Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 14 (6.4.1898)
- Date
- 1898-04-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 14 Vr. »loch'» MochrnlchrM Seite 377 ersten Ranges, ein Wohlthäter seiner Mitmenschen, bereit, stets mit Rath und That seine Mitbürger zu unterstützen. In seinem ehemaligen Wohnsitze Gayering zu wiederholten Malen als Vorsteher der Cultusgemeinde berufen, war er durch eine Reihe von Jahren bestrebt, die dortige Cultusgemeinde als Sitz eines Rabbinats zu erhalten und der Gemeinde behilflich einen neuen Tempel zu erbauen. Sein Leichenbegängniß gestaltete sich auch zu einem sehr imposanten Leichenzuge, an welchem sich sowohl Juden, als auch Christen von Breitenbrunn und Umgebung betheiligtcn. Rührend war es anzusehen, wie dortige katholische Männer und Frauen an dem Sarge des Verblichenen niederknieten, um für das Seelenheil des Verstorbenen ein Gebet zu verrichten. Das Leichenbegängniß, welches Sonntag den 27. d. M. Vormittag stattfinden sollte, wurde über wiederholtes Ersuchen seitens des dortigen katholischen Pfarrers für 11 Uhr verschoben. um es ihm zu ermöglichen, dem Hingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen und ihn zur Ruhestätte zu begleiten. Stampfen (bei Preßburg) 29. März. Heute feierte nicht nur die israelitische Cultusgemeinde sammt Filiale und Nachbargemeinden, sondern die hiesige ganze Bevölkerung ohne Unterschied ein erhebendes Fest. Der neugewählte israelitische Seelsorger der israelitischen Muttergemeinde Stampfen und Filialen, Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Moritz Herzog, hielt heuteseinen feierlichen Einzug in die Stätte seiner neuen Thätigkeit. Schon in Wien holte ihn eine größere Deputation ab. Auf allen Stationen schlossen sich Festgäste an. Als der Zug in Devenyto einsuhr, da erwartete bereits Se. Ehrwürden eine große Deputation mit den Mitgliedern der Filialgemeinden und begrüßte ihn mit stürmischen Eljen-Rnfen. Bon hier ging es der Endstation Stampfen zu. Hier erwarteten die ganze israelitische Gemeinde, Groß und Klein, die Ortsvorstehnng, Vereine, Körperschaften, die Vertreter anderer Konfessionen rc. Se. Ehrwürden, begrüßten ihn mit herzlichen Elsenrufen und Vorsteher Koch vielt hier eine kurze aber warme Ansprache. Hernach bewegte sich der Zug unter Pöllerschüssen in den beflaggten Ort, wo alle Geschäfte geschlossen waren. Am Eingänge des Tempelhofes erwarteten junge Leute mit dem- Baldachin Se. Ehrwürden und ein Spalier weißgekleideter Mädchen, die Sr. Ehrwürden Familie und Begleitung Blumen streuten. Unter dem Baldachin hielt ein Mädchen eine ungarische Begrüßungsansprache an den Rabbiner, die Se. Ehrwürden in fließendem Ungarisch beantwortete In dein blnmengeschmückten Gotteshause begrüßte Herr Pollacsek Se. Ehrwürden mit einer längeren herzlichen Ansprache und hieß ihn im Namen der Gemeinde willkommen. Nach Verrichtung des Minchagebetes bestieg Se. Ehrwürden die festlich gezierte Kanzel, und da erreichte die Feier ihren Culminationspunkt, indem der Rabbiner an der Hand des laufenden Wochenabschnittes sein Programm als Priester in begeisternden und geistsprühenden Worten entwickelte. Nach der gelungenen Rede beglückivünschte Alles den Redner. Hernach empfing Se. Ehrwürden die Deputationen der Nachbargemeinden und der hiesigen humanitären Vereine, welch' Letzteren er seine lvärmste Unterstützung versprach. K. Berlin. Sie brachten jüngst eine Notiz über die Beerdigung des im Duell gefallenen Studenten Fritz Ollendorf. Die Beerdigung fand auf dem jüdischen Friedhofe statt, obgleich der Gefallene wie sein früher verstorbener Bruder zum Christenthum übergetreten war. Der Vorstand wollte den schwergeprüften Eltern diesen Wunsch, die Kinder auf dem jüdischen Friedhof bestatten zu lassen, nicht versagen. Seltsamer Weise wurde dieser Wunsch auch damit motivirt, daß diese Täuflinge nie in eine' Kirche gekommen sind. Feuilleton. Königin Esther. Erzählung von I d a Oppenheim. (Schluß.) Esther arbeitete fleißig, aber die sonst so munteren Lieder, die all' ihr Thun begleiteten, waren verstummt. In ihrem Geiste wurden Erinnerungen wach, die sie gleich lockenden Bildern umgaukelten. Heute Purimspiel — Lenerl's Verlobung, so sagt man in der Gasse. Wie hätte sie sonst gejauchzt und sich mitgesreut von ganzem Herzen. Und daß sie's heut' nicht konnte, that ihr so weh und machte ihr das Herz schwer. War's denn Neid, der sie beschlich, durste sie denn je wagen, ihre Angen zu erheben nach solchem Glück, nach solchem Sonnenschein, zu dem das Lenerl berechtigt war. Ihr lebten die Eltern, sie war reich, jung, schön — warum sollte da nicht beider einstiger Spielkamerad sie wählen? Und doch war's ihr immer so gewesen, als hätte der Poldi mit seinen lieben, guten, treuen Augen sie freundlicher angeblickt als all' die anderen, als wäre er grad' gern an ihrer Seite gegangen, wenn sie Abends ein wenig aus der Gasse auf- und abgeschritten waren — oder am Sadbath Nachmittag im nahen Wäldchen spazieren gingen. Wie oft hatte er leise und verstohlen ihre Hand gedrückt, ihr heimlich ein Blümchen zuge- 'teckt oder ein schönes Buch gebracht, das er in Brünn gekauft an Markttagen. Das war schon freilich lange her. Er mocht's ja längst vergessen haben, der Poldi! Aber es that so weh, daß seine Eltern nun grade die Lenerl für ihn erwählt und daß sie nun gezwungen war, beider Glück immer mit anzusehen. Sie schalt sich, daß sie gar so schlecht dachte, daß sie das herbe Weh in ihrem Herzen nicht überwinden konnte und immer von Neuem flössen ihre Thränen um vergangene Freud' und künftiges Leid. Inzwischen hatte die Post mehrere Reisende gebracht. Der stattliche Poldi Cohn war seinen Eltern, die ihm bis auf die Gasse entgegengekommen waren, freudig in die Arme geeilt. Während Beide den Ankömmling herzlich begrüßten und unter fröhlichem Gespräche und Fragen in ein stattliches Haus geleiteten und mit ihm sich zum Frühstück setzten, hatte Lenerl vom Fenster aus Ausschau gehalten. Sie nickte befriedigt mit deni Kopfe, als sie den Ankommenden ins Haus gehen sah, machte sich eilig daran, ihr Körbchen zu füllen, und nach kurzer Zeit überschritt sie wieder die Gasse, um den guten Freunden drüben nach alter Sitte und Brauch ein paar Süssigkeiten hinüber zu bringen. Sie wurde herzlich begrüßt und besonders Poldi hatte viel mit ihr zu sprechen. Sie erzählten einander scheinbar sehr viele wichtige Dinge. Endlich verstummte der junge Mann, und Lenerl führte allein das Wort. Die Eltern hatten sich zu ihnen gesetzt und betrachteten das schöne Mädchen mit Wohlgefallen. Wehmüthig blickten sie einander an. Sie hätten wohl gern in Lenerl, wie allgemein behauptet wurde, die künftige Schwiegertochter gesehen, und Lenerl, ihre Gedanken ahnend, nahm Beider Hände und sagte: „Sie haben heute den glücklichsten Tag ihres Lebens! Welche Seligkeit muß es sein, zwei Menschen glücklich zu machen und einer ganzen Familie zu Helsen, die ihres Ernährers beraubt, unverschuldet in Noth und Elend gerathen ist. Wer solch einen Purim feiern kann, der muß ein Liebling Gottes sein." Sie küßte der Mutter Poldi's, die eine stattliche schöne Frau war, die Hand und sagte lächelnd: „Ihr bekommt die vornehmste Tochter, Königin Esther." Dann war sie gegangen und arbeitete emsig mit ihren Schwestern in Küche und Haus, um für den Abend Vorbereitungen zu treffen. Doch die Thüre blieb nicht stehen. Fortwährend gingen Leute ein und aus und brachten Geschenke, die aus einer langen Tafel aufgestellt wurden. Jeder batte sich bemüht, heute etwas Besonderes der allbeliebten Familie zu senden. Glaubte man doch sicher, daß heute die Verlobung Lenerls gefeiert werden würde, und selbst die Aermfien der Gaffe zeigten ihre Anhänglichkeit. Und Lenerl nahm freudestrahlend mit Mutter und Schwestern die Gaben entgegen und hatte für alle Anspielungen und kleinen Scherze ein stilles Lächeln, während die Mutter nach frommer Art Jedem antwortete: „Wie Gott will!" Esther hatte sich nach gethaner Arbeit still in die Küche gesetzt und in einem Buch gelesen, aber ihre Gedanken waren nicht dabei. Bor ihren Augen erschien immer wieder und wieder das Bild des einstigen Jugenfreundes, und die Erinnerung an all die Sturlden, die sie mit ihm verlebt, kehrte wieder und machte das Herz ihr bang und schwer. Jetzt erst wußte sie, nachdem er einer Anderen gehören sollte, wieviel er ihr gewesen, welch mächtiges Gefühl in ihrem Herzen für ihn lebte. Sie hatte all das stets für harmlose Freundschaft gehalten, und jetzt fühlte sie mit Schrecken, wie er ganz ihr Herz und ihre Seele ausfüllte. Dieses Bewußtsein machte sie unglücklich, denn sie liebte ihre Freundin von Herzen und war ihr dankbar. Wie aufopfernd und treu hatte sie zu ihr gehalten in den Tagen des Unglücks, während der langen Krankheit des Vaters. Wie hatte sie überall geholfen und sie getröstet und unterstützt! Wie oft, wenn ihre schwachen Kräfte zu unterliegen drohten, hatte Lenerl mit kräftiger Hand eingegriffen und stets Frohsinn, Heiterkeit und Frieden, Zuversicht und Hoffnung in das Heim der Trauernden getragen. Nun sollte sie glücklich werden — so glücklich, wie sie es verdiente, und sie — sie schalt sich böse, undankbar, ungerecht, sie konnte nicht voll und ganz einstimmen in den Jubel mit ihr, sie schlug die Hände vor's Gesicht und weinte bitterlich. Da wurde leise ans Fenster geklopft. Sie fuhr hastig aus und wollte das Fenster öffnen, doch wie gebannt blieb sie in der Mitte des Zimmers stehen. Sie hatte den dunklen Kops