologischen Studien oblag, ohne dabei das Studium des Talmuds zu vernachlässigen. Im Jahre 1816 wurde Manuheinier, nachdem 1814 in Dänemark die Emancipation der Juden proclamirt, ihre Rechtsstellung wie ihr Schulwesen geregelt wurde, von der Regierung als Katechet der israelitischen Gemeinde zu Kopenhagen angestellt. Im Mai 1817 hielt er seine erste Rede, die sich des größten Beifalls erfreute. Im Jahre 1821 gab er seine Stellung als Katechet und Prediger in Kopenhagen auf und ging nach Deutschland, wo er in Berliik, Leipzig und Hamburg durch seine geistreichen Reden Sensation erregte. Als ihn M. L. Biedermann aus Wien, ein Mann, der sich um die Wiener Cultusgemeinde nicht zu unterschätzende Verdienste erworben, in Leipzig im Jahre 1824 predigen hörte, setzte er alle Hebel in Bewegung, um diesen genialen Redner für seine Gemeinde zu gewinnen. Da aber die Wiener Judenschaft damals noch nicht das Recht hatte eine Gemeinde zu bilden, so durfte sie weder einen Prediger noch einen Rabbiner, sondern blos einen Religionslehrer 'anstellen. Mannheimer wurde also als erster Religionslehrer nach Wien berufen und weihte im März 1826 den neu erbauten Tempel in der Seitenstettengasse ein. In Wien entfaltete er eine überaus segensreiche Thätigkeit, die allgemein gewürdigt und anerkannt wurde. Er war ein Priester in des Wortes reinster Bedeutung. Den Frieden liebte er über Alles und vermied sorgfältig alles das, was zur Zerklüftung im Innern der Gemeinde Gottes ' beitragen konnte, daher er auch bei der Einführung der Re-