Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 12 (25.3.1898)
- Date
- 1898-03-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12 Vr. Vloch» WochrnfttzrM Teile 223 „Die Frommen unter den Völkern der Welt haben- Theil am ewigen Leben." Das ist der echte Ausdruck der Nächsten" liebe, und nach diesem Ausdruck sollte alle Nächstenliebe streben. Seligkeit ist der religiöse Ausdruck der sittlichen Gleichberechtigung. Ohne Anerkennung der Seligkeit unter allen Glaubensformen, sofern sie Frömmigkeit, das ist Sittlichkeit, zur Wirkung und zum Zeugniß haben, fehlt die Gleichberechtigung und mit ihr die Achtung. Ohne die Achtung aber ist die Liebe ein schwankes Steuerruder. Die Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit der Nächstenliebe aus dem Grundbegriffe von Gott als Vater bezeugt sich in der Ablösung des Begriffes des „Chassid", des i n t e rconfessionellen Frommen, von den Schranken der Glaubensfrommen, und demzufolge in der A b l ösung des Begriffes der Seligkeit von dem Begriffe des Glaubensbundes. Die zweite Consequenz aus dem israelitischen Gebote der Nächstenliebe ist politischer Art und sie enthält einen Begriff, der in dieser politisch-rechtlichen Bestimmtheit eine Eigenthümlichkeit des jüdischen Geistes darstellt. Es ist der Begriff des N o a h i d e n, des Sohnes Noahs. Während im classischen Alterthum Staats- und Rechtsverfassung auf der socialen Grundlage des Opfercultus und der Opfergemeinschaft ruhte, hat sich im talmudischen Judenthum der Begriff entwickelt, daß nicht nur der Jsraelite an der Verwaltung von Staat und Recht theilzunehmen berufen sei, sondern auch der Noahide als gleichwerthiges Glied des Staatswes ens anerkannt werden müsse. Diese politische Abnormität gegen alle sonstigen politischen Anschauungen wurzelt tief in den israelitischen Anschauungen, die sich sogar in dem Opferwesen Geltung verschafft haben. Der Fremde, der aus fernem Lande kommt, soll nicht nur im salomonischen Tempel beten dürfen, Gott möge ihn erhören, sondern er durfte auch Opfer darbringen. Der Noahide ist der Vertreter der Lehre, daß die Verbindung der Menschen zu einem sittlichen Staatsverbande nicht die confessionelle Gleichförmigkeit zur Voraussetzung hat, sondern daß dieAnerkenn u ng und die Annahme der natürlichen Moral dazu die hinreichende Bedingung sei. Der Engländer John Salbury hat im 17. Jahrhundert sein großes Werk über sein „Natur- und Völkerrecht nach der Lehre der Hebräer" auf diesem Grundbegriffe der Noahiden aufgebaut und nach deren sieben Vorschriften seine Capitel eingetheilt. Auch Hugo Grotius erwähnt diesen wichtigen Begriff. Seitdem scheint er in der Literatur des Naturrechtes verschwunden zu sein. Der „Chassid", der Vertreterder Sittlichkeit unter den verschiedenen Religionen, er ist niemals und nirgends bekannt geworden, er wäre auch, wenn seine Spur aufgetaucht wäre, ein unverständlicher Fremdling geblieben. Und wie es mit diesen Ausläufern der israelitischen Gottesidee ergangen ist, nicht viel anders steht es um die Würdigung dieser selbst, insbesondere um die Schätzung ihres Werthes in der jetzigen Zeit. .Wir mußten es erleben, daß bei der Verhandlung über das Volksschulgesetz im preußischen Parlamente von einem, uns sonst allem Anscheine nach wohlgesinnten Manne das Wort ausgesprochen werden konnte: „Christenthum oder Atheismus!" Also der Theismus des Judenthums war für diesen Staatsmann nicht vorhanden, er brauchte das Judenthum wohl nur für die Frage der Goldwährung zu kennen. (Heiterkeit.) (Schluß folgt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Gefahr in Verzug. Am nächsten Montag schreitet der erste Wahlkörper zur Urne, um die Neuwahl eines vollen Drittheiles der Gemeindevertretung vorzunehmen. Kühn gemacht durch ihre bisherigen Erfolge im zweiten und dritten Wahlkörper, will die antisemitische Partei nunmehr dem Freisinne auch dieses letzte und stärkste Bollwerk streitig machen. Und es besteht thatsächlich die Gefahr, daß es den Christlich-Socialen gelingt, den Liberalen noch eine Anzahl von Mandaten im Wahlkörper der Höchstbesteuerten zu entreißen. Sie haben ja schlau genug vorgearbeitet, diese angeblichen „Retter des kleinen Mannes", indem sie fast ausschließlich für die Interessen der Hausherren, der Wirthe und Fleischhauer sorgten. Es thut dringend noth, daß am Wahltage jeder einzelne fortschrittliche Wähler seine Pflicht thue, und wir richten an unsere Glaubensgenossen die eindringliche Mahnung, Mann für Mann an der Urne zu erscheinen und mit aller Kraft sich für den Sieg der freisinnigen Candidaten einzusetzen. Die Zeit der gemüthlichen Sorglosigkeit, mit der man sonst die Wahl im ersten Wahlkörper behandelte, ist längst vorüber. Die Entscheidung kann selbst in den bisher als sicher geltenden Bezirken von wenigen Stimmen abhängen. Darum nochmals: Mann für Mann an die Urne! Zur zionistischen Bewegang. Die hebräische Zeitschrift „Hamagid" in Krakau bringt in Nummer 11 vom 17. März eine telegraphische Mittheilung ihres Correspondenten aus Jaffa mit folgendem Wortlaut: „In dieser Woche kam aus Constantinopel die behördliche Anweisung, das Verbot der Einwanderung der Juden nach Palästina mit der größten Strenge zu handhaben. Näheres brieflich". Die hebräische Zeitschrift „Hamagid" wird von einem der eifrigsten und tüchtigsten Parteiführer der Zionisten geleitet, an eine Mystification, an eine tendenziöse Falschmeldung ist somit nicht zu denken. Die Befürchtung aller patriotischen Männer, daß die lärmende judenstaatliche Agitation die jahrelangen Bestrebungen zur Colonisation Palästinas durch die Juden ernstlich gefährden werde, zeigt sich leider als allzu begründet und hat die traurigste Bestätigung erfahren. Eine Warnung vor der Fortsetzung der fruchtlosen und schädlichen judenstaatlichen Propaganda enthält auch die Schrift - „Der Zionismus" von Dr. Mendel Hirsch, Director der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. Mainz Joh. Wirth'sche Hof-Buchdruckerei A.-G. 1898. Der Verfasser ist einer der gelehrtesten und geistvollsten Wortführer der jüdischen Orthodoxie in Deutschland und er stimmt in dieser Frage vollständig überein mit den Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. H. B o g e l st e i n in Stettin: „ Gegen den Zionismus" in den „Mittheilungen des liberalen Vereines für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu B e r l i n Nummer 2 und 3, Februar 1898." Eine dritte Publication bildet die Schrift: „Die Zionisteufrage". Von Maximilian Stein, Berlin 1898. Verlag von Siegftied Cronbach. Die Schrift enthält im Wesentlichen den Inhalt eines Vortrages, den der Verfasser in der Bnai-Brith- Loge zu Berlin gehalten und der die ungetheilte Zustimmung gefunden hat. Realschuldirector Hirsch in Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin und der Kaufmann Maximilian Stein in Berlin gehen in ihren politischen und religiösen Ansichten weit auseinander, vereinigen sich aber zu einer scharfen Abweisung der judenstaatlichen Propaganda und befürworten gleichzeitig die eifrigste Unterstützung der humanitären Colonisationsbestrebungen in Palästina. Leider scheinen diese Bestrebungen durch den Uebereifer des politischen Zionismus eine schwere Gefährdung zu erfahren. Der Niedergang unserer Industrie. (Enqußte bei der Prager Handelskammer.) In Fortsetzung der Berathungen kamen die Experten der Textilindustrie zu Worte, von welchen Landtagsabgeordneter und Kammerrath Herr Alex. Richter über einige Ursachen, welche den Niedergang der österreichischen Industrie herbeiführten, sich äußerte: Ich will noch eines Störenftiedes gedenken, unter welchem unser Handel und Verkehr und unmittelbar auch unsere Industrie leidet. Ich will hier Niemanden anklagen oder in Schutz nehmen, sondern nur etwas zum Ausdruck bringen, d. i. der nationale und sociale Unfrieden, der in unserer Monarchie herrscht und unter dem unsere Monarchie mehr leidet als irgend ein Staat in Europa. Unter dem Schlagworte: „Kaust nicht bei Deutschen!", „Kaust nicht bei Czechen oder „Kaust nicht bei Juden!" ist ein ordentlicher Geschäftsverkehr nicht möglich. Die dümmsten Schlagworte finden ja gläubige Anhänger, wie z. B. die künstliche Schaffung der Nothwendigkeit Md die Möglichkeit des Bestandes einer nationalen Industrie. KaM man heute eine Unternehmungslust und einen gedeihlichen Verkehr im Reiche erwarten, wenn ein so reicher, tüchtiger und intelligenter Theil unseres HMdels- und Jndustriestandes, wie es die Juden find, den gemeinsten Beschimpfungen und Verfolgungen auf der Gaffe wie in den