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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-18 · 11 (18.3.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
11 (18.3.1898)
Date
1898-03-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 Vr Vloch » ZvochrnschE Seite 205 Besonders drollig verlief bisher die Rabbinerwahl. Die Conservativen wollen einen Rabbiner ihrer Farbe; kein Wunsch ist billiger und kein Wunsch in einer so großen Gemeinde, sollte man glauben, sei leichter zu erfüllen. Hätten sie den Wunsch dem Justizrath Meyer vorgetragen, sie wären wahrscheinlich längst am Ziele; aber sie unternahmen die Erledigung aus eigene Faust uud litten kläglich Schiffbruch. Das conservative Berliner Rabbinat wurde bei Orthodoxen, bei Halb- und Viertel-Orthodoxen wie saures Bier ausgeboten und fand sich kein Abnehmer. Die Sache hatte nur das eine Gute, daß aus Dankbarkeit für dre Ablehnung des Berliner Amtes einer Menge von deutschen Rabbinern der Gehalt erhöht worden ist, und das ist den Herren jedenfalls zu gönnen. Wie geht das zu? Nun, in den meisten Fällen zeigt die Ablehnung nur die richtige Beurtheilung der Herren über die Grenzen ihres Talents, das rechte Gefühl, daß selbst der Beifall und die Werthschätzung einer Provincialgemeinde noch keine Bürgschaft bietet, inmitten einer hauptstädtischen Bevölkerung eine geachtete Stellung zu gewinnen. Und die conservative Presse hat in Berlin durch eine herbe verletzende Kritik der in Berlin amtirenden Rabbiner Alles gethan, um die Würde des rabbi-. nischen Amtes herabzudrücken. Dies Stück hat in Berlin schon einmal vor länger als einem halben Jahrhundert gespielt und neuerdings ist diese Erinnerung wieder ausgegraben worden. In den Vierziger-Jahren war Zacharias Frankel zum Oberrabbiner in Berlin gewählt worden und lehnte nach langwierigen Verhandlungen die Wahl ab. Die Ablehnung war damals sonderbar begründet; so hat Frankel unter Anderem verlangt, daß die Regierung den Missionären das Handwerk legen solle; er konnte sich be.itfcn, daß die damalige bigotte preußische Regierung darauf rflcht eingehen werde, und was in aller Welt hatte dies mit der Berliner Gemeinde zu thuil, die nach einem religiösen Oberhaupt verlangte? Der Grund für die Ablehnung Frankens liegt für jeden, der den ausgezeichneten Mann gekannt hat, ganz wo anders. Frankel war kein Redner, ihm fehlte das Organ, sich weithin verstände lich zu machen; wie sehr er auch dttrch seine Frömmigkeit, durch seine Lebensklugheit, durch die Fähigkeit, seine gelehrten Forschungen in Beziehung zu den Strebungen der Gegenwart zu bringen, hervorragte, zum Volke zu reden, war ihm versagt; es war eine glückliche Fügung, daß er später Seminardirector wurde, denn ohne Prediger zu sein, konnte er durch seine Kritik Prediger heranbilden; aber er bewies nur seine Einsicht, daß er, da er nicht predigen konnte, das Berliner Rabbinat, das wesentlich ein Predigtamt war. ablehnte. In Berlin hätte er nur seinen wohlerworbenen Ruhm eingebüßt; um wie viel mehr müssen heute Männer, die gar keinen Ruhm einzubüßen haben, den Berliner Boden scheuen, wenn ihnen, sei es nun die physischen, sei es die psychischen Kräfte fehlen, sich dort als Prediger ein Feld zu gewinnen. Also mehr das Ungeschick der Wähler, die sich durch allerhand Betterschaften bestimmen ließen, hat die Berliner Gemeinde in die Lage gebracht, daß sie als eine Bettlerin durch die deutschen Gaue zieht und wo sie anpocht, zurückgewiesen wird. Inzwischen ist der Termin für die Neuwahlen zum Repräsentantencollegium herangerückt und die Liberalen wollen aus der verfahrenen Situation ihren Vortheil ziehen. In einem späteren Briefe wollen wir auf die literarischen Publicationen dieser Partei zurückkommen. Brünn in vormärzlicher Zeit. In Brünn, wo seit dem Jahre 1860 eine der angesehensten und bestorganisirten Cultusgemeinden besteht, durften vor dem Jahre 1848 nur einige tolerirte jüdische Familien, sowie wenige andere Juden unter den seltsamsten Titeln und abenteuerlichsten Vorwänden wohnen. Folgendes Actenstück ist schon darum von jüdisch-historischem Belang, weil es nachweist, wie man die Ertheilung der unbedeutendsten Rechtsame an Inden mit der wichtigthuenden Grandezza einer Staatsaction behandelt und als einen ganz besonderen Gnadenact betrachtet wissen wollte: „Ignatz Eisenmann, Judenfainiliant zu Groß-Meseritsch, hat aus Anlaß der mit Gubernialdekret vom 30. Juli 1846, Zahl 28991 erfolgten Abweisung seines Ansuchens um Duldung in Brünn behufs der Etablirung einer Schafwollsortirungs-Anftalt im Großen — den Hofrecurs de dato 22. Oktober 1846 an die k. k. allgemeine hohe Hofkammer eingebracht, welcher von dort an die Hofkanzlei zur Erledigung abgetreten wurde. Obwohl die ver: Hofkanzlei die von dem Gubernium zur Grundlage genommene Betrachtung, daß freie Beschäftigungen in ihrer Allgemeinheit keineswegs als ein berechtigender Aufenthalts-Titel für Israeliten außer Ihrer Zuständigkeitsgemeinde und namentlich in der k. Stadt Brünn erkannt werden dürfen, nur als richtig billigen kann, so hat die ver: Hofkanzlei doch in dem vorliegenden Specialfalle mit Rücksicht auf die vom commerziellen Standpunkte der k. k. allg. Hofkammer geltend gemachten, in Beziehung ans die Localitütsverhältnisse, aber auch durch glaubwürdige Erklärungen berufener Industrieller unterstützten Gründe, — die als wünschenswerth geschilderte Anstalt ins Leben treten zu lassen, umsoweniger einen Anstand genommen, als bereits unterm 20. Jänner 1820 Zahl 1839 über Gubernialbericht v. 29. Dezb. 1819 Zahl 33013 dem L a z a r A u s p i tz eine ähnliche Bewilligung ertheilt wurde. Die ver: Hofkanzlei hat demnach beschlossen, der Hofrecursbitte zu willfahren, und somit dem Ignatz Eisenmann die Duldung in Brünn auf die Dauer des wirklichen Betriebes seiner Wollsortirungs-Anstalt in Großen, d. i. in den: von ihm angedeuteten ausgedehnten Umfange zu gestatten. Hievon wird unter Einem auch die k. k. allg. Hofkammer in die Kenntniß gesetzt. Der Hofrecurs des Eisenmann sammt allen Beilagen des bezogenen Gub.- Berichts folgt im Anbuge zur weiteren Verfügung. Wien, 1. April 1847. - Z. 10162. Gubdkt. 10. April. Z. 15190." Zur Erklärung sei noch hinzugefügt: Lazar Anspitz mar der Großvater der Herren Julius und Max Ritter von Gomperz, welche noch die von dem Genannten begrünvete, weltbekannte Firma „L. Auspitz Enkel" weiterführen. Herr Ignaz E i s e n m a n n war einer der wohlthätigsten und opferwilligsten Mitbegründer der Brünner Cultusgemeinde. Sein jüngster Sohn, Herr Moritz Eisenmann, hat vor einigen Monaten die Tochter des mähr. Landesrabbiners Herrn Dr. Placzek heimgeführt. Tante moles erat Romae condere urbem! möchte man mit wehmüthiger Ironie rufen, wenn man liest, wie danials das Functioniren des ganzen Jnstanzen-Apparates nöthig war. und sogar ein Hofkanzlei-Decret mit einer minutiösen Rechtfertigung des unerhörten Ausnahmsfalles aufgeboten werden nuchte, um das zu gestatten, was gegenwärtig einer einfachen Anmeldung beim Magistrate bedarf. 11 Monate später erfolgte der Umschwung der Märztage, welche dem massenhaften Zuzuge der jüdischen Bevölkerung die Schleusen öffnete. Dank dem gesunden, vorurtheilsfreien Bürgersinne der Bewohner, Dank ferner der unparteiischen, nur auf das gedeihliche Erblühen der Stadt, auf den interconfessionellen Frieden und die nationale Eintracht abzielenden Verwaltung unter Männern, wie d'Elvert, Giskra, Ott, Winterholler und Wieser, ist Brünn fast allen anderen Städten voraus in der Immunität der meisten Gesellschaftsschichten gegen die Invasion der antisemitischen Bacillen, eine freundliche Stätte für den gewinn- und erfolgreichen industriellen Wettbewerb geworden und geblieben. M. Vom Jahrmarkt des Lebens. Zur Märzfeier des Wiener Gemeinderathes 1888. Die Ehrung der Todten ist ebenso Sitte der Zivilisirten wie der Barbaren, sie unterscheidet sich nur in Aeußerlichkeiten, in Ceremonien und läßt nach der Art, wie diese zur Geltung kommen, auf eine höhere oder niedrigere Culturstufe eines Volkes zurückschließen. Wollte man nun von der Märzfeier des Wiener Gemeinderathes auf die Höhe seines Cülturstandes einen Schluß ziehen, so käme man in Verlegenheit, es nicht im Stande zu sein, denn der Gemeinderath der Stadt Wien, jener Stadt, welche die ersten Todten auf dem Felde der Freiheit fallen gesehen, ftir die das Blut so vieler Helden geflossen — ehrt die Todten nicht, die Todten jenes großen Freiheitsmorgens! Der Wiener Ge-

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