Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nc. 11 Vr. Vloch's WochrnptzrM Seite 307 lassen, die noch auf der Appellliste standen. In Iampol dagegen weigerte sich die Polizei, eine Untersuchung zu veranstalten, infolge dessen wurden 14 junge Leute eingestellt, die auf Freisprechung vom Militärdienst Anspruch hatten, wiederum an Stelle ihrer verstorbenen Kameraden. Da die Zahl der Verstorbenen indessen 43 betrug, so geschah es, daß noch 29 junge Leute beim Appell fehlten. Natürlich haben die Zeitungen wieder verbreitet, daß sich das jüdische Element dem Militärdienst entzieht. So bieten denn zwei benachbarte Bezirke, Zwenigorod und Jampol, die Erscheinung, daß die Polizei in dem ersten sich dazu bequemt, die Todtenlisten herauszugeben, wodurch alles geordnet wird, wogegen sie sich in dem zweiten dessen weigert. Wie hieraus ersichtlich, hängt alles für die Juden von den Launen der Beamten ab. Leiden eines jüdischen Handwerkers. Anfangs Jänner starb im hauptstädtischen Armenhause zu Budapest Armin Suranyi, der erste jüdische Schornsteinfeger Ungarns, dessen Leben beweist, welche Schwierigkeiten früher den israelitischen Handwerkern in den Weg gelegt wurden. Als Kind armer, jüdischer Eltern mußte er es schon als ein großes Glück betrachten, daß ihn ein Meister in die Lehre nahm. Gegen das Versprechen des Glaubeuswechsels sollte er zum Gehilfen freigesprochen werden; er blieb jedoch seinem Glauben treu und erhielt auf Anordnung des Erzherzogs Albrecht den Freispruch. Da er als Israelit nirgends Arbeit fand, wandte er sich direct an den Kaiser, der ihm Hilfe zusagte. Im Jahre 1870 wurde Suranyi Herrschafts-Rauchfangkehrer der gräfl. Karolyi'schen Familie, die ihn reichlich unterstützte. Der alte Graf Karolyi hatte ihn gern, weil er ein ehrlicher und anständiger Mann war. Suranyi war ein ausgezeichneter Turner; anläßlich einer Brandkatastrophe rettete er 2 Frauen und 4 Kinder. Oliver Wendel! Holmes über die Juden. Wer ist Oliver Wendell Holmes? In Deutschland und ^Oesterreich kaum dem Namen nach bekannt, bedeutet Holmes für den Engländer und Amerikaner den Hauptvertreter der Literatur jenseits des atlantischen Oceans in den letzten sechzig Jahren, denn schon im Jahre 1830 trat Holmes mit einem Bändchen vortrefflicher Gedichte auf, und fein letztes Werk erschien im Jahre 1891. Als Holmes 1895 die Augen schloß, klagte ganz Amerika, daß der Union ihr größter Mann gestorben sei; er wurde in der That in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens nie anders als „Amerikas grand old man“ genannt. Amerikanische Juden hatten sich an Holmes mit der Bitte gewandt, sich über die Judenfrage zu äußern, und legten ihm folgende Fragen vor: Erstens, finden Sie in Ihrer persönlichen Erfahrung irgend welche Berechtigung für die Aufrechterhaltung des Vorurtheils gegen einzelne Individuen, nur weil sie Juden sind? Zweitens, geht dieses Vorurtheil nicht großentheils auf den Religionsunterricht, wie er von der Kirche ertheilt wird, zurück? Drittens, haben Sie aus eigener Erfahrung bemerkt, daß Juden einer bestimmten gesellschaftlichen Schichte sich im geschäftlichen Leben oder sonst im Verkehr anders benehmen, als Christen derselben gesellschaftlichen Schichte? Viertens, können Sie uns sagen, was zu thun wäre, um dieses Vorurtheil zu zerstreuen? Holmes rückt offen mit dem Geständnisse heraus, daß er durch Vererbung und Erziehung starke Vorurtheile gegen die Juden besessen habe. Ganz natürlich. Lange bevor er auch nur einen einzigen Juden gesehen hatte, stand in seiner Seele das Bild des Juden, wie es die puritanischen Zeloten sahen, fest, jene Zeloten, welche England verließen, ohne jemals mit Juden in Berührung gekommen zu sein. Wenn man sich die Thatsache vergegenwärtigt, daß in England seit dem ersten Viertel des XIV. Jahrhunderts kein Jude auch nur vorübergehend Aufenthalt genommen hatte, daß die Engländer in Folge dessen allen Voruriheilen, die religiöser Fanatismus und die Phantasie des Volkes erzeugten, zugänglich sein mußten, wie man am leichtesten aus Marlowe's „Jude von Malta" und Shakespeare's „Kaufmann von Venedig" ersieht, und endlich, daß die Ahnen der heutigen Amerikaner England verließen (1643), bevor Cromwell den Widerstand der Geistlichen gebrochen und den Juden Hollands Einlaß gewährt hatte (1645) — wenn man diese Thatsachen in Erwägung zieht, darf es nicht Wunder nehmen, wenn Holmes in seinem Namen und in dem aller seiner Landsleute erklärt, daß Haß und Verachtung die einzigen Gefühle waren, welche das Herz eines jungen Amerikaners noch am Anfang des XlX. Jahrhunderts gegen die Juden erfüllten; man muß im Gegentheil darüber stauneu, wie schnell die Berührung mit Juden jene Gefühle überwand. Holmes führt einen Zug aus seinem eigenen Leben an, der für das Verhältniß aller Puritaner, vielleicht aller edlen Christen zu den Juden eine symbolische Bedeutung besitzt. Gelegentlich einer theatralischen Vorstellung kam Holmes bei furchtbarem Gedränge zwischen zwei Juden zu sitzen. Jnstiuctiv fluchte und schimpfte er in seinem Herzen, als ob seine Nachbarn die Schuld trügen an dem unausstehlichen Gedränge. Aber noch bevor der Vorhang aufging, blickte Holmes den einen seiner jüdischen Nachbarn etwas näher an, und siehe da! ein idealer Christuskopf saß auf den Schultern des verhaßten Hebräers und die milden Augen schienen dem Dichter wegen seiner unausgesprochenen Flüche stille Vorwürfe zu machen. Holmes fühlte sich im tiefsten Herzen getroffen. Wie ein Blitz die finstere Nacht, so zeigte ihm der eine Blick des jungen Mannes die ganze Niedertracht und Verworfenheit des „Borurtheiles" gegen die Juden und in prächtigen Versen gab er seinen Gefühlen Ausdruck. Mit Hohn und Selbsterniedrigung ruft er seinen Landsleuten zu: „Ihr Abkömmlinge von normännischen Dieben und dänischen Piraten, Ihr Räuber der Neuen Welt. Ihr wagt es, über jenes Volk zu spotten, aus dessen Mitte Maria's Sohn hervorgegangen ist! Eure Hände umfaffen die Füße Christi, Euer Mund küßt den Saum seines Gewandes, während Euer Herz zu gleicher Zeit Christi Brüder verachtet und verhöhnt!" Und wofür? Ralph Emerson hat den Grund mit wenigen Worten angegeben. Bor 2000 Jahren erwarteten die Juden ihren Messias und knüpften ganz bestimmte Erwartungen an seine Ankunft. Er kam, aber sie erkannten ihn nicht. Und nun sagt jeder Christ zu dem Juden: Jesus war dieser ersehnte Messias, ich erschlage dich, wenn du sagst, er war es nicht. Wir Christen, sagt Holmes, müssen den Juden gegenüber Bescheidenheit lernen. Das Leben eines Sir Moses Montefiore sollte uns eine Lehre sein, daß man ein Jude sein und die ebetften Lehren des Neuen Testamentes befolgen kann. Cin jüdischer Diplomat. In der wissenschaftlichen Beilage zur „Jüd. Presse" (Nr. 6) berichtet Dr. A. Feilchenseld- Hamburg sehr interessante Einzelheiten aus der älteren Geschichte der portugiesisch-jüdischen Gemeinde in Hamburg. Darin erzählt er von einem jüdischen Diplomaten Namens Manuel Texei r a (-Israel Tenor Texeira). Er war Resident der Königin Christine in Hamburg, der Jahrzehnte hindurch die Geldangelegenheiten dieser Fürstin verwaltete und sich einer bevorzugten Vertrauensstellung bei ihr erfreute. Die Königin trat dem Hamburger Senat gegenüber mehrfach in sehr lebhafter Weise für die Rechte ihres Residenten ein, indem sie erklärte, jede ihm zugefügte Kränkung als persönliche Beleidigung anzusehen, und setzte es durch, daß er auf gleichem Fuße mit anderen königlichen Residenten behandelt wurde. So wurden ihm denn die ihm gebührenden äußeren Ehrenbezeugungen nicht versagt. Wenn er über den großen Neumarkt fuhr, so trat die ganze Hauptwache vor ihm ins Gewehr. Bei der Königin galt Texeira's Rath und Meinung nicht blos auf finanziellem, sondern auch auf politischem Gebiete außerordentlich viel. Wie aus zahlreichen Stellen ihrer Memoiren hervorgeht, berieth sie sich öfter mit ihm über die wichtigsten Angelegenheiten der europäischen Politik und rühmte anderen befreundeten Staatsmännern seine Weisheit. Die Verbindung zwischen ihr und Texeira blieb bis zu Ende ihres Lebens bestehen. ('s 1689.) Wie sehr sie darauf bedacht war, ihn vor Schaden zu bewahren, zeigte sich noch in ihren letzten Lebensjahren, indem sie ihm eine Generalquittung über alle ihr geleisteten Dienste ausstellte und ihm ausdrücklich zusicherte, daß er wegen des bei ihr erlangten Gewinnes auch nach ihrem Tode in keiner Weise belästigt und in Anspruch genommen werden dürfe. Daß die lutherische Geistlichkeit in Hamburg der Königin ihre Verbindung mit dem Juden sehr übel nahm, ist ganz begreiflich, umso mehr als die strengen Lutheraner ohnehin auf die zum Katholicismus abgefallene Tochter Gustav Adolf's nicht gut zu sprechen waren. Texeira hatte außer der abgedankten Schwedenkönigin auch sonst einflußreiche Freunde und machte seine Beziehungen : zu den Mächtigen dieser Erde gelegentlich zu Gunsten seiner Glaubensgenossen geltend. So finden wir besonders bei der Vertreibung der Juden aus Wien (1670), daß seine Fürsprache von der bedrängten Wiener Gemeinde in Anspruch genommen wurde,