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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Date
1898-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Rr. 10 Vr. Bloch'» WochrntchrM Sette 183 reguttg gerathen. Nachdem sich der zusammengeraffte ungarische Landsturm Ielacic entgegengeworfen hatte, wandte sich dieser von Pest ab gegen Wien, um mit W i n d i s ch g r ä tz zu cooperiren. Es schien, als wollte er bei Preßburg über die Donau setzen. Seine Sereschaner. seine Soldateska überhaupt standen ihrer Beutelust halber im schlechtesten Rufe. Die Bevölkerung Preßburgs hatte wohl die Juden plündern wollen, wollte aber keineswegs von den Rothmantlern geplündert werden. Sie zwang gewaltsam den Magistrat, die Schiffbrücke ausheben zu lassen. Man orgarnsirte weiters in der Stadt eine Truppe, die zu dem ungarischen Landsturm, der dem Ielacic auf dem Fuße folgte, stoßen sollte. Ich selbst war in eine solche freiwillige Landsturm-Compagnie getreten, welche von der Cultusgemeinde (!) dort ausschließlich aus Juden gebildet wurde. In dieser Compagnie machte ich das Gefecht bei Manuswörth respective Schwechat zwischen dem ungarischen Landsturm unter General Moga und den kaiserlichen Truppen unter Feldmarschall-Lieutenant Auersperg mit. In weniger als 2 Stunden war der ungarische Landsturm, durchaus Bauern mit Sensen, total über den Haufen gerannt und in voller Flucht Bis Preßburg war dieser Flucht Einhalt zu thun ganz unmöglich. Ja der Komorner Landsturm wollte nicht still halten, bis er nicht die Komorner Festung sah. Was weiter nun folgte, war merkwürdig genug! Nicht die Einnahme Wiens, die war begreiflich! Unbegreiflich blieb, daß Windischgrätz, statt sofort den Ungarn uachzurücken, dem Gorgey Zeit ließ, um in Preßburg aus dem Landsturm eine wirkliche Armee zu organisiren, mit welcher er dann in voller Ordnung sich bis an die Theiß zurückziehen konnte. Die Epopöe des Sturmzuges der Ungarn von der Theiß hervor bis an die Waag, die Erdrückung der Honved-Armee erst durch die Russen gehört schon zur Kriegsgerichte des Jahres >849. Möge die Partei — wir kennen ja Alle die schwarze Coalition — welche, wenn sie zur Macht käme, sofort wieder versuchen würde das Programm der Jesuiten aus dem 17. Jahrhundert: Hungariam facere primum miseram, deinde katholicam, deinde germanicam, durchzuführen, aus derselben eine Lehre ziehen. Hier in dieser Rückschau handelt es sich blos um das Wiener Revolutionsjahr 1848. Dieses war aber eigentlich mit der October- Revolution zu Ende. Zu Ende war auch die Zeit jedes Einflusses der Studenten auf die politische Bewegung. Die verflossenen Ereignisse hatten aber bei den Studenten selbst, zumindest jenen besserer Art, den tiefsten Ernst hervorgerufen. Der Sturz aus dem FrciheitsHimmel in den Belagerungszustand war ein geradezu erschütternder. Letzterer wurde nämlich nicht etwa durch die gebildeten Militärs, durch Gentelmans wie Schönhals, Heß, Hauslab, sondern durch, nach dem Officiersausdruck, „Commißknöpfe" wie Melden und Kempen gehandhabt. Mit Vorliebe wurden die Studenten durch das noch 2 Jahre ständig functionirende Kriegsgericht zu Ruthen- oder Stockstreichen verurtheilt. Und da erinnere ich mich eines charakteristischen Wortes, welches damals die Runde machte. Der zur vorgängigen Untersuchung regelmäßig bestimmte Arzt — sein Sohn ist heute ein höherer Gerichtsfunctionär und ein stets humaner Verhandlungs-Leiter — hielt eine solche für unnöthig: „Fünfundzwanzig — war sein Sprüchwort — kann Jeder aushalte n." Ich glaube nicht, daß es je eine Zeit gegeben hat, in welcher von den Wiener Studenten so ernst, so mit Vertiefung, über das Maaß des Brotstudiums hinausgehend, studirt worden ist, als in diesen ersten Fünfziger-Jahren. Für keine Gruppe der Studenten aber war die Sachlage nur annähernd eine so ernste, als für die jüdischen. Für sie schien jede Hoffnung auf eine Carriere, auf eine Zukunft verschwunden zu sein. Für das nächste Decennium war sie es auch thatsächlich. Ich erinnere mich aus dieser Zeit einer ganzen Reihe jüdischer Collegen, durchwegs hervorragend begabte junge Leute, welche sämmtlich, wollten sie nicht verhungern, ins Ausland gehen mußten, dort in der Fremde dem eigenen Vaterland, das sie verstoßen, Ehre machten. Das charakteristische Beispiel derselben liefert ein junger Mann, welcher, schon zu der Zeit ein geradezu Phänomenaler Mathematiker, von seinem gewesenen Professor zu seinem Assistenten vorgeschlagen wurde; eine Stellung, welche mit wenigen Hunderten Gulden dotirt war. Mein Freund erhielt nicht die Stelle, aber der Professor vom Unterrichtsminister Thun einen strengen Verweis. Der junge Mathematiker ging nach Paris und ist heute Director der dortigen Sternwarte, der ersten der Welt. So übermüthig hat wohl selten noch ein Staat die besten Kräfte, die sich ihm widmen wollten, verstoßen und verworfen. Wankend in ihrer Gesinnung aber sind von diesen jungen Leuten trotz allen diesen Widrigkeiten nur Wenige geworden. Ich erinnere mich eigentlich nur eines Einzigen. Derselbe war. tief erschüttert von dem Zusammenbruch aller öffentlichen und persönlichen Hoffnungen, den Jesutten in die Hände gefallen, Christ, dann Laien-Affiliirter des Ordens, durch dessen Hilfe Gymnasiallehrer, dann sogar Universitätsprofessor und in seinem Gegenstände — er hat zwar sonst für denselben gar nichts geleistet— Lehrer eines sehr hohen kaiserlichen Prinzen geworden. Vor nicht langer Zeit erst ist er unbeachtet gestorben. In wenigen Jahren aber hatte sich durch den Zusammenbruch des Systems auf dem militärischen Schlachtfelde in Italien, auf dem politischen in Ungarn auch für die Juden die Situation geändert. Von ungefähr 1864 bis 1874 war es kein Nachtheil mehr, Jude zu sein, im Gegentheil. sie kamen „in Mode". Urplötzlich, mit dem Krach erlebt die Welt wieder einen Wechsel der ganzen Scene. Nicht die Juden, sondern der Kampf gegen sie ist Mode. Das Stück spielt noch, ja wir haben sogar noch lange keine Aenderung auf der Bühne zu erwarten! Nun und —?! Soll uns das vielleicht wirklich ganz und vollends entmuthigen? Sollen wir wirklich glauben, daß der Antisemitismus, diese „Spottgeburt von Dreck und Feuer", das „Ende vom Lied" sein soll, das Ende des ewigen Liedes von „Freiheit und Gerechtigkeit"? Merkwürdiger — allerdings nicht unerklärlicher —Weise hat gerade in einem Theile unserer Jugend thatsächlich eine solche Entmuthigung platzgegriffen. Der Ausdruck für sie ist der Zionismus. Wir, die alten Ausgedienten mtt unseren weißen Haaren, sind gegen einen unberechtigten Optimismus gefeit. Aber umgekehrt macht die Uebersicht, die Rückschau auf das halbe Jahrhundert, welches wir als Männer mitgelebt und mitgestrilten, es uns auch unmöglich, Pessimisten zu sein, zu verzweifeln. Nüchtern betrachtet, ist die Rechnung folgende: Bis 1848 war in Ungarn Leib und Leben, Grtt und Blut der Juden nur durch die Gittmüthigkeit des magyarischen Volkes und eine gewisse Affinttät des Temperaments geschützt. Wo diese beiden Momente versagten, waren sie vollständig schutzlos. In die Erinnerung meiner Kindeszeit reicht hinein, daß in Preßburg ein Prälat, Graf F., seinen Hausjuden Namens Bonitz er, weil er ihn einer Jnüscretion schuldig glaubte, in sein Zimmer lockte und ohnewetters erschoß. Da der crasse Fall dem Stande und geistlichen Kleide des Herrn Grafen doch gar zu sehr widersprach, nahm saus göne dessen Bruder die That auf sich. Er komtte das ohne Gefahr. Mit einer unbedeutenden Pension an die Witwe, die ich noch gekannt, war die Sache abgethan. So in Transleithaniem In Cisleithanien waren wir bezüglich unseres Lebens und unseres Vermögens durch die Regierung besser geschützt, pflichtbewußter als heute. Aber Rechte hatten wir keine. Heute haben wir solche, wir haben das unbe-

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