Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 15 (15.4.1898)
- Date
- 1898-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021239--07736-3032079- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«eite 288 Vr. VLoch's WoürenlrtzrM- Nr. 15 Mir d in dem Proceß Dreyfus aufgehen. Welche Anstrengungen man auch versuchen werde, dies zu verhindern, mein Glaube an den Enderfolg bleibt unberührt. Jedenfalls werden die neuen Verhandlungen demselben keinen Eintrag thun und diese Zuversicht läßt mich guten Muthes die mir in Aussicht gestellten Unbilden ertragen. Statthalter Graf Pininski und die Lage der Juden in Galizien. Anläßlich der Ernennung des Reichsrathsabgeordneten Grafen Leon Pininski zum Statthalter von Galizien hat der Polenclub eiu Bankett veranstaltet, bei dem der Abgeordnete Dr. Arnold von Rapoport, anknüpfend an den von: Abgeordneten P. Pastor nach alter Sitte ausgebrachteu"Toast „Kochajmy si§" („Lieben wir uns"), folgende Rede hielt, die wir hier in deutscher Uebersetzung des polnischen Textes wiedergeben. Meine Herren! In stüheren Zeiten pflegte das Losungswort „Kochajmy sie" den Abschluß der ernsten Ansprachen bei einem Feste und den Uebergang zur zwanglosen, frohen Unterhaltung zu bilden. Wir sind jetzt nicht so leicht heiter zu stimmen und gerade bei dem Ruf „Lieben wir uns" fliegen meine Gedanken hinüber zu jener großen Waffe meiner Glaubensgenossen in Galizien, von denen mau vielleicht annimmt, daß sie den letzten Ereignissen, die sich vor unseren Augen vollzogen haben, ferne stehen. Doch dem ist nicht so. Die jüdische Bevölkerung meines Landes begrüßt die Ernennung Sr. Excellenz des Grafen Pinin s ki zum Statthalter von Galizien mit frohen Hoffnungen. Denn sie ist eingedenk deffen, daß, als es sich in einem kritischen Moment darum gehandelt hat, den Mischen Handwerkern in Galizien, welche den Sabbath strenge halten, die Möglichkeit zu gewähren, am Sonntag zu Hause zu arbeiten, damit dieselben den sechsten Arbeitstag nicht verlieren, S i e es waren, Excellenz, der Sie ün Einvernehmen mit dem ganzen Polenclub warm und mit aller Energie dafür eintraten, daß die Wünsche der schwer um ihr tägliches Brod kämpfenden, jüdischen Handwerkerschaft Galiziens erfüllt werden sollen. Die jüdische Bevölkerung meines Landes ist Ihnen, Excellenz, dankbar für diese Unterstützung und wird Ihnen die ihr gewährte Hilfe nie vergessen! Ihre Handlungsweise war aber ein Ausfluß Ihrer genauen Kenntniß des Landes und der wirthschastlichen Nothlage der galizischen Juden. Denn die Lage meiner Glaubensgenossen in Galizien ist thatsächlich eine t r o st l o s e. Sie leiden vor Allem unter dem allgemeinen wirthschastlichen Druck, der auf dem ganzen Lande schwer lastet. Speciell aber werden sie von dem allmäligen Versiegen vieler Erwerbsquellen betroffen, aus denen sie bisher ihren Lebensunterhalt geschöpft haben. Ungarn überschüttet uns mit Producten wie Getreide, Mehl, Spiritus und dergleichen, und es entgeht zahllosen galizischen Juden der Erwerb, der mit dem Handel in diesen Producten verbunden war. Die Juden werden in Galizien von öffentlichen Unternehmungen und Aemtern immer entschiedener abgedrängt, und es ist wirklich erschütternd, zuzusehen, wie sich, namentlich in kleineren Städten, Tausende von jüdischen Armen zusammendrängen ohne Möglichkeit eines Erwerbes, ohne jede Hoffnung auf den folgenden Tag. Thatsächlich greift das Elend der Juden in Galizien immer mehr um sich, die Anzahl der Hungernden steigt täglich in erschreckender Weise und es muß zu einerKatastrophe imgauzen Lande kommen, wenn nicht rechtzeitig Hilfe geboten wird. Sie haben es Sich, Excellenz, zur wichtigsten Aufgabe gestellt, die wirthschaftliche Lage des ganzen Landes zu heben und schon dadurch werden Sie auch zur Linderung des Elends der Juden wesentlich beitragen. Doch ist noch eine zweite große Aufgabe zu lösen — die volle Gewährung der bürgerlichen Gleichheit für die jüdische Bevölkerung im Lande. Es gibt zwei cardinale Tugenden, die hiezu berechtigen, die Anhänglichkeit an den Glauben und an das Land. Sie, Excellenz, zeichnen sich durch Ihren tiefen, religiösen Sinn aus und wissen denselben auch bei Anderen zu schätzen. Das polnische Volk hat die Anhänglichkeit an seinen Glauben stets als ein kostbarstes Kleinod angesehen. Und es gibt kaum eine Nation in der ganzen bekannten Geschichte, welche so viel für seinen Glauben gelitten, als die Juden. Mau spricht stets davon, daß die Juden nur nach Gewinn und irdischen Gütern jagen, und doch haben Tausende dieses Volkes den Märtyrertod erduldet, sie wurden gerädert, gepfählt und verbrannt, nur wegen ihrer unerschütterlichen Anhänglichkeit an das reinste Ideal — an ihren Glauben. Und diese in tiefster Seele wohnende Religiosität ist es, welche die Juden den Polen seit Jahrhunderten näher gebracht hat. Aber es gibt noch ein zweites Band, welches sich um diese beiden Völker schlingt, und dies ist die Liebe zum Lande! Viele bezweifeln dieses Gefühl bei den Inden, und doch lebt es in ihnen mit aller Kraft. Die Bestätigung hiefür liefert uns jener Quell, in welchem sich das Wesen eines Volkes am klarsten widerspiegelt — die Poesie. Der große Meister sagte: „Willst den Dichter Du verstehen, mußt Du in Dichters Lande gehen". Man könnte den Satz vielleicht variiren: „Willst ein Volk Du verstehen, mußt Du zu des Volkes Dichtern gehen". Der Dichter hält sich nicht an Aeußerlichkeiten, mit intuitivem Blick weiß er aus der Tiefe der Seele den golden Kern herauszuholen. Wie erscheint nun der polnische Jude in der polnischen Poesie. Wer kennt nicht die von Vaterlandsliebe durchglühte Gestalt des C y m b a l s p i e l e r s I a n k i e l aus Mickiewicz' herrlichem Epos Pan Tadeusz. Und wer würde nicht auf's Tiefste ergriffen von der rührenden Erscheinung des alten H a u s i r e r s in S z y m a u s k i's Meisternovelle S r u l aus Lubarto w, der, als er nach jahrelanger Verbannung in Sibirien einen polnischen Leidenscollegen trifft, sich für nichts Anderes intereffirt als dafür, wie im fernen Litthauen die Tannen wachsen, die Blumen blühen und die kleinen Vögel singen, so daß der Pole, im Innersten bewegt von dieser mächtigen Sehnsucht des alten Juden nach seinem Heimatslande, seine heißen Thränen mit ihm vereinigt. Die polnischen Juden hängen mit ganzer Seele an ihrem Glauben und an ihrem Lande, und diese Tugenden berechtigen sie zur vollen bürgerlichen Gleichheit. Und doch beginnt sich eine nicht auf unserem Boden entstandene, sondern aus fremden, aus deutschen Landen importirte Seuche bei uns zu verbreiten, die Hydra des Antisemitismus erhebt ihr Haupt und bedroht die jüdische Bevölkerung Galiziens mit neuen Verfolgungen und Schrecken. Man gebraucht oft das Bild, daß die Ideen der Nächstenliebe und der Humanität von den großen Geistern, die auf den Zinnen der Menschheit stehen, nach und nach in die Massen hinabgeleitet werden, so wie die Strahlen der ausgehenden Sonne vorerst die Gipfel der Berge vergolden und dann allmählich in die Thäler hinabgleiten. Wir stehen jetzt vor einem ganz entgegengesetzten Schauspiel. In den tiefsten Niederungen sanrmeln sich giftige Miasmen, die, in dichten Nebeln aufsteigend, die höchsten Gipfel in Nacht zu hüllen drohen. Doch wir sind ruhig und voll Vertrauen. Denn der Wille des Monarchen hat Sie, Graf Pininski, an die Spitze der Verwaltung unseres Landes gestellt und wir sind sicher, daß die Sonne Ihrer Gerechtigkeitsliebe und Ihres edlen Herzens alle diese Nebel siegreich zerstreuen wird und daß Sie es nicht zulaffen werden, daß der Antisemitismus die Grenze Galiziens überschreiten werde. Ich bin demnach überzeugt, daß ich mich im Einklang befinde mit der gestimmten jüdischen Bevölkerung meines Landes, wenn ich mein Glas erhebe „auf die glückliche Wirksamkeit des rreuen Statthalters von Galizien, Leo Grafen Pininski." Die Rede wurde von den Anwesenden mit lebhaftem und warmem Beifall begrüßt und allgemein als politisch hoch bedeutungsvoll anerkannt.