Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 10 Seite 189 Dr. Bloch's Wmtzrnptzrifr. erwogen, wo ein geeigneter Platz für die Errichtung der Statue des alten Patrioten zu finden ist. Wolf, der Berfafier des auch in Europa viel gelesenen Werkes „The american iew as Patriot, Citizen and Soldier", plaidirt dafür, daß diese Statue ihren Platz in der Ehrenhalle des Capitols in Washington finden soll. Correspondenzen. Wien. (Generalversammlung der „C h e w r a- K adisch a".) Unter reger Betheiligung hat Sonntag den 6. d. M. die Generalversammlung der „Chewra -Kadischa" im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde stattgeftlnden. Die Generalversammlung wurdeeröffnet mit einer Begrüßung seitens des ehrwürdigen greisen Präsidenten Herrn Jacob B r a n d e is, worauf das Vorstandsmitglied Herr Moriz Karpeles den Rechenschaftsbericht pro 1897 verlas. Dieser bietet ein anschauliches Bild von der segensreichen Thätigkeit der hiesigen „Chewra-Kadischa", was am besten durch die respektable Summe von 23.918 ff. 53 kr., auf welche sich die Auslagen für „K r a n k e nu n d Reconvalescentenpflege" belaufen, tllustrirt wird. Wenn auch dadurch, daß diese Summe durch die Rubrik „Gehalte, Pensionen, Remuneration und das Spesen- und Grabstätten-Conto" auf 27.095 fl. 67 kr. gesteigert wird, sich ein Deficit von 2317 sft ergibt, so ist dies bei dem Umstande, daß das Vereinsvermögen sich auf 174.127 fl. 73 kr. beläuft, nicht von Bedeutung. Herr Dr. G u st a v R i t t e r v. Schlesinger richtet unter Zustimmung vieler Mitglieder eine Interpellation an den Vorstand, warum er nicht in diesem Jahre, so wie es in allen jüdischen Gemeinden üblich, eine Chewra Sudeh veranstaltet habe, welche Interpellation vom Vorstandsmitgliede Herrn Karpeles beantwortet wird, daß nicht Alles, was in früherer Zeit gebräuchlich war, auch gut sei. Man soll nicht Alles erneuern und nachmachen. In ftüherer Zeit babe man auch aus Lumpenzeug eine Puppe, ein Meß darstellend, im Speisesaale, wo die Chewra Sudeh abgehalteu wurde, aufgestellt. Sollen wir zu solchen Sitten zurückkehren? Der Zweck der Chewra-Kadischa bestehe nicht in der Veranstaltung von Festmahlen, sondern in der Ausübung der Gemilas Chesed, der Unterstützung von arnren Kranken und der würdigen Bestattung unserer Todten. Die traurigen socialen Verhältnisse seien nicht geeignet für die Veranstaltung von Festmahlen. Diese Beantwortung rief wiederholt heftigen Widerspruch hervor und war der Anlaß zu einer längeren Debatte, an der sich die Herren Dr. Ritter v. Schlesinger, Redacteur Heinrich Hernfeld, Dr. I. S. Bloch, B. K a u i tz, Rudolf F u ch s, H i e l d b u r g h ä u s e r, Dr. Marcus Spitzer. S. Heit, Weiner, K o h n, W a s s e r v o g e l betheiligteu. Während Herr Dr. Ritter v. S ch l e s i n g e r in scharfen Worten Herrn Karpeles replicirt und ihm das Recht bestreitet, im Namen des Vorstandes derart zu sprechen und den Wunsch vieler Mitglieder nach einer Chewra Sudeh nicht mit dem Hange nach Veranstaltung von Festmahlen, sondern durch das Bestreben, die Mitglieder des Vereines einmal zu einer echt jüdischen Sudeh zu vereinigen, motivirt und seiner Meinung, daß wir Juden trotz der traurigen Zeiten uns nicht zu verkriechen brauchen, und das Vorgehen des Vorstandes als ein unwürdiges bezeichnet und Herr Redacteur Hernfeld derselben Meinung in mit vielem Beifall aufgenommenen Worten Ausdruck verleiht, daß nämlich in heutiger Zeit, wo die Cyewramitglieder in Wien keine „Misaskim" mehr sind und der Vorstand dies Alles besorgen läßt, nur in der Chewre Sudeh als das einzige Bindemittel zwischen den Mitgliedern sieht und den Antrag stellt, daß der Vorstand in 8 oder 14 Tagen eine Chewra Sudeh veranstalten möge, ist Herr B. K a n i tz anderer Meinung. Herp B. K a n i tz führt in einer längeren, mit Beifall aufgenommeuen Rede aus, daß er einer alten Gemeinde, nämlich Nikolsburg, angehöre, doch sich nicht erinnere, daß dort eine Chewra Sudeh abgehalten wurde. Der Hauptzweck der Chewra-Kadischa sei die Unterstützung der Armen und Kranken. Er habe sich erlaubt, den Antrag auf Revision der Statuten einzubringen. Es sei eine sonderbare Erscheinung, daß die Chewra-Kadischa, die überall das Schoßkind der Judenheit ist, hier in Wien so stiefmütterlich behandelt werde. Redner habe es sich angelegen sein und sich von der Chewra - Kadischa in Budapest die Statuten und den Rechenschaftsbericht einsenden lassen und muß die Großartigkeit ihrer Leistungen im Gegensatz zu der hiesigen bewundern. Die Pester Chewra-Kadischa zählt 7647 Mitglieder, während die hiesige nur 900 Mitglieder besitzt. Im heurigen Jahre allein seien dort 1400 neue Mitglieder der Chewra-Kadischa beigetreten. Während sich die Einnahmen in der Pester Chewra- Kadischa auf jährlich fl. 200.000 beziffern und Heuer an Arme und .Hilfsbedürftige fl. 80.000 verausgabt wurden, beläuft sich das Budget der hiesigen Chewra-Kadischa auf fl. 27.095. Redner sieht nur in der Constituirung der Chewra-Kadischa so wie die Pester, auf autonomer Basis, ein Mittel zum sicheren Aufschwung derselben, wenn dies nicht geschieht, so wird diese wie bis jetzt nur vegetiren. Hierauf beantwortet der Vorsitzende eine weitere Interpellation des Dr. Ritter v. Schlesinger in Betreff der Chewra Sudeh. Das Statut bestimmt, daß alle drei Jahre eine solche stattfinde! Was nun die Ausführungen des Herrn B. K a n i tz anbelangt, der die Leistungen der Pester Chewra-Kadischa uns als Vorbild gebracht, müsse er bemerken, daß die Leistungen der Chewra-Kadischa in Wien von dem echt humanen jüdischen Geiste, der sie beseelt, zeigen. Wenn man bedenkt, daß 63 Percent der Begräbnisse gratis, was schwerlich in Pest der Fall ist, und man manches Mal, wie es erst jüngst gehört wurde, enorme Forderungen bei Todesfällen stellt, so darf mau das mohlthätige Wirken der hiesigen Chewra-Kadischa nicht so niedrig taxiren. Sodann ergreift das Vorstandsmitglied Herr Dr. Marcus Spitzer das Wort, um sein Erstatmen über die Worte, die hier von Herrn Dr. R. v. S ch l e s i n'g e r gegen das Gebahren des Vorstandes gebraucht wurden, auszudrücken. Tie Hauptaufgaben der Chewra- Kadischa seien Zdokoh und Gemilas Chasadim; erstere für die Lebenden, letztere die Todten, und diese übe dieselbe in vollem Maße aus. Die Vorstandsmitglieder scheuen keine Mühe, um das Gemiles Chesed auszuüben, er opfere seine Zeit, um wolnöglich den Leichenbegängnissen würdiger Glaubensgenossen beizuwohnen. Ter Vorstand habe auch Mitglieder zu gewinnen, die sich verpflichten, den Halwajath beizuwohnen. Was der Zdokoh anbelangt, so sind im heurigen Jahre bei fl. 24.000 an arme Kranke vertheilt worden. Auch gegen den unjüdischen Gebrauch der Kränze bei den Leichenbegängnissen habe der Vorstand Stellung genommen. Nachdem Herr Tr. Ritter v. Schlesinger seine Worte dahin berichtigt, er habe nur gemeint, daß das Unterlassen einer Chewra Sudeh wegen der jetzigen traurigen Verhältnisse für uns Juden unwürdig wäre, und Herr Tr. Marcus Spitzer mit Befriedigung diese Richtigstellung zur Kenntniß genommen, interpellirt Herr Dr. Ritter von Schlesinger den Vorstand über einen Fall, wo ein Jude in einer Familiengruft am Matzleinsdorfer christlichen Friedhöfe beerdigt wurde, der jüdische Leichenwagen den Verstorbenen bis zum Friedhof überführte, wo ihn die christlichen Friedhofsdiener übernommen haben, und fragt, tvie sich dies mit dem jüdischen Gesetze vereinbaren lasse. Herr Tr. Marcus Spitzer beantwortet diese Interpellation damit, daß wir laut iuterconfessionellem Gesetzdazu verpflichtet sind, ihm als Juden den Leichenwagen zu besorgen. Dieser Meinung pflichtet auch Herr Tr. I. S. B l o ch bei. Herr Tr. Bloch sagt ferner, daß über die Mittel, auf welche Art man den Verein besser fördern und kräftigen könne, ob durch eine Chewra Sudeh oder Statutenänderung, mau verschiedener Meinung sein könne, doch daß der jetzige Vorstand, der mit so vieler Mühe und Aufopferung seines Amtes waltet, den Tank und die Anerkennung der Generalversammlung verdient, darüber wird Alles einig sein. Er glaube also im Sinne der Versammlung zu sprechen, wenn er diesem, besonders den beiden Alterspräsidenten, die seit Jahrzehnten zum Segen der Chewra- Kadischa wirken, den Tank ausspreche, mit dem Wunsche, sie auch bei der nächsten Generalversammlung in vollster Jugendkraft und Geistesftische hier zu sehen. Tie Schlußworte des Redners wurden mit großem Applaus ausgenommen und gestalteten sich zu einer Ovation für die greisen Vorstandsmitglieder B r a u d e i s und H i e l d b u r g h ä u s s e r, seitens der Versammlung. Rachdeni der Präses-Stellvertreter Herr Hildburghäusser Hern: Tr. Bloch, sowie der ganzen Versammlung seinen herzlichen Tank für die dem Vorstände gezollte Anerkennung mit dem Versprechen, daß derselbe zu jeder Zeit das Interesse des Vereines zu wahren sich bestreben werde, ausgesprochen, nahm Herr Karpeles das Wort zu der, Erklärung, daß die von eineni Mitglieds verlangte Revision der Statuten nur auf Antrag von z w e i D r i t t e l der Mitglieder angenommen werden dürfe, er werde daher diesen Wunsch ad referendum nehmen. Herr R. Fuchs meint, daß man zuerst die Generalversammlung befragen möge. Es wird hierauf der Antrag auf Revision mit allen gegen eine Stimme angenommen. Den Schluß der Sitzung bildete eine von S. A. Wasservogel an den Vorstand gestellte Anfrage, ob dem Gebote des Bikur Cholim von der Chewra-Kadischa entsprochen werde, da die Mitglieder des Vorstandes nicht immer Zeit haben, wenn die Mitglieder des Vereines, von denen sich gewiß Viele dazu melden werden, zu dieser Mizwah heraugezogen würden. Er bemängelt ferner, daß es oft in den Spitälern vorkomme, daß ein armer Kranker ohne Leute, die mit ihm das Schma Jisrael sagen, sterbe, und stellt schließlich die Frage, ob die Taharo von den bestellten Functionären am Friedhofe ordentlich und nicht zu geschäftsmäßig vollführt werde. Diese Fragen werden von Herrn Dr. Marcus «spitzer in einer großangelegten, von vielem Beifall begleiteten Programmrede dahin beantwortet, daß der Vorstand in letzterer Zeit dieser Frage nahegetreten und daß bei den Halwajath, die die daran theilnehmen wollen, früher verständigt werden, auch vor Kurzem ein Rabbiner dazu bestellt wurde, der jeden Tag in den Spitälern Umfrage halte, um nöthigenfalls mit den Sterbenden die üblichen Gebete zu verrichten. Nachdem noch das Vorstandsmitglied S. H e i t in eindringlichen Worten das schwierige Amt eines Chewra-Kadischa-Vorstandes, die große Mühe und Opfer an Zeit, die dieses Ehrenamt beansprucht, hervorgehoben und die Interpellation der Herrett Kanitz und Fuchs über die Abhaltung der Seelenfeier der verstorbenen Mftglieder vom Herrn Karpeles befriedigend erledigt worden, wurde die Generalversammlung um 1 Uhr geschlossen. H. L—r. Wien. Der Kremfierer Reichstag, von deur ein „Cremsiriensis" in Nr. 9 spricht, wurde am Purim (7. März) ausgelöst. Auf dem Wege zum Tempel lasen die Juden dieses