Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021239--07737-3032080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nl. 15 Vr. Vwch'» VochentchrM Seite 383 Vom Jahrmarkt des Lebens. „Hinein, in die Cohncordia." Auf dem schwarzen Brett, das die Aufnahmswerber in den Wiener Journalisten- und Schriftftellerberein „Concordia" verzeichnet, prangen seit einigen Tagen die Namen zweier Mitarbeiter des „Deutschen Volksblatt". Das ist eine Thatsache, die es verdient, ans der Zurückgezogenheit traulicher Clubpikanterieen in das grelle Licht der Oeffentlichkeit gezogen zu werden. Für die Eigenart des Wiener-Antisemitismus ist dies Geschehniß ein Document — sit venia verbo — »humain«. Wir haben heute keinen Anlaß, auf den Charakter der „Concordia" als J o u r n il'Jf i st e n- und Schrift stellervereines des Näheren einzugehen und die skrupellose Anmaßung zu kennzeichnen, die darin liegt, wenn sich die Tintenkulis des Herrn Vergani vermessen, in eine Gesellschaft eintreten zu wollen, in der füglich die Kenntniß der deutschen Sprache und der Orthographie zu den Standes-Eigenschaften gehört. Was weiteren Kreisen die Beschaffenheit des publicistischen Klopffechterthums aus der Josephsgasse klar machen muß, ist die Anschauung, die sie selbst und ihresgleichen von dem sittlichen Werth jenes Vereines haben, an dessen Pforten sie nunmehr mit aufgehobenen Händen um Einlaß bitten. Im Parlamente hat der Stampiglienfälscher die „Concordia" eine Gesellschaft von Dieben und Raubmördern genannt. Rückte man ihm mit der Aufforderung an den Leib, Namen zu nennen, so kniff er freilich feige aus; aber das störte ihn nicht, bei nächster Gelegenheit dieselbe wüste, blutrünstige Melodie anzustimmen. -Und der Chor der antisemitischen Zeitungsschreiber fiel ein, es verging kein Tag, da der Wiener Journalistenverein nicht der Gegenstand der gemeinsten Angriffe war. Grundlose Verdächtigungen werden gegen einzelne Functionäre der „Concordia" geschleudert; veranstaltete der Verein für seine wohlthätigen Zwecke, ein Concert oder eine Theatervorstellung, so wimmelte es von offenen und versteckten Angriffen gegen die Mitwirkenden, und gegen jene Persönlichkeiten, die den „Concordiaball" besuchten, wurde ein wahres Kesseltreiben arrangirt. Nun wird vielleicht Jemand glauben, daß die beiden Aufnahmswerber die Schafe unter den Böcken seien, daß sie sich mit ihrem „Brot(!)geber" in Widerspruch befinden, daß der unentwegte Vergani nach wie vor die „Concordia" als ein Institut betrachtet, so miserabel, daß man aus ihren Lassen nicht einmal eine Obligation stehlen möchte, während seine Mitarbeiter, und zwar der eine als sein Chefredacteur, der andere als sein Schwager, der entgegengesetzten Ansicht sind. . ... Aber nein! So steht die Sache nicht! Wir können mit einer kleinen Enthüllung aufwarten. Die sauberen Herrschaften sind eins! Vergani stimmt mit seinen Mitarbeitern vollkommen überein, es ist schon ganz recht, daß diese Concordia-Mitglieder werden wollten. Als die beiden Vergani'schen Schriftleiter um die Aufnahme;n den Judenverein „Concordia" einkamen, da besuchten sie einzelne Functionäre dieses Vereines, um sie für ihr Aufnahmsgesuch zu begeistern. Da sagte Einer der Angeschnorrten: „Ja, meine Herren, wie können wir, die von Ihnen täglich Beschimpften, sie in unsere Gesellschaft aufnehmen?" Darauf die Beiden unisono: „O, nehmen Sie uns nur auf, dann hören alle Angriffe gegen die „Concordia" auf! Darauf der F u n c t i o n ä r: „Sie entschuldigen schon; aber was bürgt mir für diese Zusage?" Die Beiden (ernsthaft und sich an die Brust schlagend): „Das Ehrenwort des Herrn Vergani!" Was ihnen darauf zur Antwort gegeben wurde, ist uns leider nicht bekannt; aber die Geschichte erinnert lebhaft an gewisse Angriffe gegen große Aktiengesellschaften, die in gewiffen Blättern — durchaus keinen jüdischen — erschienen und die nach einiger Zeit durch — seitenfüllende Inserate der betreffenden Unternehmungen ersetzt wurden. Nun, die „Concordia" ist keine Actiengesellschast. Wir sind keinen Augenblick im Zweifel, daß sich in der Leitung des Vereines Männer finden werden, die, frei von jeder Opportunitätspolitik, die richtige Antwort auf diese antisemitische Dreistigkeit finden werden. Es ist ja verständlich, daß die Lohnsclaven des Mühldorfer Obligationärs, der seinen alten Redactionsdiener der öffentlichen Mildthätigkeit überantwortete, schaudernd der Zukunft gedenken, die ihnen die socialpolitische Einsicht jenes Mannes eröffnet, und der Institutionen theilhastig werden wollen, welche die Collegialität, das ernste Streben und die Arbeitskraft der Mitarbeiter an den „judenliberalen" Zeitungen geschaffen hat. Aber auch das unwillkürliche Mitleid mit diesen bedauernswerthen Existenzen kann die Entrüstung über den Versuch, sich in eine angeblich so verachtete Genossenschaft einznfchmuggeln, nicht verstummen machen. Wenn Herr Vergani irgend einen seiner Mitarbeiter als zu schwach, weiter zu lügen und die liberalen Blätter mit unverschämter Scheere zu plündern, hinauswirft, dann sollen gerade die jüdischen Mitglieder der „Concordia" für den Betroffenen eine Sammlung veranstalten. Es wäre dies ein schöner Zug des goldenen jüdischen Herzens; diese Aufnahmsgesuche der Lueger- und Schneiderknappen jedoch müssen die entsprechende Erwiderung erfahren. Bei dem nächsten Angriff, den die antisemitischen Blätter gegen die „Cohncordia" richten werden, wird vielleicht sogar der dumme Kerl von Wien einsehen, wie „ehrlich" das Verganiblatt geschnitten und geschrieben ist. Lie jüdischen Opfer des Jahres 1848. Wir haben in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" die Namen jener Inden veröffentlicht, welche als Opfer des Freiheitskampfes in den März- und Octobertagen des Jahres 1848 in Wien gefallen sind. Es ist dies die er ste auth en tisch e Zu s am menst e l l u n g der jüdischen Opfer des großen Sturmjahres, zu der wir durch eine diesbezügliche, an uns gerichtete Anfrage angeregt wurden. Es kostete ziemliche Mühe, die N.unen aus den Beerdigungslisten der Wiener Cultusgemeinde, welcher die Gefallenen nach Feststellung ihrer Confeffion zur Bestattung übergeben worden waren, bervorzusuchen, und es ist unbegreiflich und bedauerlich, daß fünfzig Jahre vergehen mußten, ehe diese Liste der jüdischen Freiheitskämpfer dem Andenken der Mit- und Nachwelt übergeben wird. Der Techniker Carl Heinrich Spitzer und Bernhard Herrschmann, die am 13. März vor dem Landhaufe fielen, ruhen in dem gemeinsamen Grab der Märzgefallenen, während die im October 1848 bei dem Bertheidigungskampfe gegen Windischgrätz auf den Barricaden Gefallenen: David Lob, Em. Epstein, Dr. Adolf K o l i n s k y, Moriz Rose nb a n nt, Phil. Kerpen, Leop. S t e r k, Carl Josef Breuer und Josef Kraus in Einzelgräbern beerdigt wurden. Bei den Octoberkämpfen mag es noch manche andere jüdische Opfer gegeben haben, wir können jedoch nur jene verzeichnen, die auf dem Wiener israelitischen Friedhofe beerdigt wurden. Zu den jüdischen Helden des Jahres 1848 zählt überdies noch Dr. Hermann I e l l i n e k. der Bruder des großen Predigers und Wiener Oberrabbiners Dr. Adolf Jellinek, welcher im Sturmjahre eine eifrige journalistische Thätigkeit entfaltet hatte und am 27. November 1848 gleich Meffenhauser und Robert Blum im Stadtgraben standrechtlich erschossen wurde. Bon dem eben aufgezählten jüdischen Blutzeugen des Freiheitskampfes beansprucht der Letzte, Josef Kraus, unser besonderes Interesse. Er war Familienvater und zählte 63 I a h r e. Seine glühende Begeisterung für Freiheit und Recht war stärker als die Sorge um Weib und Kind, stärker als die Beschwerden des Greisenalters. Mit jugendlichem Feuer stieg er auf die Barricade am Hundsthurm, dort, wo die Freiheit ihre muthigsten Bertheidiger hatte, wo die radicale Wählerschaft Adolf F i s ch h o f zum Reichstags abgeordneten gewählt hatte und erlitt den Heldentod! Wahrhaftig, ein erhebendes Beispiel jüdischen Opfermuthes und jüdischer Tapferkeit, das allein im Stande ist, jene antisemitischen Berleumnder Lügen zu strafen, welche den Juden Idealismus und Aufopferungsfähigkeit absprechen! Spanien braucht Soldaten und da erinnert sich auch der Kriegsminister an die auf den spanischen Straffestungen (Melitta Alhucema rc. nordafrikanische Riffs) lebenden Juden. Ein dort lebender Oesterreicher schreibt mir: „Schon seit einigen Jahren gehen uns aus Spanien in verschiedener Form Nachrichten zu, unsere Glaubensgenossen zur Einwanderung nach dort (Spanien) zu veranlassen. Diese Agitation fällt natürlich hier auf unftuchtbaren Boden, da wir die hier mühsam genug