Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021234--07647-3031985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 198 Vr. »Loch s Wochenschrift Nr. 10 Spätes Glück. Erzählung von Regina Neißev. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen brachte die Zeitung die Mittheilung, die vielgefeierte frühere Primadonna der H.'schen Oper, eine der bedeutendsten Cvncertsängerinnen Deutschlands, Fräulein Cornelie Marburg, sei in Begleitung ihrer Gesellschaftsdame in Wiesbaden eingetroffen, und habe im Hotel „zu den vier Jahreszeiten" Wohnung genommen. Obgleich die junge Dame seit einiger Zeit der Bühne Balet gesagt und nur zu ihrer Erholung in der lieblichen Taunusstadt weile, gebe man sich der Hoffnung hin, es ■ würde den Bitten hoher und einflußreicher Persönlichkeiten gelingen, sie zu einem Auftreten im Theater zu bewegen. Von der Morgenmusik zurückgekehrt, hielt Dr. Seefeld beim gemeinsamen Frühstück dem Freunde triumphirend die Zeitung entgegen. „So war ich also doch von keiner Täuschung befangen, da mir die Stimme der jungen Dame bekannt erschien, rief Doctor Seefeld. „Wollen wir unsere Bekanntschaft mit Fräulein Marburg erneuern?" fragte der Profeffor. „Gewiß", gab Dr. Seefeld lebhaft zurück, „wir werden ihr uns und jenen schönen Abend, an welchem wir sie singen hörten, in Erinnerung bringen, die Gelegenheit findet sich sicherlich bald. Ich habe oft an das junge Mädchen gedacht", fuhr er ernst fort, „und bedauert, daß es sich der Bühne widmete. Ich laste mich ungemein von dem ersten Eindrücke, den ich von einer Person empfange, bestimmen, und da erschien mir das junge Mädchen zu rein, keusch, ich möchte sagen mimosenhaft in seinem ganzen Sein und Wesen, um sich als Bühnensängerin am richtigen Platze fühlen zu können; jene Bretter, welche die Welt bedeuten, haben viele Klippen; Neid, Jntriguen spielen unter den College». Daß Fräulein Marburg nach so kurzer, wie ich von Frau Bergheim weiß und wie ja auch die Tagesbtätter berichteten, glänzender Bühnenlaufbahn, entschlossen, derselben entsagte, um sich ganz dem Concertgesange zuzuwenden, war mir ein Beweis, daß ich das junge Mädchen ungeachtet so flüchtiger Bekanntschaft richtig beurtheilte." „Auch die Begletterin verrieth Gemüth und Bildung, bemerkte der Profeffor. „Frau Bergheim bewährte sich auch bei der Wahl derselben wieder als der gute Geist ihres Schützlings, welchen sie nicht allein und schutzlos in die kalte, liebeleere Welt hinausziehen lasten wollte", erklärte Dr. Seefeld. „Sie gewann die kinderlose Witwe eines höheren Steuerbeamten als Gesellschafterin für ihren Liebling; daß sie die Dame liebgewonnen, lehrte ja der Augenschein." Auf dem Wege znm Curgarten begegneten die Freunde am Nachmittag in der Nähe der großen Fontainen, welche das Bowling-green so eigenartig zieren, Cornelie und deren Begleiterin, die in einfach-geschmackvollen grauen Sommerkleidern einen wohlthuenden Contrast zu den oft so extravaganten Toiletten der anderen Damen bildeten. „Dürfen alte Bekannte wagen, Sie zu begrüßen, mein Fräulein", fragte Dr. Seefeld, an die Damen berantretend, mit tiefer Verbeugung. Einen Moment sah Cornelie ihn überrascht an; ihre sanften Augen leuchteten fteudig auf. „Herr Dr. Seefcld, Herr Professor Heller! Welch''unverhoffte Freude, Sie nach Jahren hier, in dem Weltbade wiederzusehen!" rief sie halblaut. „Die Herren haben mich wieder erkannt?" fragte sie. „Eine Dame wie Sie, Fräulein Marburg, vergißt man überhaupt nie", versetzte galant der Professor. Cornelie stellte die Freunde Frau Winter vor und setzte hinzu: „Louise, diese Herren lernte ich bei Frau Bergheim kennen, als ich zum ersten Male vor einem größeren Kreise sang; diese Herren wecken demnach eine liebe Erinnerung an einen der schönsten, bedeutungsvollsten Abende meines Lebens in mir." „Wahrlich", fuhr sie fort, zu Dr. Seefeld sich wendend, „nicht der rauscheudste Beifall in der Scala zu Mailand, in den Hofopern zu Wien und Berlin hat mir je so wohl gethan, als damals Ihre warmen, vom Hcrzen kommenden und zum Herzen gehenden Worte, welcher ich oft und gerne gedachte!" Etwas ausgeprägter waren die Stuten des zarten, liebichen Antlitzes geworden, fester, sicherer Auftreten und Haltung, dennoch schien sie den Augen der Freunde unverändert die süße, anmuthige Mädchengestalt, als welche sie einst in ihren Gesichtskreis getreten, und obgleich Cornelie vor kurzer Zeit ihr vierundzwanzigstes Lebensjahr vollendet hatte, machte sie noch den Eindruck einer Neunzehnjährigen. Der Vorzug, mit den Damen das Concert zu besuchen, ihnen zur Seite bleiben zu dürfen, wurde den Freunden auf ihre Bitte mit freundlichem Kopfneigen gerne gewährt. Aus dem reizenden Musikpavillon ertönten liebliche Weisen, von der berühmten, theilweise aus hervorragenden Künstlern bestehenden Curcapelle vorzüglich ausgeführt; das zahlreiche elegante Publicum saß entweder, um kleine zierliche Tische bunt gruppirt, bei Kaffee, Eis und Gerstensaft oder promenirte in dichten Reihen. In lebhafter, angenehmer Unterhaltung flößen die Stunden schnell dahin; Cornelie erzählte den Freunden von Frau Bergheim's edelmüthiger Fürsorge, von der mütterlichen Zärtlichkeit, welche Frau Winter für sie hege, und daß Publicum und Kritik sich ihr stets über Verdienst gütig und wohlwollend gezeigt hatten. „Ich habe stets während ich den verschiedenen Bühnen angehörte, als auch auf meinen Gastspielreisen ein stilles, zurückgezogenes Leben geführt", schloß sie ihren Bericht. „Herrenbesuche empfing ich aus Grundsatz nie; allerdings mußte ich es über mich ergehen lassen, prüde, stolz und hochmüthig genannt zu werden, doch Anmaßung, Zudringlichkeit oder niedrige Bosheit haben sich nie an mich herangewagt." „Hingegen war Deine Wohnung und Deine Garderobe stets in einen Garten verwandelt; die höchsten Kreise der Aristokratie geizten, Dich in ihren Gesellschaften zu sehen, nicht nur Deines Talentes, sondern Deiner Persönlichkeit halber; die jungen Mädchen schwärmten für Dich, die Armen liebten, verehrten und segneten Dich, mein Kind", sagte Frau Winter mit warmem Eifer. Ein zürnender Blick, ein mißbilligendes Kopfschütteln Corneliens traf sie für diese Worte. „Wir wollen Ihnen nur beichten, Fräulein Marburg", sagte Dr. Seefeld nach kurzer Pause, „daß wir gestern gleichzeitig mit Ihnen in der griechischen Capelle weilten mrd unabsichtlich Ihr Gespräch belauschteir. Der Schleier verhüllte allzu neidisch Ihre Züge, aber Ihrer Stimme seelenvoller Klang berührte mein Ohr eigenthümlich, kam mir bekannt vor, wie ein Märchen aus schöner Zeit! Sie sehen, daß, so flüchtig auch jeite Begegnung im Salon unserer Freundin war, auch ich vergaß Ihrer nicht im Strome der Zeit." Diesem ersten gemeinsam verlebten Nachmittag folgte eine Reihe schöner Tage für die Freunde; gemeinsame Ausflüge in die so reizvolle Umgebung wurden theils zu Fuß, theils zu Wagen unternommen und es erschien selbstverständlich, daß Dr. Seefeld Cornelie, der Professor ihrer älteren Freundin gewöhnlich zur Seite schritt. Mittlerweile war es den vereinten Bitten einer städtischen Deputation und mehrerer Curgäste von Distinction gelungen, Cornelien für ein einziges Auftreten im Theater zu gewinnen; sie hatte hierzu ihre Lieblingspartie, die Elsa in „Lohengrin", gewählt. Am Abende der Aufführung war das Theater schon eine Stunde vor Beginn der Vorstellung bis auf den letzten Plytz gefüllt; Eintrittskarten waren mit fünf-, ja zehnfachem Preise bezahlt worden, und wenn Cornelie auch nicht gerade wie einst Talma, vor einem Parterre von Fürsten sang und spielte, so doch vor einer durch Geburt, Bildung, Stellung und Reichthum bevorzugten Versammlung. Die Freunde saßen mit Frau Winter in einer kleinen, der Bühne zunächst gelegenen Loge und harrten voll Spannung des Aufrollens des Vorhanges. Ein leichtes, nur ihnen bemerkbares Neigen des schönen Hauptes erfolgte, als Elsa-Cornelie in der kostbaren, reichen Tracht, in einem langschleppenden weißen Atlasgewande, mit Goldborten und Edelsteinen reich besetzt, welches die seine Gestalt in schweren Falten umfloß und einem hellblauen mit breiter Silberstickerei verzierten Sammetüberwurfe, das jugendliche Happt von einem lang herniederwallenden Schleier und der Herzogskrone geschmückt, vor dem Könige erschien. Cornelie sang so schmelzend und hinreißend, spielte so vollendet lebenswahr, führte das Bild des verwaisten, bedrängten Herzogskindes, welchem in Lohengrin der ersehnte Aetter und Befreier wie vom Himmel gesandt, erscheint, so ergreifend und