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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 168 Kr. Bloch » VochrnschrM Nr 9 Ein jüdischer Arzt. Im Jänner l. I. wurde die Schaar der bedeutenden jüdischen Aerzte wieder gelichtet. Ernst Hart, der Redacteur des „British medical Journal" starb in Brighton in England. Er wurde 1835 in London als der Sohn eines jüdischen Zahnarztes geboren, der in guten Verhältnissen lebte und seinem Sohne eine vorzügliche Erziehung gab. Er war ein sehr begabter Junge und einmal waren bei Schulschluß zwei Wagen nöthig gewesen, um alle von ihm gewonnenen Preise nach Hause zu führen. Zweifellos hätte ihn das Gymnasium auch als Freischüler nach Cambridge auf die Universität geschickt, wenn es damals einem Juden erlaubt gewesen wäre, sich eine akademische Erziehung anzueignen. Er machte daher seine Fachstudien im St. George-Hospital in London. Schon als Student machte er es sich zur Aufgabe, die höchst kümmerliche Lage der. Marineärzte aufzubesiern, was auch seinem Redner- und organi-' satorischen Talente gelang. 26 Jahre alt, im Jahre 1861, wurde er Professor der Augenheilkunde am St. Marys Hospital und im Jahre 1865 Decan daselbst. Er war einer der beschäftigtsten Aerzte in der City. Seit dem Jahre 1868 widmete er sich ganz, mit Aufgabe der sehr reichen Praxis, dem Journalismus, dem er schon von Jugend auf eine große Vorliebe entgegengebracht hatte. Mit 23 Jahren schon trat er ein in die Redaction des „Lancet", im Jahre 1866, 31 Jahre alt, wurde er Chefredacteur beim „Brirish medical Journal", das heute allgemein als das führende in der englischen Aerztewelt angesehen wird. In späten Jahren durchreiste er Italien, Spanien und den Norden Afrikas. Eine Reise um die Welt führte ihn durch Canada, wo er für die „British medical Association" thätig war, nach Japan und Indien. Zahlreiche Sammlungen legten für seinen Kunstsinn reiches Zeugniß ab. Seine Sammlung von japanischen Curiositäten, von Porcellan und Elfenbeinschnitzereien war über London hinaus berühmt und sein Kunsturtheil unter Kennern stets geachtet. Der Engelmacherei trat er auf das Entschiedenste entgegen und durch zahlreiche durch ihn veranlaßte Gesetze ist das Los der armen Ziehkinder in England ein besseres geworden. Biel leistete er für die Hygiene. Sein Tod, sagt v. Busch, hmterläßt eine Lücke, die sich nur schwer wird ausfüllen lasten. Dr. Friedländer. Die Wiznitzer Volksschule war in den letzten Tagen Gegenstand eingehender Besprechung in der „Freien Schulzeitung", „Arbeiterzeitung" und „Ostdeutschen Rundschau". Unsere Leser, die in Unkenntniß von den Räubergeschichten sind, die in jenen Zeituugeu über Wiznitz und seine Volksschule erzählt werden, können sich lebhaft denken, daß es mchts Gutes sein kann, wenn die „Ostdeutsche Rundschau" und — Isst not least — die freisinnige „Arbeiterzeitung", die den Juden gerne was am Zeuge flickt, sich der Sache bemächtigt haben. Da werden vorerst jüdische Bräuche aufs Böswilligste entstellt. Der bei fast allen Völkern übliche Todtencultus — der bei den Juden schließlich nichts mehr ist als höherer Grad der Pietät — wird in einer Weise gedeutet, als trieben die Juden Götzendienst mit ihm. Der Schreiber jener Artikel in völliger Unkenntniß des Jargons hält die Worte: „Tato und Oberster" für Namen von Götzen oder Gespenstern, während sie in Wirklichkeit nur „Vater und Gott" bedeuten. Daß die Leute bei Krankheitsfällen in der Familie auf den Friedhof gehen und an den Gräbern der Ahnen Gott anflehen, daß er ihnen helfe, wer würde es ihnen zum Schlechten auslegen, wenn nicht höchstens die „Ostdeutsche Rundschau" und leider auch die „Arbeiterzeitung", die ein eigenartiges Mitleid zur Schau trägt. Es ist ferner unwahr, was jener Artikel enthält, daß die Juden nach der Hochzeit auf den Friedhof gehen und dort eine Art von Hexenfest feiern. Der Schilderung von Zuständeu in der Wiznitzer Volksschule ist in jenem Aufsatz ein breiter Raum gewidmet. Wir sind überzeugt, daß die Lehrerschaft jener Anstalt zu dieser ungeheuerlichen Schilderung in geeigneter Weise Stellung nehmen wird. Die Kinder — notabene die jüdischen — werden als verlogene, durchwegs mit „Parch" behaftete Auswürflinge geschildert u. dergl. Wir sind weit entfernt, die Schulverhältnisse in Wiznitz als rosig anzusehen, aber sie sind nicht schlimmer als in jeder anderen Gemeinde der Bukowina. Was von dem Einfluß des „Wunderrabbis" in Wiznitz erzählt wird, ist ebenfalls erlogen. Die Wunderrabbis haben viel von ihrem Einfluffe eingebüßt, und wenn sie wirklich solche Schädlinge der Gesellschaft wären, würden sie von den Sicherheitsbehörden nicht einen Augenblick geduldet werden. Dies Wenige zur Steuer der Wahrheit. Ein Commentar zu den erwähnten böswilligen Entstellungen ist überflüssig. „Bukowinaer Rundschau." Ueber da« „Neue Ghetto" schreibt in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" Professor Dr. Ludwig Geiger: Lohnt es die Mühe, sich über das Stück zu erregen, das, wenn diese Zeilen in die Hände der Leser kommen, bereits vom Spielplan des Thalia-Theaters, wo es am 15. Februar zuerst erschien, verschwunden sein wird? Die Direktion gibt als Grund an: Nöthigung durch andere Verpflichtungen. Aber auch ohne diese wäre ein Wechsel erforderlich gewesen. Denn schon bei der achten Vorstellung, der einzigen, der ich beiwohnen konnte, waren, und noch dazu an einem Sonnabend, obgleich die Mulackstraße und ähnliche schöne Gegenden ihr Bestes gesendet zu haben schienen, um acht Bänke im Parquet besetzt, die Ränge fast völlig leer, der Beifall schwach. Es müßte mich Alles täuschen, wenn das Stück nicht klangloser verschwände, als es erschien. Da aber das in Berlin gegebene Beispiel weiter wirkt, da schon die Zeitungen melden, daß sich Hamburg zum Empfange des Gastes rüstet, und vielleicht andere große Städte, wie Frankfurt, München oder Breslau, Nachfolgen, so sei es gestattet, ein kräftiges Wort für Andere zu sprechen, wenn es auch für Berlin nicht mehr zurechtkommt. Ich bin literarischen Erscheinungen gegenüber durch Jahrzehnte lange Uebung und Gewöhnung immer in erster Linie Kritiker und Aesthetiker — denn zum reinen Genießen bringt's Unsereiner kaum mehr — und dann erst Jude. Und so habe ich auch hier als Kritiker die ersten schweren Bedenken. Wie roh sind die Effecte, wie kindisch die Scenenführung, auf wie niedriger Stufe der Bühnentechnik stehen die Actschlüsse. Wenn am Ende des zweiten Actes zum Beispiel der Held seiner Frau mit dem Brusttöne der Ueberzeugung zuschreit, er reise nach dem gefährdeten Bergwerk, so müßte er und mit ihm die paar Beifallsklatscher dieser Tirade bedenken, daß die kleine Frau von der ganzen Geschichte nichts weiß und seinen Heroismus schwerlich begreift. Wie ungeschickt ist die Art und Weise, wie im ersten Act die alte Frau Samuel ihre Ermahnungen und Reden dem jungen Paar vorträgt und durch diese für die Handlung ganz gleichgiltige Unterbrechung die übrigen Personen zum Stillschweigen verurtheilt. Wie unmotivirt ist das Erscheinen mancher Personen, zum Beispiel das Wasserstein's bei Samuels im vierten Act. Die Charaktere der meisten Personen sind durchaus conventionell, ohne jede Spur individueller Färbung. Der Rittmeister ist der adelige Lunrp, Lebemann, gewissenlos, cavaliermäßig nur iin Aeußeren. So oft wie ihn hat man den christlichen Anwalt gesehen, einen Schwächling mit gutem Herzen, das, sobald es sich erproben soll, sich als widerstandsunfähig beweist. -Die anderen Personen sind noch schattenhafter. Die alten Samuels sind wackere Philister, die nicht interessanter dadurch werden, daß sie jüdische Philister sind. Die junge Frau Dr. Samuel ist ein.Gänschen, um die, da ihre Federn nicht einmal stark vergoldet zu sein scheinen, kein Gatte zu beneiden ist. Ihre Schwester, Frau Rheinberg, ist die hundertmal gezeichnete Bankiersgattin, die sich alle Mühe gibt, correct zu sprechen, aber nicht immer mit glücklichem Erfolge, die durch tieferen Kleiderausschnitt, reicheren Schmuck und größere Koketterie ihre Nebenbuhlerinnen zu übertreffen sucht. Der saubere Gatte, ein Börsianer der schlimmsten Sorte, ohne Gewissen, ohne Gemüth, ohne Verstand. Er fällt wie er steigt, kennt für seinen Hochmuth ebensowenig eine Grenze, wie für seine Unterwürfigkeit, hat für Edelsinn kein Gefühl und hält Rechtschaffenheit für Schwärmerei. Während alle diese Figureu skizzenhaft oder conventionell gezeichnet sind, ist die einzig gut durchgeführte Person der galizische oder östliche Jude Herr Emanüel Wasserstein. Er ist der geschätzte Glaubensgenosse, demgegenüber wir jede Gemeinschaft ablehnen, und den nur die Verkehrtesten uns an unsere Rockschöße anhängen können. Eine solche Figur aus dem Leben zu zeichnen und die anderen gewöhnlichen Typen aus einzelnen jüdischen Kreisen: Halsabschneider, kokette oder unbedeutende Frauen, brave Philister — Dutzendfiguren, wie sie auch bei Christen Vorkommen — dazu gehörte Muth? Wahrlich, dann ist es nur derselbe Muth, der die Berliner Possendichter aus den guten Zeiten der Berliner Posse von Julius Voß an bis zu David Kalisch beseelte, Typen aus dem Volksleben auf die Bühne zu bringen. Die breite Ausmalung einer solchen Figur in unserem Stück ist kein Zufall. Sie soll den Juden zurufen: das seid Ihr, das sind Die, welche Ihr nicht los werden könnt, und durch welche Ihr herabgezogen werdet. Solchem Beginnen gegenüber müssen wir — ich spreche das stolze Wort aus,' weil ich mir bewußt bin, nicht in meinem Namen allein, sondern im Namen vieler Tausende zu sprechen — auf's Schärfste entgegentreten. Wir haben mit Leuten wie Rheinberg und Wasserstein keine Gemeinschaft. Wir dulden nicht, daß gewissenlose Speculanten und protzenhaste Dümmlinge sich tu unseren Gesellschaftszimmern breit machen. Wir jagen nicht einem verarmten und verlumpten Grafen nach und halten es für keine Ehre, wenn er an unserem Tische Platz nimmt und — vielleicht — auch sich auf der Straße neben uns zeigt.

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