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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Date
1898-03-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 334 Vr. Bloch'» WochrnlchrM. Rr. 12 parlamentarischen Körperschaften schutzlos preisgegeben ist? Ich muß das zur Geltung bringen, denn der Antisemitismus ist ein Symptom des Niederganges nicht ltur des Individuums, sondern des großen öffentlichen Lebens, und Handel und Industrie können sich nicht ftei entfalten dort, wo solche Sumpfpflanzen wuchern. Ich weiß, ich bin als Spinner nicht ganz sachlich gewesen, aber die von mir erhobenen Beschwerden drücken auf das ganze Geschästsleben. Ich habe Verhältnisse berührt, die wahr, sehr ernst sind und alle Beachtung der Regierung verdienen. (Lebhafter Beifall Md Bravo-Rufe.) Herr Professor Dr. Schöpf, Consistorialrath in Salzburg, stellt den „Mittheilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" in Berlin nachstehenden Auszug aus dem Briefe eines Wiener Freundes, welchen derselbe aus Amsterdam dieser Tage an chn gerichtet hat, zur Verfügung: „Die angenehmen Tage, welche ich bei Ihnen auf meiner Hierherreise verlebt habe, erwecken in mir den lebhaften Wunsch, auch schriftlich mit Ihnen zu verkehren. So sehr ich mich nach siebenwöchentlicher Abwesenheit nach unserem lieben Oesterreich und Wien wieder zurücksehne, so — ich schäme mich, es einzugestehen — zittere ich vor dem Momente der Rückkehr. Habe ich doch durch volle sieben Wochen hier im Lande der religiösen Toleranz nicht ein Wort von Antisemitismus gehört. Habe ich es doch hier erfahren, wie werkthätig und mit welch' edlem Eifer Christen und Juden sich der unglücklichen Opfer russischer Barbarei aunehmen. Züge edelster Menschenliebe habe ich vor mir. Man begreift hier das asiatische Rußland, den uncivilisirten Barbareustaat, aber unser liebes Oesterreich, das versteht m«n nicht und das eme wie das andere hat durch die unglückselige antisemitische Bewegung unendlich eingebüßt an Achtung, an seinem Prestige und ist auch materiell außerordentlich geschädigt. Nicht einen Holländer habe ich gesprochen, der den Wunsch geäußert hätte, nach Oesterreich zu kommen. Ich mochte sagen, was ich wollte, ich mochte mich noch so sehr bemühen, die Bedeutung des Antisemitismus bei uns herabzudrücken, zu erklären, daß die Sache nur eine Dummheit von ein Paar Eseln sei — es half alles nichts. Die Art, wie sich gerade in jüngster Zeit die saubere Clique im Gemeinderath hervorgewagt.- hat Alles verdorben. Gott beffers! dies wünsche ich um meiner Landsleute, um unseres Wien, überhaupt unseres Oesterreichs willen. Aber man möchte schier verzweifeln, wenn man sieht, daß die Leute selbst durch allen Schaden noch immer nicht klug geworden sind." Das Erfordernist des Taufscheines. Bor uns liegt ein Inserat aus der liberalen „Linzer Tagespost". In demselben schreibt der Bürgermeister der oberösterreichischen Landeshauptstadt, Herr Franz Poche, die Stelle eines Schlachthof-Berwalters und eines Stellvertreters für denselben aus. Gefordert wird nebst dem Nachweise der „deutschen Nationalität" noch die Vorlage des Taufscheines. Seit der berühmten Ausschreibung der Hallstätter Salinenarztes- Stelle durch den „liberalen" Finanzminister Dr. v. P len er ist die Verletzung confeffioneller Gleichberechtigung namentlich seitens der autonomen deutschen Gemeinden und Landesverwaltungen zu einer von Niemandem behinderten Gewohnheit geworden. Der Grundsatz, daß die Zugänglichkeit der öffentlichen Aemter nicht von Confeffion oder Natwnalität abhänge, wird mit einer Dreistigkeit außer Kraft gesetzt, die sich nur durch die passive Ermunterung seitens der Staatsbehörden erklären läßt. Das staatliche Auffichtsrecht über die autonomen Körperschaften wird damit zu einer todten Formel. Die Gesetze werden gebeugt, verfaffungsmäßige Rechte aufgehoben, ohne daß sich irgendwer darum bekümmert. So ist denn der erstbeste Gevatter Schneider oder Handschuhmacher in einer kleinen Stadtgemeinde stärker als die österreichische Bersaffung. Und angesichts solcher Zustände wundert man sich dann, daß der ganze verfassungsmäßige Apparat versagt, daß die Autorität der Regierung geschwächt und jeder christlich-sociale oder deutsch-nationale Phrasenheld mächtiger ist, als das beschworene und feierlich verkündete Gesetz. Trotz alledem aber redet man sich noch allerwärts ein, daß wir in einem Rechtsstaate leben. Malversationen im Batican. Rom, 18. März. Nach einer Meldung der „Italic" ist im Batican eine g r o ß e S c a n d a l g e s ch i ch t e aufgüommen, deren Vertuschung versucht wird. Ein hochgestellter Cavalier ist aus dem Batican nach Korfu entflohen, nachdem er für eine Million 800.000 Francs Malversa t i o n e n ausgeführt hat. Die Nonnen von Prati di Castello erscheinen um 800.000 Lire geschädigt. Ein Caplan als Schwindler. Man schreibt aus Udine: „Der Caplan von Cesana, Don Roberto Biesotti, ist plötzlich verschwunden, nachdem er in seiner Gemeinde 94.000 Lire an Wechselschulden zurückgelassen hatte. Die Teufelsinsel. Im „Globe" schildert Mr. John Munro einen Besuch, den er vor einiger Zeit den Jles du Salut abstattete, auf deren einer Alfred Dreyfus jetzt in Gewahrsam ist: „Die Jles du Salut sind drei kleine, felsige Inseln, etwa 10 Meilen vom Festland und 30 Meilen nordwestlich von Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-Guyana. Sie waren als die Teufelsinsel bis zum Jahre 1763 bekannt, wo Tausende von französischen Emigranten, durch schmeichelhafte Versprechungen nach den tropischen Sumpfdickichten der benachbarten Küste von Coron gelockt, an der Pest und am Fieber starben und die übrigen ihr Leben dadurch retteten, daß sie nach den Inseln hinüber fuhren. Diese, ehemals an der Wasserseite mit üppiger Vegetation versehen, sind jetzt kahle, vulcanische Felsen ohne Wachsthum, bis auf einige Cacaobohnenpalmen, Mangofruchtbäume, Unkraut und Buschwerk. Sie bilden eine der wichtigsten Verbrecherstationen der Colonie, und es wäre schwer, einen sichereren Platz zu finden. Die Insel Ile Royale ist die Hauptniederlassung, und auf dem einen ihrer beiden Hügel befinden sich die Baracken der Mannschaft, die'Wohnungen der Ofsiciere und das Haus des Commandanten, während die andere von dem weitläufigen Gefängniß überragt ist, dem fast ebenso großen Spital für die Kranken, der römisch-katholischen Capelle und dem Hause des Caplans. In der Vertiefung zwischen den Hügeln schützt eine mit Zinnen versehene Mauer die schlafenden Soldaten vor Ueberraschung. In der That ist die ganze Insel eine Festung. Die hinsichtlich der Größe nächstfolgende Insel, Ile Joseph, hat auf dem höchsten Punkt nur einige Zellen für Irrsinnige und Reconvalescenten, und die Teufelsinsel, welche den ursprünglichen Namen der Gruppe beibehalten hat, ist eine bloße Untiefe von Gestein, Sand und Kies, fast eine englische Meile von den andern entfernt und von den Stürmen der See umtobt. Bon der Ile Joseph kann man die Teufelsinsel sehen, die der versengenden Gluth der äquatorialen Sonne ausgesetzt ist und heute kann man die Gestalt ihres einsamen Gefangenen mit seinem weißen Gewand von den Wächtern unterscheiden, die ihm wie ein Schatten auf Schritt und Tritt folgen. Er wohnt in einer kleinen hölzernen Hütte, die für ihn neben dem Quartier seiner Wächter gebaut wurde, welche bei Tag alle 4 Stunden abgelöst werden. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang steht es ihm frei, auf seinem Felsen herum zu gehen, aber die Wächter dürfen ihn keinen Augenblick aus dem Auge lassen und dürfen unter keinerlei Verwand mit ihm sprechen. Bei Nacht schläft er in einer Zelle, vor deren Thür eine bewaffnete Schildwache sich befindet. Nach dem Ausspruch des Herrn Gafton Calmette verfluchen sogar seine Gefangenwärter ihr Los und einer von ihnen ist irrsinnig geworden. Dreyfus wird auf seine eigene Kosten mit Nahrungs- und Genußmitteln versehen. Er darf lesen und schreiben, aber seine Briefe werden von den Vorgesetzten geprüft. Er versuchte einen kleinen Garten anzulegen, aber es wollte nichts auf dem dürren Boden wachsen. Er raucht und liest viel, ißt und trinkt wenig, geht lange herum und schläft ziemlich gut; aber das unnatürliche Leben hat ihn zu einem Greis gemacht. Sein Haar ist weiß, seine Gesichtsfarbe fahl, sein Schritt unsicher. Kein Wunder: Das Einzige, was er sieht, ist der schlammige. Ocean, die anstoßenden Inseln und ihre Gefängnisse, der ferne Wald von Koron und hie und da ein dunkler Hügel, der sich wie eine Regenwolke am Horizont erhebt. Seine einzige Aussicht ist ein langsames Hinsiechen und dann — die Haifische. Er betheuert seine Unschuld, aber wie unschuldig einer auch sein mag, ist es nicht leicht, einem solchen Schicksal Stand zu halten und in einem so tödtlichen Klima. Seine edle Gattin richtete jetzt wieder ein Gesuch an das Ministerium, man möge ihr gestatten, behufs Pflege sein Los zu theilen, aber die französische Regierung thuts noch der unmenschlichen russischen zuvor — sie gestattet es nicht!

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