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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Date
1898-03-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 Vr Vloch's MochrnschrM Sette 225 Berliner Brief. II. Die liberale Partei will durch die „Mittheilungen", die weniger Thatsächliches, aber eine ganze Reihe beachtenswerther literarischer Arbeiten bieten, den Wahlkampf einleiten. Richtig ist der Vorwurf, daß die Conservativen, als sie zur Macht gelangten, manchmal bei den unpassendsten Anlässen die Liberalen ihre Macht fühlen ließen, ohne der Sache, ohne auch nur ihrer eigenen Sache dadurch zu nützen. Da gehörte zum früheren Vorstande ein Herr Herrmann, ein hervorragender Jurist, der, früher Director eines großen Bankinstitutes, diese Stellung aufgegeben und sich ganz der Verwaltung der Gemeinde gewidmet hatte. Herrmann besaß vom Hause aus gediegene jüdische Kenntnisse, verkehrte in seiner Jugend viel bei seinem Oheim, dem verstorbenen Berliner Rabbiner, Jacob Joseph Oettinger, wie er denn überhaupt mit vielen Rabbinern verwandt oder verschwägert ist. Und Herrmann hat die religiösen Traditionen seiner Jugend nicht aufgegeben; so z. B. fand er sich jeden Sabbath nach dem Gottesdienst bei dem Rabbiner Dr. Ungerleider ein, um dort Kiddusch zu machen und einen religiösen Disput zu pflegen. Der begüterte Herr, der Junggeselle ist, fand in der Gemeinde ein ersehntes Arbeitsfeld und hat sich fast zwei Jahrzehnte in der Verwaltung bewährt, nicht zum wenigsten durch seine Versöhnlichkeit und durch seine Rücksicht auf conservative Neigungen. Und gerade er fiel dem Ansturm der neuen Mehrheit zum Opfer; seine Sünde war. daß er zum alten Regime gehörte; er wurde durch einen Mann ersetzt, gegen dessen Achtbarkeit nichts einzuwenden ist, der aber wohl selbst kaum weiß, wie er zur jüdischen Orthodoxie verschlagen worden ist. „Es rast der See und will sein Opfer haben". Aber so geschickt und glücklich die „Mittheilungen" in der Kritik der Gegner sind, so gern wir den vornehmen und milden Ton anerkennen, der in den meisten Aufsätzen vernommen wird, so können wir doch nicht leugnen, daß gerade in den wichtigsten Artikeln radicale Ansichten geäußert werden, deren Aussprache den Sieg der Liberalen gefährdet, denen wir auch den Sieg nicht wünschen möchten. Dies gilt vor Allem von einem Aufsatz „Das Gebet in der Muttersprache, religions-geschichtliche Studie von einem deutschen (?) Theologen". Schon in dieser Aufschrift wird das Wort „deutsch" in einer ganz unnöthigen Weise betont. Bei einer religionsgeschichtlichen Studie kommt es darauf an, ob der Verfasser ein jüdischer, ein katholischer, ein protestantischer Theologe ist; was aber soll hier die Betonung des „Deutschthums" des Herrn Autors? Soll es vielleicht eine mittelbare Desavouirung seines Judenthums bedeuten? Mit diesem übertriebenen Hervorheben des Nationalen wird ja allerorts jetzt viel Unfug getrieben. Offenbar sollen in diesem Aufsatze Meinungen der extremen Reform eingeschmuggelt werden. Die These des „deutschen Theologen" lautet: „Soll die Einführung der Muttersprache in den Gottesdienst überhaupt Sinn und Werth haben, dann dürfen nicht Gelegenheitsgebete, nein, dann müssen gerade die Hauptgebete — das Schema, die Schemone esreh, die Thoravorlesung — in der Muttersprache vorgetragen werden, damit die hebräische Sprache nur aus Pietätsrücksichten für die minderwichtigen Gebetstücke beizubehalten." Der liberale Verein verwahrt sich zwar dagegen, daß er die in den Aufsätzen geäußerten Ansichten zu vertreten habe, aber solche Aufsätze und solche Ansichten können doch unmöglich als „Meinung eines Einzelnen" passiren; hier kommt das eigentliche Object dieser religiösen Kämpfe in Frage. Wenn der Autor all die alten rabbinischen Autoritäten citirt, so gilt hierbei der Satz: zum Bösewicht spricht er: „wie kommt er dazu, von meinen Satzungen zu reden." Ihm hätte es sicherlich keine Kopfschmerzen gemacht, wenn der Talmud und die Decisoren die hebräische Sprache als alleinige Gebetsprache proclamirt hätten, sich trotzdem dagegen zu erklären. Selbst die Berliner Reform hat das Princip des deutschen Theologen: „Für wichtige Gebete die Muttersprache, für minderwichtige das Hebräische", nicht acceptirt, sondern auch bei ihrem Gottesdienst gipfelt die Andacht in einigen wenigen Kernsprüchen des alten Ritus. Was sollen die gelehrten Citate bezwecken? Sollen sie den Tausenden von jüdischen Berliner Hausvätern, denen der Talmud ein Buch mit sieben Siegeln ist,'Sand in die Augen streuen? Diesen Zweck werden sie wahrscheinlich erreichen; aber in der Sache ist mit dieser wohlfeilen Weisheit gar nichts gewonnen; wie sollte der Talmud, der doch im Wesentlichen ein Werk freien Geistes ist, zu der verbohrten Ansicht kommen, nur das hebräische Gebet habe vor Gott einen Werth? Wie sollte der Gott, der nach dem Talmud „das Herz verlangt", sich Worten verschließen, die aus dem Herzen kommen, mögen sie nun in welcher Sprache immer ertönen! Aber der „deutsche Theologe" läßt sich durch seinen Citatenberg den Ausblick auf die einfachsten Wahrheiten versperren und ist radicaler als je eine jüdische Gemeinschaft sich gezeigt hat. Wer will die Muttersprache aus dem jüdischen Tempel weisen? In Deutschland eigentlich Niemand. Die Predigt soll deutsch sein; auch alle Gebete, die wir für das Vaterland, für unser und unserer Mitbürger bürgerliches Wohl anstimmen, sollen deutsch sein; auch die Gebete, die auf unsere persönlichen Schicksale sich beziehen in Freud und Leid, also alle Casualgebete, werden uns in der Muttersprache am tiefsten bewegen; selbst die speciell jüdischen religiösen Gedanken ertragen eine deutsche Prägung und gewinnen dadurch leichter Eingang. Aber die Centren unserer öffentlichen Andacht sollen unverrückbar hebräisch bleiben; dafür hat selbst die Berliner Reform ein wenn auch schwaches Verständniß; und der „deutsche Theologe", der es so ganz vergessen hat, daß seine Theologie jüdisch ist, will das Hebräische in die Peripherie weisen und will mit dieser Weisheit Berlin erobern; das wird timt schwer werden und der liberale Verein, der solchen Radicalismus kaum im Ernste anstrebt, sollte sich mit dem Manne nicht compromittiren. Das hebräische Gebet ist das einigende Banner für das über die Erde zerstreute Israel. Schma Jisroel ist etwas ganz Anderes als Höre Israel, denn Schma ist das Wort, das von jedem Juden verstanden wird. Der „deutsche Theologe" soll sich auch nicht lächerlich machen mit der Angst, daß das hebräische Gebet nicht verstanden wird; die paar hebräischen Grundgebete, um die zu verstehen, braucht man noch kein Gelehrter zu sein, und diese Kenntniß wird in jeder Religionsschule und nahezu bei jedem Schüler erzielt. Der Herr ruft die Steine zu Zeugen, daß Jahrhunderte hindurch die Juden am Mittelmeere nicht hebräisch gebetet haben; denn so viele Denkmäler der Juden haben nur griechische und lateinische Inschriften; erst später kommen die hebräischen Inschriften. Aber was beweist dies für die Sprache des Gottesdienstes? Auch die Inschriften auf unseren Friedhöfen sind in vielen Gemeinden ausschließlich deutsch, und zwar aus dem Grunde, weil sie dem interconfessionellen Verständiß offen sein sollen, und dennoch werden die Gebete hebräisch recitirt. Ueberdies ist die Vergangenheit nicht immer ein Vorbild, sie ist auch manchmal eine Mahnung. Der „deutsche Theologe" kann sich mit dem Ausdruck der „heiligen Sprache" nicht befreunden; schlau sagt er, „nur der Inhalt sei heilig, nicht die Sprache". Als wollte Jemand behaupten, es würde ein unreiner Gedanke dadurch heilig, daß man ihn hebräisch ausspricht. In Wirklichkeit läßt sich Wort und Inhalt nicht so leicht trennen; eine Sprache, in der unsere heiligsten Wahrheiten und Gefühle ausgesprochen find, die seit Jahrtausenden die Sprache der innigsten Gebete und der erhabensten Prophetie ist, ja die durch ihre Structur und ihren steten Gebrauch für Religion sich wie keine andere zum Ausdruck des Heiligen eignet, ist selbst eine heilige, und es ist leere Splitterrichterei, ihr diesen Charakter zu bestreiten. Der ganze Aufsatz ist durchwegs unwahr; schon die orthodoxe Maske, als wolle sich der Autor vor Autoritäten beugen, von denen er sich längst emancipirt hat,. wird als eine Störung empfunden. Wie anmuthig und wahr ist dagegen die Spende, mit der uns ein wirklicher Reformjude, der aber auch sein Reformjudenthum frei bekennt, mit der Georg Minden dies Heft bereichert, die Erwägung z. B., daß ein Prediger selten oder fast nie erfährt, wie die Gemeinde über seine Predigten urtheilt und daß ihm dadurch ein wichtiger Antrieb verloren geht, sich fortzubilden, hat wohl schon manchem Prediger, dem es mit seinem Berufe ernst ist, Sorge bereitet, und es ist gut, daß Minden darüber die Debatte eröffnet, wie dem Nebel gesteuert werden kann. Wir begegnen auch dem Vortrage Vögelstein's gegen den Zionismus; er spricht in wärmeren Tönen von Zion, als man nach dem westphälischen Gebetbuche hätte schließen sollen. Im Allgemeinen sind die Aufsätze geeignet, den Streit der Parteien zu mildern, die Gegensätze zu versöhnen. Und das ist jedenfalls ein liberales und ein religiöses Werk.

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