Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 250 VLWWBMMoMnrMrM Rr. 13 größtem Belang sind. Pietät und Frömmigkeit find eugverwaÄte Begriffe. Aber die freisinnige Partei hat sich auch dadurch geschädigt, daß sie für den Gottesdienst zwar neue, aber nicht immer würdige und angemessene Formen geschaffen hat. Die deutschen Gebete in dem Berliner Gebetbuche sind kalt, schablonenhaft gedankenarm, kurz Fabriksarbeit. Auch Diejenigen, die, einem deutschen Gottesdienste znjauchzen, können sich, wenn sie anders auf der Höhe der Bildung der Leit stehen, unmöMch mit dem „Jüdisch-Deutsch" befreunden, das im Tempel der Berliner Reform declamirt wird. Es fehlt der dichterisch begabte Mann, der so gefühlswarm wie dereinst die Verfasser der althebräischen Gesänge den Geistesgehalt des Judenthums und den Reichthum des altjüdischen Herzens in deutschen Worten ausspricht. Die Opposition gegen die deutschen Gebete rührt zum Theil daher, daß wir nicht die rechten deutschen Gebete haben, mit den warmen Herzeustönen, edel in Gehalt und Form. Aber diese gebildeten und geistvollen Männer, die vielleicht selbst mit den conservativen, religiösen Principien nur lose zilsammenhäugen, sind auch deswegen conservativ, weil sie geschäftskundig sind, weil sie wiffen, daß eine alte religiöse Gemeinschaft nicht die Fundamente zerstören und erschüttern darf, auf denen sie so lange sich erhalten hat. Bon vielen der Liberalen gilt das Wort: „Bon gestern sind wir und wiffen nichts". Manche endlich vertreten die alten religiösen Principien aus Gerechtigkeitsgefühl als Anwälte der Menge von kleinen Leuten, die nun einmal in dem alten Herkommen ihres Herzens Seligkeit finden. Es wäre ja sehr schön, wenn bei den Vertretern des conservativen Judenthums m der Repräsentantenversammlung die volle Harmonie zwischen Wort und That stattfände: Aber auch da, wo ein Widerstreit sich zeigt, wo Einer, der auf das conservative Programm hier gewählt worden ist, in seinem Leben sich wenig oder gar nicht von dem alten Ceremoniell einschränken läßt, ist der Widerspruch nicht so klaffend, als man gewöhnlich annimmt. Die Romantik, welche fromm und heiß die Vorzeit liebt, ist keine Schrullesondern ein mächtiges religiöses Moment: Neuerdings haben die Conservativen von einer Seite Succurs bekommen, von der sie ihn am Wenigsten erwarten konnten. Dr. Maybcmm/ der vor Jahrzehnten, als er um das Berliner Amt sich bewarb, Mose als den ersten Reformrabbiner proclamirt hat, hat nun sein conservatives Herz entdeckt, und er, der in jungen Jahren ein Schüler des radicalen Bibelkritikers Wellhausen gewesen ist, schließt jetzt in seinen alten Tagen als Präsident des Allgemeinen deutschen Rabbinerverbandcs mit den Frommen seinen Frieden. Die Gegensätze stürmten besonders heftig aufeinander in den gottesdienstlichen Fragen, die neuerdings angeregt worden sind, namentlich als die Monstrepetition für den Sonntagsgottesdienst zur Debatte stand. Der öffentliche Gottesdienst hatte im alten Israel nicht dieselbe Wichtigkeit für das religiöse Leben wie heutzutage. Uusere Borfahren gingen freilich Abends und Morgens ins Gotteshaus; aber auch während des Tages gab es unzählige Anlässe, Gottes zu gedenken, die Religion zu üben. Je mehr dieser jüdische Brauch aus den Häuserngeschwunden ist, umsostärker concentrirt sich die ganze Kraft des Judenthums in den Gotteshäusern. Hier ist nicht Mes so, wie es sein sollte. Wir lassen gern die Vorzüge gelten, die wir bei anderen Glaubensgemeinschaften wahrnehmen-, und fänden es schön, sie in - das Jüdenthum - hinüber zu-pflanzen. Was ist das für eine köstliche Ein-- richtrmg, daß so viele katholische Kirchen am Borgen, sich den« Betenden öffnen undwährend des ganzen Tages den Andächtigen offen stehen! In der weihevollen Einsamkeit des- Gotteshauses-findet das bchrängte Gmnütham ehesten - den Wegs zu- Gott. Muß es so sei«, daßunsere oft so-prächtigen- Synagogenallwöcheiltlich nur einige.Munden für die Schaar der Bvtendon sich austhnn? Wie bitter ferner empfindetes der religiöse Menschin dieser. Hauptstadt, daß an hohen - Festtagen--oder wenndie Pietät-, die zur Seelenfeier die Menschen ins Gotteshaus ruft, nur Derjenige üher die Schwelle des- Tempels treten kann, der für schweres Geld, für eine den Minderbegüterton unerschwingliche Summe sich eine Eintrittskarte erworben hat. Die Kirche steht Allen offen, die Synagoge nur den Reichen: Manchmal fällt ein jüdischer Feiertag mit einem christlichen zusammen; alle Hände -rasten und der Handwerker,' der Arbeiter,- dev Angestellte und -sonst Unfreie hat an diesem Tage Zeit, sich ätt dem Glanze eines schönen Gottesdienstes zu erbauen. Aber gerade an diesen Tagen wird an den Pforten der Berliner Synagogen strenge Wacht gehalten.. - Wer hinein will, muß seine Eintrittskarte zeigen. Wer -diese nicht hat und auch zu einem reichlichen Trinkgelde an die Thürhüter nichts übrig hat, bleibt draußen, j Das ist nicht anderszu machen in einer Gemeinde, die wie die Berliner hunderttausend Seelen zählt,' aber über nicht viel mehr als 6000 Synagogenplätze verfügt. Aber wir meinen, all' die Wohlthätigkeitsanstalten, mit denen die Großgemeinde prangt, sind minderwerthig, wenn eine religiöse Gemeinschaft chren armen Genossen die erste Wohlthat, an einem öffentlichen Gottesdienste theilzunehmen, versagt und nicht zu leisten vermag. Am Sabbath-Vormittag freilich ist Platz genug vorhanden und die Herren Rabbiner, die in ihrem Gutachten gegen den Sonntagsgottesdienst von an Sabbath stets gefüllten Synagogen berichten, haben doch wohl mit gar zu wohlwollenden Augen ihr Publicum betrachtet, und zudem gibt es unter diesen Zuhörern so viele Fremde, die mehr von der Neugierde hingeführt worden sind; wie sollte auch das Gros der Berliner Gemeinde am Sonuabendvormittag Zeit finden, nach dem Tempel zu gehen, nur wenige sind freie Männer, die über ihre Zeit nach eigenem Belieben verfügen können. Die Jugend muß in die Schulen, die Handwerker in die Werkstatt, die Lehrlinge und Commis in die Geschäfte. Nachdem der Staat die Sonntagsruhe verschärft hat, geht es noch weniger an als ftüher, am Sabbath auszuruhen und sonach in jeder Woche zwei volle Tage zu rasten. Diese religiöse Noch der Massen geht vielen an's Herz und sie sinnen auf allerhand Mittel, zu helfen. Es ist eine Verleumdung der großen Menge, wenn gesagt wird, sie habe keine religiösen Bedürfnisse. In Wirklichkeit lebt in vielen Tausenden der Drang, sich zu erbauen, und sie verlieren nur dadurch dieses höhere Empfinden, daß ihnen die Thür zum Gotteshause vorder Nase zugeschlagen wird oder daß sie durch, die Unzulänglichkeit der Leistungen keine rechte Erbauung finden. Dies gilt besonders von den Veranstaltungen bei freudigen oder traurigen Familienereignissen. Auch, hier wird der Arme in der Großstadt karg abgespeist durch ein hergeleiertes Gebet, durch eine Formel, die ihm nichts für seine persönliche Empfindung bietet. Um imn die Vorzüge unseres Gottesdienstes einer größeren Schaar zu erschließen, sind mannigfache Vorschläge gemacht worden; zunächst wurde ein Sonntagsgottesdienst geplant. Wir haben freilich hier in Berlin ein abschreckendes Beispiel in dem Sonntagsgottesdienst der Reform, der meist nur von einigen Fremden unddem Beamtenpersonale besucht wird, aber das liegt daran, daß dieser Gottesdienst weder deutsch noch hebräisch, weder alt noch modern ist, so sehr er auch das Letztere zu sein vorgibt. Der Sonntagsgottesdienst, dem die Berliner Hauptsynagogen sich öffnen sollen, sollte, so nehmen wir an, ganz anders geartet sein und jedenfalls altjüdische Traditionen nicht verleugnen, freilich kann nicht verschwiegen werden, däß das Experiment bedenklich ist. Vom Standpunkte des Ritus' läßt sich gar nichts gegen ihn einwenden; nach dem Worte-der Schrift kommt Gott an jedem Orte zu uns, an welchem wir ihn anrufen; er kömmt aber auch zu jeder Zeit zu uns, in welcher wir uns zu seinen! Dienste vereinen. Das sollte schwer werden, aus' den alten Schriften das Verbot eines Sönntagsgottesdienstes zu eruiren. Aber es ist doch nicht wegzustreiten, daß für diesen Gottesdienst ganz neue Formen zu schaffen wären und daß neue religiöse Ftzrmen in unserer Zeit sich so leicht nicht einleben. Alle die allen Gebete, die ganze Structur des allen Gottesdienstes wäre für den Sonnlagvdrmrttäg nicht geeignet, darum ist es' schön zu verstehenwenn selbst ganz wohlmeinende Männer von diesem Experimente sich keinen rechten' Erfolg versprachen. Dagegen war es enr durchaus glücklicher Gedanke des Berliner Mörstandes, den Gottesdienst am Freitagabend durch Predigt und deutsche Gebete so auszUgestälten, daß' er eine größere Anziehungskraft ansüben könne, und ihn vor Mem auf eine spätere Abendstunde/ also aus eine Zeit zu. legen, die Bielen den Besuchermöglichte.- Schon durch das Herkommen ist der Gottesdienst» am Freitag-Abend - gesanglich reicher geschmückt als der am Sabbath-Vormittag. Es ist auch vielleicht kein Schade für die Andacht, daß die etwas langweilige Vorlesungdes hebräischen- Thoraabschnittesfür den Frettag-Abend wegfällt. Hier kann durch, die-Vorlesungeines deutschen Auszuges aus der