Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 190 Dr. Vlortz's Wortzenlrtzrift Nr. .10 Decret und zugleich die Verfassung vom 4. März, welche ihre Unterthänigkeit aufhob. Im Morgeugebete wurde der Segen Gottes für den Monarchen erfleht, der ihnen freiwillig die Rechte verlieh, um die sie bei den 245 Abgeordneten vergebens bitten mußten. Ursprünglich sollte am 7. März § 16 der Grundrechte, die Emancipation der Juden, zum Beschlüsse erhoben werden. Mein nach einer am 3. März zwischen den Deutschen und Czechen getroffenen Vereinbarung wurde die Judenfrage vertagt. Aufrichtig mit den Juden meinten es nur die Polen, die Verehrer Meisel's. Fr. Gr.-Euzersdorf. Bei der am 27. Februar 1898 abgehaltene» Ausschußsitzung wurde von dem Präsesstellvertreter Herrn Moriz Mandl in Gr.-Enzersdorf aus Anlaß des- Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers der Dcinglichkeitsantrag gestellt: 1. Es möge am Jubiläumstage ein solenner Festgottesdienst mit Zuziehung sämmtlicher jüdischer Schuljugend anberaumt; 2. eine Huldigungsadreffe an die Cabinetskanzlei gesendet werden und eine Commission, aus den Präses, Präsesstellvertreter Dr. L ö w y, Em. Grün Wald und Dr. Schrötter bestehend, mit der Ausarbeitung zu betrauen; 3. soll eine Stiftung von 500 fl. zum ewigen Gedächtniß angelegt werden, deren Zinsen an einen Schüler oder eine Schülerin der Mittelschule aus fämmtlichen Mittelschulen, welche zum Sprengel der Cultusgemeinde Floridsdorf gehören, immer an dem Jubiläumstag, d. i. am 2. December, jedes Jahres zur Auszahlung gelangen. Der Betrag möge durch einen Stiftungsbrief sichergestellt werden. Herr Em. Grünwald beantragte, dem neu zu erbauenden Gemeindehaus den Namen Franz Josefs-Haus zu geben und eine Gedenktafel anzubringen, welche den Zweck ersichtlich mache. Sämmtliche Anträge wurden ohne Debatte zum Beschlüsse erhoben und Präses Herr Dr. König sprach den Antragstellern den Dank aus. Pilse«. Nachdem v^r zwei Jahren sämmtliche jüdischen Mitglieder des hiesigen deutschen Gesangsvereines „Liedertafel", aus demselben wegen antisemitischer Umtriebe ausgetreten sind, vollzog sich vor einigen Tagen ein neuerlicher Exodus, indem eine große Anzahl freisinniger Mitglieder mit den deutschen Lehrern und Professoren obenan den Verein verließen. Es verbleibt nur noch ein Häuflein waschechter Antisemiten in der seit mehr als 30 Jahren bestehenden „Liedertafel" und damit erscheint auch das Schicksal derselben besiegelt. Vielleicht wird es nunmehr gelingen, einen neuen Gesangsverein mit freisinnigen Grundsätzen ins Leben zu rufen. Eger. Welche Unwiffenheit und Verlogenheit auf den deutschnationalen Parteitagen in Böhmen sich breit macht, zeigte sich neulich bei der „deutschvolklichen Tagung in Eger" vom „2. Lenzmond". Dort predigte der Schloßherr von Rosenau, der Eigenthümer des Hauses Wien I., Krugerstraße Nr. 8, über germanische Moral und Sitte, wozu er zweifellos den Beruf hat; Herr Jro verpfändete sein Ehrenwort für die unverfälschte „Deutsche Treue". Ein sicherer Franz Stein schimpfte auf die Socialdemokraten, weil Lasfalle und Marx Juden waren und die socialdemokratischen Führer keine Anbeter des Fürsten B i sm a r ck sind. Ueber das Verhältniß von Ferdinand Lassalle zum Fürsten Bismarck und über die Beziehungen des Letzteren zu Bleichröder ist der biedere Mann — leider — nicht informirt. Herr Stein demonstrirte die bedenkliche Zunahme der Juden in Oesterreich, deren Zahl zur Zeit Maria Theresias 200.000 und 1897 bereits 1,500.000, ohne zu wissen, daß neben der natürlichen Vermehrung der Bevölkerung die spätere Einverleibung der Kronländer Galizien, Bukowina, Großherzogthum Krakau mit einer wesentlich jüdischen Bevölkerung diese Zunahme bewirkt hat. Derselbe Redner leistete sich ferner folgende Ungeheuerlichkeit : „Wenn man nun das percentuelle Verhältniß betrachtet,' welches zwischen der Kopfzahl der Juden und Nichtjuden und zwischen der Anzahl jüdischer und nichtjüdischer Verbrecher bei gewissen charakteristischen Verbrechen besteht, so stehe man vor der überraschenden Thatsache, daß z. B. beim Meineide und Verleitung zum Meineide die Juden um 283 Percent vor den Nichtjuden voraus sind, bei der Urkundenfälschung um 377 Pereeut und beim Betrüge um 3500Percent!" Niemand war in der Versammlung, diesen Blödsinn des Redners zu rectificiren. In Wahrheit können wir Juden auf die Ergebnisse der Criminalstatistik mit Befriedigung blicken. Nach dem soeben erschienenen neuesten Band der österreichischen Statistik, welcher die Ergebnisse der Strafrechtspflege im Jahre 1894 enthält, ist die Quote der an Verbrechen betheiligten Juden wiederum zurückgegangen. Die Stufenleiter dieser Quote stellt sichwie folgt dar (wobei immer berücksichtigt werden muß, daß der Percentsatz der Juden in den Ländern der österreichischen Krone sich auf 4*8 Percent stellt)* 1885:4'0, 1886 : 4*2, 1887 : 4 2, 1888 : 3 9, 1889 : 3*5, 1890 : 3*6, 1891 : 3*6, 1892 : 3*8, 1893 : 3*6, 1894 : 3*4, hat also jetzt den niedrigsten Stand seit Bestehen der Statistik erreicht. Mit anderen Worten heißt dies: Während des Jahres 1894 sind in Oesterreich verurtheilt worden 30.133 Verbrecher; da der Percentsatz der Juden in der Bevölkerung 4*8 Percent ist. so durfte man erwarten, daß die Zahl der jüdischen Verbrecher 1446 beträgt, es sind aber nur 1041, also fast ein Drittel weniger. Die ständig fallende Quote spricht somit zu Gunsteil der Juden in Oesterreich. Besonders bemerkt zu werden verdient, daß in dem Sprengel Ostgalizien 493, in Westgalizien 181 Verurtheilungen von Juden vorkamen, zusammen also 674 oder 65 Percent sämmtlicher bei den österreichischen Israeliten bestraften Delicte, während auf die Juden dieser beiden Provinzen 68 Percent der Gesammtziffer der Inden in Oesterreich entfallen. Die Juden Galiziens, diese viel verschrieenen, unter den denkbar traurigsten ökonomischen Verhältnissen lebenden Proletarier, sind demnach besser als ihr Ruf, ja besser als ihre germanisirten Glaubensgenossen im übrigen Oesterreich. Man sehe nur die Wiener Juden an! In dem Gerichtssprengel' Niederösterreich wohnen 128.784, also 11*2 Perceut der in der österreichischen Monarchie überhaupt ansässigen Juden. Demnach kämen von den 1041 Bestrafungen von Juden auf sie 117, es sind aber in Wirklichkeit 160, dennoch erreichen sie noch lange llicht die Ziffer der anderen Bewohner, denn bei diesen kommt auf 729 Seelen eine Bestrafung wegen Verbrechens, bei den Juden derselben Provinz aber nur auf 805 Seelen eine. Indessen bei der deutschvolklichen Tagung in Eger kümmerte man sich nicht um die Ergebnisse der Statistik. Als Wahrheit wurde dort verkündet, was Herr Schönerer für Wahrheit erklärte. „Unser" Schriftleiter, Herr Laurenz Hofer, sprach Montag den 28. „Hornungs" als Reichsraths-Candidat in Königsberg. Auch er schimpfte wüst und wild auf die Socialdemokraten und versprach, die Arbeiter zu retten, wiewohl diese von feinen Rettungsversuchen nichts wissen wollen. Dem Gewerbestande müsse geholfen werden durch Bekämpfung der Wiener jüdischen Möbelhändler und durch die Einführung des — Befähigungsnachweises. Dieser Reichsraths-Candidat weiß nämlich gar nicht, daß der Befähigungsnachweis in Oesterreich seit Langem besteht und daß der Gewerbestand dadurch nicht nur nicht gerettet, sondern eine schwere Schädigung erfahren hat, was sogar — im deutschen Reichstage wiederholt constatirt wurde. Die österreichischen Erfahrungen mit dem Befähigungsnachweis veranlassen nämlich die preußische Regierung, alle diesbezüglichen Wünsche energisch abzuweisen. Endlich kam das alte Steckenpferd der Hausirer daran, abgethan zu werden, „wobei abermals der Jude die Hauptrolle spielt", trotzdem zwei Drittheil der Hausirer, namentlich die mit Lebensmittel hausiren, gute Arier sind, und was die lieben Arier bei „Lebensmittelfälschungen leisten", lehrt ein Blick in die Berichte der großstädtischen Gerichtsverhandlungen; wir erinnern an die unzähligen Verurtheilungen arischer Selcher und Fleischer wegen Verkaufes schlechter Maaren, verdorbener Würste u. s. w. Der deutschnationale Candidat hat von. der wirklichen Lage des Gewerbes nicht die geringste Ahnung. Zum Schluffe noch die Mittheilung, daß unsere gute deutsche Stadt Eger sich derzeit in großer Gefahr befindet. Die Theaterunternehmung hat nämlich einen C z e ch e n mit dem slavischen Namen „Kirchhäusel" aus Franzensbad zum Theaterfriseur berufen. Die „Egerer Nachrichten" bemerken dazu: „Wir möchten einstweilen rathen, diesen Czechen so bald wie möglich heimzuschicken, denn sonst könnte es sehr leicht Vorkommen, daß man demselben der Standpunkt in leichtfaßlicher Weise klar macht. Wir hoffen, daß dieser vorläufige Wink genügt, behalten uns aber vor, eventuell sehr derb zu kommen." Das ist doch wohl deutlich und bietet einen sicheren Gradmesser über den derzeitigen Stand der deutschen Cultur. . Krakau. Zu Mitgliedern der galizischen Landescommission für die Pariser Ausstellung wurden aus Krakau von unseren Glaubensgenossen ernannt: Der Präsident der hiesigen Handels-