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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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jflr. 9 Vr. Vloch's VochrnlchrM Seite 173 Zuwendungen machte. Jeder Schüler, der es wünscht, erhält Morgens ein Frühstück. Außerdem schenkt Lord Rothschild einmal oder zweimal im Jahre jedem Kinde der Schule einen neuen Anzug. Paris. Die Borgänge in Frankreich nehmen noch immer das allgemeine Interesse mehr als alles Andere in Anspruch. Man erstaunt, wenn man die französischen Blätter liest, über die Fülle von Haß und Gift, die dort alltäglich gegen die Juden ausgespritzt werden. Und was das Betrübendste ist: Die Freunde der Juden und ihre berufenen Bertheidiger sind scheu und stumm gegenüber dieser Bolkswuth. Sie sind entweder furchtsam oder ohnmächtig. Aus Rußland, aus Spanien, aus den judenfeindlichsten Ländern kommen einflußreiche Stimmen, die die Franzosen mahnen und warnen — nur in Frankreich selbst hört mau nichts als das Gejohle der Straße: »A bas les juifs!« Sehr merkwürdig ist in dieser Beziehung ein Artikel Emilio C a st e l a r 's. Der greise Staatsmann sagt u. A.: „Die antisemitischen Manifestationen haben die Unruhe in die Straßen von Paris und hundert andere französische Städte geworfen. Ich begreife diese Manifestationen nickt. Wiewohl unser Vaterland im XV. Jahrhundert die Juden vertrieben hat, wiewohl das Fahrzeug, welches die heroischen Entdecker Amerikas an Bord hatte, das Schiff kreuzte, das die letzten Proscribirten nach Tanger führte wiewohl wir Spanier weder einen Tropfen jüdischen Blutes in den Adern, noch auch nur eine einzige semitische Classe zu vertheidigen haben, protestiren wir doch mit ganzem Herzen, mit der ganzen Fülle unseres Gewissens gegen diese barbarische Reaction, welche die besten Früchte der französischen Revolution verdirbt und uns zu dem feudalen und theokratischen Chaos des entsetzlichen Mittelalters zurückführt. Ich glaube, der Antisemitismus sei eine Krankheit des Orients, der Moskowiter, der Croaten, eine Krankheit der Rumänen, der Wiener, eine Krankheit, unmöglich zu bekommen in diesem Lande, wo immer Blut sich färbt und erwärmt durch das Oxygen der Freiheit. Ich begreife, daß Wien und Petersburg Paris nachahmen, aber die Athener können doch die Römer nicht imitiren. Dieser christliche Socialismus des berühmten Wiener Bürgermeisters, bekannt durch seine Judenftesserei, der seine katholischen Uebertreibungen mit demagogischen Tendenzen vermengt, welcher die Zerstörung des Capitals und auch die Zerstörung des Rechtes verlangt, welcher die Seelen fanatisirt, wie die zahlreichen Mordgesellen der Religionskriege, kann erscheinen in den germanischen und slavonischen Kämpfen als' eine krankhafte (^travaganz, aber er kann die Hauptstadt des menschlichen Geistes nicht beschmutzen, er kann Paris nicht beschmutzen, ohne daß die Humanität ihren speciellen Charakter verlöre und unser Planet von Licht und Fortschritt in seiner jetzigen Grundlage erschüttert würde. Würde man die Denkmäler in Paris zerstören wollen, die Constitution in Fetzen zerreißen, das Recht aus den Herzen der Franzosen streichen, um all' das durch ungeheure Processionen von Geißelbrüdern zu ersetzen, welche im Schein der Fackeln durch diese gesegneten Räume ziehen, wo die Constituante und der Convent keimte, gehüllt in mönchische Kutten, mit dem Rosenkranz an der Seite und das Crucifix in der Hand, welche zum Scheiterhaufen führen wollen Menschen, das Haupt bedeckt mit der phrygischen Mütze, daher Ketzer und Rückfällige, da sie kein Schweinefleisch essen wollen! Nein! Die Welt kann niemals in diese Barbarei zurückschreiten!" Jassy. Unter den Einwürfen gegen den Zionismus finden sich manche, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den antisemitischen gegen das Judenthum haben. Gleich diesem unterschiebt man dem Zionismus falsche Motive und Ziele, die Einen aus Bosheit die Anderen aus Unwissenheit, so die Frömmler antireligiöse, die Assimilisten antinationale; beide malen die Folgen der zionistischen Bewegung in den düstersten Farben. Ich habe mich in die peinliche Controverse zwischen Dr. Glaser einerseits und Dr. Herzl und Dr. Rordau anderseits nicht mischen wollen, weil ich das Ende des Streites abwarten wollte und dachte: „Schawke l'Rawje". Die Folge hat mir Recht gegeben. Denn in seiner letzten Polemik gegen den Zionismus meint Herr Dr. Glaser: Die übrigen Juden, welche seinem Plane nicht beitreten wollen, mögen sich in Palästina hinschlachten lassen. Das war etwas zu dick aufgetragen. Dadurch hat Herr Glaser die Unglaubwürdigkeit aller seiner vorher verkündeten Anschauungen dargethan, da dieses einzige Wort hinreicht, ein Helles oder grelles Licht nach rückwärts, auf seine früheren Behauptungen, zu werfen. Herr Glaser hätte diese seine Boraussage mit Thatsachen belegen sollen. Unsere Erfahrung läßt uns mit voller Sicherheit das Gegentheil erwarten. Unsere Colonisten leben in harmonischer Eintracht mit den Arabern in Palästina und bis jetzt ist nichts Derartiges daselbst vorgefallen, das zu so schrecklichen Behauptungen Anlaß geben könnte. Dieses schwarze Bild dürste vielleicht den Mitgliedern seiner congreßscheuen Judengemeinde in München Angst einjagen. Uns hat dieses düstere Bild der Zukunft der Colonisation Palästinas mit Juden aller weiteren Discuffion mit Herrn Glaser enthoben. Ich will blos bemerken, daß selbst die von den Chalukapalästinensern hergesandten Meraglim, wie Mosche Lapidos, sich zu dieser falschen Behauptung nicht hervorgewagt haben. *) Im »Univers israelite* vom 18. Februar wird über einen Bortrag eines Professors in Bayonne, M. Jacob Lambert, über den Zionismus berichtet. Der Herr Professor meint sehr richtig, daß es begreiflich ist, daß jene Juden, die in ihrem Lande gesetzlich verfolgt werden, in ein anderes Vaterland sich zn flüchten gedenken, aber wer von uns würde die beneidenswerthe Eigenschaft des französischen Bürgers verlieren wollen, weil es einigen Besessenen gefällt, uns mit ihrem Hasse zu verfolgen. In den vergangenen Jahrhunderten haben unsere Väter viele dergleichen gesehen. Der Herr Professor spricht ohne alles Verständniß vom Zionismus. Dieser muthet keinem jüdischen Staatsbürger in der Welt zu, sein Vaterland mit Palästina zu vertauschen, wohl aber, daß die in ihrem Vaterlande in Sicherheit lebenden Juden sich der Verfolgten annehmen und ihnen die Mittel zur Auswanderung und eine sichere Stätte zur Niederlassung verschaffen. Wir können leider nicht seine Meinung theilen, daß die gegenwärtig sich abspielenden antisemitischen unerhörten Scandale blos die Ausgeburt einiger Besessenen seien, denn das uiatyj; den sicheren Eindruck, daß die Macher ein zielbewußtes, wohlberechnetes Streben leitet, daß aber unsere Vorfahren schon viele solche Verfolgungen auszustehen hatten, ist nichts weniger als tröstlich.' Diese traurige Thatsache beweist vielmehr, daß diese Krankheit der Besessenheit (eig. Neurasthenie) zu Recidiven geneigt ist, denen vorzubeugen der Zionismus die prophylaktischen Mittel anstrebt. Ferner sagt der Herr Professor: „Wie soll sich das Königreich Zion organisiren? Würde es von den anderen Regierungen, mit Einschluß der des Sultans, geduldet werden? Würde es Republik oder Monarchie sein? Woher würde es sein Budget beziehen? Welchen lohnenden Beschäftigungen würden sich seine Bewohner hingeben, wenn auch dieses kleine, agricol arme Ländcheu blos den vierten Theil der Juden auf der Erdkugel aufnehmen könnte?" An solche Fragen hat der Zionismus noch gar nicht gedacht, weil sie in seinem Streben gar keinen Platz haben, mit Ausnahme der Beschäftigung der in Palästina anzusiedelnden Colonisten. Wenn die übrigen Fragen auf Unkenntniß des Sachverhaltes zeigen, so würde die Beantwortung — um sich seines eigenen Ausdruckes zu bedienen — von Besessenheit, das heißt von neurasthenischer Ueberspanntheit zeigen. Der Herr Professor scheint die letzten zwei Decennien verschlafen zu haben. Die Verleumdung unseres alten, einst als Agriculturland blühenden Vaterlandes als unfruchtbar hat schon vor ihui der Schnorrer Lapidos auf höheren Befehl gemacht (Les extremes se touchent), aber die seitdem auf dem heiligen Boden angelegten Colonien haben diese grundlose Verleumdung glänzend widerlegt. Hat er von den Ausstellungen Palästinas in Berlin, Breslau, Hamburg rc. nicht gehört? Ich dachte, selbst ein Professor sollte den Gegenstand seines Vortrages vorher studiren. Dr. Lippe. Kreta. Auch in Kreta haben die Juden außer den allgemeinen ihre besonderen Sorgen. Vor Kurzem ist der dortige Chacham-Baschi nach Conftantinopel gereist, um bei der Pforte Schritte zu thun, damit bei der bevorstehenden Reorganisation der Verwaltung und Justiz dieser Insel die Juden ihre bisherige Gerichtsbarkeit noch weiter beibehalten dürfen. Der Chacham-Baschi fand zwar überall freundliche Aufnahme; leider konnte man ihm aber auf sein Ansuchen keine bestimmte Zusage machen, da man dort jetzt andere Sorgen hat. Die türkischen Staatsmäuner wiesen alle darauf hin, daß die Insel Kreta schon jetzt zur Hälfte unter der Oberaufsicht und Verwaltung der Vertreter der sechs Großmächte hier stehe, und diese dürsten sich kaum dazu herbeilassen, den paar Hundert kreteusischen Juden eine gerichtliche Ausnahmsstellung einzuräumen. Alles, was die Pforte in dieser Angelegenheit thun könne, bestehe darin^ daß sie bei den europäischen Cabineten beantragen werde, die Juden Kretas mögen noch weiter ihre religiöse Gerichtsbarkeit beibe- *) Nach diesem Schreckbilde sollte man glauben, daß Tißa-Etzlar, Lanthen, Krakau, Tarnow, Algier rc. rc. in Palästina liegen.

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