Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 14 (6.4.1898)
- Date
- 1898-04-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 266 Vr VLoch's WochrntchrM Nr. 14 Dieses letzte Feuilleton, welches am 1. März l. I. erschien, ist mir gestern von dem ehrenwerthen Fräulein Ella Werner als „letzter Freundesgruß des Berblichenen", mit dem Bemerken zugegangen, daß noch zwei posthume Arbeiten ihres verklärten Baters in der Beilage zur Münchener „Allgemeinen Zeitung" und im „P r a g e r T a g b l a t t" nächstens erscheinen werden. W e r n e r's freundschaftliche Beziehungen zu Hebbel, die schon mit dem Jahre 1849, wo Ersterer Student der Jurisprudenz an der Wiener Universität war, ihren Anfang nehmen, erklären es sattsam, daß er oen Schöpfungen des Dichters wie kaum ein Anderer, Hebbel's Biograph E m i l Kuh ausgenommen, ein ebenso tiefes als umfassendes Verständniß entgegenbrachte und daß er nicht ermüdete, die künstlerische Gestaltungskraft H e b b e l's in ihren feinsten Manifestationen zu belauschen. Mit Werner, der nahezu ein halbes Jahrhundert ichaffensmuthig an dem Webestuhle der Zeit gesessen und für die großen Aufgaben der Volkserziehung und Volksbildung mit unentwegtem Freisinn gewirkt hat, verliert das österreichische Schulwesen einen ausgezeichneten Fachmann, die Literatur einen genialen Pfleger, das Deutschthum einen seiner besten und edelsten Geister und seine Freunde einen wahrhaft liebenswürdigen Freund, dem sie, wie Schreiber dieser Zeilen, in ihrem Herzen wehmuthsvoll ein ehrendes Andenken bewahren werden, aere perennius. Jglau, 3. April. Dr. I. I. Unger. Vom Jahrmarkt des Lebens. Zola freigesprochen! Zola ist ftei. Der Pariser Caffationshof hat das U rt h e i l des Schwurgerichtes gegen ihn aufgehoben, ohne den Proceß zu neuerlicher Verhandlung an ein anderes Schwurgericht zu verweisen. Als Cassationsgrund galt der Umstand, daß nicht das Kriegsgericht, das von Zola beleidigt worden war, sondern der Kriegsminister den Strafantrag gestellt hatte und dem Ansuchen des incompetenten Kriegsministers der öffentliche Ankläger nicht hätte willfahren dürfen. Der Referent Chambareaud hat empfindliche Kritik geübt an dem ganzen Verfahren, das gegen Zola beliebte. Er hat gerügt, daß dem General Boisdeffre gestattet wurde, durch eine Rede auf die Geschwornen zu wirken, nicht aber dem Bertheidiger Labori, Fragen an den General zu stellen. Er hat ferner die mangelhafte Beeidigung der Madame de Boulancy getadelt, bei welcher man weislich die Worte „ohne Furcht oder Haß" aus der Beeidigungsformel weggelaffen hatte. Madame de Boulancy war nämlich vom Kriegsministerium wie von Esterhazy in der unerhörtesten Weise bedroht worden für den Fall, daß sie sich nicht jeder belastenden Aeußerung enthalten sollte. Der Caffationshof hat mit seinem Urtheil nicht nur dem großen Schriftsteller, der vergangenen Samstag seinen 58. Geburtstag feierte, ein werthwolles Geschenk gemacht, sondern auch der französischen Nation einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Die Rechtlichdenkenden des ganzen Erdenrunds hatten sich mit tiefem Abscheu von einem Volke abgewendet, das an den Stätten der Gerechtigkeit Orgien des Hasses feierte. Keine Niederlage hatte das Prestige des Geburtslandes der Freiheit in dem Maße erschüttert wie die Rechtsgränel, die ein französischer Gerichtshof im Namen des Gesetzes an einem der größten Männer der Gegenwart verübte. Nun ist die Schmach wenigstens zum Theil gelöscht. Die antisemitisch-chauvittistisch-boulangistisch monarchistischroyalistisch-clerical gesinnten Parteien sind von dem Verdick des Caffationshofes im Proceß Zola schwer getroffen. Sie können es nicht verwinden, daß Zola nun trotz ihrer Agitationen, Hetzereien, Treibereien, Pressionen, Verhetzungen und Verleumdungen frei ausgehen soll. Ihre besondere Wuth richtet sich gegen den greisen Generalprocurator M a n a u, welcher in der Caffationsverhandlung in energischen Worten für Recht und Gerechtigkeit eingetretcn war. Schon in der samstägigen Sitzung wurde von ihnen energisch Maua u's Maßregelung gefordert. Und es hat thatsächlich den Anschein, daß Mel ine dem An sturm dieser Hetzparteien nachgeben, als ob er den greisen Generalprocurator dafür, daß er es gewagt hat, ftei und ungescheut seiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, gegen eine Ungesetzlichkeit und Ungerechtigkeit aufzutreten, maßregeln wollte. Und wodurch hat sich M a n a u die allerhöchste Ungnade des Herrn Ministerpräsidenten und der oben aufgezählken Parteien zugezogen? Hauptsächlich durch folgende Worte: „In Zola und seinen Freunden erblicken sie Männer, die sich im Ausdruck ihrer Ueberzeugung vielleicht zu weit haben fortreißen lassen; die es nicht verstanden haben, ihren Glauben an einen Rechtsirrthum zu vertheidigen, ohne dabei die Richter zu beschuldigen, das Verbrechen des Amtsmißbrauches begangen, zu haben, indem sie wissentlich einen Schuldigen freigesprochen haben. Nein! Keine käuflichen Verräther sind diese Männer, die Frankreich durch ihr Leben unermüdlicher Arbeit ehren!" Daß diese Worte wie Keulenschläge auf alle Die wirkten, welche für Dreyfns' Schuld, für Zola's Berurtheilung blindwüthig eingetreten sind, ist begreiflich; zeigen sie doch, daß die höchsten Richterkreise Frankreichs von Dreyfus' ungerechter Schuldigsprechung Beweise haben müssen. Was liegt Man au übrigens an Maßregelungen? Ist er doch beinahe neunzig Jahre alt, hat er doch daher nichts mehr — kein Avancement, keine Auszeichnung — zu erwarten; hat er doch nichts mehr zu erwarten, als den — Tod. Schon muß selbst das Organ Rochefort's gestehen, daß Esterhazy das Borvereau geschrieben hat, wegen dessen Dreyfus verurtheilt worden ist. Vielleicht gelingt es, die ganze Jiltrigue aufzudecken, deren Opfer Dreyfus geworden ist, und damit die Clique zu vernichten, die sich der Affaire Dreyfus zum Mauerbrecher gegen das Gefüge der Republik bedienen wollte. Dann aber hat Zola nicht umsonst gelitten, und aus dem Dornenkranz des Märtyrers, der seine Stirne gedrückt hat, werden für ihn und die Menschheit noch Rosen der Freude erblühen. Die jüdischen Märzgefallenen in Wien. Am 13. März fiel in der Herrengasse Carl Heinrich Spitzer, Techniker, 18 Jahre, und Bernhard Herrschmann, 25 Jahre alt. Beide wurden beerdigt im gemeinschaftlichen Grabe am 17. März auf dem allgemeinen Friedhofe zur Schmelz. Am 6. October 1848 (Vorabend des Versöhnungstages) fielen auf den Wiener Barrikaden: David Löb, 27 Jahre alt, und E m. E p st e i n, 27 Jahre alt, Kampfplatz Am Tabor. Phil. Dr. Ad. Kolinsky fiel in der Renngasse vor dem Zeughause. (Nr. 208 9, 10 der Beerdigungslisten.) Am 26. October: M o r i tz R o s e n b a u m fiel beim Kampf in der Leopoldstadt. Am 27. October: Phil. Kerpen. Kellner, fiel beim Kampf in der Leopoldstadt. Am 28. October: L e o p. S t e r k, Kellner, fiel beim Kampf in der Leopoldstadt. Am 28. October: Carl Josef Breuer, verheiratet, 32 Jahre alt, fiel am Linienwall, Hundsthurmerlinie. Am 28. October : IosefKraus, 6.3 Jahre alt, verheiratet, fiel beim Hundsthurm. Ein „Memento". Unter diesem Schlagworte schreiben die „Politischen Fragmente": sicher den Neuwahlen im ersten Wahlkörper haben auch in vier Bezirken Ergänzungswahlen im zweiten Wahlkörper stattgefunden, wovon drei Bezirke früher d en Antisemiten gehört haben. Von diesen drei Bezirken ist der eine Bezirk (Wieden) den Antisemiten ganz verloren gegangen und wurde der Deutschnationale Dr. Förster gewählt, in einem zweiten Bezirke (Mariahilf) drang der antisemitische Candidat nur mit einer Stimme Majorität durch, in Ottakring dagegen drangen die Antisemiten nur deshalb durch, weil die anderen Parteien dort gar nicht agitirt haben und den Bezirk im Voraus verloren gaben. Noch merkwürdiger als dieses Wahlresultat ist aber die Zahl der Stimmen, welche diesmal für die antisemitischen Candidaten abgegeben wurden, wenn man ihnen die Stimmenzahl vor zwei Jahren gegenüberstellt. Es wurden antisemitische Stimmen abgegeben: im Jahre 1896 1998 IV. Bezirk 933 521 V. „ 571 378 IX. 866 574 XVI. „ 477 387 Zusammen 2847 1860 In diesen vier Bezirken ist also die Zahl der antisemitischen Wähler des zweiten Wahlkörpers von 2847 auf 1860 zu-