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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-11 · 10 (11.3.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
10 (11.3.1898)
Date
1898-03-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«eite 182 Vr. Vloch'» Wochrnschrist. Nr 10 suchten uud fandm curdere Auswege. Alle Kategorien zusammen aber standen fort und fort unter der Furcht vor der Ausweisung, die oft durch den kleinsten Umstand hervorgerufen wurde. Viele mitunter sehr bedeutende, für den Wiener Platz wichtige Geschäftsleute wagten nicht, ihre Familien einer solchen gefährdeten Existenz auszusetzen, ließen Weib und- Kinder in der Heimat, sahen ihre Lieben nur zwei bis dreimal des Jahres auf einige Tage. Gewiß war ein solcher Status nicht geeignet, um in der chm unterworfenenen jüdischen Bevölkerung Frohsinn und Heiterkeit zu erzeugen. Am allerwenigsten in den .fremden jüdischen Studenten, welche bei dem damaligen Mangel an allen für sie sorgenden humanen Institutionen von der oben erwähnten behördlichen Erlaubniß, zu hungern, reichlichsten Gebrauch machten. Nicht im Hungern, wohl aber im Studieren fand eine starke Unterbrechung durch die Märztage statt. Ausgebrochen schien die Bewegung plötzlich, gekommen war sie langsam. Zum Mindesten waren wir Studenten — speciell die jüdischen — ganz fürchterliche Politiker gewordem Ein etwas älterer College hatte sich die Erlaubniß verschafft, das Lesezimmer des „Juridisch-politischen Lesevereines" zu ftequentiren. Man fand dort keine andere auswärtige politische Zeitung, als die „Augsburger Allgemeine". Selbstverständlich war sie dem jungen Gaste erst spät Nachts zugänglich, wenn alle anderen Leser verschwunden waren, und da hospitirte ich mit ihm und unter seinem Schutze. Genau so hungrig nach Zeitungen waren wir alle Studenten. Wir hatten natürlich keine concrete politische Ansicht, aber außerordentlich viel Begeisterung für das einige Italien, für das einige Deutschland, für die magyarische Landtagsopposition und für die funkelnagelneue französische Republtt. Während der Ereignisse der Märztage war ich für ein Fach auch Hörer an der Technik. Als sich in den Räumen dort die Kunde von der Studentenansammlung vor dem Landhause in der Herrengasse verbreitet hatte, leerten sich stürmisch die Säle und zerstreuten sich die Hörer. Sie wollten in die Stadt uud an den Ereignissen theilnehmen. Es gelang nur den Wenigsten von uns, denn die Stadtthore waren gesperrt. Mir glückte es hineinzukommen, indem ich mich rückwärts an einen Militärwagen, der das Salz- und Fischerthor passirte, um in das damalige Arsenal zwischen Salzgries und Tiefer Graben zu gelangen, anhängte. Als ich dann durch das kleine Schwibbogen-Gäßchen, welches von der Wallnerstraße in die Herrengasse führt, kam, trat ich in mehr als eine Blutlache. Die Pionniere vor dem Landhause hatten schon gefeuert. Die Gefallenen waren auf dem Pflaster in diesem kleinen Gäßchen hingelegt worden, wurden aber weggeschafft. Einen derselben, einen blutjungen Techniker Namens Spitz er aus Nikolsburg, hatte ich persönlich sehr gut gekannt. Die weiteren Ereignisse der Märztage sind schon oft genug beschrieben worden und werde ich hier dieselben nicht nochmals erzählen. Richtig beurtheilt können sie aber nach meiner bestimmten Ueberzeugung von Niemandem werden, der nicht diese oder überhaupt eine Revolution miterlebt hat. Selbst einem Geschichtsschreiber gegenüber hatte' ich diese meine Ansicht aufrecht, und Historiker wie Taine und Andere in ihrer einseittgen Auffassung der Volksseele sind ein Beweis für selbe. Ich persönlich werde es immer als eine Gunst des Himmels bettachten, daß es mir vergönnt war, diese Tage mitzuerleben, in ihnen mitzuthun. Wem von den damaligen Studenten diese Sonne des 13. März hell ms Herz geschienen, dem bleibt dasselbe warm bis in sein hohes Atter und in seinem Gehirn wird es nie mehr finster. Und das gitt nicht nur von diesem oder jenem hervorragenderen Studenten, sondern, mehr oder weniger von der ganzen Masse der Akademiker. Wir Alle waren bereit, uns für „die Frech eit" und für die Gerechtigkeit tausendmal zu opfern. Buchstäblich konnte man auf uns das Wort des Wachtmeisters in Wallensteiüs Lager anwenden: „Uud der Geist, der im ganzen Corps thät leben „Reißet mit Windesweben „Auch den untersten Reiter mit." Als reinsten Höhepuntt der idealen Begeisterung dieser Tage aber muß ich das großarttge Leichenbegängniß ansehen, mit welchem die Gefallenen zur letzten Stätte begleitet worden sind. Zwischen den katholischen und protestantischen Geistlichen schritt Mannheimer. In der Nationalgarde welche vollzählig in Wehr und Waffen dem Sarge folgte, wurde mehr als eine Compagnie von Juden befehligt. Ohne Unterschied, der Coufession umfaßte alle Gefallenen e i n Grab. ' Im krassesten Gegensätze zu diesen Märztagen hattet ich Gelegenheit, wenige Tage später zu sehen, welch merkwürdigen Gebrauch die deutschen Bürger Preßburgs von der neuen Freihett machten. Auf deren Anstiften plünderte der Pöbel die Läden der Juden der ganzen Reihe nach. Und zwar gründlich und vollständig. Waren die Juden doch wehr- und schutzlos! Einer leistete tapferen Widerstand. Das städtische Brauhaus war an einen Juden Namens H irs ch l verpachtet. Allerdings war derselbe als Jude hiezu nicht berechtigt und lautete der Vertrag auf den Namen eines getauften Neffen, des Josef Breisach in Wien, welcher später durch seine Nichte Hanna Klinkosch — welche Wendung durch Gottes Fügung — zum Onkel des PrinzenAlojs Liechtenstein geworden. Der Brauer verbarrikadirte sich, bewaffnete seine Knechte und wies dem Magistratsrathe, welcher ihm den Auftrag ertheitte, das Brauhaus zu räumen, die Thüre. Es kam aber zu keiner gewaltsamen Delogirung mehr. Das neue ungarische Ministerium hatte auf die Kunde von den Vorgängen in Preßburg und in den angrenzenden slovakischen Ortschaften — in keinem der magyarischen Dörfer der Umgegend hatte sich eine plündernde Hand erhoben — den königlichen Commissär Tarnoczy mit dem vollen Regiment: Kaiser Alexander Infanterie per Dampfer nach Preßburg gesendet. Tarnoczy verkündete sofort das Standrecht, erklärte, er werde jeden unbarmherzig hängen, der sich einfallen ließe, auch nur das Geringste zu plündern. Daun ward Ruhe. Ich will hier nur nebenbei erzählen, daß dieses Preßburger Beispiel in ganz merkwürdiger Fernwirkung die Bauern einiger deutscher Dörfer in Elsaß verleitet hatte, ihre jüdischen Mitbürger gleichfalls zu plündern. Diesen Elsässern bekam die Sache schlecht. Nach dem französischen Gesetze sind die Gemeinden für solche Vorfälle haftbar und wurden diese Dörfer nach einem durch die 3 Instanzen geführten Processe zur vollen Zahlung verurtheilt. Die Preßburger und Waag-Neustädtler Juden blieben natürlich unentschädigt und zu Grunde gerichtet. Bald hatte man an die Juden überhaupt vergessen! Allüberall hatten die Herren ganz andere Sorgen bekommen. In Wien hatte der 18. Mai mtt seinen Barrikaden, der Sturz des Ministeriums P i l l e r s d o r f, die Flucht des Kaisers Ferdinand nach Innsbruck, später nach Olmütz, Alles in Verwirrung gestürzt. Von da ab entwickelten sich die Dinge in der Residenz weiter bis zu den bekannten Ereignissen in den Octobertagen. Diese letzteren sahen mich nicht mehr in Wien. Nach den Mattagen schon waren nämlich die Vorlesungen sowohl an der Universttät wie auch an der Technik geschloffen worden. Wie in unseren Tagen trieben die Studenten auch damals Obstruction, verstanden unter Lernfreiheit vorläufig die Frecheit, „nicht zu lernen". Ich war nach Preßburg, wohin mich befreundete Familien geladen, zurückgekehrt und dort geblieben Aber auch diese Stadt war bald wie fast ganz Ungarn durch den Feldzug Ielacic's gegen Pest in die größte Auf-

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