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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-25 · 12 (25.3.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
12 (25.3.1898)
Date
1898-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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■BWrMISäBMTMBaa fj l Klette 222 und ihren Religionsquellen sein, der unsere Zeit zu einer so trüben und so sorgenvollen macht. (Lebhafter Beifall.) Die Aufgabe, das Judenthum als Weltanschauung zu betrachten, ist daher folgende: Sie macht frei von dem Interesse an konfessioneller Polemik. Hier ist der Boden, auf dem jede Religion beweisen kann, was siefürdie Idee der sittlichen Welt lei st et; Wissenschaftlichscharfi st keineswegs einerlei mitder Schroffheit des Affectes. Weltanschauung fordert und fördert weltgeschichtlichen Sinn und weltgeschichtliches Herz. Wenn wir nun, weine Verehrten, eine Behandlung dieser Aufgabe hier versuchen dürfen, so kennen wir jetzt den Zusammenhang der Aufgabe mit den Zwecken eines politischen Vereines, eines politischen Volksvereines, und es bleibt nur die Bcsorgniß, daß nicht all' die vielverzweigten Beziehungen zur Beleuchtung gelangen können, welche die Religion des Judenthums mit den politischen Fragen verknüpfen. Der Begriff der Weltreligion ist keineswegs abhängig von der Anzahl ihrer jeweiligen Bekenner, sondern von dem Gehalte, von dem fortzeugenden Leben ihrer Ideen. Der Begriff der Weltreligion ist bedingt durch den Begriff der Weltanschauung, und daß unsere Religion im ewigen Fortschritte der Weltgeschichte als Weltanschauung eine lebendige Kraft ist, — auf diesem geschichts-philosophischen Berständniß muß der Glaube an die Ewigkeit der Ideen beruhen! Daß unsere Erhaltung als Religion dem Weltbesten dient und zum Fortschritte der Menschheit erforderlich oder auch nur nützlich sei, dieses geschichtliche Berständniß ist bei unseren Freunden sehr reservirt und sehr spärlich vorhanden. Es ist unter uns nur wenig bekannt und es erscheint uns kaum glaublich, aber es ist dennoch buchstäblich eine Thatsache, daß man unseren Fortbestand gar nicht als den einer Religion und unserer Religion anerkennt, sondern lediglich als den einer Race, als welche man unseren Stamm zu bezeichnen beliebt. Am traurigsten aber ist es, daß unter uns selbst die Erkenntniß und die in ihr gegründete Begeisterung für die Weltanschauung unserer Religiom in der Verwirrung des Zeitalters schwach und unsicher geworden und vielfach überhaupt verloren gegangen ist. Der Sinn für Religion hat in diesen Zeitläuften überhaupt außerhalb der Steife, die damit Politik betreiben, sehr abgenommen. Bei den Juden mußte dies sich stärker fühlbar machen, gerade weil die Emancipation eintrat, oder wenigstens proclamirt wurde und in mäßigen Dosen anfing, eine gnadenweise Wirklichkeit zu werden. Die Folgen waren unausbleiblich. Das Judeuthum hat iu dem neuen geistigen und wissenschaftlichen Dienste, der sich ihm erschloß, beträchtlich an Kraft eingebüßt und dnrch das Seltenerwerden der Männer mit weiter geistiger Perspective ist natürlich auch der Muth seltener geworden, der uns die g e s ch i ch tliche Bedeutung unseres Glaubens vor die Seele führt. Ich darf hier den Namen eines Mannes nennen, dessen kriegerische Feder wir in diesen Zeiten schwer vermissen mußten: Abraham Geiger hatte den Glauben und den Muth, die Weltreligion des Judenthums zu predigen, die weltgeschichtlicheBedeutung des Judenthums der Zukunft. Durch eine allgemeine literarische Thatsache läßt sich dieser Niedergang in dem Selbstbewußtsein unseres Glaubens erweisen. Seit mehr als 50 Jahren ist keine Dogmatik unserer Religion geschrieben worden. Im Jahre 1841 erschien „Der religiöse Geist" von Formstecher in Offenbach, 1842 die „Religionsphilosophie der Juden für Theologen aller Confeffionen" von Samuel Hirsch in der alten Mendelssohnstadt Dessau. Man hat sich mit der unwissenschaftlichen Vorspiegelung getröstet, das Judenthum habe keine Dogmen, seine Glaubensartikel waren somit zu antiquarischem Werth herabgesetzt und zurückgedrängt. Man sollte wissen, daß jede Wissenschaft eine Dogmatik hat, sofern sie ein System bildet, jede Wissenschaft, geschweige denn eine Religion. Es ist ja nur mangelhafte Bildung, wenn man unter dem Dogma schlechterdings nur einen der Vernunft widersprechenden Glaubenssatz versteht. Indem man so die Dogmatik des Judenthums vernachlässigte, also den Lebensquell versiegen ließ, der im Mittelalter selbst das Judenthum modern erhielt und es zum Lehrer christlicher Theologen machte; indem man den Zusammenhang zwischen dem religiösen Judenthum und der Weltweisheit lockerte und löste, war man so naiv, zu meinen, durch eine nüchterne, dürftige Moral eine Glaubens¬ Nr. 12 lehre ersetzen zu können und so präsentirte man eine Sammlung von sittlichen Sprüchen und moralischen Vorschriften, die uns vielleicht gegen eine bösartige Volksversammlung vertheidigen könnten, die aber nicht den Grund enthalten können für eine lebendige Religion, die stets der Ausdruck einer Weltanschauung sein muß. Unser Hauptstreben in dieser unserer bedrängten Zeitlage muß daher vor Allem dahin sich richten, daß wir Klarheit erlangen und Klarheit verbreiten über die Weltanschauung des Judenthums, über das lebendige Glaubenssystem des Judenthums. Die erste, die Grundidee, ist die des übersinnlichen Gottes. In der Uebersinnlichkeit liegt der Grund und die Gewähr eines Gottes. Diese übersinnliche Welt ist der Weltbegriff des Judenthums, des „Olam", den Gott den Menschen ins Herz gegeben. Gott ist der Grund diese rübersinnlichen Welt, der übersinnliche Gott; weil er übersinnlich ist, darum ist er einzig, kann er einzig sein, denn alles Sinnliche ist der Zahl unterworfen; alles Sinnliche, zumal alles Menschliche wird darum von ihm abgewehrt. Nur als Geist soll er zu denken sein und nur im Geiste wird das Verhältniß zwischen Mensch und Gott aufrechterhalten. In dieser Einschränkung auf den Geist lebt das Bild, das Gleichniß von Gott als Vater. Er ist als Vater der Grund der sittlichen Welt und die Glieder der sittlichen Welt, die Menschen sind seine Kinder, alle Menschen ohne Ausnahme. Er ist „der Gott der Geister und allen Fleisches". Es ist daher eine schlichte logische CousequenzderEinzigkeitGottes, als des Grundes der sittlichen Welt, daßdasGebvtderNäch st enliebe derMittelpunktunseresGlaubens wurde, werden mußte. „Wie er barmherzig ist, so sei auch Du barmherzig!" Die Nächstenliebe muß unbeschränkt gedacht werden, unbeschränkt durch irgend welche, wie immer wichtige Rücksichten. Keine Glaubensforderung wird als Bedingung dieser Forderung anerkannt oder auch nur gedacht. Gott ist aller Menschen Vater, auch wenn der Mensch ihn nicht als solchen anerkennt. Nicht durch den Glauben an ihn, geschweige durch den Glauben einer anderen, mit diesem Glauben verknüpften Bedingung erwirkt der Mensch die Kindschaft Gottes, sondern diese ist die logische Folge, an welcher das Verhalten der Menschen nichts ändern kann. So wird das Gebot der Näch st enliebehier wahrhaft. weites demGottesbegriffe folgt. Wenn es dagegen aus dem Begriffe des Menschen hergenommen wird, so kann es, so muß es zweideutig ' werden, weil es bei den Menschen sich auf einen zweideutigen Begriff bezieht, auf den Affect der Liebe, dessen Stufenleiter bekanntlich eine vielsproßige und abschüssige ist. Bon der Liebe Gottes allein sagt Faust selbst, daß, „wenn sie sich regt, beschwichtigt sind nun alle Triebe und alles ungestüme Thun." Der Begriff d e r L i e b e in der Nächstenliebe ist keineswegs ein sicherer Leitbegriff. Man kann die dogmatischen Systeme darnach mustern, welchen Werth sie auf die Liebe legen, aber auch die Zeitalter lassen sich auf die Religiosität dahin prüfen, wie weit sie die Liebe im Munde führen. Nicht darauf kommt, es an, die Forderung der Nächstenliebe aufzustellen, sondern darauf, die Bedingungen im Zusammenhänge und vor Allem im Grunde der Glaubenslehre herzurichten, welche die Nächstenliebe möglich machen. Ein genauerer Wegweiser als die Liebe ist die Ach t u n g. Die Liebe macht unwillkürlich Unterschiede, wenigstens im Grade; Achtung setztGleichheit voraus. DieGleichheit der Menschen folgt aus der Einzigkeit Gottes. Wären die Menschen nicht gleich, so wäre nicht Ein Gott, sondern die verschiedenen Menschen hätten verschiedene Götter, und sie hatten sie und haben sie. Die Einzigkeit Gottes hat den Begriff der Gleichheit der Menschen zur Entdeckung gebracht, und auf der Gleichheit der Menschen beruht die Liebe, wie die Lehre M o s i s sie versteht: „L i e b e ihn"; richtiger „sei ihm Freund, er i st D i r g l e i ch". (Lebhafter Beifall.) Dieser logische Zusammenhang der Nächstenliebe mit der israelitischen Gottidee läßt sich in zwei Consequenzen erkennen, welche die talmudische Entwicklung dieses Gebotes gezeitigt hat. Die Eine ist rein religiöser Natur; sie ist der religiöse Ausdruck, so des Grundes, wie der Wirkungen der Liebe; das ist dieSeligkeit, der Antheilamewigen Leben. In unseren religiösen Büchern, die in unseren Religionsschulen eingeführt sind, wird den Kindern der Satz des Talmud eingeprägt Vr. Vlortz's Wochenschrift «

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