Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Date
- 1898-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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®r. 11 Dr- Bloch’s Jahrgang XV. Centralorgan für die gelammten Interessen des Iudenthums. —— - - ^- Wien, 18. Mär; 1898. Erscheint jeden Freitag. -H' »«<■■- Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. m— ■ - * S-prgsvrrls fiic Srstrrrrich: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. i Einzelexemplare 2S kr.! ISr's Ausland: \ halbjährig 6 fl. 10 Kr. I ganzjährig 10 „ so „ Anzeigen: Die 4uta( gespaltene; Pelitzeile 12 kr. j .. A. ft. Postfxarkassrn-Amt Clearing Verkehr Nr. 810.976. Ardartion und Administration: »irn II., ISnlrrr Dugarirnstr. 1». Telaphon-Nr. 6535. * Inhalt. Leitartikel: Jüdische Vertreter im Parlament. — Die Judenkrawalle in Wieliczka. — Ein Rechtsbruch. — „Zum 13. März." — Zur „Affaire". — Berliner Brief. — Brünn in vormärzlicher Zeit. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zur Märzfeier des Wiener Gemeinderathes 1898. Leitartikel und Feuilleton. Ezar Alexander III. ein Judenfreund? Die Juden als Kaufleute. Der Militärdienst der russischen Juden. Leiden eines jüdischen Handwerkers. Oliver Wendell Holmes über die Juden. Ein jüdischer Diplomat. — Die hervorragendsten Rabbinen Prags. — E o r r e s p o n d e n z e n: Wien, Nikolsburg Lundenburg, Patzau, Budapest, Wiesbaden, Berlin, London, Halberstadt, Rom, Rotterdam. — Vermischtes: Wien Jägerndorf, Triest, Krakau, Jassy, Brüx, Berlin. — Feuilleton: Spätes Glück. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Jüdische Vertreter im Parlament- (Aus Deutschland.) Daß es in der deutschen Judenheit, dem ehemaligen Horte des Jndifferentismus, gährt und sich zu regen beginnt, das ist eine Erscheinung, die wir in den letzten Jahren sehr oft beobachten konnten. Der Traum der Assimilation ist ausgeträumt und der Antisemitismus hat dafür gesorgt, daß man von den Spielereien abkani und die Judenfrage etwas ernster erfaßte, als eine Frage der Gesammtjudenheit, die nur von den Juden selbst gelöst werden kann. Es ist interessant, die Metamorphose zu studiren, die viele deutsche Juden in den letzten Jahren durchgemacht haben. Sie sind von sorglosen Sanguinikern zu Grüblern und Pessimisten geworden. Die Ahlwardt und Stöcker haben ihnen die Schopenhauer'sche Weltanschauung beigebracht. Ein dumpfes Gefühl erfüllt das jüdische Herz und macht sich bei jeder Gelegenheit geltend. Es ist freilich ein unklares Sehnen, ein formloses Empfinden, und es tritt uns noch in chaotischer Gestalt entgegen. Aber der Proceß der Klärung wird vor sich gehen und die Seelenstimmung zu einem festen Wollen krystallisiren. Eine Frage, die vor einigen Monaten aufgerollt worden ist und noch heute den Gegenstand lebhafter Erörterungen bildet, ist sehr charakteristisch für diesen psychischen Zustand. Es ist die Frage der Vertretung der Judenheit im Land- und Reichstage. In der letzten Legislaturperiode, die bald eines natürlichen oder unnatürlichen Todes sterben wird, waren die Juden nämlich im Reichstage nur in den Reihen der Svcialdemvkratie und im Landtage überhaupt nicht zu sehen. Das wird in den Kreisen der zielbewußten Juden, die vom freisinnigen Evangelium nicht alles Heil erwarten, als ein Mangel empfunden und sie sagen sich mit Recht, daß 600.000 Bürger, die eigene sociale und kulturelle Interessen zu vertreten haben, wohl verlangen dürfen, daß ihre Wünsche gehört werden, daß sie sich gegen die Angriffe der Bosheit und Thorheit selbst vertheidigen dürfen. Früher, als der Liberalismus in Deutschland noch eine Macht war, als die vom Freiheitsrausch beseelten Juden noch felsenfest an die Zukunft der fortschrittlichen Weltanschauung und mit ihr an das Weichen jeglichen Racen- und Religionshaffes glaubten, zählten viele Juden zu den Zierden der freisinnigen Partei und Ludwig Löwe, Max Hirsch und Bamberger bildeten den Stolz der liberalen Kämpfer. Damals also waren jüdische Parlamentarier keine seltene Erscheinung. Die jüdischen Bürger waren damals die eifrigsten Agitatoren für die Sache der politischen Freiheit und es war bei ihrer hervorragenden Intelligenz nur natürlich, daß sie auch in der Führung der Partei nicht fehlten. Aber selbst, wenn es damals keine jüdischen Abgeordneten gegeben hätte, die jüdischen Wähler würden darüber kaum gemurrt haben. Sie glaubten ja an den Sieg des Liberalismus und ein Eugen Richter war ihnen mehr werth, als alle jüdischen Vertheidiger. Wozu eine wissenschaftliche Abwehr? Die Deutschen jüdischen Glaubens haben ja ihre herrliche Gleichberechtigung. Auf dem Papier freilich nur, aber sie ist für ewig verbrieft. Der Geist der Freiheit wird sich schon Bahn brechen und die Praxis muß der Theorie folgen. Man braucht der schwarzen Schaar der Reaction nur das gewaltige Argument zuzurufen, „Es gibt auch gute Juden!" und sie verstummt vor der Macht dieses Zauberwortes. So dachten die damaligen Freifinnsfanatiker und sie waren zufrieden. Sie hatten keine Augen für die ernsten Symptome und sahen schon im Geiste den meffianischen Himmel. - Heute, wo die crasse Wirklichkeit all' diese schönen Träume grausam verscheucht hat, heute, wo die Freisinnigen zu machtlosen Gruppen zusammengeschmolzen sind, wo ihre ganze Thätigkeit darin besteht, die Regierung an ihre Sünden zu erinnern und sich nach der verschwundenen Größe zurückzusehnen, heute wollen die Juden in Deutschland eigene Abgeordnete haben. Erst jetzt sind unsere Philister zu der Erkenntniß gelangt, daß der Liberalismus nicht nur den Antisemitismus nicht zu bannen vermag, sondern auch ihn nicht einmal richtig erfaßt. Aber — die Einsicht kommt zu spät. Die Freisinnigen dürfen sich bei ihrer heutigen Schwäche den Luxus nicht gestatten, einem Theile ihrer Wähler, der antisemitisch angehaucht ist, zu trotzen. Wie diese wunderbaren Exemplare der Fortschrittler es fertig bekommen, ihren Freisinn mit dem modern gewordenen Judenhaß in Einklang zu bringen, das ist eine interessante Aufgabe für den Psychologen. Die Parteileitung aber macht keine psychologischen Studien, sondern treibt praktische Politik und muß mit den gegebenen Factoren rechnen. Man darf am Ende des XIX. Jahrhunderts, wo die realen Interessen immer mehr in den Vordergrund treten, von keiner Partei zuviel Idealismus und Selbstverleugnung verlangen. Der Kampf ums Dasein gestaltet sich oft für Parteien noch complicirter und schwieriger als für einzelne Individuen, und wo die Existenz-