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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-06 · 14 (6.4.1898) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
14 (6.4.1898)
Date
1898-04-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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»Seite 270 Dr. Vwch » MochrnkltzrM 0tr. 14 hier gelten allerdings die Fragen, ob nun Sie in diesem ersten Acte eine so abnorme, inhumane Steuer sanctioniren wollen; ob Sie für die Ungebühr der alten Zeit die Gewährleistung auf sich nehmen wollen, ob Sie das Unrecht von Neuem mit Ihren Stempel versehen wollen? Das ist die Dringlichkeit, meine Herren, sonst — wir trügen sie wohl noch eine Weile. Uebrigens bitte ich Sie, schauen Sie sich bei den übrigen Völkern um, ob noch irgendwo eine Judensteuer besteht? Nirgends! in keinem Lande! — doch allerdings, in Einem — in Rußland! Schließlich, meine Herren — und ich muß dies bemerken bezüglich eines Antrages, der auch vorhin gestellt wurde, — Kaiser Josef hat bereits zu seiner Zeit die sogenannten Leibzölle, Leibmauth, abgestellt. Damals hieß es ausdrücklich: „Sie dürfen unter keiner Form. Bezeichnung oder Benennung wieder aufkommen oder aufleben, sie gehören dem Mittelalter an und sind verfallen." Und. es bestehen doch noch Leibzölle, und zwar, meine Herren, nicht in den Provinzen, sondern in der Residenz, in der Metropole, da, wo die Bildung, wo die Intelligenz ihren Sitz hat, wo die Blüthe des Staates ist, da bestehen diese Leibzölle. Sie werden von den Juden erhoben. Meinen Sie, vom Eigenthum? Nein, von dem fremden Juden, von dem reisenden, von jedem Juden. Der geehrte Herr Abgeordnete für Perchtoldsdorf sprach vorhin von den Notabilitäten und Capacitäten unter den Juden. — Nun, sie werden von diesen Capacitäten wid Notabilitäten der Juden erhoben, und hätten sie einen noch so glänzenden Namen in der Kunst und Wissenschaft, sie werden erhoben, wenn sie nicht ausnahmsweise nachgesehen werden. Dem Gesetze nach müsien sie zahlen, für jede 14 Tage, wo sie die Lust in der Residenz athmen. Die Leibzölle bestehen noch, und je nachdem heute der Beschluß ausfällt, bestehen sie noch ferner. Sind sie für Leibzölle? so stimmen Sie gegen den Paragraphen. Ich habe mich der Kürze befleißigt; ich wünsche nur, daß wir uns bei der Abstimmung auch der möglichsten Kürze befleißen."" Wie Mannheimer bei anderen seine jüdischen Mitbürger berührenden Angelegenheiten für dieselben muthvoll im Parlamente eingetreten, soll demnächst — zugleich als Fingerzeig für unsere gegenwärtigen jüdischen Abgeordneten — den Lesern dieser Blätter in Erinnerung gebracht norden. Berliner Brief. Wir leben in einem Zeitalter, das sich sehr oft, weil die echte Ware so schwer zu erhalten ist, mit Surrogaten behilft. Recht und Freiheit, welch' köstliches Gut, der moderne Constitutionalismus ist ein Surrogat dafür. Ist das Krrchenthum nicht ein mattes "Surrogat für Religiosität? Die Reclame stößt für die minderwerthigeu Ersatzstoffe gewaltig in's Horn. Alle diese Surrogate haben ihren Werth, wenn sie bescheiden bleiben, wenn sie nicht, weil sie wohlfeil sind, das Echte verdrängen wollen. Die begeisterten Schwärmer für den Jugendgottesdienst sollen es uns nicht übel nehmen, wenn wir ihn nur für einen minderwerthigen Ersatz des Gottesdienstes ansehen, wo Jung und Alt vereinigt beten. Unsere Vorfahren haben einen musterhaften Jugendgottesdienst organisirt, an den beiden Sederab enden; da istMes bis auf das Verstecken des Afikoman darauf eingerichtet die schlafmüden jungen Augen wachzuerhalten. Diese alten Juden waren am Ende doch nicht so schlechte Pädagogen, da sie im Seder eine gottesdienstliche Einrichtung schufen, an die unsere Modernen und Aufgeklärten mit einer verschämten Sehnsucht zurückdenken, an der unsere Jugend, die doch soviel kluge Dinge lernt, sich ergötzt und begeistert, und hätte die Jugend ein entscheidendes Wort dreinzuredeu in der Waltung des Hauses, so gäbe es wenig jüdische Familien ohne Seder. Soll die Jugend sich wahrhaft religiös erbauen, so muß sie im Vereine mit den Erwachsenen religiöse Belehrung und Anregung erfahren; die Gefahr liegt vor, daß sie den Jugendgottesdienst für eine Religionsstunde mehr ansieht. Nach der Ansicht der Jugend ist Unterricht schön, wenn er geboten wird, noch schöner, wenn er ausfällt. Wenn der Knabe an der Hand des Vaters zum Gotteshause wallt, wenn er dort an der Seite des Vaters steht und unter deffen Leitung am Gebete theilnimmtwenn er dort so viele Männer, vor denen er Respect hat, in andächtiger Stimmung sieht, dann wird sein jugendliches Herz selbst ergriffen und zu Gott emporgehoben. Die Predigt, für die Erwachsenen bestimmt, ist der unerfahrenen Seele nicht völlig verständlich, aber wenn sie die Alten begeistert, so wird auch auf die junge Seele das Feuer hinübergeleitet. Von rationellen Erwägungen aus müßte;a natürlich eine Kinderpredigt, die sich auf das enge Begriffsvermögen der noch nicht Erwachsenen zurückzieht, nur Sünden rügt und Tugenden rühmt, die in der Schule sich zeigen, mehr die junge Schaar interessiren, als eine Rede, die sich an die Erwachsenen richtet. Aber Andacht läßt sich so rationell nicht erklären, sie strömt von den Alten auf die Jungen über, auch wenn diese nicht Alles, was vorgeht, begreifen. Mose sagte zu Pharao: „Mit unseren Jungen, mit unseren Alten müssen wir ziehen, denn es ist ein Fest Gottes." Es steht fest, daß die Jugend sich weit eher erbaut, wenn sie mit den Eltern vereint betet, den Gesängen des Cantors, den Betrachtungen des Predigers lauscht. Aber wir dürfen auch die seelische Wirkung nicht gering anschlagen, die von der Jugend auf die Alten ausgeübt wird; die oft so müden, verwetterten Alten haben in den Lebensstürmen den Glauben an die Ideale eingebüßt, wie sollen sie glauben an den Triumph des Rechtes, an ein Gottesreich der Liebe, da sie auf Schritt und Tritt der siegreichen List und Bosheit begegnen; da sehen sie die flammenden Augen der Jünglinge, der Jungfrauen und die Hoffnung lebt auf, der Glaube kehrt wieder und die Blüthen sprießen auf in den alten verödeten Herzen. Also das Beste wäre schon, wenn die Familie in trautem Vereine ins Gotteshaus zöge und dann am Sabbath und an Festen von den Tempeln heimkehrend wie zu einem heiligen Mahle sich zusanimenfände. Wer von uns hätte den heiligen, freudig erhabenen Schauer aus der §eele verloren, der uns in den Kinderjahren bewegt hat, wenn der Vater segnend seine Hände auf das Haupt des Sohnes, der Tochter legte; das Kind glaubte in solchen Momenten inniger an den Segen des Vaters, der Vater an den Segen Gottes. Aber diese Freuden der alten Zeiten lassen sich nun einmal nicht wiederbringen. So ist der Jugendgottesdienst eine Nothwendigkeit. Jedoch dieser Gottesdienst muß sich möglichst an die Formen für den allgemeinen Gottesdienst anschließen. Jugendgottesdienst ist noch nicht Kindergottesdienst Unsere Jugend ist, zumal in der Großstadt, rasch aus den Kinderschuhen herausgewachsen; man soll das Niveau des Gebetes und der Predigt nicht gar zu tief Herabdrücken; und man soll die männliche Jugend, denn diese kommt ja nach den jüdischen Traditionen dabei zunächst in Betracht, so viel als möglich an den gottesdienstlichen Functionen betheiligen. Auch hier spielt die leidige Zeitfrage entscheidend hinein. Die Einen sagen, keine Zeit ist paffender als der Sonntagvormittag, wo alle Welt ins Gotteshaus zieht. Gemach, ihr Herren, für den Christen ist der Sonntag Vormittag die hergebrachte Zeit des Gottesdienstes, für den Juden gilt das nicht, der Schüler wendet den fteien Tag gern zur privaten Arbeit an oder unter Umständen zum Ausruhen von der Arbeitslast der Schultage; die jungen Leute sagen dann, der Sonntag werde ihnen zerrissen; und sodann am Sonntag Vormittag ist ein jüdischer Gottesdienst in hergebrachten Formen nicht gut möglich; und" diese traditionellen Formen, wenn auch mit moderner Zuthat werden begehrt; man geht nicht in den Reformtempel auf der Johannisstraße, weil man dort keinen jüdischen, sondern irgend einen Phantasiegottesdienst vorfindet; der Sabbathnachmittag ist vorzuziehen, aber die reifere Jugend ist da meist nicht zu haben, man lasse sich nicht dadurch täuschen, wenn bei solchen Gottesdiensten eine Kindermenge den Raum füllt; es gibt in der großen Stadt soviel Anstalten, Waisenhäuser, Wische Volksschulen, die regelmäßig ihre Insassen entsenden, und so wird der Eindruck übertüncht, daß nur gewisse eng umschriebene Kreise interessirt werden und die große Menge der Andachtsbedürftigen in Schule, Geschäft, Werkstatt und Comptoir ausgeschlossen bleibt. Für die Agende, welche hier für den Jugendgottesdienst an den Sabbathnachmittag verwendet wird, hat der Buchbinder das Meiste gethan, sie präsentirt sich ganz stattlich in dem schwarzen Leinwandband; aber der Inhalt ist matt und mager; keine Wendung, die über das Alltägliche hinausgeht, triviale Marktwaare. Dr. Maybaum, der älteste uud angesehenste der hier amtirenden Rabbiner, hat dem Jugendgottesdienst nie seine Gunst

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