Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 216 Dr. Vwitz » MochenptzrM Nr. 11 wohl der Mann, welchem sie ihr geliebtes Kind, wie ihr treues Herz Cornelien nannte, gern anvertrauen würde! Wahrlich, sie hätte an keines anderen Mannes Seite Cornelien lieber ziehen sehen, in der frohen Zuversicht sie in seinen starken Armen, an seinem edlen Herzen geborgen zu wissen; und sie betete daß Gott Alles zu glücklichem Ende für die ihr so theuren Menschen lenken möge! Der Professor war mittlerweile des Wartens müde und ungeduldig geworden. Di.e Rolle des müßigen Zuschauers sagte seinem lebhaften Naturell wenig zu und er hatte Mühe, seinen Drang zu zügeln, handelnd in die Wendung, die das Leben des Freundes nehmen sollte, einzugreifen; glücklicherweise rief ihn das Ende der Ferien heim, während Dr. Seefeld, dessen Urlaub etwas reichlicher bemessen war. noch einige Tage länger in dem reizenden Taunusbade, an welches ihn jetzt so unwiderstehlich feste Bande knüpften, zu bleiben gedachte. Cornelie hatte versprochen, noch einmal in einem Concerte zum Besten der Wohlthätigkeitsanstalten Wiesbadens zu singen; der Profesior blieb noch, um der Gunst nicht verlustig zu gehen, sie begleiten zu können, und da Professor Joachim, welcher auch in Wiesbaden weilte, bereitwilligst seine Zaubergeige in den Dienst der guten Sache stellte, sah das Publicum dem auserlesensten musikalischen Genüsse entgegen. Der prachtvolle große Concertsaal des Curhauses war trotz der draußen herrschenden Augusthitze, welche den Aufenthalt in der durch das Flammenmeer, der ihn erhellenden Lusters noch erhöhten Temperatur nicht gerade angenehm machte, bis auf den letzten Platz in allen seinen Räumen dicht gefüllt und in Anbetracht des wohlthätigen Zweckes zeigte die Casse fast nur Goldstücke, verhieß den Armen reiche Ernte! Cornelie erschien in einem Kleide von zart lichtblauer Seide, dos reiche Haar hoch aufgesteckt, nur von einer einzigen weißen Rose geziert und entfaltete in dieser einfachen kleidsamen Toilette all den bezaubernden, mehr sinnigen als blendenden Liebreiz, mit dem Mutter Natur sie so verschwenderisch bedacht hatte. Ein lautes „Ah" der Bewunderung, welches ebenso sehr ihrer anmuthsvotten Erscheinung als ihrem bescheidenen Auftreten galt, ging durch die Reihen der Anwesenden, als Cornelie am Arm des Profeffors den Saal durchschritt und das Podium betrat. Bon der Erinnerung an den denkwürdigen Abend ihrer ersten Begegnung beherrscht, von dem Wunsche beseelt, denselben Dr. Seefeld besonders lebhaft ins Gedächtniß zurückzurufen, hatte sie auch heute Agathens Gebet zum Vortrage gewählt. Mit der Hand die Augen beschattend, fühlte er, den süßen innigen Tönen, die den rosigen Mädchenlippen entströmten, lauschend, sich allerdings unr Jahre zurückversetzt. Und doch, um wie viel reicher erschien ihm die Gegenwart! Damals fing er kaum an, von dem auf ihm lastenden Drucke der Vergangenheit, der unglücklichen Ehe sich zu befreien, heute winkte ihm ein hohes Glück, eine sonnige Zukunft, kein Trugbild, nicht in nebelhafter Ferne, sondern bald greifbare Form und Gestalt gewinnend. Dem Publicum schieu der Concertsaal zum Gotteshause verwandelt; eine weihevolle Stimmung hatte auch hier wie einst in Frau Bergheim's Salon die Gemüther ergriffen; als der letzte Ton des Gebetes verklungen war, pries jeder Mnnb Cornelien als eine echte, hochbegnadete Sängerin, welche die Herzen ihrer Zuhörer zu rühren, zu erheben wußte. Der Beifall, welcher in Folge der tiefen Bewegung der Anwesenden einen Moment zurückgedämmt wurde, brach sich dann umso rauschender Bahn, und als Cornelie zum Dank Franz Schubert's ewig junges „Ständchen" sang, erdröhnte der Saal von dem jubelnden Tosen der Menge, in welches selbst Meister Joachim lebhaft einstimmte. Der Abend gestaltete sich zu einer glanzvollen Ovation für Cornelie; die jugendliche Tochter des Curdirectors überreichte chr ein Bouquet von Veilchen und Rosen, sie hatte Mühe, sich den Danksagungen und Beifallsbezeigungen der zahlreichen Personen, welche sich ihr nach Schluß des Concertes vorstellen ließen, zu entziehen. Am andern Tage reiste Professor Heller ab; Dr. Seefeld, welcher ihn jetzt doch nur als Störenfried betrachten konnte, ließ ihn leichten Herzens ziehen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Vor uns liegt eine kürzlich erschienene Schrift des rühmlichst bekannten Dr. Lippe in Jassy, Rabbinisch-wissenschaftliche Vorträge (Drohobycz 1897. Selbstverlag des Verfassers.) Nebst einem hebräischen Anhang. Verfasser, der seit mehr als 40 Jahren als vielgesuchter und geschätzter Arzt thätig ist und sich auch im Uebrigen in Folge seines warmherzigen Wirkens im Dienste des Judeuthums und der Humanität eines klangvollen Namens erfreut, hat außer seinem ärztlichen Berufe zu seiner Lebensaufgabe die Pflege der jüdischen Literatur erwählt. Der jüdischen Literatur gehört die schriftstellerische Thätigkeit Dr. Lippe's und für sein fruchtreiches Schaffen auf diesem Gebiete legt eine ansehnliche Reihe gehaltvoller Werke Zeugiß ab. Vorliegende neueste Arbeit Lkppe's enthält eine Sammlung von Vorträgen, die sich zum größten Theile mit agadischen Forschungen beschäftigen. Dem weitverbreiteten Vorurtheil, daß die Schöpfer des Talmuds ihren ganzen Scharfsinn auf Haarspaltereien verschwendet hätten, und den verlogenen Angriffen der Feind e Israels gegen den intellektuellen und moralischen Werth unserer nationalen Traditionen will der Verfasser in diesen Borträgen die Spitze abbrechen. Zu solchem Behufe wird versucht, an der Hand agadischer Stellen nachzuweisen. daß unsere Vorfahren schon vor Jahrtausenden echter wissenschaftlicher Forschung obgelegen sind. Daß die Durchführung dieser Aufgabe oft mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen hat, das ist ja schon in dem verhältnißmäßigen Mangel an Vorarbeiten begründet. Denn im Gegensatz zu der hochentwickelten Pflege der Halacha ist die Agada bekanntlich fast immer das Stiefkind der Talmudgelehrten gewesen. Außerdem liegen große Hindernisse für wissenschaftliche Behandlung in der aphoristischen Beschaffenheit des agadischen Stoffes selber. Um so größeres Lob gebührt dem Verfasser, da ihm die Lösung seiner schwierigen Aufgabe vielfach in geradezu überraschender Weise gelungen ist. Hier müssen wir uns darauf beschränken, für die geistreiche Behandlung, welche Dr. Lippe seinem Gegenstände angedeihen läßt, einige Beispiele aus der Fülle des Gebotenen herauszugreifen. Es liegt in der Natur der Sache, daß vor Allem der gediegene Kenner der ärztlichen und damit verwandten Naturwissenschaften, der zugleich ein hervorragender Talmudforscher ist, zu seinem Rechte kommt. Lippe weist nach, daß die alten Rabbinen mittelst ihrer Methode peinlicher Beobachtung und dialektischer Specnlation oft zu überraschenden physiologischen, pathologischen und hygienischen Resultaten gelangten, deren Richtigkeit das moderne Experiment bestätigt. Besondere Hervorhebung verdient u. A. die einsichtsvolle Motivirung des rabbinischen Grundsatzes psarsv snp ’ana ba ö'vn ns (S. 37—38), sowie die scharfsinnigen Erklärungen der drei Berachoth 6 a befindlichen Ausdrücke np'tw, (Anhang S. 110 bis 112). An der Hand des Passus in Bereschit Rabba naba ibid njn abu’n?pra mi tt p-nani nab^a napn (n-nsa) na wird nachgewiesen, daß Rabbi Samuel bar Nachman ein Vertreter der modernen Hypothese von der Emanation des Lichtes gewesen sein muß (S. 10). Wenn Hillel die rundlichen Augenspalten der Palmyrener in der sandigen und die breiten Füße der Afrikaner in der sumpfigen Beschaffenheit ihrer Gegend begründet erklärt, (Schabb. 31 a) so ist unverkennbar, daß ihm eine Ahnung vom Darwinschen Adaptionsgesetz aufgegangen war (S. 43). Der Verfasser, der nicht blos Arzt und Naturforscher sondern auch ein tüchtiger Kenner der Philosophie ist, findet bei den alten Rabbinen bereits verschiedene Grundtheorien der philosophischen Systeme der Neuzeit, wenigstens andeutungsweise, ausgesprochen. Wer wollte ihm nicht beistimmen, wenn er (S. 46) in der tiefsinnigen Rabbastelle abwbinaipa sm]*in 'ns mpa nsn anan nai die spinozistische Jmmanenztheorie im Keime und in den Worten des Morgengebetes rwpts Tön av baa laitsa annan n'twna die leibnizische creation continnee unmittelbar dargelegt sieht. (S. 47). Ausgeschlossen ist es wohl auch nicht, daß Spinoza, der ^-ude, durch den (S. 49) angeführten Sifri-Pasius den Anstoß zu seinem Amor dei intellectualis erhalten hat und der Bar Kappara'sche Ausdruck aaabi jsaa das Kant'sche Ding an sich bedeutet. (S. 8).