Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 188 Vr. »Untz's WochrnschrM Nr 10 Das Heilmittel liegt in der Ueberzeugung, daß das Uebel durch unser aller Fehler verursacht wurde, und daß daher auch wir Alle an uns zu verbessern haben. Die ersten Christen haben nicht durch lärmendes Austreten und Schreien die Welt erobert, sondern dadurch, daß sie durch ihre Tugenden die Bewunderung der Heiden erzwangen." „Christliche" Reelame. Das in der Schweiz erscheinende clericale Blatt „P e l i k a n", das so treu den Vaughan- Schwindel mitgemacht hat, läßt sich aus einem badischen Orte berichten: „Meine Mutter hat schon länger als sechs Jahre eine schmerzliche Krankheit an ihren Händen. K.e i n Arzt konnte ihr über die Krankeit Aufschluß geben und ebenso wenig ihr Heilung bringen. Voriges Jahr nun b e st e l l t e sie 10 „Pelika n" und vertheilte sie jeden Monat; ihre Hände sind nun geheilt; sie weiß selbst nicht wie; ein anderes Mittel hat sie nicht mehr angewendet." — Frecher ist auf die Dummheit der Masse wohl selten speculirt worden! Taufe eines Knaben durch einen Knaben. Aus Wiesbaden wird folgender, noch der Aufklärung bedürftiger Fall mitgetheilt: Ein etwa 16 Jahre alter israelitischer Schüler des hiesigen Gymnasiums veranlaßte einen jüngeren Mitschüler, der evangelischen Bekenntnisses ist, ihn — den Israeliten — zu taufen, und zwar nach katholischem Ritus. Wie der evangelische Schüler dies zu Stande hrachte, ist noch nicht bekannt. Wohl aber behauptet der „Rheinische Kurier", daß diese Knabeutaufe von katholischer Seite als giltig und in aller Form, Rechtens vollzogen, anerkannt worden sei, und zwar trotz des Widerspruches der israelitischen Eltern des neugetauften Knaben. Es wäre also eine Art Mortara-Fall. Anders scheint die Leitung der Schule, welcher die zwei Schüler angehören, den Vorfall aufgefaßt zu haben: Beide sind sofort aus dem Schulverbände ausgeschlossen worden. Der Fall erregt großes Aufsehen in Wiesbaden. Aus judenreiner Zeit. Ueber die Geldgeschäfte im Zeitalter der Fugger schreibt Lodovico Guicciardini (s. Dr. Ehrenberg. Die Weltbörsen und Finanzkrisen im 16. Jahrhundert): „Früher pflegten die E d e l l e u t e, welche flüffige Geldcapitalien besaßen, solche in Grundbesitz anzulegen, welcher viele Personen beschäftigte und das Land mit allem Röthigen versah. Die Kaufleute verwendeten solche Capitalien auf ihren regelmäßigen Handel, durch den sie Mangel und Ueberfluß zwischen den verschiedenen Ländern ausglichen, ebenfalls zahllose Menschen beschäftigten und die Einkünfte der Fürsten und Städte vergrößerten. Heutzutage dagegen verwendet ein Theil des Adels und des Handelsst a n d e s, jener heimlich durch Vermittlung Anderer, dieser öffentlich, um den Mühen und Gefahren der regelmäßigen Berufsthätigkeit sich zu entziehen, alle verfügbaren Capitalieu auf das Geldgeschäft, dessen hohe und sichere Gewinne dazu aureizen. Daher bleibt die Erde unbebaut, der Waarenhandel wird veruachlässigt, es entsteht häufige Theuerung, die Armen werden von den Reichen ausgesogen und schließlich müssen letztere selbst auch Bankerott machen." In der That zogen die Handelsgesellschaften von kleineren Capitalbesitzern aus allen Ecken und Enden freie Geldcapitalien heran, für die sie niedrigere Zinsen bezahlten, als sie durch die Finanzgeschäfte erzielen konnten. Die gesammte Masse der Geldgeschäfte, welche an der A n t w e r p e n e r Börse z. B. im Laufe eures Jahres abgeschlossen wurden, schätzte ein venezianischer Gesandter 1557 auf 40 Millionen Ducaten. Nach Antwerpen mußten sich die geldbedürftigen, Wellmachtpolitik treibenden Fürsten wenden, wenn sie den nerv^rn deUi erhalten wollten. Hier hatte die englische Krone ihren ständigen Finanzagenten, den „königlichen Kaufmann" Thomas G r e s h a m, hier brachten die Könige von Spanien und Portugal ebenso wie die niederländische Regierung ihre Schuldverschreibrrngen an den Mann. Viele Millionen erhielten Jahr um Jahr diese Mächte von der Antwerpener Börse geliehen. Und so unsicher viele dieser Anleihen waren, die börsenmäßige Gestaltung des Creditverkchres, wie sie sich eben in Antwerpen am frühesten entwickelt hatte, ließ den Zinsfuß doch selten über 13 Percent, einen für jene Zeiten niedrigen Satz, steigen. In der That, Antwerpen war die erste internationale, die erste Weltbörse im vollen Sinne des Wortes. „Man hörte dort ein verworrenes Geräusch aller Sprachen", bezeugt ein Zeitgenosse, „man sah dort ein buntes Gemenge aller möglichen Kleidertrachten, kurz, die Antwerpener Börse schien eine kleine Welt zu sein, in der alle Theile der großen vereinigt waren." Semitische Frisur. Den Wenigsten, die den Scheitel in der Mitte zu tragen pflegen, dürfte es bekannt sein, daß diese Frisur jüdischen oder judenchristlichen Ursprungs zu sein scheint. In einer sehr gelehrten Arbeit über die Geschichte der Christnsbilder aus der Feder des Berliner Professors der kirchlichen Archäologie Nicolaus Müller, die in dem gegenwärtig im Erscheinen begriffenen vierten Bande der „Protestantischen Encyklopädie" steht, macht dieser Gelehrte darauf aufmerksam, daß seit dem 4., beziehungsweise 5. Jahrhundert zu dem älteren unbärtigen Typus der bärtige tritt und daß als zweite Eigentümlichkeit bei diesem Typus das gescheitelte Haupthaar hinzukommt. An der Hand der noch erhaltenen Denkmäler weist er nach, daß diese Scheitelung des Haupthaares, die von früheren Forschern gelegentlich wohl erwähnt, aber nicht weiter untersucht wurde,'außer bei Engeln, die häufig noch die Stirnwunde tragen, nur noch bei Darstellung von Juden oder solchen Christen sich befindet, die aus der Synagoge hervorgingen (Abraham, Jsaac, Jacob, Hohenpriestern, Jesaias, Jeremias, Johannes dem Täufer/ einzelnen Aposteln). Dabei ist es nun von Interesse, daß sie schon in lenem apokryphen Briefe hervorgehoden wird, in welchem der Consul Publius Lentulus dem römischen Senat über das Aussehen der Person Jesu berichtet haben soll. Er hatte, heißt es in demselben, schlichte Haare von der Farbe einer reifen Nuß bis zu den Ohren, von den Ohren ab gekräuselt und etwas dunkler und glänzender, über die Schultern wallend; discrirnen habens in medio capitis iuxta morem Nazarenorum, den Scheitel trug er mitten auf dem Kopf nach Sitte der Nazarener. Eine dieser Beschreibung angepaßte Abbildung ist noch gegenwärtig häufig auf Jahrmärkten und Messen als das einzig rechte Bild Jesu zu kaufen. Daß dies alles spätere Erfindung ist, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Erwähnt wird die er Brief, soweit inan bis jetzt weiß, erstmals in den Werken des englischen Theologen Anselm von Canterbury (am Ende des elften Jahrhunderts'», aber unrichtig ist, was noch Harnack in der zweiten Auflage des genannten Werkes wiederholte, daß er erstmals in Basel 1559 in den sogenannten Magdeburgischen Centurien gedruckt worden sei. Buchhändler Kerler von Ulm bot vor einigen Jahren einen vom 18. Februar 1512 datirten Nürnberger Druck aus (Joh. Weissenburger), und die specielle Notiz, daß diese Scheitelung Sitte der Nazarener gewesen sei, geht sicher auf eine sehr alte Ueberlieferung zurück. Man sieht, nicht blos Bücher, sondern auch Frisuren haben ihre oft sehr interessante Geschichte. Die Folgen der Vertreibung der Inden. Ueber Sicilien, aus welcher Insel einst die Juden vertrieben worden sind, schreibt Frau Jessie Willario, eine geborene Engländerin und italienisch-englische, sehr geachtete Schriftstellerin: „Seitdem der bigotte Ferdinand die Juden von der Insel vertrieb, betrauert von der ganzen Bevölkerung, die von ihnen weder ausgebeutet noch bedrückt wurde, ist die arme Insel von christlichen Harpyen verzehrt worden, die mit beispielloser unerhörter Frechheit sowohl vermögliche Leute als arme Arbeiter aussaugen. Der Wucherzins beträgt hundert bis zweihundert Percent." — Dr. Richard P r i e l i ch, durchaus kein Judenfreund, erzählt in seiner „Geschichte der Post in Steiermark" mit großem Behagen von der Vertreibung der Juden und der „Abschüttlung ihres Wuchertreibens" am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, setzt aber dann naiv hinzu: „Aber die Auswanderung der Juden brachte dem Lande nicht den erwarteten finanziellen Vortheil, indem das Volk, hoch und nieder, nicht auch die in ihm selbst gelegenen Quellen der Verarmung verstopfte, sondern nachher wie vorher den Nationalsünden: Fraß, Völlerei, Trunksucht, Unzucht, Ueppigkeit und Kleiderluxus, fröhnte und diesem ungesunden Treiben nun durch den Zuwachs eines neueil Lasters: Gotteslästerung, Fluchen und Schellen, nur einen rohen und wüsten Charakter verlieh." Ein Patriot. Zu den größten Capitalisten Amerikas gehörte zur Zeit der Unabhängigkeitskriege Hyam Solomon, der den aufständischen Colonien wiederholt auf das Uneigennützigste größere Darlehen theils selbst gab, theils beschaffte. Schließlich hatte er noch 300.000 Dollars zu fordern, als er starb, aber weder er selbst noch seine Erben vermochten in den Besitz dieser Summe zu kommen. Es ist erst vier Jahre her, daß die Erben ihre nutzlosen Bemühungen einstellten. Eine wenn auch späte Genugthnung wird dem Patriotismus Hyam Solomons jetzt zutheil werden, denn in Washington wird durch die Bemühungen des bekannten Schriftstellers Simon Wolf die Frage