Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 14 (6.4.1898)
- Date
- 1898-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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de 262 Nr. 14 Vr. VLoch's WochenschrMscher Abkunst, namens Kalonymns, der dem Kaiser mit größter Verehrung anhing. Der Feldzug fiel unglücklich aus. Nach- ^dDl die Blüthe der deutschen Ritterschaft gefallen war. . ^uußte der Kaiser, von den siegreichen Saracenen verftilgt, jählings die Flucht ergreifen. Ein rettendes' Schiff lag bereits in Sicht; allein während der Kaiser mit verhängten Zügeln auf dasselbe zueilt, bricht das todtgehetzte Roß unter seinen Füßen zusammen, und er scheint verloren. Doch in diesem verhängnißvollen Augenblicke sprengte Kalonymus auf seinem Roffe herbei, übergibt dieses dem Kaiser zu seiner rettenden Flucht, während er selbst in größter Gefahr zurückbleibt. Der Jude Kalonymus war somit der edle, selbstlose Retter des Kaisers Otto. Die Quelle für dieses historische Factum ist das vielbenützte Sammelwerk: »Monumenta Germaniae historica« (herausgegeben im Jahre 1826, von dem berühmten Archivar Georg Heinrich Pertz). Nun lesen Sie S ch l o s s e r's Weltgeschichte für Deutsche (Band VI, S. 115), und staunend werden sie finden, wie hier das historische Factum entstellt ist. um den edlen Juden zum feilen Geldmenschen herabzuwürdigen. Jndeffen Mühe und Anstrengung all der drei verbündeten Mächte erwiesen sich erfolglos. Das Gefühl der Selbstachtung, ebenso wie das Ideal der Freiheit wurzelte zu tief im Herzen des Stammes, als daß eine äußere Macht dagegen hätte etwas ausrichten können. Und da ich auch aus diesem Podium, auf dem ich heute hier stehe und zu Ihnen spreche, den überzeugungstreuen Theologen in mir nicht verhehlen mag. so sage ich es Ihnen geradezu, daß ich dieses in uns nicht zu entwurzelnde Ideal der Freiheit und ebenso dieses Gefühl der Selbstachtung auch zu den großartigen Einwirkungen unserer Thora zähle. Das zweite Buch der Thora enthält ein Capitel, darin die biblische Rechtslehre in großen Zügen, ihren Hauptmomenten nach, dargestellt ist und gleich der erste Satz ist höchst bemerkenswerth: „Wenn ein Knecht nach der sechsjährigen Dienstzeit sprechen sollte: „Ich will nicht frei sein, ich liebe mein Weib und Kind, ich mag nicht zur Freiheit auszieh en", dann soll ihn sein Herr vor's Gericht hinführen und ihm dort das Ohrläppchen durchlöchern, zum Stigma, zur bleibend ihm anhaftenden Brandmarkung." — Wie, könnte man sich fragen: Ist dies gerecht, ist das weise? Weil ein Mann, ein Vater, aus Liebe zu Weib und Kind, deren Ernährung ihm von Gott und Natur an's Herz gelegt ist, die Knechtschaft der Freiheit vorzieht, dafür sollte er gebrandmarkt dastehen in der Gesellschaft? Nun halt! Nicht vorschnell geurtheilt! Es liegt da ein kernhaster Gedanke. Nach der Lehre der Thora soll die Freiheit jedem Menschen als ein hohes Gut erscheinen. Das harte, trockene Brot in fteier Arbeit, wenn auch in triefendem Schweiße seines Antlitzes erworben, es schmecke ihm süßer, als die volle, dampfende Schüffel, auf den Knechtestisch aufgetragen! Und tote treffend hat der biblische Meistergriffel es verstanden, mit einem einzigen Federzuge die moralisch traurigen Folgen der langen egyptischen Knechtschaft zu kennzeichnen — wie die Pharaonischen Sclavenketten die tiefen Spuren nicht nur in ihre Glieder, sondern in ihr ganzes Sein und Denken eingedrückt. Der Satz lautet: „Sie hörten den Moses nicht an aus Kürze des Odems und aus drückender Arbeit." Man male sich nur die Scene im Geiste aus. Während sie gebeugten Nackens auf den abgemähten Feldern umherirren, emsig die Stoppeln aufsuchend, um nur die Anzahl der Ziegeln bis zum Abend fertig zu bringen, steht plötzlich Moses vor ihnen — mit dem Zauber seiner durchgeistigten Persönlichkeit sich ihnen als der erlösende Bote Gottes ankündigend, er komme, das Joch ihrer Nacken zu zerbrechen und sie als fteie Männer hinauszuführen in die Freiheit. — Ach, sie hören ihn nicht an, er redet zu ihnen von Freiheit, allein in dem langen entmenschenden Drucke ist ihnen jedes Berständniß für das Wort Freiheit verloren gegangen! * * * Geehrte Hörer und Hörerinnen! Welch ein ganz anderes Bild zeigt sich unserem geistigen Auge, wenn wir, den Blick zurückwendend, hineinschauen in die sogenannte vormärzliche Zeitperiode und das Leben im Ghetto sich vor uns aufrollt, wie ich und alle meine Altersgenossen es aus Autopsie, aus eigenen Erlebniffen kennen. Hier hörten sie im Gegentheile immerfort auf den zu ihnen redenden Moses, wie er von Freiheit, von endlicher Befreiung und Erlösung, von dem endlichen großen Siege des Menschenrechtes zu ihnen redet, — und ihr Odem erweiterte sich und der schwere Druck des Lebens verlor für sie die Hälfte seiner erdrückenden Schwere. Das Ghetto — wie man dos Wort hört, steht freilich sofort das ganze Mittelalter in seiner Düsterniß Einem vor der Seele und man denkt mit Wehmnth an beit armen Ghettobewohner, der bei jedem Schritt, den er ins Leben hinausthat, seinen Weg durchquert fand von einem breiten Schlagbaume, auf dem geschrieben stand: Hieher darfst Du nicht, weil Du Jude bist! Und dennoch! — Dieser Ghetlobewohner besaß eine Art Mosesstab, mit dem er aus dem harten Lebensfels Quellen innern Glückes hervorzuzaubern verstand. Sie kennen ja gewiß Leopold K o m p e r t's Geschichten aus dem Ghetto — reizende, herzerquickende Erzählungen! Man sage nicht, der dichterische Genius besitze einen Zauberschleier, den er über die traurigste Wirklichkeit verklärend und vergoldend ausbreitet. Nein, ein sehr großes Stück Poesie fand der Dichter bereits vor sich im wirklichen Leben des Ghetto. Man kann sagen, eine ganze Reihe von geistigen, ja von imponderablen Factoren hatte sich vereinigt, um das Leben mitten in den Gassen und Gäßchen des Ghetto zu verschönern, zu verherrlichen. In der ganz ersten Reche dieser geistigen Factoren jedoch nenne ich — und zwar wahrlich nicht nur in meiner Eigenschaft als Theologe — die Religiosität. Und in meinem engeren, mährischen Heimatslande war es eine von jedem zelotischen Uebereifer ferne, aber wahrhaft herzinnige, das ganze Leben verklärende Religiosität. Mit jedem Festtage, jedem Sabbathe kam ein Stück grüner Oase in die Sandwüste des Ghetto hineingezogen und brachte ein Stück seelischer Freude mit sich. Aber ich muß Ihnen da noch etwas ganz Besonderes erwähnen. In unserem Kalender findet sich auch ein Festtag verzeichnet, der einen gar eigenthümlichen Namen auf sich trägt. Er heißt: „Das Neujahrsfest der Bäume". Wenn draußen in der Natur noch der tiefste Winter herrscht, der hartgefrorene Schnee noch unter den Schritten der Menschen knirscht und die verfrorenen Fensterscheiben jeden freien Ausblick verwehren, dann sagen wir, wir wittern bereits den Odem des nahenden Frühlings, über die Hügel und Berge hüpfend, komme er, um neue Lebenskraft in die abgestorbenen Aeste der Bäume einzuführen. Und wahrlich, ebenso hatten wir auch mitten in dem starren, eiskalten Winter unserer socialen und politischen Sonderstellung immer den Odem eines nahenden Frühlings zu wittern geglaubt, einem nahenden Völkerfrühling entgegengeblickt, der die Herzen der Menschen mit seiner belebenden Wärme zu erfüllen komme. Auch unsere Väter im Ghetto gründeten verschiedene „Vereine" unter sich. Ich nenne Ihnen hier einen solchen, der heutzutage nur noch Wenigen bekannt sein dürfte. Die Mitglieder dieses Vereines nannten sich „Die Harrer auf den Morgen" (ipttb anora). Worin bestand dieser Verein? Eine Stunde vor Tagesanbruch zog eine rufende Stimme durch die Gassen und Gäßchen des Ghetto: „Steht auf, ihr Harrenden auf den Morgen!" Bei diesem Rufe erhoben sich die Mitglieder dieses Vereines und eilten in das gemeinschaftliche Bethaus, und Psalmen lesend warteten sie, bis der Morgen anbrach und sich die Gemeinde zum Morgengebete versammelte. Man könnte aber wahrlich sagen: Unser ganzer Stamm bildete Jahrtausende hindurch eine solche große Gilde — denn wir waren allesammt „Harrer auf den Morge n". Von Volk zu Volk gejagt, Von Groß und Klein geplagt, Vom Druck das Herz zernagt, Hab' ich doch nicht verzagt — Stets hoffend mir gesagt: „Ich harre, bis es tagt!" Doch kann ich es nicht unerwähnt lassen, daß es noch einen weitern geistigen Factor gab, der in ganz besonders hohem Grade dazu beitrug, über das Leben im Ghetto einen wahrhaft verklärenden Schimmer zu breiten. Und dies war ein fast wunderbarer, alle Herzen beseelender Lerneifer — es war nicht Brodstudium, 'Fachstudium, nein, es war eine Art kategorischer Imperativ, ein eingeborenes, unentwegtes Streben und Ringen nach geistiger Durchbildung. Wenn man noch in später Nachtstunde durch das Ghetto ging, sah man erleuchtete Fenster, und durch die kleinen Fensterscheiben blickend, fand mau den Tisch mit Büchern bedeckt und an dem Tische sitzend, Jünglinge, kaum dem Knabenalter entwachsen, in die geistige Arbeit vertieft, aus den Büchern lernend, studieren. Da es nicht die großen Talmudfolianten waren, so mußten es Lehrbücher ftemder