Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 10 (11.3.1898)
- Date
- 1898-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 10 M Bloch’s Jatzrgang XV. Centralorgan für die gesammtrn Interesten des Iudrnthums. A. k. Postsxarksffrn-Zllmt Elraringvrrketzr Nr. 610.976. Ardsrtton und Aduttxtstrstion: Wien >>., Antrrr Vrrsarlrnpr. 1». Tolsphon - Nr. 6535. - — —«A.- Dien, 11. Mär; 1898. Erscheint jeden Freitag -■> <■ - Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Zach. Telegramm-Adresse: Bloch'ö Wochenschrift Wien. Be?ugapr*ta für Srsterrrlch Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzelexemplare 2» kr. ILr'a Aualand: halbjährig S fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4>nal gespaltene Peritzeile 12 kr. Inhalt. Leitartikel: Zum 13. März. — Ministerpräsident Graf Franz Thun. — Wiederum „Die Wotamsten"! — Wer war Grägoire? — Ein christlicher Maler der Inden. — Vom Jahrmarkts es Lebens: Remiuiscenz an das Jahr 184*. Die englischen Juden über den politischen Zionismus. Betrachtungen über den Judenhaß am Ende des XIX. Jahrhunderts. Tie weibliche Menschheit. Der Prügeljunge. „Christliche" Reclame. Taufe eines Knaben durch einen Knaben. Aus judenreiner Zeit. Semitische Frisur. Die Folgen der Vertreibung der Juden. Ein Patriot. — Corres vond e u zen : Wien. Groß-Enzersdorst -Pilsen, Eger, Wadowice, Tarnow, Podwoloczyska, Agram Berlin, Belgrad, Dresden, Madrid, Amsterdam, Rußland, Petersburg. Jerusalem, New-Iork. — Vermischtes: Wien. Floridsdorf, Wr.-Neustadt, Holleschau, Eibenschitz, Brody, Gr.-Meseritsch, Ung.-Brod, Krakau, Groß-Becskerek, Budapest, Malaczka, Breslau, Jassy, St. Petersburg, Bombay, Mogador, New-York. - Feuilleton: Ein Blättlein der Erinnerung! — Bar Kochba (Epos). — Spätes Glück. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Zum 13. M8r;. 1848—1898. Rückschau eines alten Legionärs von Dr. S. D. Rsmayi. „War es inimer wie heute? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen! Nur das Alter ist jung und ach, die Jugend ist alt." Schiller. Nicht alle, zumal nicht alle außerösterreichischen Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" kennen die Bedeutung jenes 13. März 1848, welchen der intelligente und freisinnige Theil der Bevölkerung Oesterreichs an dem 13. März dieses Jahres begehen wird. An demselben Tage nämlich explodirte vor 50 Jahren jene Bewegung, welche aus dem absolutistischen Oesterreich einen Verfassungsstaat schuf. Der Verlauf eines halben Jahrhunderts seit diesem Tage gewährt Raum und Gelegenheit zu einer Rückschau, zu einer Uebersicht der Resultate auch für uns Juden. In allererster Linie scheint es Pflicht der wenigen noch Ueberlebenden zu sein, die Bausteine zu einer solchen herbeizutragen. Im Herbste des Jahres 1845 gelangte ich nach Wien, um daselbst meine in Preßburg begonnenen Studien fortznsetzen. Glücklich hatte ich das „Judenamt" im Parterre der Polizei-Direktion am Peter passirt. Welche Empfindungen erweckt in mir die Erinnerung an diese Behörde! Wir Studenten hatten die Vergünstigung, in dem zweiten Zimmer vom Chef selbst, einem der gröbsten Beamten, der mir je vorgekommen, ich glaube er hieß Wieseuberger, „expedirt" zu werden. Die Masse der Juden aber im ersten Zimmer genoß eine ganz unglaubliche Behandlung. Glücklich hatte ich endlich meine Aufenthaltskarte und mit ihr die Erlaubniß erhalten, gleich fleißig zu studiren und zu hungern. Ich konnte nicht sagen, daß der Uebergang aus der Kleinin die Großstadt mir besonders imponirt hätte. Wien war zu jener Zeit auch nur eine wenn auch größere Kleinstadt. Hauptsächlich aber hatte ich, obwohl erst 20 Jahre alt, ein ganz deutliches Verständniß dafür, daß Wien nach einer bestimmten Richtung gegen die kleinste ungarische Stadt geistig rückständig fei. Wir hatten in Preßburg, damals! der Sitz des Landtages, vor uns ein Abgeordnetenhaus mit den lebendigsten aufregendsten Debatten, eine Opposition mit Rednern, wie Deak, Kossuth, Szemere, Klauzal, Eötvös — eine konservative Partei mit einem Führer wie L-zechenyi, der alle österreichischen Adeligen zusammen um unzählige Hauptlängen überragte, wir sahen einen Kamps mit einer Regierung, wir hatten politische, wenn auch censurirte Zeitungen. Gegenüber letzteren machten die Zeitungen Wiens damaliger Zeit: Die Theaterzeitung, der Humorist rc, geradezu den Eindruck des unsagbar Läppischen, nahezu Blöden. Noch weniger war mir der Sprung aus dem Ghetto Preßburgs nach Wien besonders auffallend gewesen. Wenige meiner Leser haben mehr ein rechtes und gerechtes Ghetto gekannt. Ein Juden-Ghetto war eine Straße oder ein Viertel, i in welchem selbst bei Hellem Sonnenschein, um mit Goethe! zu sprechen, stets „trübe und schwer der Himmel auf meine! Scheitel sich sentte". Im Ghetto wurde nicht gelacht, selbst nicht von den Kindern. Aber auch in Wien hatten die Juden zun: Lachen keine Ursache. Hier bestand allerdings kein durch Gitter abgeschlossenes Ghetto wie in Preßburg. Aber die Juden waren vollständig zusammengedrängt in dem Bienenkorb zwischen Hoher Markt und Salzgries, und in den Gassen der Leopoldstadt: Vom Canal bis zur Taborstraße. Und unter welchen Bedingungen wohnten sie in diesen Gassen! Neben 300 „tolerirten" Juden, das heißt solchen, welchen der ständige Aufenthalt durch ausdrückliches Decret der niederösterreichischen Landesregierung gestaltet worden war oder welche dieses Recht als Accessorium einer „k. k. landesprivilegirten Fabrik", wie auch einer „k. k. priv. Großhandlung" besaßen, waren 15.000 rein per net'as in Wien. Viele als Schutzjuden; nicht im mittelalterlichen Sinne als solche der Hofkammer, sondern dadurch, daß, mit stillschweigendem Eiuverständniß der Polizei, welche ja selbst die Unmöglichkeit einer wirklichen Durchführung des Gesetzes einsah, der Familienvater als Hausknecht eines Tolerirten, die Gattin als dessen Köchin polizeilich gemeldet und geduldet waren. Viele, denen die für diesen Schutz n einen Tolerirten gezahlte, oft sehr hohe Jahresgebühr unerschwinglich war,