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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 169 Wir wissen trotz aller Kränkungen, die wir erfahren, von „keinem moralischen Ghetto, das unser vorgeschriebener Aufenthaltsraum ist." Wir haben keine Gemeinsamkett mit den Herren Rheinberg und Wasserstein, aber wir haben auch keine Sympathie mit Herrn Doctor Samuel. Herr Herzl will uns glauben machen, daß dieser ein Idealist und ein edler Schwärmer ist, der im Kampfe gegen die übermächtige Ungerechtigkeit zu Grunde gehen muß, wir aber halten ihn für einen Thoren, der ein Opfer seiner thörichten Verblendung werdenmuß. Er hatte sich mehrere Jahre vorden Vorhalten unseres Stückes im Kaffeehause vom gesellschaftlichen Standpunkt aus höchst incorrect benommen. Er nimmt eine neben dem Grafen liegende Zeitnng, ohne darum zu bitten und wird auf dessen hochfahrenden Verweis grob, nimmt dessen dargebotene Karte an, schlägt sich aber nicht, sondern bittet um Entschuldigung — weil sein Vater krank ist. All' das ist von unglaublicher Kindlichkeit der Erfindung. Entweder steht Doctor Samuels auf dem mittelalterlichen Standpunkt des Ehrenhandels, dann hat er sich trotz des kranken Vaters zu schlagen oder, wenn der Vater gesundet, eine Gelegenheit, zum Beispiel bei seinem Hochzeitstage, zu ergreifen, dem Herrn Grafen die Beleidigung heimzugeben. Oder er benimmt sich von Anfang an wie ein wohlerzogener Mann, dem solche Wirthshausgeschichten nicht passiren, lehnt die angebotene Karte ab und verweist den Raufbold, wenn kein anderes Mittel bleibt, vor die Gerichte. Dr. Samuel, der aber weder das Eine noch das Andere thut, hat dem Grafen gegenüber gar kein Recht; dieser ist vollkommen berechtigt, den Advocaten als einen Feigling zu betrachten und ihm dies' bei erster Gelegenheit zu sagen, nachdem er ihm lange genug, wie es auch sein Recht war, mit schweigender Verachtung bestraft hat. Er, der ruinirte Graf, und nicht der jüdische Advocat hat unsere Sympathie, wenn er Rheinberg zwingen will, ihm sein Geld wieder zu schaffen, und wenn er den Dr. Samuel, der dem Grafen die vielleicht juridisch richtige, aber moralisch ganz unhaltbare Theorie auseinandersetzt, daß Jener gar nicht übervortheilt worden, sondern nur allein an seinem Unglück schuld sei, als Mitschuldigen erklärt. Gewiß sind seine höhnischen Reden brutal, aber sie sind durch Samuels früheres Benehmen völlig gerechtfertigt. Wenn dieser sich Hinreißen läßt, den Grafen zu ohrfeigen, so begeht er schreiendes Unrecht, und wir empfinden den Schlag, den er austheilt, als einen Schlag in's eigene Gesicht. Sein Fallen im' Duell betrachten wir als seine gerechte Sttafe, nicht als tragisches Geschick des idealen Helden. So wenig wie in Rheinberg und Wasserstein, so wenig können wir in Dr. Samuel den Repräsentanten unserer Gefühle erblicken. Vielleicht passen die von Herzl geschilderten Verhältnisse auf Wien, besonders auf das Wien des Jahres 1893, wo das Stück wirklich spielt, auf uns passen sie nicht. Wir sind Deutsche, fühlen und handeln deutsch und werden, wenn wir auch in unserem Fortkommen durch ungerechte Zurücksetzungen gehindert, in unseren Privatbeziehungen durch Vorurtheile gekränkt werden, in unserer wissenschaftlichen und geschäftlichen, in unserer amtlichen und bürgerlichen Thätigkeit nicht gehemmt und beschränkt. Wir streben in Sprache und Gewohnheit, in Sitte und Lebensführung nach dem Ziel, alle Absonderlichkeiten und Unarten, Gebrechen und Fehler des alten Ghetto los zu werden. Wir streiten einen ehrlichen Streit, wir hoffen, weil wir der Geschichte vertrauen, auf einen Sieg der Gerechtigkeit — und darum fühlen wir uns von Wahngebilden zurückgestoßen und verabscheuen in ehrlichem Hasse das „neue Ghetto". Die „Allgemeine israelitische Wochenschrift" constatirt, daß das Publicum, das sich auf Grund freundlicher und dringlicher Einladung eingefunden hatte, seinem numerisch überwiegenden Theile nach mit der unerschütterlichen Absicht gekommen war, dem Werke um des Autors willen enthusiastischen Empfang zu bereiten. Es saß nicht „mit hohen Augenbrauen gelassen da und wollte gern erstaunen", sondern in der vorgefaßten Meinung, es werde von dem Zionisten-Apostel eine zionistische Offenbarung hören. In dieser Erwartung freilich wurde es getäuscht, denn vom Zionismus ist in dem Stück mit keinem Wort, nicht einmal mit einer Andeutung die Rede — doch eine Enttäuschung hat eine glaubensstarke Gemeinde noch niemals irre gemacht. Irre wurde nur der Theil der Zuhörerschaft, der nach den auf die Wiener Aufführungen sich stützenden zwiespältigen Besprechungen ein Tendenzstück zu sehen erwartet hatte, das Tendenzstück eines Autors, der im mittleren Europa als der Führer einer jüdischen Bewegung, des Zionismus, vielfach genannt worden war. Dieser Theil der Zuhörerschaft nahm mit wachsendem Erstaunen wahr, daß auch die Tendenz fehlte und das Stück genau so gut oder schlecht geblieben wäre, wie es ist, wenn der Held des Stückes nicht Dr. Samuel, sondern Dr. Schulze geheißen, die Börsenleute nicht gemauschelt hätten und der Conflict, der zu blutigem Ausgang führte, nicht den Gegensatz zwischen Antisemiten und Juden, sondern etwa zwischen aristokrattscher Ueberhebung und gerechtem Bürgerstolz als Ausgangspunkt gehabt hätte. Nur die oberflächliche Umprägung einiger Tiraden ist nöthig, um dem ganzen Stück einen anderen Charakter zu geben. Nicht einmal eine Parteinahme für die Juden ist zu erkennen — ja, man darf behaupten, daß ein anttsemittsch gesinnter Autor zu wesentlichen Aenderungen kaum Anlaß gefunden hätte. Die „Jüdische Presse" schreibt: Als Tendenzdrama ohne Kunstwerth wäre es klanglos verschollen, wie vor Jahren die „modernen Teutonen" und wie „Rabbi David", dem ein geschickt gewähltes Pseudonym ein kurzes Dasein erwarb, wie jetzt der Name Herzl's dem „Neuen Ghetto" rasch über die ersten Wehen hinweghalf. Sollte es sich länger auf der Biilme halten, so verdantt es diese Lebensdauer der künstlerischen und taktvollen Art, mit der es von dem Verfasser geschaffen ist. Dramatiker freilich ist Herr Tr. Herzl nicht, seine technische Unbeholfenheit berichrt (im ersten und zweiten Act zumal) fast peinlich; aber seinen psychologischen Scharfblick und seine feinfühlige Milieuschilderung fesseln immer wieder und wieder. Er erinnett ur der Anlage des Ganzen an Schnitzler nicht nur wegen des Todes durch die Kugel des Gegners (denn auch die Helden von „Liebelei" und „Freiwild" sterben), mehr noch durch die Gruppirung und Detailschilderung. Freilich bei Schnitzler geht eine straffe, energische Handlung durch das Ganze; hier besinnt sich der Verfasser auf das immerhin wesentliche Erforderniß eines Dramas erst im zweiten Act, und auch dann erbarmt sich nur von Zeit zu Zeit eine der „handelnden" Personen und schiebt den Karren ein Stück vorwärts. Die Schilderung der jüdischen Gesellschaft und des jüdischen Hauses wäre meisterhaft zu nennen, wenn nur das Wort jüdisch nicht falsch wäre. Diese Gesellschaft ist nicht mehr jüdisch — nicht mir wegen der Orgelsynagoge. Einen Vertreter des wirklich auch beute noch bestehenden Ghetto - Judenthums sehen wir nicht. Der Herr Rabbiner doch nicht etwa? Ten begrüßen wir freudig als alten Bekannten: Das ist ja der zum Judenthum übergetretene Romanpfarrer, der vor vielen Jahren in allerhand Leihbibliotheksbänden amtirte. Oder Herr Wasserstein? Ich bin über diese Gestalt nicht recht klar geworden, denn der Darsteller spielt leider nicht den Agenten Wasserstein, sondern den Schauspieler Pauder. Das nur sah ich, daß diese Figur nicht ins neue Ghetto gehört; sie wirkt aus die Lachmuskeln und gelegentlich auch aus die Thränendrüsen» zumal solcher Leute, die Freytag, die Birch-Pseiffer und L'Arronge nicht kennen. Im Vergleich mit den anderen jüdischen Figuren, die mit Ehrlichkeit, mit peinlicher, oft vielleicht selbstquälerischer Ehrlichkeit, vom Verfasser gezeichnet sind, ist diese Conccssion an die „Gründlinge" des Parquetts höchst bedauerlich und des Dichters unwürdig. Aber ein Drama soll uns ein objectives Bild geben; nur der ist Dramatiker, der den neuen Conflict, den das „Neue Ghetto" behandelt, aufgreift und als K ü n st l e r verwerthet. Freilich — die Aufgabe ist undankbar und gefährlich, so lange ein Publicum sich so geberdet, wie das bei der ersten Aufführung. Das Theater ist eine Kunststätte, , das schließt nicht aus, daß auch dort ein Kunstwerk Tendenz macht; aber die Tendenz macht noch kein Kunstwerk. Die Bedeutung des Mannes liegt auf anderem Gebiete, als dem des Dramas, — die Bedeutung des Dramas liegt in der Wahl des Stoffes und des Titels. Die Bedeutung des Abends im Thalia-Theater aber liegt in dem traurigen Schauspiel im Zuschauerrauin, das auf's Neue beweist, daß der Antisemitismus und seine Folgen nicht nur unsere Gegner, sondern auch uns zum großen Theil unfähig gemacht hat, objectiv zu urtheilen, was gut und schön ist. Und da freilich ist ein Theil des Herzl'schen Satzes bewiesen: 2Siv sind noch im Ghetto — i m geistigen Ghetto! „Bolkszeitung". Der Dichter geht bei der Behandlung einer unserer brennendsten Tagesfragen mit seltener Unparteilichkeit zu Werke, sein Dialog ist reich an geistvollen und zutreffenden Aussprüchen, auch einige Figuren sind ihm nicht übel gerathen und doch vermochte das Schauspiel nur eine geringe Antheilnahme zu erwecken. gfr „Boffische Zeitung". Eine kleine, billige, grundlangweilige Tendenzgeschichte, die keinem, der sie als Künstler lesen würde, sein Mittagsschläfchen rauben könnte. Für Juden wird gesprochen, gegen Juden wird gesprochen und das Ende ist, man weiß nicht was. Sein „ehrliches Gefühl" ist Haß. Ich bin kein Jude. Aber als dem „arischen" Rittmeister der Schlag ins Gesicht versetzt wurde, da hatte ich ein Gefühl, als ob auch mir der Verfasser eins versetzen möchte, eben deswegen, weil ich kein Jude bin. Und ein ähnliches Gefühl muß, dünkt mich, jeder Jude haben, wenn er hier die Redensarten vom „Judenpack" breittteten hört, wenn er von dem Herrn Wafferstein sich den ekelhasten Jargon vormauscheln lassen muß, der jemals nicht gesprochen ist, wenn er schließlich den Bertreter seiner Stammesehre von einem beliebigen Schützen hingeschoffen sieht. Nur daß bei chm die Erwägung alles ändern muß, daß der Verfasser selbst ein Jude ist, also, so viel äußerst seltsam berührende Selbstverspottung auch in dem Stücke vorkommt, im Grunde doch nicht gegen sich selber schreiben kann. „Berliner Zeitung". Herr Herzl hat ein ungeschicktes und taktloses Werk geschrieben, das nichts für Herzl's zionistische Tendenzen beweist, im Gegentheil, er spottet seiner

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