Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Bloch » Wochenlchrifl. „Juden, Protestanten und Jntelleetuelle." Der \ Leiter der „Revue des deux Mondes", der Sorbonne-Professor F. Brunetiere, welcher vor einigen Jahren auf einer Romfahrt zu der Wahrnehmung gelaugt ist, „daß die Wissenschaft bankerott gemacht hat," und unlängst, nach der Rückkehr von einer zweiten Reise nach der ewigen Stadt, erklärte, Frankreich müsse demüihig in den Schoß des Katholicismus zurückkehren, wenn es Frankreich bleiben wolle, verbreitet jetzt in jener Zeitschrift die Entdeckung, daß Juden und Protestanten und die der Welt so schädliche Intelligenz an dem Zustande schuld sind, die der Proceß Zola enthüllt hat. Indem „Nachdem Processe" überschriebenen Artikel sucht Brunetiere nachzuweisen, daß Frankreich seit dem Sturze der „moralischen Ordnung" und dem Siege der Republikaner die Beute der Juden, Protestanten und Freimaurer geworden sei, daß diese sich der Politik, der Verwaltung, der Schule bemächtigt haben und daß sie aus diesem Besitze wieder vertrieben werden müssen, wenn Frankreich nicht an ihnen zu Grunde gehen solle. Der Antisemitismus, das gibt er zu, sei im Grunde nur der Name für den lebhaften Wunsch, dieses Säuberungs- und Heilswerk zu vollbringen. Aber nicht nur die drei genannten Kategorien sind Brunetiere ein Greuel, sondern auch die „Jntellectuellen" kommen bei dem Professor an der ältesten Bildungsstätte Frankreichs und dem Leiter der Revue (mit großem R. geschrieben, wie Sarcey ironisch sagt), die seit Jahrzehnten ftir die vornehmste Veröffentlichung dieser Art gilt, schlecht weg. „Die Jntellectuellen", liest man im zweiten Märzhefte der „Revue des deux Mondes", haben Frankreich seit hundert Jahren erheblich geschadet." Brunetiere weist dies an dem Widerstande nach, den die Paläographen .unlängst den Behauptungen Bertillon's und anderer Schriftsachverständigen des Kriegsgerichts geleistet haben, und empfiehlt mehr Glauben, mehr Respect an Stelle der Selbstüberhebung der Jntellectuellen, von denen Frankreich seines Erachtens des Schlimmen noch viel zu gewärtigen hat. Mit dieser Epistel hat sich Brunetiere - selbst aus dem Kreise der Jntellectuellen ausgeschieden! Die Profefsorentaufen. Vor einiger Zeit machte, so wird uns erzählt, ein neuernannter jüdischer Professor dem Herrn Cultusminister Dr. Bosse die übliche Dankaufwartung. Bei der Verabschiedung sagte der Herr Cultusminister zu dem Beförderten: „Thun Sie mir den Gefallen, Herr Professor, taufen Sie sich nicht!" — Leider ist die Geschichte kein Witz, sondern Wahrheit, und was noch schlimmer ist: der Herr Cultusminister hatte allen Anlaß zu seiner Mahnung. Jüdische Soldaten. Die „Wiener-Zeitung" vom 30. März 1898 meldet in ihrem amtlichen Tbeile: Se. Majestät der Kaiser hat dem Infanteristen H e r s ch W a s s e r b l a t t, des Infanterie-Regiments von Braunmüller Nr. 5, in Anerkennung der mit eigener Lebensgefahr bewirkten Rettung zweier Kinder von dem Tode des Berbrennens das silberne Verdienstkreuz verliehen. Eine Frage. Bald wird es zwei Jahre, seitdem ich von meinem lieben Freunde Leopold Mandl, Kaufmann in Röhrenbach (Niederösterreich), der als Autodidact einen reichlichen Schatz von Wissen sich erworben und durch seinen Forschergeist aus dem tiefsten Schachte der Völkerkunde manch' edles Gestein bereits zu Tage gefördert hat, ein Schreiben empfangen habe, worin er in seiner tiefen und wahren Religiosität ein Thema anschlägt, welches vom pädagogischen Standpunkte von allgemeinem Interesse ist, für die Verbefferung und Veredlung unseres Volkes besonders große Bedeutung hat. Die in dem nachfolgenden Briefe aufgeworfene, an mich zunächst gerichtete Frage kann als Preisfrage gelten, welche zum Nachdenken anregt und allseitiger Erörterung und Besprechung würdig ist. Vorläufig, soll der Brief sammt einigen Antworten, welche seitens hochangesehener Rabbiner und Lehrer auf mein diesfälliges Ansuchen an mich eingelangt sind, in diesem Blatte reproducirt werden. Also, zunächst der Brief des Herrn L. Mandl: „Geehrter Herr Doctor! Ich fühle das Bedürfniß nach einem Meinungsaustausch über vorliegende peinliche Frage, und muß mich auch an Sie wenden, weil ich weiß, daß sie Ihrem wahrhaft israelitischen Herzen sehr nahe geht. Der Kernpunkt unserer Judenfrage liegt meines Erachtens in dem während der Herrschaft des Liberalismus eingetretenen Verfalle unserer Seite 249 moralischen Kräfte. — Der Liberalismus kann nichts dafür, die Schuldigen sind wir selbst. Ein politisch ohnmächtiges Volk kann die ihm geschenkte Freiheit nur dann für die Dauer behalten, wenn es in sich selbst frei ist, und das waren wir leider nie und hatten auch nicht das Bestreben, es zu werden, darum nimmt uns der knechtische Geist der Umgebung das Geschenk stückweise zurück. Die moralische Freiheit besteht, wie Herr Doctor wiffen, in einer tiefinnigen, geläuterten, den reinen Gottesbegriff und das edelste Menschthum umfassenden Religiosität; was ist zur Herbeiführung und Verallgemeinerung einer solchen geschehen? Hat man sich irgendwo nach großem Maßstabe bemüht, die Religiosität durch Redlichkeit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Anständigkeit zu erhalten? Oder hat man sich dort, wo noch Frömmigkeit vorhanden, ernstlich bemüht, selbe dem Geiste der Propheten und großen Weisen Israels gemäß zu gestalten? Weder das Eine noch das Andere. Und so blickt Alles mit Ehrfurcht zu den hohen Priestern des goldenen Kalbes empor, trägt man die Laster und Unarten aller Völker von Gegend zu Gegend, von Land zu Land durcheinander und steht, trotz des allumfassenden, moralischen Begriffes, den das inrr n birgt, mitunter noch tieser als jene, die das „Heilige Maria Mutter Gottes, bitt für uns", hersagen. Das ist wahrlich keine geringere Schmach, als es seinerzeit die Wegnahme der heiligen Bundeslade durch die Philister gewesen! Ja, mein Freund! Damals hat eine edle, mit dem Tode ringende Frau, den Tod des Mannes. Schwiegervaters und des Schwagers und der gräßlichen Geburtswehen vergessend, nur an den Verlust des Heiligsten gedacht; das schwer verletzte Ehrgefühl bäumte sich noch in den letzten Lebenszügen. Wo bleibt es heute, wie äußert es sich-? Darf es da Wunder nehmen, daß uns freche Verlogenheit ein solches überhaupt abzusprechen wagt? Ich bin überzeugt, daß gegen den Antisemitismus kein Mittel helfen kann, insolange die gesünderen Elemente unseres Volkes nicht, von einer ethisch-religiösen Bewegung ergriffen, moralisch ftei zu werden streben. Wollen Herr Doctor die Güte haben, mir mitzutheilen, welche Wege einzuschlagen und welche Mittel zu gebrauchen wären, um weite Schichten Israels diesbezüglich aus der Lethargie zu rütteln und für die heilige Sache zu gewinnen? Hoffend, daß Sie diese Frage nach jeder Richtung prüfen werden, zeichnet sich in größter Hochachtung Ihr Freund L. M a n d l." Die nächsten Nummern dieses geschätzten Wochenblattes werden die an mich eingegangenen Antworten bringen. Dr. Rieß Arzt in Auspitz. _^Berliner Brief. , „Die Wetterfahnen find sehr verlegen, sie wissen nicht wohin sie sich bewegen." Wird der conservative Hauch, der durch die Berliner Gemeinde weht, dauern oder wird der Wind Umschlagen und der liberale Gedanke auf's Neue zur Herrschaft gelangen? Es wäre doch so schön, wenn man das vorher wüßte und sich darauf einrichten könnte. Unter den obwaltenden Berhältniffen gibt es Biele, die vorsichtig nach rechts und links laviren und es mit keiner der beiden Parteien verderben möchten; denn man will ja auch noch nach den Herbstwahlen leben. Die Conservativen sind keineswegs zu unterschätzen. Es find das keine altmodischen, altftänkifchen Leute, sondern Männer von der gediegensten Bildung und hoher socialer Stellung. Der geh. Medicinalrath Senator ist ein fleißiger und prompter Besucher der Repräsentantenversammlung und eine Säule der Conservativen. Und der Mann ist in dem großen Berlin die erste Autorität für innere Medicin; ein ganzer Stab hervorragender Geister umgwt ihn in der Gemeindevertretung. Man kann doch diesen Leuten nicht vorwerfen, daß fie in der Cultur zurückgeblieben find. Was erweckt in diesen Männern die Sympathie für die alten jüdischen Institutionen? Zuvörderst find es Erinnerungen aus der Jugendzeit, die ja überhaupt in der Religion von