Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 14 (6.4.1898)
- Date
- 1898-04-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 278 Nr. 14 Vr Vloch's Wochenfchrist Poldis bemerkt. Was er nur von ihr wollte? Weshalb er doch kam? Wollte er ihrer spotten? In ihre Wangen drängte sich die Röthe des Zorns. Sie preßte die Lippen fest aufeinander, ging hinaus und öffnete die Hausthür. Schon stand er auf der Schwelle. Treuherzig sah er sie an. „Ich komm' mir ein „Grüß Gott" holen" Esther. „Und einen Glückwunsch", sagte sie mit bebenden Lippen. Er reichte ihr die Hand. Wie leblos ruhte sie einen Moment in der seinen. Er sah auf das stille, blasse Mädchen nieder, sah ihre vom Weinen gerötheten Augen und ihr schmerzlich verzerrtes Lächeln, das sie sich vergeblich bemühte, festzuhalten. Heiß stieg es in ihm auf. Er hätte sie am liebsten jetzt schon in die Arme genommen und ihr gesagt, wie innig er sie liebe, daß keine Andere je sein Herz besessen als nur sie allein. Und wie er nach langem, langem Kamps mit den Eltern endlich durch die Hilfe Lenerls, seiner ihm bestimmten Braut, den Widerstand und alle Bedenken besiegt hatte und nun heute sein Glück endlich erreichen sollte. „Wirds Dir gar so schwer, Esther?" fragte er lächelnd, „mir Glück zu wünschen? Hab' ich mir nicht das beste Mädchen gewählt? Weit und breit kennt man sie und Jeder kann ihr nur Gutes nachsagen. Und ist sie nicht auch Dir eine liebe Freundin?" „Ja, Poldi", sagte das Mädchen und in ihren thränenverschleierten Augen leuchtete es warm auf, „ja, Du hast das Beste erwählt und Gott geb' seinen Segen. Aber nun lass' mich zur Mutter." Sie brach ab, sie konnte nicht reden, sie lief ins Haus, er sollte ihre Bewegung nicht sehen. Rasch eilte er ihr nach, faßte ihre beiden Hände und zwang sie, zu ihm aufzusehen. Beider Blicke begegneten sich und tauchten lange ineinander. Esther ward blaß und zitterte, sie versuchte langsam ihre Hände zu. befreien, aber fester und fester umspannte sie Poldi und zog sie langsam an sich heran. Da lag sie in seinen Armen, an seiner Brust in seligem Selbstvergeffen. Fortgeweht waren die Stunden banger Qual, ein süßer, holder Traum hatte sie der Erde eilt* rückt. Poldi blickte mit heißer Zärtlichkeit in das süße, stille Antlitz des geliebten Mädchens und las in den reinen Zügen Alles, was ihr Herz und Seele erfüllte. Er neigte sein Haupt, er wollte sie wachküffen, als die Thur hastig geöffnet wurde und Lenerl's dunkler Kopf sich zeigte. „Glück auf! Königin Esther, wir suchen Dich", rief sie fröhlich. Und als das fröhlich erschrockene Mädchen sie starr wie geistesabwesend ansah, da eilte sie auf die Wankende zu, schloß sie in ihre Arme und flüsterte mit thränenerstickter Stimme: „Esther, liebe Esther, mein Purimspiel ist gelungen. Komm mit! Alle harren schon daheim, um der Königin zu huldigen." Wie im Traume folgte das Mädchen am Arme ihres Geliebten der Freundin. In Lenerl's Elternhause hatten sich Freunde und Bekannte versammelt. Wie in Nebel und Wolken gehüllt, aus weiter Ferne drangen Stimmen an Esther's Ohr, sah sie im Schein der flackernden Kerzen ihr Mütterlein auf dem alten bequemen Lehustuhl sitzen, ihr zur Seite die Ellern Poldi's. Sie sah den Rabbiner, den Cantor, sah den krummen Mendele die Geige stimmen und den Schneider Flesch die Saiten der Guitarre prüfen. Bon Poldi fast getragen glitt sie über die Schwelle. Musik und Helles, frohes Stimmengewirr hieß sie willkommen. Sie eilte zu ihrer Mutter, die verlangend die Arme nach ihr ausstreckte und barg das heißglühende Gesicht in ihren Schoß. Doch diese zog sie empor und sagte, indem sie der Tochter Hände in die der Eltern Poldi's legte: „Gott hat Dir Huld und Gnade erwiesen, Dich erhöht und beglückt. Denke daran allezeit und sei dankbar und bescheiden im Glück und höre nie auf, es Dir jeden Tag von Neuem zu erringen, durch Liebe und Treue und stetes Erfüllen Deiner Pflicht." Die Eltern umarmten die holde Braut. Alles drängte sich hinzu, um Königin Esther zu beglückwünschen. Die Berlobungsacten wurden aufgesetzt und unterzeichnet. Man trank auf das Glück des jungen Paares, die Geige erklang, man drehte sich munter im Kreise. Der Mond guckte freundlich in die hellen Fenster. Draußen tollten die Kinder auf der Gasse nud trieben allerlei Scherz und Muthwillen. „Heut ist Purim, morgen ist's aus Gebt einen Kreuzer und werft mich hinaus! Hoch Königin Esther! Spätes Glück. Erzählung von R e g i n a N e i ß e r. (Fortsetzung.) Bedarf es der Erwähnung, welche hohe Freude die Freunde und namentlich Frau Bergheim empfanden, daß er und Cornelie sich in Liebe gefunden? Die Festigkeit seiner Gesinnung, der hohe Ernst der Pflichterfüllung, die unerschütterliche Charakterstärke und Glaubenstreue, welche Dr. Seeseld beseelten, hatten ihn Frau Bergheim schon Jahre lang verehrungswürdig gemacht; welch' ein seligeres Los fouitte ihrem Lieblinge beschicken sein, als an der Hand eines solchen Mannes den Lebensweg zu gehen! Daß seine Heirat ihn jedoch von seinem Berufe scheiden solle, scheiden müsse, leuchtete ihr nicht recht ein! Cornelie band ihr Versprechen noch im September in einem Cvncerte in Baden-Baden zu singen, es sollte dies ihr letztes öffentliches Auftreten sein. Einige Tage später meldeten die Zeitungen: „Fräulein Cornelie Marburg, welche in letzter Zeit zum tiefsten Bedauern aller Kunstfreunde nur selten, aber stets mit außergewöhnlichem Erfolge in Concerten gesungen hat, trug in Baden-Baden vor dem deutschen Kaiserpaare und einer auserlesenen Gesellschaft Lieder von Mendelssohn, Schubert und Brahms so hinreißend vor, daß die Kaiserin Augusta, entzücktvon der herrlichen Stimme und dem bescherdenen Wesen der jungen Sängerin, nach Schluß des Coucertes dieselbe durch huldvolle anerkennende Worte und Ueberreichung einer kostbaren mit dem Bildnisse der hohen Frau geschmückten Broche auszeichnete." Es war wieder Herbstzeit wie zu Anfang unserer Erzählung. Es war am Vorabende des Versöhnungstages und die letzten Strahlen der sinkenden Sonne eines wunderbar klaren Septembertages riefen die Bekenner der Lehre Mosis zur Andacht. Der Tempel der Reformgemeinde zu P. füllte sich wieder Kopf an Kopf in allen seinen Räumen und erglänzte im Lichte zahlloser Gasflammen. In der ersten Reihe der Frauenempore des Mittelschiffes, saß Frau Bergheim, hinter ihr hielt sich Cornelie, dicht verschleiert verborgen. Sie war am Morgen in Frau Winter's Begleitung in P. angekommen, ohne Dr. Seefeld vorher davon zu benachrichtigen. Sie wollte ihn an dem heiligsten Tage Israels seines Amtes walten sehen, zum letzten Male, dann vor ihn hintreten und ihm wiederholen: „Hier bin ich!" Nach kurzem Orgelpräludium stimmte der Sängerchor an: *)Wir beugen tief uns nieder, O Herr vor Deiner Macht, Du hast den Tag uns wieder, Den heiligen gebracht. O laß uns Gnade finden O schau auf uns in Huld, Ach tilge un'sre Sünden, Vergib uns unsre Schuld. Laß unsrer Bitte offen Des Himmels Pforte sein, Auf Dich ist unser Hoffen Gerichtet, Herr allein. Wie könnten wir bestehen Wenn Du nicht Gnade übst, Wenn nicht auf unser Flehen Die Sünden Du vergibst." Hierauf trug der Vorbeter die Jahrtausende alte tief ergreifende Melodie: „Kol nidre" vor und unter den letzten Tönen derselben bestieg Dr. Seefeld die Kanzel, er erschien in dem feierlichen Priesterornate noch edler und männlicher als sonst. Nach kurzem, die Feier des höchsten Festes einleitendem Gebete sprach er in beredten und bewegten Worten von Reue und Buße, Liebe und Versöhnung, stellte den Lenker des Weltalls als einen allliebenden, allgütigen, barmherzigen und verzeihenden Gott hin, der da nicht wolle, daß der Sünder untergehe, sondern zu ihm zurückkehre und dem der reuige Sünder tausendfach wohlgefälliger als das seiner Kinder, das nie strauchelte und fehlte; „Mensch sein, heißt Kämpfer sein", sagt der Dichter, „Mensch sein, heißt auch menschlich irren!" Eine athemlose Stille herrschte; wie gebannt hingen aller Augen an den Lippen des begeisterten Redners, welcher der ver- *) Joel's Gebetbuch.