Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 13 (1.4.1898)
- Date
- 1898-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 13 Vr Nloch» MochrnschrM Gelte 245 mit dem Allerheiligsten, politischer Gaukler und Pharisäer. Auf solchem moralischen Boden ist es den Wüstlingen und Cynikern bei uns ungleich leichter als anderswo, sich als Stütze der Familie, des Staates und der Kirche, den Ausbeutern des Volkes, sich als dessen Vertheidiger und Schützer, und Jenen, die an philanthropischen Unternehmungen ein gutes Geschäft machen, sich als uninteressirte Wohlthäter der Menschheit hinzu« stellen. Dank dieser Menschenkategorie", sagt der Verfasser der Broschüre, „vollzog sich bei uns eine ganz merkwürdige Aenderung der üblichen Terminologie. So ist beispielsweise der Ausdruck „katholisch" oder „Christ" synonym mit der Bezeichnung eines Menschen von verdächtiger Moral, indem man Jeden, der gerecht und ehrlich unabhängig sein will, als einen „Juden" oder „ Judenknecht" ausschreit. Aus diesem Grunde muß das Beiwort: katholisch oder christlich, christlich-social, christlich-national und dergleichen, welches man dem Namen irgend eines Vereines und Instituts hinzufügt, sofort den Verdacht Hervorrufen, daß unter dieser falschen moralischen Fassion zweifellos irgend etwas Unreines sich versteckt. Das Product dieser falschen moralischen Fassion ist der wandernde gräfliche Antisemit, der im Vereine mit anderen Herren gleicher Couleur mannigfache christlich-sociale finanzielle Operationen empfiehlt, mit dem Gewichte seines gräflichen Namens das „christliche" Gewerbe zu stützen vorgibt und am Ende als gewöhnlicher Betrüger demaskirt wird. Professor Courtenay bespricht dann mit kaustischer Ironie den von hiesigen Stanczyken gegründeten Verein zur Herstellung billiger Wohnungen für katholische Arbeiter (mit Ausschluß von Socialisten), „der, abgesehen von der durch denselben documentirten Intoleranz und crassen Verleugnung der christlichen Nächstenliebe, durch das katholische Aushängeschild das Stigma der falschen moralischen Fassion an sich trägt, indem unter anderen pseudo-katholischen Gründern dieses lediglich auf materiellen Gewinn specnlirenden Vereines auch Czeslaw Cieszkowski, der berüchtigte Defraudant der Krakauer gegenseitigen Versicherungs-Gesellschaft, sich befand, der vielleicht an alle katholischen Dogmen glaubt, jedoch mit der Moral durchaus in keinem guten Einvernehmen lebte." „Ich bin bis jetzt in der Rolle des öffentlichen Anklägers ausgetreten. Ich war zwar nicht so naiv, „Die Bestrafung der Schuldigen" zu fordern, schon aus dem Grunde nicht, weil ich in ganz Galizien keine Richter finden würde, die moralisch berechtigt waren, ein solches Urtheil zu fällen, aber meine Ausführungen waren derart, daß ein galizischer Bürger, der mir halbwegs beigestimmt hat, die Hochachtung, welche er naturgemäß für sich selbst hegt, beträchtlich herabstimmen müßte. Ich will nunmehr versuchen, mich auf den Standpunkt des Vertheidigers zu stellen." „Tout comprendre c’est tout pardonner. Trachten wir also zunächst die Genesis der falschen Fassion und ihre Entstehnngsursachen zu begreifen!" „Bekanntlich sind Politiker und Diplomaten über die gewöhnlichen Vorschriften der Moral thurmhoch erhaben, und da ist zunächst die Thatsache beachtenswerth, daß es in Galizien von Staatsmännern und Politikern förmlich wimmelt, daß es geradezu das elastische Land für diese Menschenbrut ist." „Der „Uebermensch" darf tobten, stehlen, betrügen 2c. Zn dieser Kategorie der Uebermenschen (die meiner Ansicht nach moralisch vielmehr den Urmenschen oder Anthropoiden gleichzustellen wären) gehören auch die politischen Patrone der falschen Fassion." „In einer Gegend, wo der Aussatz zu Hause ist, gilt jeder nicht Aussätzige für physisch minderwerthig und zurückgeblieben. In der galizischen Atmosphäre, die mit dem Bacillus des moralischen Aussatzes reichlich geschwängert ist, darf man nicht ehrlich sein, wenn man nicht anders aus der socialen Gemeinschaft geächtet und verbannt sein will. Wo Alle zu Dieben und Betrügern werden müssen, dort hören Diebstahl und Betrug auf, als moralische Abweichungen zu gelten und werden zu Normen des öffentlichen Lebens." Was der Verfasser da erzählt und womit er die Entrüstung und den lodernden Zorn der herrschenden Clique entzündet hat, bildet längst ein „öffentliches G e h e i m n i ß", er aber ist doch der Erste, der es wagt, über diese „Geheimnis s e" öffentlich zu sprechen. „Die Herren von der großen Politik, „die Matadore" der ernsten Parteien, die mit dem Eigensinn und der Zähigkeit eines Papageis unaufhörlich dasselbe Lied von den „ungesunden Strömungen". „den Umstürzlern", „den gottlosen Büchern und Zeitschriften" ableiern, die Herren, welche gegen den Bacillus des Socialismus den Antisemitismus als Gegengift Vorschlägen, sind zweifellos mit dem gegenwärtigen Zustand der Dinge einverstanden." „Allerdings, Moral und Moral — die Begriffe können da zuweilen ziemlich weit auseinandergehen. Die Herren beschützen freilich auch eine Moral, eine Moral absonderlicher Art, die Eonvenienz- und Connivenzmoral, die Moral der „rechtlich Denkenden", die Moral derjenigen, welche systematisch gegen eine Elast'e von Burgern hetzen, die anderer Abstammung sind als wir. Diese Moral läßt sich allerdings mit der Praxis der „falschen Fassion" ohneweiters in Uebereinstimmung bringen." Mit beißender Ironie fügt er hinzu: Meine Herren! Ich begreife mir zu Wohl Eure Entrüstung und bedanre, durch meine Geschwätzigkeit zu ihr Anlaß gegeben zu haben, aber ich muß Euch doch bitten, mir wenigstens gewisse mildernde Umstände zuzuerkennen. Da ich nicht an moralischer Gernchsanästhesie erkrankt bin, so ist es für mich eine Qual, in einer moralisch verpesteten Atmosphäre zu leben, und man kann nicht von mir verlangen, daß ich diese Qual lautlos erdulde. Vom Jahrmarkt des Lebens. Das eommnnale Misttrücherl. Herrn L e h o f e r, unser tiefgefühltes, aufrichtiges „p. c.!" Wir condoliren. Der Mann thut uns aufrichtig leid. Das ist ein Pechvogel, mit dem man Mitleid haben m u ß. Ob man will oder nicht. Um was ist denn dieser commnnale Hans Huckebein schlimmer als feine Gasmesser-, seine Tramway-, seine Cobenzlcollegen. Daß man ihn gerade erwischt hat, daß eine der vielen, unendlich vielen Unrathbomben, welche die christlich-sociale Partei im Rathhaus aufgehäuft hat, zum Platzen gekommen ist! Du lieber Himmel! Lueger und Consorten tanzen zwar auf keinem Bulcan, aber diese christlich-socialen Irrlichter spielen auf einem übelriechenden, verpesteten Sumpf, auf dem Sumpf der „christlichen" Wiener Moral. Diese Sumpfpflanzen, die jetzt im Rathhaus wuchern, sind ein echtes, edles Gewächs des Wiener Bodens. Es muß mit aller Offenheit gesagt werden: Das wird diese Anserwählten ihren Wählern nicht entfremden. Im Gegentheil: Der große Erfolg des Wiener Antisemitismus basirt ja eben auf der sittlichen Wahlverwandtschaft, die zwischen dem Wähler Schalanter, vem innerlich geflickten „kleinen Mann", den Anzengruber so meisterhaft gezeichnet hat, und Lehofer, dem Erwählten, besteht. Das ist entweder Selbsttäuschung oder bewußte Täuschung Anderer, wenn wir zu hören bekommen, daß jetzt der Umschwung postwendend eintreten müsse. Ohne Widerhall wird dieses traurige „Wieder Einer!" verklingen. Schmerzlos wird der Misttrücherlheld Lehofer in jene antisemitische Walhalla eingeführt werden, in der die Helden Vergani und Schneider und Feichtinger ihre Ruhmesthaten preisen. Vivat sequens \ Obgleich wir eigentlich gar nicht neugierig sind. Es gibt noch viele, sehr viele Parteigänger des Dr. Lueger, deren Gesundheit die photographische Reproduction ihrer Briefe keineswegs verträgt.. Die christlich-sociale Herrschaft hat eine ganz specifische Art von Corruption zur Entfaltung gebracht. Die geschäftlichen Beziehungen der Gemeinde Wien werden dazu benützt, jene Parteigänger zu versorgen, die man nicht reichlich genug aus der Diütenkrippe nähren kann. Darüber, daß darin bereits eine schamlose Ausnützung zufälliger Macht gelegen ist, lassen sich aber die sauberen Rathhausherren kein graues Haar wachsen. Nur genügt der Mehrzahl von ihnen diese „legale" Anzapfung der Gemeinde nicht. Die Gemeindelieferanten werden, um Schiller zu citiren, zur butterspendenden Kuh. Daß die antisemitischen Häuptlinge dabei etwas, sogar sehr viel Butter auf den Kopf abbekommen, thut natürlich nichts zur Sache. Wer berufsmäßig sich alltäglich durch die Spalten des Deutschen Sudelblattes durchekeln muß, dem wird es aufgefallen sein, daß besonders die Armeelieferanten sich der controlirenden Fürsorge des Obligationenschätzers von Mühldorf erfreuen. Kaum ein Tag, wo nicht gegen Diesen oder Jenen Stellung genommen wird. Und diese Angriffe haben im Parlament Verstärkung erfahren durch die antisemitischen Volksvertreter. Die pikanten Details, die gegenwärtig über die Art und Weise in die Oeffentlichkeit dringen, wie communale Lieferungen dem Meistbietenden zugeschlagen werden, nämlich dem, welcher dem betreffenden antisemitischen Referenten am meisten bietet, werfen auf die antisemitischen Bestrebungen ein merkivürdiges Licht. Ist doch aus diesen Kreisen bereits die Anregung gegeben worden,