Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 204 Vr. Vloch's WochrnschrM. Nr. 11 dann zwischen Himmel und Erde Dinge entstehen müsse», von denen sich unsere Staatsphilosophen nichts träumen lassen! Wir geben mit großem Vergnügen dieser geehrten Zuschrift, respective dem wesentlichen Inhalte derselben Raum. Der verehrte Herr Dr. H. wird uus aber verzeihen, wenn wir aus ihr noch einen Passus wörtlich geben: „Es wurde ihm, d. h. dem Herrn Commissär W., nachgerühmt, heißt es nämlich weiter, sparsam gelebt zu haben, denn er soll mehrere Häuser seiner Familie z n r ü ck g e l a s s e n haben." Vergebe uns der Himmel jeden bösen Gedanken, aber gerade diese Reminiscenz klingt ganz merkwürdig zusammen mit einer Zuschrift, die von einem dritten „alten Herrn" gleichfalls xmncto „Judenamt" an uns gelangt ist. Dieser Dritte schreibt uns: „Die elastische, durch Herrn Dr. Remay gegebene Schilderung der polizeilichen Behandlung der Juden unter dem Vormärz hat'mich höchlichst ergötzt. Aber der Herr Doctor war damals ein blutjunger armer Student, er war offenbar in die mannigfach verschlungenen Wege des Judenamtes nicht eingeweiht. Die „Wissenden" verstanden die Unannehmlichkeiten dieses reizendsten aller Aemter aus manche andere Weise zu umgehen." Zur „Affaire". Paris, 1. März. In Frankreich beginnt man mit den Wahlvorbereitungen, und man schweigt von der Misere, die die Dreyfus-Zola-Angelegenheit enthüllt hat. Begraben ist die Sache jedoch nicht; sie ist auch nicht todt; aber man wendet mit ängstlicher Scheu die Augen von diesem unerfreulichen Anblick ab. Hin und wieder ereignet sich freilich dann ein neuer Zwischenfall, der daran gemahnt, wie es um die Rechtssicherheit in der Republik bestellt ist. Der neueste Beitrag zu diesem Capitel ist der Mord oder Selbstmord eines Unbekannten, der sich Lemercier-Picard nannte, und der die gefälschten Actenstücke, die den Dreyfus-Freunden zunächst aufgehalst werden sollten und die die Dreyfus-Frennde hätten compromittiren müssen, fabricirt hat. Ob dieser Todte noch tiefer in den Dreyfushandel verstrickt ist, wird behauptet und wird vermuthet; erwiesen ist es noch nicht. Vor einigen Tagen hat Herr G a st o n I o l l i v e t, ein Mitarbeiter des von Herrn Arthur Meyer geleiteten, natürlich Dreyfus-feindlichen „Gaulois", einen Artikel veröffentlicht, worin er darüber philosophirte, was in einem Jahre aus all den Hauptdarstellern der Dreyfus-Esterhazy-Tragödie geworden sein möchte. Herr Jollivet, welcher die Welt vom praktischen Standpunkt eines „ Gaulois "-Redacteurs aus betrachtet. kam zu dem Schluß, daß in einem Jahre Zola und seine Mitstreiter sich ihrer geschäftlichen Interessen erinnert haben und die wenig einträgliche Thätigkeit, der sie augenblicklich obliegen, aufgegeben haben würden. Was D r e y f u s anbeträfe, so würde er in einem Jahre vermuthlich das Zeitliche gesegnet haben. Herr Jollivet behauptete, im Besitz besonderer Mitteilungen zu sein, wonach es mit der Gesundheit des Excapitäns so schlecht stände, daß das Aeußerste zu erwarten sei. Herr Jollivet sagte nicht: „zu erhoffen", — aber Niemand, der seinen Artikel las, konnte darüber im Unklaren sein, daß der Verfasser den Tod des Teufelsinsel-Bewohners für ein sehr glückliches Ereigniß halten würde. Diese Dreyfus-Affaire hat das Besondere, daß alle schönen Seelen auf dem Erdball aus ihrem Anlaß sich im wahren Lichte zeigen, und die schöne Seele des beliebten „Gaulois"-Mitarbeiters hat nicht gezögert, sich zu offenbaren. Indessen — so leicht es möglich ist, daß Dreyfus im Laufe eines Jahres dem mörderischen Klima der „Ile du Diable" erlegen sein wird — nichts deutet bisher darauf hin, daß sein Ende so nahe sein sollte. Der letzte Brief des Excapitäns, welcher der Familie — wie alle Briefe Dreyfus' — in einer Abschrift zugestellt worden ist, traf vor drei Wochen in Paris ein. Er enthält keinerlei Klagen über körperliches Uebelbeftnden und läßt auch keineswegs erkennen, daß die körperlichen oder geistigen Kräfte des Gefangenen sich in der Abnahme befänden. Die Hoffnungen der Revisivusgegner scheinen also einstweilen etwas voreilig. Aber angenommen, Dreyfus stürbe — was wäre gewonnen? Glaubt man wirklich, daß diese Nachricht beruhigend auf die Revisionsfreunde wirken würde? Daß Calas todt war, verhinderte Voltaire nicht, für seine Rehabilitirung zu kämpfen. I Und glaubt man, daß die Nachricht vom Tode Dreyfus' Frankreich die Sympathien der civilisirte» Nationen zurückgewiunen würde, die es sich durch diese Affaire fürs Erste verscherzt bat? Bon einem sehr seltsamen Zwischenfall — fast einem Ereigniß — ist zu berichten. In der Deputirtenkammer hat sich ein völlig anständiger, gewissenhafter und unabhängiger Mann gefunden — und zwar nicht in der kleinen I a u r 6 s-Gruppe, sondern mitten im Centrum, unter den Parteigängern des Herrn Meline! Der Deputirte Maurice L e b o n, ehemaliger Unterstaatssecretär im Ministerium der Colonien, hat sein Mandat niedergelegt, weil er mit der Regierung und mit seinen Freunden in der Kammer in ihrer Anti-Revisions-Politik nicht mehr mitgehen will. Er hat an seine Wähler ein Schreiben gerichtet, worin er sagt: „Ich habe betrübt die Vorgänge mit angesehen, die sich in diesen letzten Monaten abgespielt, ich mißbillige alle diese Ausschreitungen, ich erachte, daß eine große Partei, wie die republikanische Partei, nicht ungestraft die höheren Principien des Rechtes und der Gerechtigkeit verletzen lassen kann und daß sie so ihre ganze Existenzberechtigung verliert." In einigen Interviews mit den Redacteuren republikanischer Blätter hat Lebon seine Ansichten über den Fall Dreyfus und das Verhalten der Regierung und seiner Parteifreunde noch deutlicher ausgesprochen. „Ich bemerke zu spät," hat er gesagt, „daß ich für das politische Leben mich nicht eigne." Was seinen Entschluß besonders interessant macht, ist die Thatsache, daß Maurice Lebon zu den ältesten Freunden Felix F a u r e's gerechnet wird. Mit dem gegenwärtigen, weit jüngeren Minister der Colonien, jenem Herrn Andre Lebon, welcher seit Beginn der Revisionscampagne noch härtere Maßregeln gegen Dreyfus und seine Familie ergriffen, hat Maurice Lebon — wie schon sein Entschluß beweist — auch nicht das Mindeste gemein. Herr Andr« Lebon wird sicherlich selbst jede Gemeinschaft mit einem Manne weit von sich weisen, der im Stande ist, um einer kleinlichen Gewissensfrage willen ein Mandat oder ein Portefeuille aufzugeben. Er eignet sich „für bas politische Leben". Berliner Brief. Im Herbst soll in unserer Gemeinde die Wahlschlacht geschlagen werden, aber schon jetzt fließen bei den Vorpostengefechten Ströme von Tinte und Druckerschwärze; der liberale Verein hat große inhaltsvolle Broschüren mit allerhand Aufsätzen in die Welt gesandt, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen. Denn bei den letzten Wahleli hat die conservative Partei fast vollständig das Feld behauptet, und auch nicht ein einziger Candidat der liberalen Partei, die früher die Alleinherrscherin in der Gemeindestube gewesen ist, ist durchgedrungen. Aber mit diesem Siege hatte es eine eigene Bewandtniß; er war zahlenmäßig errirngen, jedoch in der Verwaltung merkte man nichts davon; Justizrath Meyer blieb nach wie vor das Haupt und die Seele derselben und alle schüchternen und weniger schüchternen Versuche, ihn hinauszudrängen, blieben erfolglos; „das besiegte Griechenland nahm den römischen Sieger gefangen" hieß es im Alterthum; „die besiegten Liberalen nahmen den conservativeu Sieger gefangen" gilt in der gegenwärtigen Berliner Gemeinde. Es blieb Alles beim Alten. Die Conservativen erreichten gar nichts, zum Theil, weil sie allzu stürmisch vorgingen. Einer ihrer Führer ist ein Professor Levin, ein Pharmakologe, der sich in Gelehrtenkreisen großen Ansehens erfreut und bei den Studenten sehr beliebt ist; sein Hörsaal ist stets gefüllt, obgleich er nur eine außerordentliche Professur inne hat, während der Ordinarius vor leeren Bänken docirt; auch in seiner Wissenschaft gilt er als ein Stürmer, wenn auch sein ideales Streben Anerkennung findet, so ist er empört, daß neu erfundene Arzneimittel patentirt werden, den Erfindern viel Geld einbringen und dadurch den armen Patienten vertheuert werden; er ist ein strebsamer Gelehrter, ein anregender Lehrer, ein wohlwollender Mensch, dein man schon einen etwas allzustürmischen Eifer zu Gute hält. Aber in der Repräsentantenversammlung hatte ihm dies Ungestüm jeden. Erfolg vernichtet; der kluge Justizrath Meyer ist meist, wenn er redete, noch öfter, wenn er schwieg und die Conservativen allein wirthschaften ließ, Sieger geblieben; es sind die wackeren Herren gleichsam in ihrem eigenen Fett geschmort worden.