Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 12 Seite 231 Dr. BUntz'O MochrnschrM Partei auf der ganzen Lctlie. Unter 30 Cnltusräthen wurden 2 , vom fortschrittlichenCentralcomits aufgestellte Conservative gewählt. Krakau. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat wiederholt auf die traurige Lage der galizischen Juden hingewiesen. Wir entnehmen einer längeren Zuschrift unseres geschätzten Mitarbeiters, Herrn Arthur Eibenschütz in Krakau, über diese Frage nachstehende Bemerkung: Es ist nun eine wahrhaft „brennende" Frage: Was soll nun geschehen, um die jammervolle Lage dieser hungernden, gleich fleischlosen, schrecken- und mitleiderregendeu Schatten hinschleichenden 500.000 Juden — die von der Hoffnung auf die Wiederherstellung eines Jndenstaates, gleichviel durch welcheu „Messias" nicht leben können — zu verbessern? Und die Zustände in Galizien gestalten sich immer schlimmer! Hier beginnt der Antisemitismus viel gefährlichere Formen als in den civilisirten Ländern anzunehmen. Denn während derselbe in den anderen westeuropäischen Staaten, wo die Juden zumeist materiell gut situirt sind und größtentheils in Städten wohnen, sich mehr in socialer Hinsicht fühlbar macht, indem so manche jüdische Commerzienräthe, reiche Bankiers und viele andere jüdische Notabilitäten durch den Ausschluß aus der christlichen Gesellschaft sich hintangesetzt und gekränkt fühlen, droht die Judenhetze in Galizien — abgesehen von dem den hierländischen Juden jeden Erwerb raubenden „Boycott" — in jüngster Zeit durch jesuitische Agitationen eine unheilvolle, religiöse Gestalt anzunehmen! In dieser Beziehung hat eine dieser Tage von einem katholischen Geistlichen veröffentlichte, polnische Broschüre hier allgemein großes Anfsehen hervorgerufen, die unter dem Titel: „Die Geheimnisse der Juden", durch die bekannten gefälschten Citate ans dem Talmud, welche der judenfeindliche geistliche Verfaffer aus den berüchtigten Pasquillen eines Rohling. Deckert und gleich niedrig gesinnter Cumpane reproducirt, insbesondere aber durch ein langes Capitel über den „rituellen Mord", die christliche Bevölkerung gegen die Juden aufreizt. Dieses Pamphlet wurde hier und in den Dörfern massenhaft gratis verbreitet. Was Wunder, daß bei dem niedrigen Culturgrad der hierländischen unteren Volksschichten die traurigen Folgen dieser von clerical-an.tisemitischer Seite ins Werk gesetzten judenfeindlichen Agitation sich bereits nur zu sehr bemerkbar machen, wovon die am 11., 12. und 13. dieses Monates in Wieliczka stattgefundenen antisemitischen Excesse einen unleugbaren Beweis liefern! Erst nach Verbreitung von 5000 Exemplaren wurde diese lügnerische Schandschrift confiscirt. So ballen sich die schwarzen, gewitterschwangeren Wolken am trüben Horizonte der Juden in Galizien unheilverkündend immer dichter und umfangreicher zusammen; und von keiner hiezu berufenen Seite wird der kleinste Versuch zur Anwendung irgend eines Blitzableiters gemacht!! — In erster Linie ist es die Pflicht der Repräsentanzen der israelitischen Cultusgemeinden, die hierländischen Behörden gegen das die öffentliche Ruhe gefährdende, demagogische Treiben dieser gewissenlosen, aufwiegelnden antisemitischen Broschürenschreiber anzurufen. Andererseits ist es die höchste Zeit, daß die „Großen" in Israel, die durch die Stimmen der am Hungertuche nagenden jüdischen Wähler in Galizien Reichsraths- und Landtagsmandate erhielten, ernst eine Hilfsaction zur Verbesserung der trostlosen, materiellen Verhältnisse der hierländischen armen Juden eiuleiten sollen. Mögen sie die Mittel zu Colonisationen in hiezu geeigneten Ländern zu beschaffen streben, um auf diese Weise der hierländischen jüdischen Uebervölkerung und dadurch naturgemäß auch der gegenwärtigen unbeschreiblichen Hungersnoth in der jüdischen Bevölkerung einigermaßen abzuhelfen! Oder fürchten vielleicht unsere genannten „Großen", daß sie durch eine Auswanderung ihrer Wählerkünftighin ihre gedachten Mandate verlieren werden??-Arthur Eibenschütz. Krakau. Demnächst findet in Lemberg ein Gemeindetag der israelitischen Cultusgemeinden Galiziens statt, bei welchem die Lage der galizischen Cultusgemeinden, die in Folge des Gesetzes vom Jahre 1890 sich neugestaltet hat, besprochen werden soll und werden gemeinsame Schritte unternommen werden, um die Entwicklung unserer Cultusgemeinden zu fördern. Der Krakauer Cultusvorstand hat als Delegirte für diesen Gemeindetag den Präsidenten Dr. Leon Horowitz und den I. Vice-Präsidenten H. Hirsch-Landau gewählt. Unser neugewählter Cultusvorstand sowie auch die Sektionen, die auf Grund des neuen Statutes einen großen Wirkungskreis haben, haben sich constituirt. Zum Vorsitzenden der Jubilänms-Cvmmission wurden der Präsident der Cültnsgemeinde Dr. Leon Horowitz, zum Obmann der Spitals- und Wohlthätigkeits-Sectiou der I. Vice-Präsident der Cültnsgemeinde Hirsch Landau, zum Obmann der Finanzfection der II. Bice-Präsivent Max Ehrenpreis, zum Obmann der Schulsection Advocat Dr. Sigmund Klein, zum Obmann der Religionssection der I. Vice-Präsident Hirsch Landau gewählt. Kcaka«, 21. März. „Haben die Juden eine nationale Sprache?" lieber dieses interessante Thema sprach gestern Herr Redacteur I. S. Fuchs im hiesigen akademischen Verein „Haschachar" vor einem zahlreich versammelten Publicum, bestehend aus Damen und Herren. Redner wies nach, daß nur die hebräische Sprache unsere nationale ist und schildert in meisterhafter Weise den Entwicklungsgang derselben, seitdem sie aushörte, eine mündliche zu sein. Gegenwärtig entwickelt sich die hebräische Literatur zu einer modernen im buchstäblichen Sinne des Wortes. Hervorragende Schriftsteller, Dichter, Novellisten, Naturforscher, Geschichtsschreiber, Philosophen rc. gestalten die hebräische Sprache nach allen Richtungen aus. Es erscheinen gegenwärtig in hebräischer Sprache: 2 Tageszeitungen, 9 Wochenschriften, 3 Monatsschriften und verschiedene Jahrbücher. Auch eine vierteljährliche literarisch-wissenschaftliche Zeitschrift beginnt in diesem Monate hierorts unter der Redaction des Redners und des Herrn Doctor I. G ü n st i g zu erscheinen. In vielen Schulen in Palästina und auch an manchen Orten außerhalb Palästinas ist die Umgangssprache hebräisch. Redner schloß seinen voll der Versammlung mit Begeisterung aufgenommenen Bortrag mit einem herzlichen Appell an die Jugend, daß sie bestrebt sein möge, sich die Kenntniß der hebräischen Sprache auzueignen. An der darauf folgenden Discussion betheiligten sich die Herren Dr. Günstig, Lehrfreund, Schapira, Schönwetter u. v. A. G. B. Ber diente Abfertigung. In Stanislau wird jetzt ein Vorfall lebhaft besprochen, der in mehr als einer Beziehung der Beachtung weiterer Kreise werth ist. Das Chantanttheater in Stanislau war am Sonntag Abends gut besucht. Es war eine bunte Gesellschaft, Civil und Militär. Es waren etliche Dutzend Officiere anwesend, die, wie es schien, recht vergnügter Stimmung waren. Plötzlich sprang ein Uhlanenofficier, der sich bis dahin ruhig verhalten hatte, wie von einer Eingebung beseelt, aus und schrie mit Stentorstimme in den Saal: „Juden hinan s!" Alles schaute verdutzt auf, doch da der Officier diesen Ruf unter augenscheinlichen Drohungen wiederholte, erhob sich einer der Anwesenden nach dem anderen und verließ das Local. Es mochten auch etliche Arier gewesen sein, die sich entfernten, denn es blieb nur ein junger Mann aus dem Civil im Saale zurück. Der Uhlanenofficier ging auf ihn zu: „Haben Sie nicht gehört, daß alle Inden hinansgehen müssen, oder entschuldigen Sie, mein Herr, sind Sie vielleicht kein Jude?" — „Im Gegentheil, ich bin Jude und werde es bleiben". — „Dann hinaus, Jud!" replicirt der Officier in drohendem Ton. — „Herr Oberlieutenant, hier ist meine Karte." — „Was nützt mir der Wisch?" Der Officier nahm die Karte und warf sie verächtlich weg. — „Herr Oberlieutenant, benehmen Sie sich anständig, oder Sie kriegen zwei Ohrfeige n", sprach der Mann und haute ihm zwei tüchtige Ohrfeigen aus. Ein anderer Officier stürzte hinzu, aber mit einer außerordentlichen Behendigkeit versetzte-auch ihm der wackere junge Mann eine schallende Ohrfeige. Die ganze Scene trug sich rascher zu, als wir sie schildern. Die geohrfeigten und die anderen inzwischen herbeigeeilten Officiere zückten die Säbel. Schon hatte er zwei Hiebe auf Schulter und Arm erhalten, die glücklicherweise nicht gefährlich waren, weil die dicke Winterwäsche den Säbeln einigen Widerstand entgegensetzte. Er hatte eine Scheibe eingeschlagen und war durch's Fenster entkommen. Draußen gelang es ihm bald, sich den Verfolgern zu entzieheu. Am nächsten Tage begaben sich die geohrfeigten Officiere zum Stationscommandauten, um ihm pflichtschuldigst von dem Vorfälle, der inzwischen in der ganzen Stadt ruchbar geworden, Meldung zu erstatten, wobei sie aber von den eingesteckten Ohrfeigen kein Sterbenswörtchen sprachen. Dem Commandanten aber kamen die in der Stadt cursirenden Gerüchte zu Ohren; er schickte zu dem jungen Manne hin, um auch von dieser Seite die Darstellung des Sachverhaltes zu erfahren. Er machte kein Hehl daraus. Am selben Tage erhielt er von dem zweiten Officier, der nur mit einer Ohrfeige bedacht worden war, eine Forderung, die er acceptirt hätte, wenn nicht die eigenen Secundanten darauf bestanden wären, daß er ihm, dem geohrfeigten Officier, die Satissaction verweigern soll. Die Satisfactionsfrage wurde von den Vorgesetzten Officieren discutirt. Der Generalmajor Baron Kraus wandte sich tele--