Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 16 UP. Bloch’s Jalitaan« XV. Centralvrgän für die grfammten Interessen des Iudenlhums. -=. . ----- L. h. Postsparkassen-Amt iClearingverkehr * -— - H- J Wien, 22. April 1898. i-4s Ssptgrortte für Srstrrrrtch: Halbjährig 4 fl. --- S Lr. Nr. 810.976. -- ■>— <- Einzelexemplare li kr. Ardnrtton und Abmtstpsatton: Jör’* Jbnlaitb: 1 Witn i U , fflttfm SstgatitttfEt. 1*. Erscheint jeden Freitag. halbjährig » fl. --- io £r. ganzjährig 10 „ JO „ Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Anzeigen: Die 4mal gespaltene ) Telephon - Nr. 6535. Petitzeile IS kr. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift Wien. Inhalt. Leitartikel: Die wankende Herrschaft. — Jsak Noe Mannheimer am Grabe der Märzgefallenen. — Die Aufhebung des Ghettos in Rom. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der allgemeine israelitische Bund. Antisemitische Exzesse in Jungbunzlau. Zum Proceß Zola. Der Mistbauer Kudlich. Woran Spanien zu Grunde geht. „Judeneisen." Schiller an Goethe über den Rector Ahlwardt. Schutz der deutschen Geflügelzucht. Ein jüdischer italienischer Dichter. Bismarck. Rückschau auf die Thätigkeit der Lemberger Eultusgemeinde. Eine Frage. — Liebe oder Gerechtigkeit. — Frauenemanzipation und das biblische Weib. — Eorrespondenzen: Wien, Budapest, Preßburg, Lemberg, Czernowitz, Prag, Damboritz, Karlsbad, Rovigno, Prerau, Mähr. - Kromau, Falkenau a. d. Eger,. Berlin, Paris, Algier, London, Philadelphia. — Vermischtes: Wien, Groß - Enzersdorf, Brünn, Holleschau, Troppau, Bielitz, Krakau, Banjaluka, Ustrzyki. — Feuilleton: Die Kinder des Ghetto's. — Briefiasten. — Inserate. Me wankende Herrschaft. Der „Herr von Wien und Niederösterreich" ist in diesen Tagen leuchtender Frühlingspracht in empfindlicher Weise an die Grenzen seiner Macht erinnert worden. Er ist mit seinem Freunde Schneider in Triest erschienen, um daselbst einer Serie christlich-socialer Hetzpredigten zu assistiren, und er ist von der entrüsteten Bevölkerung mit dem tausendstimmigen Rufe: „Nieder mit den Jesuiten — Nieder mit Dr. Lueger!" begrüßt worden. Nur schleunige Flucht rettete ihn vor thätlicher Mißhandlung. Die christlich-sociale Propaganda wurde nach seiner Abreise in der Kirche San Antonio fortgesetzt und verursachte so gefährliche Unruhen, daß der Bischof von Triest die Sistirung der Predigten verfügen mußte. Das Fiasco des Wiener Antisemitenhäuptlings in Triest schließt sich den Mißerfolgen an, die er in Budweis und Vorarlberg erlitten. Seine Bemühungen, die Finsterniß, die über Wien lagert, über ganz Oesterreich zu verbreiten, sind erfolglos geblieben, er ist die lebendige Verneinung des Satzes: „wemo proleto in patria!" Die Größe Dr. Lueger's ist bislang nur in seiner Vaterstadt gewürdigt worden, nur hier klingt ihm der vertrauensselige Refrain: „Unser Karl, der wird's schon machen," entgegen, nur hier feiert ihn ein schwärmerisches Amazonenheer als den Retter und Erlöser, nur hier vermag er die Vernunft durch Weihrauchwolken einzulullen. Und selbst da beginnen die Stützen seiner Macht brüchig, in des Wortes wahrstem Sinne brüchig zu werden. Das Bersten seiner Gasrohre gewinnt symbolische Bedeutung. Mit dem Gas- Unternehmen gedachte er seine Herrschaft fest und dauernd zu begründen. Ein künftiger Geschichtsschreiber des Wiener antisemitischen Regimes wird die psychologischen Ursachen dieses leichtfertig begonnenen Abenteuers nicht übersehen dürfen. Es war eine hungrige Meute, die Herr Lueger zur voll besetzten Tafel führte — Leute, die nichts zu verlieren und Alles zu gewinnen hatten, die den Kampf gegen die angebliche Corruption der liberalen Partei mit den geheimen Hintergedanken geführt hatten, einst all' das wirklich zu thun, was man den Liberalen zum großen Theile mit Unrecht vorgeworfen hatte. Guizot's berauschende Parole „Bereichert Euch!" war auch das Losungswort, mit welchem die antisemitische Partei von der Herrschaft im Wiener Rathhause Besitz nahm. Die siegreiche Armee haust in Wien wie in Feindesland! Was bis jetzt an Corruption, Protectionswirthschaft und Nepotismus ausgedeckt wurde, ist nur ein schwacher Vorgeschmack dessen, was die Wiener nach dem Abschlüsse des Gasgeschäftes zu kosten bekommen werden. Mit Ach und Krach, mit Verschleuderung der aus der Tramway zu gewärtigenden Einnahmen, hat man 30 Millionen geborgt bekommen, das Gaswerk wird aber mehr als 40 Millionen verschlingen, und da der Proceß bezüglich der Vororte-Beleuchtung gegen die Commune entschieden wurde, wird es für eine lange Reihe von Jahren unrentabel bleiben oder gar mit Verlust arbeiten. Die künftige Stadtbeleuchtung wird also schlechter sein oder theurer zu stehen kommen. Was thut das? Die Günstlinge des antisemitischen Generalstabes machen dabei ihren Schnitt. Das arbeitende Volk von Wien, die kleinen Geschäftsleute und Gewerbetreibenden hungern freilich weiter, aber der Ehrenmann Schneider hat endlich einen nachweisbaren Erwerb gefunden, er ist mit der Lieferung der Gasmesser im Werthe von 3 Millionen Gulden betraut. Noch niemals hat eine Parteileitung ihren Adjutanten großartiger belohnt. Und solcher Ehren-Schneider gibt es gar viele in der antisemitischen Partei. Die Vergebung communaler Arbeiten erfolgt nicht mehr im Wege der Concurrenz, sie ist ein Mittel der Belohnung für treue Parteidienste geworden. Was „Schutz der heimischen Arbeit", was „Förderung des Gewerbes?" Jetzt erst ist der „dumme Kerl von Wien" wahrhaftig zum dummen Kerl geworden, denn auf seinem gebeugten Rücken sind die edlen „Volksfreunde" zur Macht emporgestiegen und nun danken sie ihm mit einem Fußtritt. Der Wiener Geschäftsmann, der Wiener Handwerksmeister — sie ahnen bereits den grausamen Verrath, den man an ihnen begangen, das nichtswürdige Spiel, dessen Opfer sie sind. Der stolze Palast der Wiener Bürgerschaft ist zur Schacherbude geworden, zu einer judenreinen Schacherbude. Die Affaire L e h o f e r - H e r t r i g hat wie ein Blitzstrahl hineingeleuchtet in die dunklen Machenschaften der antisemitischen Partei. Aber der Lehofer'sche Mist ist nicht der einzige, der aufgewirbelt wurde. Man erfuhr zur höchsten Üeberraschung, daß auch ein zweiter Bewerber um die Mistabsuhr. Herr Bürger, seinen „Hintermann" im Gemeinderathe habe, der „Geldmittel zur Verfügung stelle", und es gibt auch sonst noch Contrahenten der Commune, die sich ihrer „Beziehungen" zu einzelnen Stadträthen, ihrer ausgezeichneten „Verbindungen" zu antisemitischen Machthabern rühmen. Ein so gefinkelter Geschäftsmann freilich, wie Herr Geßm a n n, ist so bald Keiner. Vom Scriptor der llniversitäts-