Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 192 Vr Vlortzs Mortzenschrifl Nr. 10 Berlin, 28. Februar. Herr Geheimer Commercienrath I. L. S ch w a b a ch ist gestern unter hohen, selten gesehenen Ehren bestattet worden. Vom Hofstaat des Kaisers erschien der Flügeladjutant Graf Hülse »-H ä s e l e r, vom militärischen Gefolge Kaiser Wilhelm's I. die Generaladjutanten Graf Lehndorff und Fürst Anton Radziwill; die Kaiserin Friedrich, deren Kranz zu Füßen des Sarges niedergelegt war, ließ sich bei der Feier durch ihren Obersthofmeister Grafen Seckendorfs vertreten. Die Prinzessin FriedrichLeopold hatte den Kammerherrn v. Trotha mit einem Kranz, Prinz Georg seinen persönlichen Adjutanten Major v. d. Grüben gesandt. Die Königin von England hatte einen kostbaren Orchideenkranz überschickt. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ließ kurz vor der Feier seine Karte im Trauerhause abgeben. Der Staatssecretär des Reichsschatzamtes Nieberding, der Minister v. Goßl a r, der frühere Kriegsminister v. Verdi und der frühere Staatssecretär v. Boetticher, sowie Minister v. D e lb r ü ck sandten Kränze, die Minister Brefeld, Schönst e d t, der frühere Minister v. Lucius und Staatssecretär v. I a c o b i waren anwesend, ebenso die Generale v. K o r f f, v. Lucadon, v. John und v. Rabe. Sehr zahlreich erschien das diplomatische Corps. Die Herren der englischen Botschaft, mit dem Botschafter Sir L a s c e l l e s an der Spitze, wohnten insgesammt der ihrem Heimgegangenen Generalconsul geltenden Feier bei. Ferner waren anwesend der französische Botschafter Marquis de N o a i l l e s, der österreichische Botschafter v. S z ö g y e n y, der spanische Botschafter de Vigo, der russische Botschafter Graf v. d. Osten-Sakken, der italienische Botschafter Graf L a n z a, der schwedische Gesandte Lagerh e i m, der Schweizer Gesandte Dr. Roth, der belgische Baron G r e i n d l, der holländische van Tets vom G o u dd r a a n und der rumänische Dr. B e l d i m a n. Von den deutschen Gesandten bemerkten wir den Grafen Lerchenfeld mit General Reichlin v. Weldegg und Baron v. C r a m m. In ganz hervorragender Weise betheiligte sich die gesammte Finanz- und Handelswelt an der Feier. Das Reichsbankdirectorium wurde durch Präsidenten Koch, die Seehandlung durch Präsidenten v. B u r ch a r d, die Nettesten der Berliner Kaufmannschaft durch Geheimen Rath H e r z vertreten. Ferner bemertte man die Geheimräthe v. Leyden und Bernhard F r ä n k e l, Prof. Reuleaux, Prof. H o f f a ck e r, den Landrath des Teltower Kreises, Stuben rauch, und den früheren Landrath Prinz H a n d j e r y. Die Trauerrede hielt der Prediger der jüdischen Reformgemeinde Herr Dr. K l e mp e r e r. Die Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee. Dresden, 27. Februar. Herr Rechtsanwalt Emil L e hm a n n ist vorgestern nach kurzem Leiden verschieden. Seit einer langen Reihe von Jahren Mitglied der Verwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde, hat der Verblichene in dieser Eigenschaft den Standpunkt der weitestgehenden Reform vertreten, zu deren lautesten, rückhattslosesten Verfechtern in Wort und Schrift er, wie bekannt, überhaupt gehörte. Seine dahingehenden Forderungen gipfelten in der Beseitigung des Sabbaths, der Speisegesetze, der Beschneidung, der hebräischen Gebete rc. Aber auch Diejenigen, welche die Thätigkeit des Heimgegangenen nach Innen als eine unheilvolle bekämpfen mußten, werden den Muth und die Hingebung, mit welcher er die Ehre der Judenheit nach Außen, ihre bürgerliche und gesellschaftliche Stellung gegen antisemitische Angriffe vertheidigte (so z. B. erst vor einigen Monaten in seinem „Offenen Brief an Prof. P a u l s e n") lobend anerkennen. Wie er der Verwaltung zahlreicher Wohlthätigkeits-Vereine seine Kräfte widmete, so gehörte er seit seiner Begründung dem Ausschuß des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" an. Mehrere Jahre (von 1878—1886) Mitglied des sächsischen Landtages, hat er dem antisemitischen Ansturm weichen müssen. Madrid, 28. Februar. Die föderalistischen Republikaner haben an Z o l a nachstehende Botschaft gerichtet: „Geehrter Herr! Wir können nicht umhin, Sie auf das Herzlichste zu beglückwünschen deswegen, daß Sie Ihren Ruf, Ihre Ruhe und Ihre Ehre eingesetzt im Dienste der menschlichen Gleichheit, angegriffen in der Persönlichkeit der Juden. Jahrhunderte sind's, daß unsere Könige nicht allein die Juden, sondern auch die Mauren vertrieben, indem sie dem apostolischen Gerichte der Inquisition den Auftrag gaben, Semiten und Ketzer mit Feuer und Schwert auszurotten. Von da ab datirt unser tödtlicher Zerfall, der, wenn auch verzögert durch den Glänz der Waffenthaten und der Literatur. doch unvermeidlich war von dem Augenblicke an, wo die öffentliche Freiheit zu Grunde ging und mit ihr die demokratische Selbstverwaltung der Gemeinden, die das Land seiner höchsten Blüthe entgegenführte. Nachdem die Felder, die, von den Mauren bebaut, so fruchtbar waren, zur Wüste geworden, und nachdem das von Juden begründete Bankwesen von der Bildfläche verschwunden war, verfiel das Land unter die herabwürdigende Alleinherrschaft der Habsburger und Bourbonen. Auch selbst durch die Revolution haben wir es noch nicht vermocht, uns von unserem Falle zu erheben. Unser Unglück aber kann ein abschreckendes Beispiel liefern dafür, wie theuer es einem Volke zu stehen kommt, wenn es die bürgerliche Gleichheit und die öffentliche Freiheit preisgibt. Von Neuem versuchen es die Clericalen, Paris zu entehren, das der Leuchtthurm der Freiheit und die Hoffnung der unterdrückten Völker ist. Wir hegen aber die Zuversicht, daß noch einmal der Clericalismus zu Boden geschlagen wird. Amsterdam, 28. Februar. Da Esterhazy, wie man weiß, dieser Tage den frommen Wunsch ausgesprochen hat, mit 1000 Juden allein in einem Saale eingeschlossen zu werden, damit er sie bis auf den letzten Mann mit einem Knüppel todtschlagen könne, hat, wie man der „Voss. Ztg." schreibt, ein hiesiger jüdischer Turner, der in allen Waffen, Stock, Degen, Säbel und Pistole, das Meisterdiplom erworben hat, ihm eine schriftliche Herausforderung geschickt, sich mit ihm an der französischen Grenze, gleichgiltig auf welche Waffe, zu schlagen. Die Echtheit des Schreibens wurde auf dem Stadthause vom Bürgermeister beurkundet; Esterhazy wird in dem Brief ein elender Feigling genannt, wenn er sich nicht stelle und zur verabredeten Stunde sich an der vereinbarten Stelle befinde. Am Freitag reiste der betreffende Turner mit zwei Zeugen nach der französischen Grenze ab. Thatsache ist übrigens, daß verschiedene jüdische Familien von Paris und anderen französischen Städten nach hiesiger Stadt übersiedeln und in der Sarphatistraße bereits Wohnungen gemiethet haben. Eine der größten Diamantfirmen der Welt, die Gebrüder Boas in Paris, wird ihr Geschäft ebenfalls nach Amsterdam verlegen. Rustland, 25. Februar. In der Stadtverordneten-Versammlung von Jekaterinoslaw hatte die christliche Majorität einen Beschluß gefaßt, aus dem Reservesond der „Koscherfleis ch-S t e u e r" die Summe von 80.000 Rubel zur Begründung eines Mädchen gymnasiums zu entnehmen. Die jüdische Minorität remonstrirte gegen diesen Beschluß und verlangte, daß die genannte Summe zur Erbauung eines jüdischen Krankenhauses verwendet werde. Auch der Vorstand der jüdischen Gemeinde wandte sich mit einer dahingehenden Eingabe an den Minister des Innern. Dieser Tage ist nun die Entscheidung des Ministers eingetroffen, nach welcher jene Summe dem zu errichtenden Krankenhause zugesprochen wird. — Den jüdischen Gymnasial-Abiturienten war es bisher gestattet, zu Beginn des Universitätsjahres nach Moskau zu kommen und sich dort bis zur Entscheidung über ihre Jmmatriculationsgesuche aufzuhalten. Fortan ist ihnen dies verboten, falls sie nicht als Söhne von Kaufleuten erster Gilde oder sonstiger Privilegirter das Wohnrecht in Moskau besitzen. „Diese Maßregel findet statt" — so fügt der betreffende Erlaß hinzu — „damit die jungen Leute nicht Zeit und Geld unnütz verlieren." Petersburg. Die jüdischen Colonien im Gouvernement Cherson werden jetzt auch jüdische Schulen und Bibliotheken erhalten, denn der Rabbiner Marcus und ein jüdischer Banquier, Chermatch, haben die obrigkeitliche Erlaubniß erhalten und werden auch für die Einrichtung der Schulen Sorge tragen. Die Unterrichtssprache wird hebräisch sein, wie denn die Gründer überhaupt hoffen, durch diesen Unterricht das Hebräische allmälig zur Umgangssprache in den Colonien zu machen. — Der neue Kriegsminister, General Kuropathin hat bei den Juden im Kaukasus. die ihn aus der Zeit seiner Amtirung als Generalgouverneur dort kennen, viel Sympathien. Die Gemeinde in Ashabad sandte ihm zu seinem Antritt als Minister eine Gratulationsadresse, die er mit einem herzlichen Telegramme beantwortete. Dagegen fürchten die Jsraeltten sehr viel von dem neuen Unterrichtsminister Bogoljepoff, der als Rector der Moskauer Universität sehr judenfeindlich gewesen sein soll. — Der Senat hat