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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-01 · 13 (1.4.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
13 (1.4.1898)
Date
1898-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 244 Vr. Bloch'» WochrnschrttL Nr. 13 stand einer gerichtlichen Prüfung und die vom k. k. Wiener Landesgericht bestellten und in Eid genommenen christlichen Sachverständigen erklärten in Bezug auf diefe Soharstelle in Nr. 303 ihres Gutachtens: „Alle die schauerlichen Sachen, welche Prof. Rohling hier findet, sind Gebilde seines Geistes." „Auf solche Weise könnte man aus jedem Gesetz die obrigkeitliche Aufforderung zu einem Verbrechen herauslesen." Vergl. Dr. Josef Kopp „Zur Judenfrage", nach den Acten des Proceffes Rohling-Bloch, Seite 167 und 168. Das hahen die Urheber der literarischen Büberei wohl gewußt, denn die Schrift von Dr. Kopp befindet sich in Aller Hände. Auf Seite 35 wird nebst anderen gemeinen Lügen ebenfalls eine Soharstelle vorgeführt, daß im Himmel diejenigen geschmückt im Ehrenkleid Gottes sitzen, welche — die Christen ermorden. Gerade diese Soharstelle hat im Processe Rohling-Bloch eine Berühmtheit erlangt. Der Zeitgenosse Dante's, das ist der Verfasser des „Sohar", hat nämlich auch poetische Schilderungen von der Hölle und vom Paradiese, die in je sieben Abtheilungen zerfallen, entworfen. Nach „Sohar" I, 38 b sitzen in der vierten Abtheilung des Paradieses diejenigen, welche um Zion und Jerusalem trauerten und die zehn Märtyrer, wie R. Akiba zum Beispiel, welche nach Analogie der hebräischen Bezeichnung „harugS malchut" aramäisch aber nach talmudischer Form „ketule d'8cbaar ammim", d. h. die Erschlagenen durch die anderen Völker, genannt werden. Unser kabbalistischer Professor macht sich das Vergnügen „katole" anstatt ketul<£ zu lesen und die „Märtyrer" in „Mörder" zu verwandeln und zu behaupten, daß die jüdischen Christenmörder einen Ehrenplatz im Paradiese einnehmen. Bei dieser Gelegenheit ist August Rohling so freigebig, eine kleine Fälschung vorzunehmen und „dekatlii lischear ammim", d. h., „welche t ö d t e n die übrigen oder anderen Völker" für „ketale dischear ammim" d. h. „die Getödteten der übrigen oder anderen Völker" oder mit einem Worte die Märtyrer zu drucken. Diese köstlichen Fälschungen sind gerichtlich nachgewiesen. Die gerichtlich einvernommenen Sachverständigen sagen unter Nr. 299 ihres Gutachtens: „Es müßte von vornherein fast unmöglich erscheinen, daß irgend eine Ausgabe des Sohar das böte, was Herr Rohling gibt. Um jedoch jeden Zweifel in einer so wichtigen Sache abzuschneiden, haben wir uns durch Vermittlung des hohen Gerichtshofes die von Herrn Rohling nach seiner eigenen Aussage benützte Ausgabe Przemysl 1880 kommen lassen und müssen nun mit absoluter Bestimmtheit constatiren, daß Herr Rohling hier eigenmächtig geändert hat." „In Wirklichkeit handelt diese Stelle von der himmlischen Belohnung der Leidenden und „M ä r t y r e r" Israels, welche von den übrigen Völkern erschlagen worden sind. Schon die Erwähnung der zehn Großen, der gefeierten zehn Märtyrer, unter denen Akiba als der Allergefeiertste ausdrücklich genannt wird, genügte, das klar zu machen." Vergl. Kopp „Zur Judenfrage", nach den Acten des Processes Rohling-Bloch, Seite 172. Diese blutrünstige Schandschrift, Seite 34, lügt den bäuerlichen Lesern vor, daß jüdische Religionsvorschriften vorschreiben, die christlichen Fürsten zu ermorden, und citirt dafür Sohar 11, 19 a und Sohar I, 219 b. Selbstverständlich ist auch diefe Lüge von Rohling abgeschrieben. Die Ermordung ketzerischer Fürsten ist bekanntlich eine Lehre der Jesuitenmoral; niemals ist eine solche Anklage je gegen das Judenthum erhoben worden. Erst der Meineid-Canonicus hatte die Stirne, gegen uns eine solche Anklage zu schmieden, indem er sich auf Sohar II, 19 a berief. Was lieft man dort? Eine dem Talmud, dem Midrasch und dem Sohar geläufige Idee, daß jedes Volk seine Engelsfürsten, seinen himmlischen Schutzgeist hat, der es in seine Obhut nimmt und deffen Macht erst gebrochen werden muß, wenn sein Client oder das Volk, dessen himmlischer Patron er ist, besiegt werden soll! Die Idee an und für sich ist eine sinnreiche, sobald wir sie in unsere moderne Sprache übertragen. Denn sie will nichts anderes sagen, als daß der Genius oder der Dämon eines Volkes sein Schutzgeist ist und daß es verfällt, sobald dieser sein Genius schwindet. So könnte man z. B. schreiben, daß der Engelsfürst oder der Dämon der Magyaren die Liebe zur Frecheit und die Toleranz in religiösen Dingen ist, da sie dadurch Sympathien der gebildeten Völker und der besten Menschen sich erwerben, daß daher ihr Bestand gefährdet ist, sobald ihr Schutzgenius sie verläßt. Dieser Schutzengel einer Nation heißt in den hebräischen Schriften „8ar", d. h. „Herr". Rohling machte daraus einen „christlichen Fürsten" und die Besiegung des Dämons verwandelt er in einen F ü r st e nm o r d. Die christlichen Sachverständigen im Processe Rohling- Bloch haben diese Stelle unter Nr. 297 und 298 ihres Gutachtens übersetzt, und fügen hinzu: „Die Vorstellung von den Schutzpatronen der Regierung ist wieder vollkommen harmlos". Die Meinung, daß die Völker himmlische Patronen haben, kommt schon im Buche Daniel (10, 20 121), vor; Rohling konnte bei Eisenmenger sich Belehrung holen, der im ersten Bande S. 805—818 die Theorie von den geistigen Schutzpatronen der Völker umständlich entwickelt und sich dabei desselben hebräischen Wortes S a r bedient, welches Rohling im. Sohar als Bezeichnung weltlicher Fürsten auslegt. Vergl. Kopp, Zur Judenfrage nach den Acten des Processes Rohling-Bloch S. 170. Zeile für Zeile ist der gesammte Inhalt dieser literarischen Büberei wörtliche Entlehnung aus den Schriften des Prager Meineid-Canonicus, dessen Citate ohne Ausnahme als gefälscht, erlogen, entstellt gerichtlich nachgewiesen worden. Mit seltener Einstimmigkeit haben die Männer der Wissenschaft Rohling als Menschen gezeichnet, „für den es kein Gesetz der Sitte und der Sittlichkeit gibt", „der mit dem Heiligsten frevelhaftes Spiel treibt"; seine Methode des Talmudcitirens gebrandmarkt „als unqualificirbar dumm und schamlos", „eine Cloacke der Lüge und Gemeinheit" (Kopp S. 183). Das k. k. Wiener Landesgericht hat dieses Urtheil bestätigt. Dessenungeachtet wagt ein katholischer Priester, im Vertrauen darauf, daß die Zeitgenossen die Geschehnisse vor einem Jahrzehnt nicht hinreichend mehr im Gedächtniß haben, dieselben Citate neuerdings dem Publicum vorzulegen, als wäre nichts geschehen. Dieses Verfahren ist eine Ehrlosigkeit, es brandmarkt sich selber vor aller Welt. Zweifellos haben auf die „Abfassung" dieser Broschüre die Führer jener Partei Einfluß genommen, die sich auch sonst als Beschützer der leiblichen, geistigen und literarischen Prostitution bewährt haben. Der ordinäre Fusel der Judophobie soll das unglückliche Volk berauschen, daß es über seine wahren Bedrücker und Ausbeuter nicht zur klaren Besinnung und Vorstellung gelange. Eine Erklärung dafür, wie es möglich war, daß katholische Priester, daß Lehrer der Jugend aus Partei- und Glaubenshaß so abgrundtief sinken, bietet eine gleichzeitig erschienene Broschüre, welche die allgemeine moralische Depravation in den führenden Parteien in Galizien scharf und bitter geißelt. Verfasser dieser Streitschrift ist ein gelehrter polnischer Patriot, der Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft an der Krakauer Universität, Johann Bauduin de Courtenay, und seine allgemein großes Aufsehen erregenden Ausführungen unter dem Titel „Opportunistische Moral" oder „Falsche moralische Fassion" enthüllen schonungslos und mit beißender Satyre die in Galizien in socialer, politischer, volkswirthschaftlicher und nationaler Hinsicht herrschende wurmstichige Moral. Professor Courtenay, der früher an der Warschauer Universität lehrte, hebt im Eingänge seiner Broschüre unter den betrübenden Erscheinungen, die jeder ausländische polnische Patriot gleich im ersten Augenblicke seiner Ansässigmachung in Galizien wahrnimmt, zunächst die gleichsam zum Gewohnheitsrechte ausgebildete Unmoralität der falschen Hauszinssteuer-Fassion hervor, an welcher, wie er darlegt, wie nach stillschweigendem Übereinkommen auch sämmtliche, allen Classen und Ständen der galizischen Bevölkerung angehörenden Wohnungsmiether aus Opportunitätsgründen theilnehmen. In diesem Uebelstande liege gewissermaßen der unheilvolle „Bacillus", welcher die das sociale und politische Leben zersetzende Krankheit in Galizien mit ihren naturgemäßen Folgen der Falschheit, Heuchelei und der verlogenen Opportunität erzeugt. Professor Courtenay sagt in seiner Broschüre: „Die „falsche Fassion" bildet eine der Kategorien, einen der theoretischen Grundsätze der gesellschaftlichen Moral des freien Bürgers in Galizien; auf diesem bei uns mehr als irgendwo fruchtbaren Boden gedeiht jener Schwarm von Erscheinungen, die sich unter dem gemeinsamen Namen „Betrug und Lüge" vereinigen lassen. Mit einer derart präparirten öffentlichen Moral vereinigt sich vortrefflich die Moral der Carriere-Jäger, gewissenloser Schacherer

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