Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021235--07652-3031991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Pleite 202 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 11 frage im Spiele ist, da hören die zarten Rücksichten principieller Natur auf. Die freisinnigen Parteien werden höchst wahrscheinlich auch im künftigen Reichstag „judenrein" bleiben. Und wäre auch das Ziel zu erreichen, daß zwei oder drei jüdische Candidaten durchgedrückt werden, würde uns Juden damit gedient sein? Ludwig Bamberger war ein Jude und er hat sicherlich mit seiner genialen Begabung dem deutschen Volke große Dienste geleistet, aber uns Juden ist er stets fremd geblieben. Aus sogenannten tactischen Gründen hielt er sich bei allen Judendebatten zurück. Als ein conservativer Abgeordneter einmal den „geistreichen" Witz machte, Herr Bamberger trete darum für die freie Einfuhr der ausländischen Schweine ein, weil die Trichinen seine Glaubensgenossen nicht geniren, erwiderte er entrüstet, er stehe vom Alten Testamente weiter entfernt als die conservative Partei. Ja, freisinnig sein und Schweinefleisch verachten, — das ist ein unerträglicher Vorwurf. Gewiß, Herr Bamberger konnte von seinem Standpunkte aus nur diese Antwort geben, denn er stand thatsächlich Judenthum und Judenheit gegenüber sehr fremd, für uns aber war eine solche Vertheidigung schmachvoll, schmachvoller als der läppische Angriff. Wenn die Vertretung der Juden im Parlament überhaupt einen Sinn haben soll, so müßte es eine Vertretung der Juden als solche sein, und zwar durch solche Männer, die nicht nebenbei auch Juden sind, sondern mit Stolz und Würde sich als Führer der jüdischen Angelegenheiten bekennen. Sie sollten die Juden nicht vertheidigen, trotzdem sie Juden sind, sondern weil sie Juden sind. Nun liegen die Verhältnisse der Bevölkerung in Deutschland so, daß die Juden aus eigener Macht in keinem Wahlkreise einen Candidaten durchbringen könnten. Sie müßten also mit den politischen Parteien pactiren und Stimmenschacher treiben, und da fängt eben schon das unwürdige Spiel an. Wer auch von diesem ethischen Gesichtspunkt abgesehen, dürste es wahrlich nicht leicht sein, geeignete Candidaten in Deutschland zu finden. Der deutsche Jude vermag Alles eher, als seine eigenen Ideale zu vertheidigen und die Zukunft seiner Gesammtheit zu schützen. Männer, die mit dem ganzen Apparat der modernen Bildung ausgerüstet sind, die das jüdische Leben und Wissen kennen und lieben und die mit dem feurigen Eifer der heiligen Ueberzeugung für die Sache ihrer Gesammtheit stets öffentlich eintreten, man dürste sie mit der Laterne des Diogenes im Deutschen Reiche vergebens suchen. Und würde man diese Auserwählten finden, sie würden gar bald zu der Erkenntniß gelangen, daß sie innerhalb der Judenheit selbst einen besseren und dankbareren Wirkungskreis finden könnten, als im Parlament. Wir verkennen nicht den gesunden Kern, der diesen Bestrebungen zu Grunde liegt, aber der gewählte Weg ist verfehlt und dürste kaum zum Ziele führen. Die Besserung muß bei uns selbst, in unserem Herzen, in der Familie, in der Gemeinde anfangen. Solange wir nicht gelernt haben, unsere Individualität zu schätzen und uns selbst als Juden zu achten, solange nicht das jüdische Selbstbewußtsein zu einer gemeinsamen Tugend geworden ist, kann unsere Vertheidigung keine Früchte tragen. Die Abwehr muß die würdige Bahn des zielbewußten Judenthums einschlagen. Die Symptome zur Besserung sind wohl vorhanden, aber noch sind wir vom Ziele entfernt. Die unklaren Gefühle müffen sich erst zu einer gesunden Anschauung verdichten. F. S. Die Iudenkrawslle in Melir;ka. In Wieliczka haben vorigen Freitag und Sonntag Excesse gegen die Juden stattgefunden, über welche der „N. Fr. Presse" von dort berichtet wird: „Schon seit einigen Wochen g'ährte es in der Bevölkerung, und zwar seitdem ourch den hieher versetzten Reichsraths-Abgeordneten P. Szpouder Broschüren vertheilt und colportirt wurden, durch welche die bekannten Ammenmärchen gegen die Juden in die unteren Schichten der Bevölkerung getragen wurden. Im Laufe der vergangenen Woche wurde von Seite der antisemitischen Agitatoren das Gerücht verbreitet, daß sechs als Bauern verkleidete und bewaffnete Juden dem O. Szponder bei seiner Rückkehr aus Krakau aufgepaßt hätten, um ihn zu erschlagen. Dieses Gerücht wurde zwar sofort von competenter Stelle dementirt, fand aber bei der aufgestachelten Menge Glauben, und die Folgen zeigten sich Freitag Abends. Auf allen Straßen rotteten sich Leute zusammen, die jedem vorübergehenden Juden Drohungen und Beschimpfungen zuriefen. Gegen Abend vergrößerten sich die Ausammlungen, und ein Zug von ungefähr 300 Menschen, darunter auch Knaben, zog zur Synagoge. Hier wurde Halt gemacht und ein Steinbombardement gegen die Fenster der Synagoge und die nebenan liegenden Häuser jüdischer Bürger eröffnet. Nicht eine Fensterscheibe blieb unversehrt. Die im Tempel zum Gottesdienste versammelten Juden waren durch diesen unerwarteten Angriff in die größte Angst und Gefahr versetzt und konnten das Gotteshaus nicht verlassen. Erst nachdem es gelungen war, auf Umwegen einen Boten zum Bezirkshauptmann zu entsenden und dieser in Begleitung von Gendarmen erschien, zerstreute sich die Menge und die Juden vermochten ihre Wohnungen aufzusuchen. D i e Belagerung der Synagoge hatte etwa anderthalb Stunden gedauert. Am nächsten Tage machte eine Deputation der angesehensten jüdischen Bürger Vorstellungen beim Bürgermeister und sodann beim Bezirkshauptmann Szczerbinski, welch Letzterer versprach, die Gendarmerie zu verstärken und nöthigenfalls Militär aus Krakau zu requiriren. Am 15. erneuerten sich die Excesse und wurden bedenklicher durch den Zuzug der Bauern aus den benachbarten Dörfern, die mit wildem Geschrei jüdische Häuser bombardirten. Der Bezirkshauptmann versprach neuerlich einer Deputation, Alles zur Wiederherstellung der Ruhe anzuordnen. Ueber die Ursachen dieser jüngsten, gegen unsere Glaubensgenossen verübten Excesse, wird uns aus Krakau geschrieben: In Krakau und Umgebung wird seit Monaten eine intensive antisemitische Agitation entwickelt. Die Bauern werden auf verschiedene Weise aufgehetzt und insbesondere die Stadtbewohner in die Reihen der christlich-socialen Partei getrieben. Diese Agitation, welche mit allen möglichen, gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln arbeitet, wurde in der allerletzten Zeit auch in die Schulen verschleppt. Es wurde von einem katholischen . Priester in Krakau, M. I., eine besonders für die Jugend bestimmte Broschüre unter dem Titel „Die Geheimnisse der Juden" veröffentlicht, die gegenwärtig beim Unterricht, ohne vom Landesschulrath approbirt zu sein, als Lehrbuch an Stelle des Katechismus dient. Es steht fest, daß inPodgorze im k. k. Staats gymnasium der Katechet Tomasik den Schülern aus der genannten Broschüre vorträgt und sie die beachtenswerthen Stellen notiren läßt, daß die Katecheten K r a u p a in der Volksschule für Mädchen daselbst und Matthäus I e z im St. Anna-Gymnasium zu Krakau dieselbe colportirten. Dieselbe Broschüre wurde von dem Reichsrathsabgeordneten Peter Szponder in Wieliczka verbreitet. Der Autor derselben hat sich nicht nennen wollen und nur die Anfangsbuchstaben seines Vor- und Zunamens auf das Titelblatt gesetzt: M. I. Es ist dies der bereits genannte Katechet am k. k. Staats-Obergymnasium bei St. Anna in Krakau, P. Matthäus I e z, ein hier bekannter antisemitischer Agitator. Der Verfasser wiederholt die gerichtlich gebrandmarkten Lügen Rohling's, Deckert's und Drach's behauptet, daß es den Juden als eine heilige Pflicht auferlegt sei, die Christen zu tödten. Auf eine angebliche Soharstelle, die gerichtlich als erlogen dargethan worden, sich berufend, erklärt der Autor (pag. 37), das Buch Sohar stellte es den Juden zur Aufgabe, die C h r i st e n zu tödten, und zwar nicht zu schlachten, sondern zu „erwürgen, wie ein Vieh, das man ohne Lärm und Geschrei tödtet." Denn die ungeheure Masse des unwissenden Volkes glaubt heilig an die Worte ihres Priesters. Und man denke sich, wie sich ein Bauer oder gar ein Schüler dem Juden gegenüber geberden dürste, nachdem er aus dem Munde des Geistlichen vernommen hat, daß es dem Juden, mit dem er täglich zusammenkommt, verboten ist, das Denken an die Ausrottung der Christen je aufzugeben" (Seite 36), daß ihm die , Pflicht auferlegt ist, seinen christlichen Mitbürger bei jeder sich 'darbietenden Gelegenheit zu übertölpeln, zu betrügen, zu berauben und gar zu erwürgen. Aber der Verfasser glaubt noch nicht an einen Erfolg seiner Broschüre. Um also einen sichern Sieg zu erzielen, thut er sich noch über die Kutte das nationale Kleid an, wohl wissend, daß das nationale Gefühl das Herz eines jeden Polen am leichtesten in Vibration zu setzen vermag und erdreistet sich, seine Landsleute vor den Juden zu warnen, da die vierte Theilung Polens, die der jüdische Stamm vollziehen werde, viel schrecklicher und schändlicher als die stüheren sein wird (Motto u. Seite 24). Wenn man noch die schauderhasten Erzählungen über die jüdischen Ritualmorde und die Versicherung liest, daß die galizischen Juden nicht nur zum Abschlachten der christlichen Kinder, sondern auch zu einer völligen Vertilgung des autochthonen Volkes fähig sind, dann, glaube ich, muß sich eines jeden, sogar des von der Natur aus am mildesten gestimmten Polen eine furchtbare Entrüstung bemächtigen und der Gedanke in ihm auffteigen: „Entweder wir oder die Juden!" Unter dieser Parole aber, die ein Prediger