Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 14 (6.4.1898)
- Date
- 1898-04-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sek, 264 Vr. Blmtz'« WmhrnlrhryL Rr. 14 Kundgebung für das Judenthum in- und außerhalb Englands. Als Montefiore hierauf seine bekannte Reise nach Egypten antrat, stellte ihm die Königin Victoria ein Staatsschiff zur Verfügung. Und indem ich hiemit meine Rückschau schließe, darf ich Wohl auf die These, von der ich ausgegangen, hier nochmals zurückkommen, daß trotz der tiefen socialen und Politischen Depression das Judenthum der vormärzlichen Zeit dennoch einen hohen, achtunggebietenden Culturgrad sittlicher und geistiger Entwicklung erreicht hatte. Doch nunmehr nach Vorwärts meinen Blick richtend, steht es vor meinem Geiste, das große Sturm- und Freiheitsjahr mit seinen unvergeßlichen Eindrücken. Allein nach allen denReminiscenzen, die seit einem Monate alle Tagesblätter Wiens hierüber brachten, hieße es Waffer ins Meer gießen, wollte auch ich nun Ihnen Schilderungen jener bewegten Zeit bringen. Ich meinerseits will daher nur Eines hinzufügen. Es war ein schöner Traum — ein Sommernachtstraum — auf den bald ein nüchternes Erwachen folgte. Das denkwürdige Jahr hatte uns Freiheiten gebracht, aber — die Freiheit ist nicht mitgpkommen. Rechte sind uns verliehen worden, aber das Recht, das eine heilige Menschenrecht, ist nicht zum Siege gelangt. Doch nimmer können die Zweige gedeihlich fortkommen, solange deren Stamm nicht stark und fest im Boden wurzelt. Und daraus erklären sich die düsteren Zustände unserer Zeit. Indessen von einem berühmten Manne unseres Alterthums wird mitgetheilt, daß er, geboren in einer Stadt, namens Gimsu, diesen Namen umgewandelt Hattein das Wort Gamsu, welch' letzteres er, zum Losungsworte nehmend, bei jeder Widerwärtigkeit, die ihm zustieß, ausrief: Gamsu! Auch dieses soll mir zum Heile werden! Und so sollen auch die Widerwärtigkeiten unserer Gegenwart heilsame Wirkung auf uns ausüben. Sie sollen uns aufrütteln zu einem heilsamen Rückblick. Die Ghettvmauern sind gefallen, aber jene geistigen Factoren, die das Leben mitten im Ghetto verklärt hatten und die ich Ihnen heute zu schildern versuchte, sie sollen uns nicht entschwunden und verloren sein. Und auch jene fromme Gilde aus der Ghettozeit, „die Harrer auf den Morgen", sie möge uns noch immer ein Vorbild bleiben: Wir wollen noch weiters harren auf den Morgen — zugleich aber auch thatkräftig st daran arb eiten, um sein endliches Nahen baldig st begrüßen zu können. Ostern. Von Jda Oppenheim. Ein Ostern kommt; der Herr sieht nieder Vom Oelberg in das Thal. Das klingt und blüht und duftet Und rings von Glanz und Wann' und Wonne wieder Soweit sein Aug' ein Gottesauge sieht. Die blauen Tage brechen an; die Welt steht in Veilchen, Blüthenschnce regnets duftig von den Bäumen. Warme, leuchtende Sonnenstrahlen erwecken das All' zu neuem Blühen, neuer Arbeit. Freiheit athmet Alles, was dem harten, starren Bann des Winters entwichen, Freiheit jubelt der Vogel und schwingt sich auf zum wolkenlosen Himmel! Freiheit zittert das sprossende Grün! Freiheit athmet die knospende Blüthe und drängt sich ans Licht, trinkt den erquickenden Thau und haucht ihre süßesten Düste aus. Freiheit brausen die Waffer und stürzen schäumend ins Thal, zum unendlichen Meer. Die ganze Welt stimmt ein in den Hellen Preisgesang des erwachenden Frühlings und mitten in dem Werden und Wirken, dem Entfalten und Aufieimen der Natur, mitten in der emsigen Arbett des freudigen Schaffens nahen uns jene Weihetage, geheiligt durch die Erinnerung an die Stunde der Befreiung, in der Gottes Hand sichtbar auf uns geruht und aus der Knechtschaft, aus der rohen Gewalt und der sclavischen Erniedrigung uns zur Freiheit führte. Durch Jahrtausende wird dieses Fest mit Empfindungen unwandelbarer Dankbarkeit gefeiert. Es führt die Zerstreuten zusammen, es richtet auf die Gebeugten, der Hoffnungslose schöpft Zuversicht aus dem unversiegbaren Quell, der unsere Väter stets erfrischt und ermuthigt und uns neu belebt hat. Voll ernster Poesie und erhabener Einfachheit sind diese Tage und immer wieder drängen sich die Bilder vor unsere Seele, die mit ihnen eng verknüpft. Zahllose liebe Erinnerungen werden wach! Wieviel heiße Wünsche und Gebete drängen sich auf unsere Lippen! Osterabend ist's! Licht durchfluthet die stillen Räume des Vaterhauses. Frieden und Freude schweben gleich lichten Engeln durch das festlich geschmückte Heim. An dem weißgedeckten Tisch, der mit den verschiedenen Symbolen und Gegenständen des Gebrauchs für das Passahfest ausgestattet, sitzen die durch Familienbande eng Vereinten, und auch der Fremde, der aus weiter Ferne ermüdet vom Wandem eine kurze Rast gemacht, findet ein stilles Plätzchen zum Ausruhen und Mitgenießen. Selbst die Dienerin darf heute nicht fern bleiben. Auch sie findet ihren Platz am Tische. ' Der Hausherr in seinem feierlichen weißen Gewand, bequem in den hochlehnigen Sessel zurückgelehnt, läßt sich von Frau und Töchtern bedienen. Heut' ist er ein Fürst im Hause, Alle lauschen seinen Worten, hängen an seinen Lippen. Er liest die Hagada, ein altes, ein seltsames Buch, durch tausend Hände gegangen, von Tausenden umgearbeitet, erforscht und erklärt. Sie gleicht dem funkelnden Edelstein, dessen Farbenspiel durch die einfallenden Sonnenstrahlen ungeschwächt bleibt und das Auge ergötzt und erfreut. Sie gleicht dem Manna der Wüste, welches die Wanderer labte, stärkte und erquickte und die wunderbare Eigenschaft besitzt, daß Jeder: Kind, Jüngling, Mann und Greis, etwas darin findet, was sein Gemüth anregt. Die Hagada hat auch einen tiefernsten Charakter, denn sie lenkt den Geist auf das Wesen, den Willen, das Walten.und die Werke der Vorsehung und den Zusammenhang und Jneinandergreifen der Geschehnisse und zeigt uns in der Völkergeschichte die Pfade göttlicher Güte und Weisheit. Diese bald farbenreiche, bald erheiternde und ttöstende, bald tiefernste und zum Nachdenken anregende Hagada hat nicht blos das Wesen und Wirken des israelitischen Volkes zum Inhalt, sondern berührt auch andere Nationen, wie: Ehaldäer, Meder Perser, Griechen, Römer und Parier, deren Charakter, Gesetze, Sitten und Herrscher. Allerdings aber nicht die Völker, mit denen wir seit Jahrhunderten Zusammenleben, welche die Bande des Heidenthums gelöst haben und durch die Tochterreligion des Judenthums einer reineren Gotteserkenntniß theilhaftig geworden sind. Die Poesie der Hagada ist ein zartes Gewebe, das seine Schönheit und Anmuth verliert, wenn es von Menschen unsanft berührt wird, denen die Zartheit des Empfindens und die Feinheit des Denkens mangelt. Sie spricht zu uns: „Willst Du den Schöpfer der Welt erkennen, so wähle mich zu Deiner Führerin; ich werde weder Deine schlaffe Beschaulichkeit nähren, noch eine kecke Neugier beftiedigen, sondern Dir die Spuren der göttlichen Liebe und Gerechtigkeit zeigen, so daß das Verlangen in Dir sich regen wird, liebevoll wie Gott und gerecht wie Gott zu handeln und zu leben." Welch'Mlle, feierliche Stunde, welch' ergreifende Wirkung übt ein Osterabend mit all seinen intimen Reizen auf alle Diejenigen, die ihn nach alter Sitte feiern! Wie eng knüpft er die Bande der Gemeinschaft zwischen Eltern und Kindern, zwischen Gliedern einer größeren Gemeinschaft! Wir fühlen an jenen Tagen doppelt unsere Zusammengehörigkeit und klammern uns inniger und fester aneinander. So steht der Osterabend wohl noch bei allen in lichter Erinnerung als ein Bild des Friedens im engen Rahmen der stillen Häuslichkeit. Und wie oft ist jene weihevolle Stimmung gestört worden? Wieviel traurige Ereignisse weiß die Geschichte zu erzählen, die sich gerade in jenen Osternächten abgespielt, die den Juden, Roth, Verfolgung, blutiges Martyrium brachten, sie hinaus trieben aus ihren stillen Räumen, verzweifelnd in irre Fernen. Und trotz der tausend, tausend Opfer, die die Feier dieses Festes durch Jahrhunderte uns gekostet, erstrahlt es immer von Neuem in unverminderter, feierlicher Helle sendet es seinen belebenden Odem in unser Gemüth gleich dem Frühling, der die starrende Erde von Neuem belebt und erquickt, auf daß auf ihr Alles keimt, sproßt und blüht. So grüßt.uns alljährlich das Osterfest und kündet die Erlösung und Befreiung mit eherner Stimme und rüttelt in uns wach, was still und verborgen Gutes in unserer Seele schlummert. Erlösung und Freiheit bringt es uns und die Mahnung, immer wieder den Blick hinauszulenken zu dem, der uns durch alle Geschicke geleitet, auf dessen allmächtigen