Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 233 Vr Vwch's WochrnschrMr-tr. 12 deutsch-israelitischen Gemeindebundes und endlich noch seitens der hiesigen „Gesellschaft der Freunde", der der Verstorbene 37 Jahre lang angehört hatte. Unter den Orgelklängen „Es ist bestimmt in Gottes Rath" wurde der Sarg, hiuausgetragen, um im Norden der Stadt auf dem israelitischen Friedhof beigesetzt zu werden. Dem Leichenwagen folgte eine große Wagenreihe. I. P. Hamburg. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt im überfüllten Schweizer Saal bei Sagebiel Herr Prediger Dr. D. Leimdörfer einen Vortrag über „Fahrende Schüler in der Geschichte Israels". Mit dem Citat Goethe's „Ein fahrender Scholast, der Kasus macht mich lachen" und der Beantwortung der Frage „Was ist ein fahrender Schüler" begann Redner seine Ausführungen. Ein fahrender Schüler ist die typische Figur aus dem gelehrten Leben des späteren Mittelalters. Halbwüchsige Burschen ziehen oft unter den größten Entbehrungen nach den lateinischen Schulen der großen Städte. Sie werden «Scolantici vagantes« genannt. Das Judenthum weist in allen Geschichtsepochen fahrende Schüler auf, schon in der Bibel nach Gründung der Prophetenschulen unter Samuel tauchen fahrende Schüler auf, die Propheten Jesaias, Jeremias und später auch Jona sind als fahrende Schüler bekannt. In der talmudischen Zeit sind zu nennen der Patriarch Gamliel ll., der viele Reifen unternahm, um sowohl dem politischen wie dem social-ethischen Niedergang nach der Zerstörung Jerusalems kraftvoll und energisch zu begegnen, und der berühmte Akiba, der später den Märtyrertod erleiden mußte. Später wurde die jüdische Wissenschaft durch fahrende Schüler nach Afrika, Spanien und Südfrankreich verpflanzt. Im Mittelalter finden sich zahlreiche wandernde Jünger der Wissenschaft, von denen insbesondere der Philosoph Abraham Ion Esra und der Geograph Benjamin von Tudela genannt seien. Während der Inquisition in Spanien wurden die Meister der Wissenschaft gezwungen, das Heimatland zu verlassen, um als fahrende Schüler das Licht des Wissens in ferne Länder zu tragen, darunter der spanische Finanzminister Don Isaak Abarbanel (1437—1509). Er ging nach Neapel, Sicilieu und später nach Venedig, lvo er starb. Ein Jahrhundert später taucht ein fahrender Schüler in Hamburg auf: „Joseph Salomo Delmedigo" aus Kandia, 1591—1665. Er war ein Schüler Galilei's, wanderte als Mediciner und Astronom nach Egypten, dann nach Polen, wo er Leibarzt des Fürsten Radziwill wurde, und später nach Hamburg, wo man ihn der Ketzerei anklagte. Dann zog er nach Frankfurt und zuletzt nach Prag, wo er starb. Zur Zeit der Humanisten lernen wir einen fahrenden Schüler kennen, den die Christen als ihren Lehrer im Hebräischen bezeichnen, „Elia Levita", der Lehrer Sebastian Münster's und Paul Fagiu's. Redner kam dann eingehend auf die Neuzeit zu sprechen, namentlich auf „Karl Emil Franzos", dessen Bortrag „Fahrende Schüler im Ghetto" bei allen Freunden guter Literatur geschätzt wird. Nachdem Redner noch ausführlich die von Karpeles begründeten 85 Literaturvereiue der Neuzeit besprochen hat, richtete er an die Anwesenden die Mahnung, die jüdische Literatur zu Pflegen und zu lernen. Die interessanten Ausführungen des Redners fanden allseitige Anerkennung und reichsten Beifall. Paris. (Die „j u d e n r e i n e" Pariser Börse.) In der Berathung über die Umgestaltung der Pariser Börseneinrichtungen, das heißt kurz gesagt über die Erwürgung der Coulisse, erzählte, wie wir der „Vossischen Zeitung" entnehmen, einer der Redner, der Abgeordnete Cremieux, eine Anekdote, die Helles Licht auf die eigentlichen Beweggründe dieses Feldzuges gegen die Coulisse wirft. Zur Zeit, als Herr Rouvier Finanzminister war, wünschte er, daß ein Mann, dem er wohlmollte, als Börsenmakler in Paris zugelassen werde. Das geschieht in der Weise, daß der Bewerber zunächst eine der sechzig Maklerstellen kauft (gegenwärtig beträgt der Preis zwischen 600.000 Francs und einer Million; es gab Zeiten, in denen für einzelne Stellen bis zu 27» Millionen gezahlt wurden), was er indeß nur thun kann, wenn die Körperschaft dies gestattet. Haben die Makler die Aufnahme des neuen Mitgliedes einstimmig oder doch mit Stimmenmehrheit beschlossen, so schlägt ihn der Syndikus der Körperschaft dem Finanzminister zur förmlichen Ernennung vor, die bisher noch nie versagt worden ist. Der Bewerber, den Herr Rouvier empfahl, war reich, makellos, geborener, nicht sstwa naturalisirter Franzose, aber — Jude. Daran scheiterte die Sache. Die Makler wollten keinen Juden unter sich dulden und wiesen den Bewerber trotz der Empfehlung des Finanzministers zurück. Herr Rouvier stellte den Syndikus zur Rede, und dieser entschuldigte die Abstimmung seiner Genosien damit, daß der Bewerber — kurzsichtig sei und im Börsensaale Abgeber von Käufern nicht würde unterscheiden können! Herr Rouvier bestand auf seinen Willen und forderte eine neue Abstimmung. Sie fand statt, und sein Schützling erhielt diesmal eine Stimme. Aber nach der Sitzung kamen ungefähr alle Makler zu Herrn Rouvier, und jeder vertraute ihm an, daß die eine Stimme für seinen Empfohlenen von ihm abgegeben worden sei. Das amtliche Börsenpersonal in Paris ist rein christlich und will es bleiben. Die einzigen Juden, die man in den Säulengängen und Sälen des griechischen Tempels am Börsenplätze antrifft, sind die freien Vermittler der Coulisse, und ihnen soll nun auch das Handwerk gelegt werden. Man sagt nicht ausdrücklich, daß man die Börse judenrein machen wolle; man begnügt sich damit, gegen die Coulisiiers als Ausländer zu hetzen, denn man urtheilt, daß das genüge, um die gewünschte feindliche Stimmung gegen sie zu erregen. Man sieht gewöhnlich Börsenleute und Juden als gleichbedeutend an. Paris bietet das Beispiel einer der ersten continentalen Börsen, vielleicht der ersten, dar, die grundsätzlich keinen Juden als amtlich bestellten Makler zuläßt. Das hat diese Börse nicht vor wilden Schwindelspeculationen gerade im Parkett, vor ungeheuren Zusammenbrüchen gerade in Parkettwerthen und vor Gaunereien der Maklerfirmen bewahrt, von denen eine der größten, die Firma Bex, erst vor wenigen Jahren unter besonders häßlichen Umständen in Trümmer ging. — So weit das citirte Blatt. Wir möchten hinzufügen, daß auch anderwärts ähnliche Wahr-» nehmungen zu machen sind. Wenn man einige Jahre zurück die Ernennung von Bankdirectoren verfolgt, so wird man finden, daß in recht auffälliger Weise die jüdischer. Namen sich vermindert haben. Wen hieran die Schuld trifft, brauchen wir nicht erst zu sagen. Ueberblicken die Juden die Folgen der antisemitischen Hetze, so werden sie in vielen Fällen sagen müffen: »Nostra culpa, nostra maxima culpa.« Petersburg. Eine Deputation von jüdischen Notabeln von einer Anzahl von Provinzgemeinden ist gegenwärtig in Petersburg. Die vom Rabbiner Hirsch Rabinowitz aus Kowno geführte Deputation sucht eine Audienz bei dem Minister des Innern nach, um demselben die bedrängte Lage der ruffischen Juden zu schildern. Ein zu diesem Zwecke zusammengestelltes, ausführliches Memorandum enthält eine große Anzahl von amtlichen Ziffern, die erst das richtige Bild geben von der kläglichen Situation, in der die russischen Juden auch beim ernstesten Willen, ihr Brot zu verdienen, untergehen müssen. Als eine allein durchgreifende Hilfe bezeichnet das Memorandum ein Einschreiten der Regierung in dem Sinne, daß den Juden das Land geöffnet wird und dieselben sich dem Ackerbau widmen dürfen. Der Minister des Innern, Graf Goremykin, hat seine Bereitwilligkeit erklärt, die Deputation zn empfangen und die Audienz wird in der nächsten Woche statlfinden. Auch bei dem Cultusminister Bagelyepoff wird die Deputation eine Audienz nachsuchen und um Aufhebung der Bestimmung bitten, wonach die Zahl der jüdischen Schüler in allen höheren Schulen auf einen bestimmten minimalen Percentsatz normirt ist. — Zur Erinnerung an den verstorbenen Zar Alexander HI. wird eine Medaille allen Lehrern verliehen, welche zur Regierungszeit des verstorbenen Zaren fungirt haben. Nur die jüdischen Lehrer erhalten nach neuester Bestimmung diese Medaille nicht. — Dieser Tage publicirte das Unterrichtsministerium den amtlichen Bericht über die Section für Unterricht auf der Ausstellung in Nischni-Nowgorod 1896. Ein besonderes Capitel ist dem Vereine für Verbreitung von Bildung unter den Juden gewidmet, welcher auf dieser Ausstellung einen eigenen Pavillon hatte. Der Bericht beschreibt in äußerst lobenden Ausdrücken die Thätigkeit der Gesellschaft, * welche mehr als eine halbe Million Rubel für die Unterstützung von jüdischen Studenten an den russischen Universitäten ausgegeben hat. Gegenwärtig beschäftigt sich die Gesellschaft besonders mit dem Elementarunterricht, der sehr im Argen liegt. Der Bericht constatirt, daß auf Anregung der Gesellschaft in einer Reihe von jüdischen Schulen Unterricht in der Landwirthschast ertheilt wird. London. Der 39. Jahresbericht des Board of Guardian ist erschienen, und er weist ebenso wie im vorigen Jahre eine kleine Besserung in der Lage der bedürftigen Juden des Ostends auf. Die Zahl Derjenigen, die sich um directe Unterstützungen an den Board gewendet haben, ist etwas kleiner geworden, dagegen ist die Zahl Derjenigen, welche Darlehen erhalten haben, um circa 300 gestiegen. Im Ganzen ist die materielle Lage der Juden