Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 908 Nr 11 Vr. »Untz'O WochrnschrM und daß er sich in ihrem Interesse — allerdings schließlich erfolglos — an die Gemahlin des Kurfürsten von Sachsen (die schon einmal in seinem Hause gewohnt hatte), an einige römische Cardinäle und andere hohe Persönlichkeiten wandte. Ueber „Judenthum, Toleranz und Münzprägungen" sprach Herr Dr. Merzbacher im „Verein für jüdische Geschichte und LÜeratur" zu Münch eit. Man würde, so begann Redner, über die Benennung seines Themas verwundert den Kopf geschüttelt haben, da es nicht auf den ersten Blick einleuchte, welche Beziehmigen die geprägte Münze, die etwas sehr C-oncretes und Reales sei, zur Toleranz, eurem rein idealen Begriffe, haben könne. Und doch sei dem so: In den Münzprägungen verschiedener Länder und verschiedener Zeiten fand der hohe oder geringe Grad von Toleranz, der den Juden gegenüber geübt wurde, oftmals in markanter Weise Ausdruck. Die Toleranz, die die Juden, als sie noch ein selbstständiges Reich bildeten, anderen Bekenntnissen gegenüber übten, bekunde sich, wie im Gesammtleben, so auch hinsichtlich ihrer Münzprägungen; nur gegen Götzendienst und Unsittlichkeit verhielten sie sich streng abweisend. Daß sie bei der Entgegennahme von Tempelspenden fremde Münzen, welche, vielfach griechischen Ursprungs, an Stelle des Wappens das Bild des localen Schutzheiligen zeigten, -'nicht zurückgewiesen hätten, habe seinen Grund kaum in dem tn Geldsachen ja viel angewandten »Non ölet«; wahrscheinlich sei, daß die in den Tempelschatz geflossenen fremden Münzen nicht griechischer, sondern persischer Prägung gewesen seien, auf denen keinerlei Anspielungen auf Götzendienst zu finden waren. Jüdische Münzprägungen begannen zur ersten Zeit der Makkabäer. Kein Fürst dieses Hauses wählte hierbei Typen, welche irgend einer Religion gegenüber Anstoß erregen konnten; die Münzen zeigten keinerlei bildliche Darstellung, sondern nur Blumen, Kelche rc. Solange Judäa von Rom noch nicht ganz niedergeworfen, sondern zu demselben nur in einem Abhängigkeitsverhältniß war. übten die Römer gegen die Juden Rücksicht, indem nichts, was dieselben verletzen oder demüthigen konnte, auf römischen Münzen zum Ausdruck kam. Im Allgemeinen ward ja bei den römischen Münzprägungen viel Kaiser-Cultus getrieben, was jedoch für die Provinzen, wo Juden wohnten, vermieden wurde. (Herodes allerdings ließ in Provinzen, welche die Juden zum großen Theile bereits verlassen hatten, Münzen mit Sinnbildern, wie Adlernrc., prägen). Sobald jedoch die Juden völlig besiegt waren, hörte auch jede Rücksichtnahme der Römer auf, man wählte vielmehr mit Vorliebe gerade Münzbilder, welche die Juden zu kränken geeignet waren, wie z B. solche, welche die Freude über die Eroberung Jerusalems recht deutlich darstellen. Als unter Bar Kochba Judäa sich gegen Rom empörte und vorübergehend Erfolge erzielte, ließ Bar Kochba die römischen Denare, die auf dem Revers das Bild des Kaisers darstellten, umprägen und an Stelle des Kaiser-Bildes sein eigenes treten. Wie bekannt, wurde deshalb von unseren alten Weisen der Gebrauch dieser Münzen verboten. Der Aufstand unter Bar Kochba ward von den Römern bekanntlich bald niedergeworfen, und nun begann eine Periode, in der unsere Altvordern in keiner Hinsicht Schonung erfuhren, selbstredend auch nicht bezüglich römischer Münzpräguugen. Ueberhaupt muß ein volles Jahrtausend übersprungen werden, bis uns wieder eine Münze begegnet, die auf Toleranz Bezug hat. Merkwürdiger Weise fällt dies gerade in eine Zeit, in welcher die Juden am meisten von dem fanatisirten rohen Pöbel mißhandelt wurden und der Mordgier entmenschter Banden zum Opfer fielen, in die Zeit der Kreuzzüge. Da finden sich in Polen Münzen mit jüdischer Aufschrift; vor 20 Jahren etwa fand ein polnischer Geistlicher Bracteaten aus der Herrschaft Niesko's mit hebräischer Schrift, sowie andere Münzen mit der Aufschrift rons* Man erklärt dies damft, daß der damalige polnische Herrscher einige eingewanderte deutsche Juden als Finanzmänner verwendet habe, wie ja auch ein Bischof von Trier einen Juden für dieses Amt bestellt hatte. (So finden wir auch in Würzburg unter Bischof Otto von Lobdeburg im Jahre 1207 einen jüdischen Münzpächter.) Abermals müssen wir, um aus dem Münzgebiete Toleranz zu begegnen, mehrere Jahrhunderte überschlagen bis zur Zeit der Renaissance. Da findet sich eine Medaille unter dem Herzog von Naxos auf Garcia Nasi. Frau des Josef Nasi. In den folgenden Jahrhunderten finden wir alles andere eher als Toleranz, vielmehr begann nach dem 30jährigen Kriege der Judenhaß in vielfachen Spott-Prägungen auf Münzen Ausdruck zu finden, j. B. Ende des XVII. Jahrhunderts auf Kornjudeu, Lederjuden, Juden, die ein Barett mit großer Feder tragen mußten; eine auf getaufte Juden mit der Inschrift: „Selten-wird ein Jud ein Ehrist, er hat denn was begangen"; der Revers stellt einen eben getauften Juden vor, dem (die Scene spielt an einem Fluß) ein Mühlstein um den Hals gehängt wird, worunter die Worte stehen: „So bleibt er am beständigsten!" Fernere Spottmünzen beziehen sich aus den Brand des Frankfurter Ghettos 1711, auf Süß Oppenheimer rc. Dann finden wir wieder Toleranz unter Maria Theresia, Münzen auf die Wiederberufung der Juden nach Böhmen (1745), auf das Toleranz-Edict Josef's IL (1781), auf das preußische Judenedict (1790). Zur Zeit Moses Mendelssohn's begegnen wir wieder einer Münze auf Daniel Jtzig, dessen Schwiegersohn der Freund Mendelssohn's war. Eine jüdische Dankbarkeits-Medaille wurde in Hessen- Darmstadt zur Zeit des Landgrafen Ludwig X., nachmaligen Großherzogs Ludwig L, im Jahre 1790 geprägt, welche den Palmbaum als Sinnbild Judäas zeigt, mit der Inschrift: „Grüne stets mit neuer Kraft, dieses wünscht die Judenschaft." In Frankreich finden wir unter Napoleon I. eine Toleranz-Medaille mit dem großen Sanhedrin, eine fernere entstand auf die Toleranz in Westfalen unter Jerome Napoleon. In Rußland wurde 1803 unter Alexander l. eine Münze auf die Befteiung der Juden von den Ausnahmegesetzen ausgegeben, und dort prägte inan auch sogenannte Bartkopeken, gegen deren Bezahlung der Jude die Erlaubniß erlangte, einen Bart zu tragen. In Holland treffen wir eine Medaille, welche 1735 zu Amsterdam zu Ehren des nach Vrody abziehenden Rabbiners g prägt ward. Eine in Oesterreich 1861 hergestellte Münze hat die Ertheilung des Rechtes an die Juden, Grundbesitz zu erwerben, zum Motiv. Die neuere Zeit bringt Prägungen auf die alte Synagoge zu München mrt dem Bildniß Max Josef's I.; auf verschiedene andere Synagogen, auf verdiente Männer des Judenthums, wie Mannheimer, Jellinek, Moses Montefiore, Gabriel Rießer, Chacham Bernays. Herr Dr. Merzbacher hatte zur Illustration seines interessanten und lehrreichen Vortrages eine große Anzahl Münzen und Medaillen zur Schaustellung mitgebracht und sich hierdurch, wie durch seine fesselnden Ausführungen den Dank der Hörer verdient, der in lautem Beifall Ausdruck fand. „Jüd. Pr." Die hervorragendsten Rabbinrn Prags. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Böhmen. Von Dr. M. H. Friedländer. I. Rabbi Löwe ben Bezalel. Einer der angesehensten und bedeutendsten Rabbiner des XVI. Jahrhunderts war Rabbi Löwe ben Bezalel, der im Bolksmunde den Namen der „hohe Rabbi Löb" führt. Rabbi Löwe wurde im Jahre 1512 in Worms, einer uralten hochachtbaren Gemeinde, als dritter Sohn feinem Vater Bezalel geboren. (Megilath Joachsin). Ein Urahn Rabbi Löwe's, der ebenfalls Rabbi Löwe hieß, hatte seinen Wohnsitz in Prag, wo er zu den hervorragendsten rabbinischen Autoritäten dieser Gemeinde gehörte. Unser Löwe ben Bezalel kam frühzeitig nach Prag, um daselbst, wo einst sein großer Urahn segensreich gewirkt und um die Verbreitung der Keuntniß der Thora sich große Verdienste erworben hatte, seine talmudischen Studien absolviren zu können. Trotz seiner rigorosen Frömmigkeit und asketischen Lebensweise hat sich Löwe ben Bezalel auch mit profanen Wissenschaften, wie Mathematik und Philosophie, befaßt. Der Umstand, daß er als junger Mann zum mährischen Landesrabbiner ernannt wurde, welches hochwichtige Amt er von 1553—1573 tactvoll bekleidet hatte, beweist zur Genüge, daß er frühzeitig schon als eine rabbinische Autorität anerkannt wurde. In Mähren hat Rabbi Löwe sich vor Allem bemüht, das Gemeindewesen sowohl, als das Studium des Talmud zu restauriren und zu begründen. Er ließ nämlich alte, in Mähren bereits verbreitete Statuten sammeln, durch eigene Anordnungen ergänzen und verlieh ihnen die Sanction. Dieselben enthielten die Wahlordnung der Landes- und Kreisältesten, die Art und Weise der Steuereintreibungen, ferner die Beschränkungen des Kleiderluxus und Anderes mehr. Von Nikolsburg kam er nach Prag, wo er zuerst 11 Jahre bis 1584 und später 4 Jahre von 1588—1592 Rector der von ihm gegründeten Talmudschule (Klaus) war. Von 1584—1588 scheint er in Posen gewesen zu sein. (Gal. Ed. 3.) Die Unterredung, die Kaiser Rudolf mit ihm am 23. Februar 1592 hatte und die damals ungewöhnliche Sensation erregte, blieb ein Geheimniß. Ob sie erfreulicher Art war, ist umso mehr zu bezweifeln, als Rabbi Löwe bald nach derselben Prag verlassen hatte. Im Frühjahre 1597 kam er wieder nach Prag zurück, wo er als Oberrabbiner angestellt wurde, welches Amt er bis zu seinem Lebensende würdevoll bekleidet hatte. Das Leben Rabbi Löwe's wurde, wie das der meisten hervorragenden Persönlichkeiten ftüherer Jahrhunderte, durch mannigfache Sagen glorificirt. So zum Beispiel war allgemein im Volke der Glaube verbreitet, Rabbi Löwe habe sich einen Golem fabricirt, dem er durch eine Kamea (Amulet) Lebensgeist eingehaucht und ihn dann zu verschiedenen Zwecken nach Willkür verwendet hätte. Am Sabbath jedoch sollte auch dieser Golem ruhen, daher ihm der Rabbi regelmäßig jeden Freitag Nachmittags die Kamea abnahm, und der Golem war todt. Einmal jedoch ereignete es sich, daß der Rabbi an einem Freitag von mannigfachen Berufsgeschäften so sehr in Anspruch genommen wurde, daß er im Drange der Geschäfte vergessen hatte, dem