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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-18 · 11 (18.3.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
11 (18.3.1898)
Date
1898-03-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 206 Vr VLoch's Worhrntchrift Nr. 11 meinderath von 1898 erhebt sich nicht einmal zur Höhe von Barbaren — das ist der einzige, beschämende, mögliche, ja nothwendige Schluß. Der von fortschrittlicher Seite gestellte Antrag auf feierliche Begehung der fünfzigsten Wiederkehr des großen Todtentages wurde von den weisen Stadträthen verworfen. Die politische Schamlosigkeit geht sogar so weit, daß ein Mitglied des Wiener Gemeinderathes es über seine Lippen kommen läßt, seine Partei „fühle kein Bedürfniß, den 13. März besonders zu feiern", mit der Bemerkung, daß Volk, Land und Stadt mit ihrem Vorgehen einverstanden sei. Nebenbei sei nur erwähnt, daß Herr Geßmann, der diese Meinung des Gemeinderathes von sich gab, die Segnungen des Jahres 1848 in ganz besonderem Maße für sich in Anspruch zu nehmen verstand. Denn vom geschäftlichen Standpunkte betrachtet, haben die Herren der Majorität sich keineswegs zu beklagen, wie Gemeinderath Brunner trefflich sagte: „Sie haben gewiß Ursache, sich der Märzfeier seitens des Gemeinderathes zu widersetzen, Sie Gemeinderatb, Sie Reichsrathsabgeordneter, Sie Landtagsabgeordneter, Sie Landesausschuß, Sie rc. . .!!" Wenn man schon den Einrichtungen des Jahres 1848 soviel zu danken hat — so sollte man doch wenigstens aus Dankbarkeit mit dem Hauche eines Lästermauls das Jahr 1848 nicht entweihen! Freilich kann das nicht Jeder, und auch Dr. Lueger mußte reden, obwohl er ganz gut wissen sollte, daß Schweigen manchmal über die Erbärmlichkeiten seiner Comödien ihm hinweggeholfen hat. Der Demokrat, der Volksmann Lueger, hat beschlossen, den 13. März daheim hinter Schloß und Riegel zu verbringen. Erst bis alle seine Gesinnungsgenossen, wenn man bei Dr. Lueger von Gesinnung sprechen kann, es so weit gebracht, wie „einzelne kleine Kreise", bis sie Alle Bürgermeister, Reichsrathsabgeordnete, Landtagsabgeordnete und Landesausschüsse und Stadträthe geworden, dann erst werden die Wiener Ursache haben, die Errungenschaften des denkwürdigen Tages und Jahres zu feiern. Bis dahin willst Du, Wien, die Ketten tragen, in die Du Dich von gewiffenlosen, nur auf ihren Vortheil bedachten Agitatoren und Hetzern hast schmieden lassen? Ein Volk, das von der Freiheit weicht, gehört unter das Joch; trage es Wien, Du verdienst Dein Schicksal! Es wäre geradezu lächerlich, wenn dieselben Leute, die im „Hochgefühle des katholischen Bewußtseins" jedwede Gelegenheit ergreifen, um dem Papst und seinen Dienern zu huldigen, zu jenem Heldengrabe zögen. Dorthin gehören sie nicht; denn der Grabeshügel der Märzgefallenen ist eine Stätte der Andacht für Männer der Freiheit, denen das Interesse der Gesammtheit über das des Individuums geht. Der Wiener Gemeinderath würde ^>as Grab entheiligen, wenn die Pfaffenknechte an ihm Krokodilsthränen weinen möchten. Nach fünfzig Jahren haben de Wiener für die Ideale des Jahres 1848 kein Verständniß. Ein kleiner Haufe Juden und eine ansehliche Schaar von Arbeitern ist die Gemeinde, die sich dankbar über jenem Hügel beugt. In abermals 50 Jahren werden hoffentlich die Wiener vom Joche des Clericalismus, in das sie sich freiwillig gespannt, befreit, hinaus zum Grab der Märzgefallenen wandern. Vielleicht wird das Jahr 1948, der hundertste Gedenktag der Märzgefallenen,'sie aus dem Schlafe geistiger Umnachtung, aus dem schweren Schlaf, in den sie der Weihrauch der Pfaffen gelullt, erwecken. Bis dahin, gute Nacht! Louchet. Leitartikel und Feuilleton. Auch das Blatt des Herrn V e r g a n i hat von der Erinnerungsfeier an die Märztage des Jahres 1848 Notiz genommen. In seiner Weise natürlich. Die „Allgemeine Zeitung" zerzaust nicht übel ein Feuilleton im „Deutschen Volksblatr", das die revolutionäre Bewegung vor 50 Jahren vom Standpunkt des 1898er Wiener Antisemitismus bespricht : „Die ungeheure MehrzahlderBevölk e r u n g steht heute den Erinnerungen an den sogenannten Geburtstag der Freiheit in Oesterreich ziemlich kühl gegenüber." „Das muthwillig vergossene Blut . . ." „Nur die Judenschaft hat Veranlassung, sich des heutigen Tages zu freuen ..." „Die Juden waren die Führer der Bewegung, obgleich sie nur dort, wo ihr Auftreten mitkeiner Gefahr für ihre persönliche Sicherheit verbunden war, öffentlich auftraten..." „Allerdings ist bei dem Rencontre ein jüdischer Student ebenfalls erschossen worden, allein sein Leben fiel nur einem Z uf a l l zum Opfer, als nämlich der 18 j ä h r i g e B u r s ch e aus Neugierde rc. . . ." „Aus der Todtenliste der Märzopfer ersieht man, da ßvon Helden der Märztage wohl nicht die Rede sein könne." — Das „Deutsche Volksblatt" hat aber auch einen Leitartikel. Citiren wir aus diesem: „W ir müßten keine echten Oe st erreiche r, keine echten Deutschen und keine Wiener sein, wenn nicht auch wir heute andächtig und bewundernd Derer gedenken würden, die ihr Leben nicht achteten, als sie glaubten, mit dem Einsätze desselben die höchsten Güter für ihr Volkgewinnen zu können." Wiesen nicht sowohl Leitartikel als Feuilleton die Kriterien des „Deutschen Volksblatt" auf, wären sie nicht beide so unglaublich dumm und perfide, man möckte es nicht für möglich halten, daß die von uns citirten Stellen einem und demselben Blatte entnommen sind. Alle, die die Ehre der Märzgefallenen Hochhalten, müssen die im Feuilleton des „Deutschen Volksblatt" ausgesprochenen Ansichten denen, die der Leitartikel enthält, vorziehen. Es wäre traurig um das Andenken der Freiheitskämpfer vom Jahre 1848 bestellt, wenn das „Deutsche Volksblatt" ihrer „andächtig und bewundernd" gedenken würde. Aus dem Feuilleton spricht, obzwar es in relativ anständigem Deutsch geschrieben ist, echt Vergani'scher Geist. Daß es von Herrn V e r g a n i selbst geschrieben ist, glaubt die „Allgemeine Zeitung" aber nicht, trotzdem es mit 1 einem Namen signirt ist. Czar Alexander HI. ein Judenfreund? Vom Czaren Alexander HI. berichtet im Petersburger „Graschdanin" F ü r st Merschtschersky, welcher in diesem Blatte Erinnerungen aus der Regierungszeit Alexanders HI. veröffentlicht, einen Ausspruch dieses Czaren über religiöse Unduldsamkeit und Racenhaß. Jene, schreibt Fürst Meschtschersky, welche über religiöse Unduldsamkeit und Racenhaß predigen, angeblich deshalb, weil es ein Vermächtniß Alexanders III. wäre, würden erstaunt sein, zu vernehmen, daß der Czar ein entschiedener Feind jeder religiösen Vergewaltigung war. Er sagte einmal wörtlich: „Eine Kirche, welche andere Confessionen verfolgt, bekundet chre eigene Schwäche; ein Volk, das andere Racen verfolgt, bekundet seine eigene Werthlosigkeit. Ich hasse jede religiöse Unduldsamkeit und jede Racenverfolgung." Die „Petersburgskija Wjedomosti" begleiten den Ausspruch Alexanders mit folgenden Worten : „Die russische Gesellschaft verabscheut den künstlich erzeugten Nationalitätenhaß und jede religiöse Unduldsamkeit; es sei höchste Zeit, diese entwürdigenden und rohen Jnstincte auf immer auszurotten. Leider hat der Czar Alexander IH. am wenigsten seine Worte wahr gemacht. Die Juden als Kaufleute. Die Zeitung „M o sk o w s k i L i st o k" berichtet, daß die Körperschaft der Kaufleute von Moskau eine Eingabe an die Regierung gerichtet hat, in der sie um die Rückkehr der jüdischen Commissionäre bittet. Indem sie ganz bestimmte, durch Zahlen erwiesene Angaben machten, beweisen die Bittsteller, daß sich seit der Ausweisung der Juden nach dem Territorium der Umsatz der moskowitischen Fabrikanten und Geschäftsleute um ein Bedeutendes vermindert hat. Der Militärdienst der rustifchen Juden. „Die Juden versuchen es, sich dem Militärdienst zu entziehen." Dieses Märchen lebt noch in Rußland, obgleich tausende Male nachgewiesen wurde, daß die Juden infolge einer mangelhaften Einrichtung der Civilstandsregister, viel mehr Soldaten liefern als sie es sollten; das Märchen wird in den Zeitungen aufgewärmt, so oft bei dem Recrutenaufruf constatirt wird, daß jüdische junge'Leute bei dem Appell fehlen. Der „Woschod" vom 30. November (12. December) 1897 erklärt, auf Grund von Beweisen, wie diese Unregelmäßigkeiten Zusammenhängen und wie viel Aergernisse sie für die schuldlosen Familien im Gefolge haben. Nur ein paar Beispiele dafür! So meldet man aus T a l n o y e, daß alle Juden, die niehrfache Berechtigung geltend machen konnten, um militärfrei zu sein, eingestellt wurden, weil die Recrutirungsliste, die nach den Geburtsregistern aufgestellt worden, noch die Namen von 18 Mngen Israeliten trugen, die seit lange gestorben sind. Jn Zwenigorod gelang es den Juden, sich von der Localpolizei den Tod von 23 jungen Israeliten bescheinigen zu

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