Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-06 · 14 (6.4.1898) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

14 entity mentions

Nr 14 Dr. Vloch's Wortzrnpltzrifi Sprachen und verschiedener Wissenschaften sein. Woher nahmen sie in dem kleinen, weltentlegenen Ghetto die nöthigen Lehrer oder Lehranstalten? Wohl gab» fast in jeder Gemeinde eine Lehrstätte für das große talmudische Schriftenthum, man nannte dies eine Jeschiba. Der Rabbiner des Ortes schaarte einen Kreis vonJüngern, theils einheimische, theils aus der Fremde zugereiste, um sich und war ihnen nicht nur gründlicher Lehrer auf dem genannten geistigen Gebiete, sondern gab ihnen auch ein leuchtendes Vorbild an rührender Bedürfnißlosigkeit. Und woher fanden diese fremden Jünger ihren Unterhalt? Da zeigt sich uns wieder eine Lichtseite im Leben des Ghetto, es herrschte hier eine pflichtfreudige Gastfreundschaft, die namentlich den edlen Frauen im Ghetto zu danken war. Selten gab's eiu Haus, darin nicht täglich am Mittagstische ein solcher Jünger bereitwillige Beköstigung fand. Allein das Talmudstudium, so eingehend und so hingebungsvoll es noch in der Zeit, der auch wir mit unseren Erlebnissen noch angehörten, betrieben ward, ganz ausfüllen konnte es nicht mehr den mächtigen Lerneifer und Wissenstrieb. Und so sehen wir sie noch im Geiste, diese kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglinge, immer bis tief und spät in die Nacht hinein mit ihrem eisernen Fleiße in das Studium allerlei Sprachen und Wissenschaften vertieft. Und wer ihre Lehrmeister waren in diesen Fächern? Es gehört auch dies eben mit zu den merkwürdigen Momenten jener sogenannten vormärzlichen Zeitepoche. Sie waren ihre eigenen Lehrer, Schüler und Lehrer in einer Person, sie waren im strengsten Wortsinue A u t od i d a c t e n. Als Stichprobe möchte ich einen solchen Autodidacten- Jüngling Ihnen im Geiste hier vorführen. S a l o m o n L ö w isohn war sein Name und seine Wiege stand in dem kleinen Orte Moor in Ungarn. Geboren 1789, bedeckte bereits 1822 die Muttererde seine irdische Hülle, allein obschon so frühzeitig geschieden, wird doch unsere Literaturgeschichte seinen Namen stets in Ehren nennen. Zwei literarische Denkmäler von großer Bedeutung verewigen das Andenken dieses Autodidacten-Jünglings. Er war der erste Jride, der mit warmem Herzen und hellem Geiste daran ging, eine Geschichte seines Volkes von dessen Zerstreuung an bis in die jüngste Zeit herab zu schreiben. Denn erst in demselben Jahre 1822, als der Todesengel die Lebenslampe Salomon Löwisohn's auslöschte, begann Isaak Markus Jost mit seinem neunbändigen Geschichtswerke in die Oeffentlichkeit zu treten. Löwisohn war aber ebenso auch der erste Jude, der ein Lehrbuch der hebräischen Poesie verfaßte. Wohl hat der deutsche Gelehrte Herder hierin die Priorität, denn sein berühmtes Buch „Geist der hebräischen Poesie" erschien bereits 1782, somit sieben Jahre vor Geburt Löwisohn's. Allein an tiefer und gründlicher Sachkenntniß übertraf er Herder, und Löwisohn besaß überdies in ganz hervorragender Weise die poetische Begabung, er war wahrhaft ein Dichter von Gottes Gnaden. Er schrieb dieses Lehrbuch hebräisch (Melizas Jeschurun, Wien 1816) und zwar welch' ein auserwähltes, die Kenner mit Bewunderung erfüllendes Hebräisch! In meinen Jugendjahren lernten wir dieses Buch auswendig und an der begeisterten Sprache desselben entzündeten wir unsere eigene Begeisterung. Doch an diesem, kaum dem Jünglingsalter entwachsenen Gelehrten können Sie ermessen, welche Bedeutung gar erst die gereiften Männer, die ebenfalls im Ghetto herangewachsen waren, in der Wissenschaft erlangten. Zu unserem ersten Stammvater sprach einmal die Gottheit: Schaue gen Himmel und zähle die Sterne, wenn Du es im Stande bist — und fügte dann hinzu: Also werden Deine Nachkommen sein! In der That, sie sind zahlreich geworden wie die Sterne, jene großen Männer, deren Wiege im Ghetto stand, aber auch leuchtend wie die Sterne, von denen jeder Einzelne eine Welt für sich ist. Ich nenne Ihnen hier nur einige solcher Namen: Nachman Krochmal, Salomon Jehuda Rapoport. Samuel David Luzzatto, Zunz, Jost, Grätz, Zacharias Frankel, Abraham Geiger, Moritz Steinschneider, Salomon Munk, Michael Sachs, Leopold Dukes, I. N. Mannheimer, Adolf Jellinek und noch viele, viele Andere, deren Wiege im Ghetto stand und an deren Wiege die Armuth saß. — Doch ist vielleicht gerade dadurch, daß ihnen die Erlangung der Wissenschaft so schwer geworden war, die Wissenschaft ihnen um so theurer geworden und umso tiefer drangen sie in ihr innerstes Heiligthum ein. Zu Zeiten des alten Griechenlands, da gab's auf einer Insel des Archipels lauter Bienenzüchter, deren weitversendeter .Honig sich eines großen Rufes erfteute. Allein es war eine «Lette 363 Felseninsel, die fast gar keinen Humus hatte. Darum mußten die Bienen täglich einen mühevollen Flug nach benachbarten Inseln machen und die gesammelte süße Beute dann nach Hause bringen. So gings eine Reihe von Jahren, bis endlich ein neues Geschlecht kam, das sich klüger dünkte, als es die Väter waren; die sagten, wir werden unseren Bienen den mühevollen Flug ersparen. Wir selber werden täglich eine Schiffsladung frischer Blumen holen und sie vor die Thür der Bienenstöcke hinlegen. Aber was geschah? Von dem Tag an gaben die Bienen fast gar keinen Honig mehr. Ich möchte hier auch noch einer bemerkenswertheu Erscheinung Erwähnung thun — nämlich bedeutungsvoller Sympathiekundgebungen für unfern Stamm, mehrere Jahre noch vor dem Anbruch des Freiheitsjahres 1848. Ich hatte schon im Kalender der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" vom Jahre 1894/95 ein interessantes Begebniß mitgetheilt. Gegen Ende des Jahres 1836 trat ein Kreis von namhaften christlichen Theologen, nämlich katholischen und protestantischen Bekenntnisses, in Verbindung mit jüdischen Gelehrten zusammen, mit dem Plane, um ein für alle drei Religionen gemeinschaftliches religionswissenschaftliches Organ zu gründen, um trotz der religiösen Verschiedenheit unter den Bekennern der drei verschiedenen Culte einen friedlichen Lebensverkehr anzubahnen. Am 1. Jänner 1837 begann das Blatt zu erscheinen, und einer der ersten Abonnenten war Otto I., der hochgebildete damalige König von Griechenland, indem er zugleich in einem allerhöchsten Handschreiben der edlen Tendenz des Blattes seine volle Anerkennung ans sprach, und des Königs Schwiegervater, der Großherzog von Oldenburg, folgte ihnhierin nach. Einer ganz besonders tiefgehenden Sympathie hatte sich das Judenthum seitens eines Weltdichters von unsterblichem Namen zu erfreuen. Der drittgrößte Dichter Englands, Lord Byron, hatte mit unserem Salomon Löwisohn in Ansehung der kurzen Lebensdauer ein gleiches Geschick. Geboren ein Jahr vor ihm. 1788, starb er zwei Jahre nach Löwisohn, 1824. In seinen „Gesprächen mit Mendwin" erzählt er, daß er sich lange mit denk Gedanken getragen, einen Hiob zu schreiben, allein er fand das Original zu erhaben, keine Poesie könne sich damit vergleichen. Das tragische Geschick des jüdischen Stammes griff dem bewunderten Dichter tief ins Herz, und diesen Gefühlen gab er erschütternden Ausdruck in seinen ttebrsw Melodies. Man glaubt, den großen biblischen Propheten auf den Trümmern Jerusalems in diesen Liedern klagen zu hören: „Wo wäscht sein triefend Blut sich Juda von den' Wanderfüße»? O Zion, sag, wann wird dein heilig Lied uns wieder grüßen? Und deine Stämme mit dem Wanderstabe — ach, die müden. Wann finden endlich wieder sie ihr Heim im gold'nen Süden? Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda nur die Gruft." Wir laffen endlich noch eine Reminiscenz hier an uns vorüberziehen, eine Begebenheit, die, so traurig, ja so entsetzlich sie begonnen, doch zuletzt zu einer großartigen Sympathiekundgebung fürs Judenthum sich gestaltete — gleich den Samenkörnern, die zuerst im finstern Erdenschooße verwesen und zuletzt in grünen Halmen augenerfreuend emporwachsen. Es war acht Jahre vor den Freiheitsstürmen der Märztage — am 5. Februar 1840, da erhob sich plötzlich in Damascus jenes grauenhafte Gespenst des Blutmärchens. Alle Augen, die sehen wollten, erkannten wohl sofort hier ein Gewebe, gesponnen von Geldgier und Bosheit, und dennoch nabm die Affaire bald eine furchtbare Tragweite an. So ehrenhaft und charakterfest der österreichische Consul Merlato in dieser Sache vorging, so boshaft und ränkevoll war die Rolle, die der ftanzösische Consul Ratti-Menton in dieser Tragödie spielte — wahrlich, ein würdiger Vorläufer für beit Dreyfus-Proceß. Es ging in Damascus mit einem Worte grauenhaft zu. Die Folterbänke und die Torturkamuiern forderten täglich neue blutige Opfer. Allein kaum waren die Schreckensnachrichten nach Europa gedrungen, da erhoben im englischen Parlament Robert Peel und Palmerstou ihre mächtigen Stimmen, und der feurige Agitator O'Connel beklagte es, daß kein jüdischer Abgeordneter jetzt seinen Sitz im Parlamente habe, um für seine unglücklichen Stammesbrüder das Wort zu führen. Ja, 210 vornehme Bürger Londons richteten ein Gesuch an den Lordmayor, eine öffentliche Bersammluug einzuberufen, damit Gelegenheit geboten werde, der allgemeinen Entrüstung, die alle englischen Herzen erfülle, Ausdruck geben zu können. Die zustandegekommene Versammlung gestaltete sich sodann zu einer wahrhaft großartigen sympathischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.