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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-15 · 15 (15.4.1898) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
15 (15.4.1898)
Date
1898-04-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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«Sette 290 Vr. Alvitz » MmtzrnkthrM Hx. 15 Darum wollten Fischhof und Walterskirchen, daß mit der ganzen Privilegienwirthschaft in der Verfassung und Verwaltung aufgeräumt werde und daß das allgemeine, gleiche und directe Wahlrecht allein unsere Vertretungskörper bestimme; diese Idee hat später auch Graf T a a f f e gehabt, er wollte das allgemeine Stimmrecht einführen, allerdings nur unter Aufrechterhaltung der Großgrundbesitzer-Curie, die er nicht beseitigen konnte, weil er dazu nicht die Zweidrittel-Majorität hatte. Sie haben geseheu, daß, als die Socialisten iu den Reichsrath eingetreten sind und die Czechen mit ihrem Staatsrecht wieder angefangen haben, sofort einer der Socialisten aufstand, ein Czeche, der in böhmischer und deutscher Sprache sagte, daß seine Parteigenoffen auf das Staatsrecht pfeifen und daß sie viel wichtigere Dinge im Auge haben. Dem Frieden und der Versöhnung am zugänglichsten sind die enterbten, ihr Leben in Noth, Kummer und Elend verbringenden Volksschichten. Wenn diese entsprechend geleitet würden von Männern, welche aus den nationalen Streitigkeiten kein Geschäft machen, sondern denen das Wohl des Ganzen aufrichtig am Herzen liegt, daun sind die Sprachenschwierigkeiten in Oesterreich genau so zu überwinden, wie sie iu anderen Staaten überwunden wurden. Das war die große, für unser Vaterland so segensreiche Aufgabe, die Fisch Hof zu lösen versuchte. Seit dem Jahre 1882 hat Fischhof ebenso wie Walterskirchen nicht mehr in das öffentliche Leben eingegriffen, die Zustände aber, die in Oesterreich dadurch entstanden sind, daß die Ideen Fifch hof's nicht durchdrangen, sind sehr traurige geworden. Die wirthschaftlichen und nationalen Streitigkeiten haben das Vordriirgen der reoctionären Bestrebungen in Oesterreich begünstigt, und das Traurigste ist, daß man nicht recht weiß, wie -man aus diesem Elend herauskommen soll. Sie sehen aus der Lebensbeschreibung der großen, edlen, idealen Gestalt, die ich heute die Ehre hatte, Ihnen vorzuführen, daß wir zweifellos heute in einer ganz anderen Lage wären, wenn man jenen Männern nachgefolgt wäre, welche es sich in ihrem ganzen Leben zur Aufgabe gemacht haben, großen und erhabenen Idealen zur Verwirklichung und zum Siege zu verhelfen. (Lebhafter andauernder Beifall und Händeklatschen.) Rückschau auf die Thätigkeit der Lemberger Cultusgemeinde. Lemberg, im April 1898. lll. Auf die Position „Cultus" zurückgreifend, erscheint unser Synagogen-Gottesdienst einer 'ausgiebigen und durchgreifenden Reorganisation höchst bedürftig! Es müßte vor allem Anderen das Augenmerk der Verwaltung auf die innere und äußere strenge Sauber- und Reinhaltung der Synagogen, sowie auch intensivere Beleuchtung derselben mittelst Einleitung von Gasflammen, beziehungsweise Elektricität gelenkt bleiben. Der Freitagabend-Gottesdienst soll unbedingt vom Oberchasan mit Zuhilfenahme seiner Sänger durchgeführt werden, um vermöge des würdigen und herzerhebenden Vortrages eine größere Anziehungskraft auf das Publicum auszuüben, sowie gleichzeitig für strenge Einhaltung der Ruhe und Ungestörtheit gesorgt werden müßte. — Fürwahr! Unsere altehrwürdigen Synagogen haben an deren bewährten Würdigkeit und Ansehen bedauerlicherweise nicht unbedeutende Lücken aufzuweisen, zumal nicht nur Vieles vernachläffigt liegt und gar keine Mühe aufgewendet wird, pulsirendes Leben hervorzurufen, beffere Volksschichten für die Antheilnahme am Gottesdienste anzueifern, sondern es wird vielmehr für deren Fernbleiben gesorgt, durch die sich breitmachende Unsitte, die Syuagogenbesucher auf alle mögliche Weise zur Opferbringung zu bestimmen! Wie vertrüge es sich sonst mit der Würde und der jüdischen Sitte, daß jährlich um die hohen Feiertage in großmächtigen Anschlagzetteln und in nicht mißzuverstehender Weise, dem Publicum mit der Aufstellung von k. k. Polizisten gedroht, wenn es sich nicht rechtzeitig mit Einlaßkarten versehen haben sollte. Ja, diese Maßregel wird allenthalben durchgeführt! Im Vestibüle der Synagogen faßt eine 2—Zköpfige bewaffnete Mannschaft Posto! Die armen Commandirten finden sich angesichts des im Kittel und Talles gesteckten Publicums wahrlich selber überflüssig. Sie vermögen nicht einmal auf scherzweises Beftagen über das „Halten" des Gebetes irgendwie Aufschluß zu geben, höchstens daß schon „geblasen" würde! Wenn es schon geradezu sein müßte, könnte man sich ja wie in anderen großen Gemeinden unbewaffneter jüdischer Ordner bedienen! Beim Ausheben der heiligen Lade wird das Betpublicmn einer gründlichen Revue unterzogen, behufs Feststellung der zur Thora Auszurufenden, d. h. ganz offen, von welchen Gerufenen eine f e t t e r e „G a b e z u s a g e" zu erhoffen wäre, allerdings unbekümmert um die wirkliche Würdigkeit und den Charakter desselben, der Eindringlichkeit der „Zusage" (wieder) in Anbetracht der unabweisbaren Dringlichkeit derselben. Es gilt;a halt um den Effekt, dieses oder jenes Sümmchen erzielt zu haben, unbeherzigend den Ausspruch des Weltweisen: „Bester, daß Du nicht spendest als Du zusagest und nicht zahlest!" Die Beleuchtung der Synagogen wird trotz alldem am Freitagabend so primitiv und spärlich geboten, daß öfters die Kerzen während des Gebetes zu erlöschen beginnen! Angesichts dieser übel angebrachten Sparsamkeit, bei der Entfaltung und Anregung der allgemeinen Spendenlust, ja sogar der Verdingung der Frauen-Abtheilungen zu profanen Zwecken (für Pessach- Saison!) müssen unsere ehrwürdigen Synagogen eher den Eindruck von auf Actien und Gewinnste angelegten Gründungen als auf gottverdieute Institutionen machen. Der Berliner Correspondent der „Oesterreichischen Wochenschrift" bemerkt über analoge dortige Verhältnisse folgenderweise; „Der öffentliche Gottesdienst hatte im alten Israel nicht dieselbe Wichtigkeit für das religiöse Leben wie heutzutage! " Unsere Vorfahren gingen freilich Abends und Morgens ins Gotteshaus, aber auch während des Tages gab es unzählige Anlässe, Gottes zu gedenken, die Religion zu üben. Je mehr dieser jüdische Brauch aus den Häusern geschwunden ist, umso stärker concentrirt sich die ganze Kraft des Judenthums in den Gotteshäusern. Hier ist nicht alles so, wie es sein sollte. Wir lassen gern die Vorzüge gelten, die wir bei anderen Gemeinschaften wahrnehmeu, und fänden es richtig, sie zu uns hinüber zu pflanzen! Wie bitter ferner empfindet es der.religiöse Mensch in der Hauptstadt, daß an hohen Festtagen, oder wenn die Pietät, die zur Seelenfeier die Menschen ins Gotteshaus ruft, nur Derjenige über die Schwelle des Gotteshauses treten kann, der für schweres Geld, für eine den Minderbegüterten unerschwingliche Summe sich eine Eintrittskarte erworben hat. Diese religiöse Noth der Massen geht Vielen ans Herz und sie sinnen auf allerhand Mittel, zu helfen." In einer der bestdotirten Synagogen beziehungsweise Bethamidrasch, woselbst es durch contiunirlichen Aufschlag auf die Sitzplätze, Heranziehung zu allerhand Spenden, Schenkungen, und Sammlungen für Beheizung, Beleuchtung rc. auf recht ausgiebige Revenuen abgesehen wird, werden seitens des Betpublicums immerwährend Klagen wegen des mangelhaften und überdies unzulänglich besoldeten Personales, das quasi auf das Schnorren verwiesen ist, laut. Die Disciplin daselbst und die Diensteintheilung nnter dem Personale ist so gelockert, daß man zwischen Vorbeter und Diener fast nicht zu unterscheiden vermag. Es passirt sehr oft dem Vorbeter, daß derselbe den Betpult verlassen muß, um den Eintretenden die begehrten Gebetsutensilien, die, nebenbei bemerkt, in dem Piedestale unter der heiligen Lade verwahrt liegen, zu. reichen, welche Manipulation das Besteigen von zur Lade führenden Treppen und Beiseitefchiebung des Vorhanges (Porochet) nach sich zieht. Die bösen Folgen dieser übel angebrachten Oeconomie vorrnärzlicher Gepflogenheiten, sowie sonstiger willkürlicher Chicanen sind das Sichzurückziehen des Betpublicums und die hiedurch heraufbeschworene Nothwendigkeit des Dingens eines Minjans für die Werktage und das Vorbeten vor leeren Bänken an Sabbathen. Unsere objective Kritik ist damit noch keineswegs erschöpft! Wir haben in ganz kleinen inländischen Gemeinden einen ausgezeichneten Gottesdienst wahrgenommen und können unsere Leiter auf diese ruhig verweisen. Das Bethamidrasch, das wenig Licht und Luft aufzuweisen hat, bedarf übrigens in baulich-technischer Beziehung bedeutender Verbesserung. Die Leiter der Lemberger Bethamidraschim würden gut thun, wenn sie an Sabbathen und Feiertagen populäre, leichtfaßliche Vorträge vorzüglich für die jüngeren Volksclassen halten lassen würden, die sonst leider auf der Zerstreuung im Gasthause und Vergnügungsetablissements verwiesen sind.

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