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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-15 · 15 (15.4.1898) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
15 (15.4.1898)
Date
1898-04-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Sir. 15 Vr Vlortz's WorhrnkchrM Seite 295 Familie kennt man als Philosemiten und mit vollem Rechte, in erster Linie darum, weil wir immer davon überzeugt waren, daß die vaterländische Judenschaft immer als wahre Ungarn mit uns gekämpft, gelitten und jetzt — diejenigen namentlich, die gut gearbeitet haben — mit uns gemeinsam zu genießen streben. In zweiter Linie darum, weil ich in Mexico die Tausende im Elende schmachtenden Juden gesehen habe, die geradeso in solchem Falle leben, wie unsere Juden vor dem Jahre 1848, eine verfolgte, unterdrückte Race dort auf dem freien demokratischen Boden. Welcher Gegensatz besteht zwischen unseren wirthschaftlichen Gegnern und uns! Unsere Antisemiten mögen sie aber nicht nachahmen und sie nicht beneiden. Lieber mögen sie sich der riesigen finanziellen und volkswirthschaftlichen Thätigkeit unserer patriotischen Judenschaft ohne Rücksicht auf das Aufrichtigste anschließen und in dem alltäglichen Kampfe um das materielle Wohl mit der genialen Kraft und der Arbeitsliebe der ungarischen Race mit den Juden gemeinsam streben und siegen. Dann werden alle Ungarn demokratische Aristokraten, d. i. die Allerbesten sein. Oedenburg. (O b e r r a b b i n e r A l t.) Unterm 12. d. M. wird uns geschrieben: Die gestern in Kobersdorf stattgehabte Leichenfeier für den Heimgegangenen Oberrabbiner Lazar Alt gestaltete sich zu einer ehrenvollen Manifestation der Verehrung und Liebe, deren sich der Dahingeschiedene nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch bei den Gläubigen anderer Confessionen während seines segensvolleu Erdenwallens in so ungetheiltem Maße erfreute. Nicht nur aus neu umliegenden Gemeinden, sondern aus vielen entlegenen Städten waren Deputationen erschienen, um Rabbi Alt auf seinem letzten Wege zu geleiten. Besonders günstigen Eindruck machte es, daß die Kobersdorfer katholische Gemeinderepräsentanz in der Stärke von zwölf Mitgliedern unter Führung des katholischen Pfarrers L. M a t r a y, des Ortsrichters Paul Reiter und des Notärs Blickle erschienen war. Die Tranerceremonie begann nach 12 Uhr Mittags im Tempel und endete erst gegen 6 Uhr Abends. Auf dem einfachen hölzernen Sarg lag ein von dem Verstorbenen geschriebenes, bisher jedoch noch nicht heransgegebenes Werk. Nachrufe widmeten der Schwiegersohn des Verstorbenen, der jetzige Rabbiner L i p s ch i tz, Rabbi U l l m a n u ans Lackenbach, der in dem Dahingeschiedenen seinen intimen Freund verlor, einer der Söhne namens der Familie, dann Rabbi K u t t n a aus Eisenstadt, Rabbi Friedman n aus Deutsch-Kreutz. Rabbi Grünwald aus Oedenburg, Rabbi Ehrenfeld aus Mattersdorf, Rabbi P e r l s aus Bittsee, Rabbi Weiß aus Simonyi, der Gelehrte I. Preßburger aus Mattersdorf. Am offenen Grabe sprach der Gelehrte Weiß namens der Preßburger orthodoxen Gemeinde. Die Gemeinden entsandten von Nah und Fern Vertreter, und es dürfte die Zahl der Theilnehmer mehrere Tausend ausgemacht haben. Namentlich aus Lackenbach, Eisenstadt, Deutsch-Kreutz und Mattersdorf waren die Verehrer A l t's in großen Massen erschienen, aber auch ans Wien und Steiermark waren Biele herbeigeeilt, um dem Heimgegangenen den Tribut der Pietät zu zollen. Troppau, 31. März. (Jüdisch -literarischer Verein.) Am 24. d. M. hielt Se. Ehrwürden Herr Dr. S. K u l k a aus Leipnik seinen zweiten diesjährigen Vortrag im Bereinslocale. Auch diesmal behandelte er ein geschichtliches Thema, und zwar „Don Josef Nassi und seine Zeit (1510 bis 1579)". Eingangs seiner Rede bezeichnete es der Vortragende als merkwürdigen Zufall, daß gerade am selben Tage, dem 1. Nissan, welcher unabsichtlich von der Vereinsleitung für den Vortrag gewählt worden war, sich die Geburt des Don Josef Nassi jährt. Die wichtigsten Daten zu diesem Vortrage hatte Redner der fürsterzbischöflichen Bibliothek in Olmütz entnommen, wobei ihm der dortige Archivar, P. Anselm Steinbichler in dankenswerther Weise an die Hand gegangen war. Redner schildert eingehend die im 16. Jahrhundert durch die Ausweisungsgesetze geschaffene bedrängte Lage der spanischen und portugiesischen Juden, welche gezwungen waren, entweder auszuwandern oder als Scheinchristen, sogenannte Marannen, ein durch das fürchterliche Walten der Glaubensgerichte äußerst gefährdetes Leben zu fristen. Der Held des Vortrages entstammte einer solchen in Spanien verbliebenen, hochangesehenen Marannenfamilie, welche ihre Abkunft von Rabbi Jehuda Hanassi, dem Verfasser der Mischna, ableitete. Als dreijähriges Kind verlor Josef Nassi seinen Vater. Seine Mutter, Donna Esperanza, ließ ihm eine sorgfältige Erziehung angedeihen, ihn in mehreren Sprachen und Wissenschaften sowie in ritterlichen Hebungen unterrichten. Durch das Ueberhandnehmen der Inquisition veranlaßt, wanderte Donna Esperanza mit ihrem Sohne Josef nach Constautinopel aus, von wo Letzterer im Alter von 23 Jahren, nach dem Tode seiner Mutter, mit seinem Onkel Matheo nach Antwerpen, dem zu jener Zeit blühendsten Handelsemporium, ging. Bald darauf kam auch seine Tante, Donna Gracia mit ihrer schönen Tochter nach Antwerpen, wo die jungen Leute Neigung zu einander faßten. Pseffach 1543 starb Matheo, welchen Umstand die spanische Regierung dazu ausbeuten wollte, sich ihrer großen Zahlungsverpflichtungen gegen die Familie Nassi zu entledigen. Matheo wurde nach seinem Tode als Ketzer verurtheilt und seine Güter als dem Staate verfallen erklärt. Dona Gracia legte im Namen der Familie gegen dieses Urtheil die Berufung beim Großinqnlsitoriate ein, der junge Don Josef und sein Vetter Benevisti erwiesen sich dabei als tüchtige Anwälte, und es wurde der Familie Nassi eine Million Thaler. rückzahlbar in fünf Jahren, zugesprochen. In der Folge finden wir Don Josef wieder in Constantinopel, wo ihm sein einnehmendes, ritterliches Aeußeres bald Eingang bis in die höchsten Kreise verschaffte, und er wendete sich der diplomatischen Laufbahn zu. Seine Tante Donna Gracia kam mit ihrer Tochter gleichfalls nach Constantinopel und Letztere wurde bald Gemalin unseres Don Josef, welcher inzwischen die Aufmerksamkeit des Sultans Soliman U. auf sich gelenkt hatte und zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde. Don Josef Nassi erwarb sich in kurzer Zeit das volle Vertrauen des Sultans, er wurde von Letzterem zu den wichtigsten diplomatischen Missionen verwendet, welche ihn in die entferntesten Gegenden führten. Dabei war Don Josef stets darauf bedacht, für das Wohl seiner Glaubensgenossen in den von ihm bereisten Ländern zu wirken; in Constantinopel gründete er und seine Frau eine Reihe von Wohlthätigkeitsaustalten und unternahm auch erfolgreiche Schritte für die Colonisation Palästinas. Der Sultan schenkte ihm das Gebiet Tiberias, wo er nach Ileberwiuduug großer Schwierigkeiten eine Stadt gründete, Schafzucht einführte und die dahin gebrachten Juden dem Ackerbau solvie dem Gewerbe näherte. Der französische Gesandte Tonrville verdächtigte das Unternehmen Josef Rassi's bei seiner Regierung, jedoch ohne Erfolg, und erreichte damit nur so viel, daß Josef Nassi die seiner Familie beim französischen Staate gebührenden 750.000 Thaler energisch einforderte und durch die Unterstützung des Sultans zu seinem Rechte gelangte. Am 5. December 1566 fand Soliman II. seinen Tod beiSzigeth; sein Nachfolger Selim übertrug seine volle Gunst gleichfalls ans Don Josef Nassi, den er zum Herzog von Nassos, Paros und den übrigen ägäischen Inseln ernante. Josef Nassi hatte gegen eine bestimmte Contribution den gesammten Nutzgenuß dieser Jnieln und konnte auf denselben unumschränkt walten. Der betreffende Ferman soll noch bis heute in der Synagoge zu Pera aufbewahrt sein. Don Josef Nassi ließ die Inseln durch seinen Statthalter Coronelli verwalten, welcher das in ihn gesetzte Vertrauen vollauf rechtfertigte. Im Jahre 1568 kam der Frieden zwischen der Türkei und Ungarn zu Stande; bei den Unterhandlungen bewährte sich Don Josef als kluger Diplomat und erntete die größten Ehren, die hervorragendsten Staatsmänner und Fürsten warben um seine Gunst. Auf Anregung Josef Rassi's brachte Sultan Selim nach 1'/»jährigem Feldzuge die damals venezianischen Inseln Cypern und Creta an die Türkei. Selim starb 1574, unter dessen Nachfolger Murad IV. verlor Josef Nassi viel von seinem Einflüsse, er wurde alt, gebrechlich, und zog sich vom politischen Leben zurück. Dafür widmete er sich umsomehr seinen Glaubensgenossen, sowie dem Studium der heiligen Schriften. In seinem Ruhesitze bei Pera gingen Gelehrte ein und aus, er verfaßte auch ein größeres Werk, das noch bis auf die Jetztzeit erhalten blieb. Am 9. Av 5839 d. i. 6. August 1579, beschloß Don Josef Nassi sein thatenreiches, ruhmvolles Leben im Alter von 70 Jahren, aufrichtig betrauert von seinen Zeitgenossen und bewundert von der Nachwelt. Seine Witwe, die Herzogin Regina, überlebte ihn um nahezu 20 Jahre und wirkte in feinem Geiste wohlthätig fort. Unter ihrer Leitung wurde in Constantinopel ein Frauenverein gegründet, welcher noch bis heute segensreich besteht. Im Jahre 1598 starb sie; Kinder sind keine zurückgeblieben, aber die von ihr und ihrem Gatten ins Leben gerufenen, edlen und gemeinnützigen Werke haben ihn^n für alle Zeiten ein unvergängliches Andenken gesichert. Der vorstehend in knappen Zügen geschilderte Vortrag wurde von den Zuhörern mit gespanntem Interesse entgegen-

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