Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nc. 9 Vr. VlmV» WmhenptzrM Sette 167 in gleicher Weise zu veriheilen und vor Allem historische Gerechtigkeit zu üben, welche die schönste, aber auch die schwierigste Aufgabe des Forschers ist. Die Judenfresser der Gegenwart, besonders diejenigen, welche gerne auf Josef II. sich berufen, könnten aus diesem Vortrage lernen, daß vor Allem Toleranz und Humanität die erste und glänzendste Aufgabe eines wahren Christen und eines anständigen Menschen ist. Rauschender Beifall und herzlichste Acclamation belohnten bett Redner am Schlüsse seiner Ausführungen, als der Vereinspräsident Herr Dr. F i a l l a unvermuthet die Tribüne betrat und durch ein Glockenzeichen das Publicum zum Verweilen mahnte. Unter lautloser Stille begann Herr Dr. F i a l l a: „Gönnen Sie mir noch eine Minute zu einer Improvisation, die mir ebenso als Herzensbedürfniß wie als Ehrenpflicht erscheint. In unserer Mitte weilte heute und weilt noch Doctor Ferdinand K r o n a w e t t e r." Bei diesen Worten entstand ein wahrer Sturm der Begeisterung; das Publicum erhob sich, schwenkte Hüte und Tücher und brachte dem beliebten Volkstribunen eine mächtige Ovation dar, die dieser gerührt und sich immer wieder verneigend entgegennahm. Dr. F i a l l a vermochte dann fortzusetzen: „Der Jubilar eines großen Theiles der Wiener Bevölkerung, welcher heute sein sechzigstes Lebensjahr vollendet, derjenigen Bevölkerung, in deren Seele die Begriffe und Gefühle für Recht und Gerechtigkeit für das Gute und Wahre noch nicht verwüstet oder erstorben sind (Stürmischer Beifall), ist von einer c o n g e n iflten Verehrung an diesem seinen Ehrentage zu uns geleitet worden, denn Kronawetter kann dort nicht fehlen, wo gesprochen wird über den durchleuchteten josephinischen Geist, über Toleranz und Aufklärung, über Wahrheit und Humanität. Und da, was selbst bei dem Großen Friedrich, der uns soeben geschildert wurde, vermißt wird, Toleranz und Aufklärung sich keineswegs immer, vielmehr nur selten, vereinigen, in diesem Jubilar seit Jahrzehnten zur vollsten reinsten Blüthe sich entfaltet haben, lassen Sie uns die Ehre und Freude seiner Anwesenheit zu dem herzlichen und lauten Rufe und Gruße benützen : Dr. Kronawetter als treuer Repräsentant der vereinigten Aufklärung und Toleranz lebe hoch!" « Unbeschreiblicher Beifall und spontane Huldigung folgten diesen Worten und Kronawetter empfing unzählige Glückwünsche, -wie nicht minder Dr. F i a l l a stürmischen Dank für seine wirkungsvolle Initiative. So schloß in überaus gehobener Stimmung und harmonischer Weise dieser Vortragsabeud, dem eine zwanglose gesellige Vereinigung im Restaurant Khuner folgte, bei welcher dem ausgezeichneten Redner des Abends Dr. K o h u t, sowie dem Politischen Volksvereine und dessen Präsidenten vielfache Huldigungen dargebracht wurden. Unter den Besuchern des Abends erwähnen wir außer Dr. K r o naiv e t t e r noch den Abgeordneten W r a b e tz, den früheren Abgeordneten D r. Bloch, die Cultusvorstandsmitglieder Arthur von Mises, Architekt Fleischer und Dr. M- Spitzer, Maler Isidor Kaufmann, Consul A. M ar e k, Director B. L a n g b a n k, die Rabbiner Dr. Gelbhaus, L ö w y und S o r, Commercialrath E i s e n b e r g er und Leo Hildesheimer. Mit vermehrtem Interesse können wir nach diesem Erfolge dem nächsten Vortrage entgegensehen, den am 9. März d. I. der ordentliche Professor der Philosophie an der Universität Marburg, Geheimrath Dr. Hermann Cohen über „Das Judenthum als Weltanschauung nnd die Messias-Idee" abhalten wird. Der Kremfterer Reichsrath 1848. Die fünfzigste Wiederkehr der „großen Umschwungzelt", in welcher der Kremsierer Reichstag eine ziemlich bedeutende Rolle spielte, ist Anlaß genug, derjenigen Momente, Interessen und Vorkommnisse zu gedenken, welche mittelbar oder auch unmittelbar die Judenschaft betrafen. Sind doch gerade diese Reichsversammlung nnd die von ihr gefaßten Beschlüsse ein Markstein in der Geschichte des Judenthums Oesterreichs, denn der Grundsatz der staatlichen Gleichberechtigung wurde daselbst zum ersten Male von berufenen Vertretern des Volkswillens ausgesprochen. Vor Kurzem wurde erst eines jener herrlichen Manifeste, deren . Zahl in jenem Jahre unbegrenzt war, veröffentlicht*), das zwar die *) Dr. A. Frankl-Griin „Geschichte der Juden in Kremsier". I. Breslau, Schottlaender. vielen den österreichischen Unterthanen jüdischen Bekenntniffes erwiesenen Wohlthaten anerkennt, zugleich aber nicht minder eine „Verbesserung des äußeren gesellschaftlichen Zustandes" herbeiwünscht; denn „noch haben mannigfache, jenen Geist einer längst verschwundenen Vergangenheit bezeichnende Beschränkungen nicht aufgehört, mit denen das Wohlwollen und die wahre Humanität der glücklicheren Gegenwart einen auffallenden Contrast bilden. Noch ist der Jude zum eigentlichen Besitz sonst keiner Spanne Ackergrundes gesetzlich berechtigt, als der, wo seine Grabstätte ihm wird bereit gehalten ....." Freie Worte unverblümt auszusprechen, war in jenen Tagen nichts Neues. Eine schärfere, von Ausbrüchen der Leidenschaft durchglühte Sprache als jene, die Prediger Mannheimer an den Särgen der Märzgefallenen führte, ward wohl selten gehört. Isaak Noah Mannheimer, der die Stadt Brody vertrat, fungirte als zweiter Vicepräsident des ersten constituirenden Reichstages. Nebst dem Wiener Abgeordneten Dr. Ad. Fischhof zählte die aus 383 Mitgliedern bestehende Reichsversammlung vier jüdische Vertreter: Goldmark, Halpern, Meisels und Mannheimer. Dieselben genossen im Reichsrathe großes Ansehen, vornehmlich erfreute sich der von den Polen als „der Ihrige" bezeichnte Rabbiner Meisels allgemeiner Beliebtheit. Der durch seine Schrift „Oesterreich und die Bürgschaft seines Bestandes" namhaft berühmt gewordene Fischhof. dessen persönliche Vorzüge selbst von Gegnern rühmliche Anerkennung gefunden, hat in einer Reihe von Aufsätzen wichtige Beiträge zur Geschichte jener Zeit veröffentlicht und über manche dunkle Thatsache werthvolle Aufzeichnungen gemacht. Von hohem Interesse ist jedenfalls die Stellung, welche von den jüdischen Abgeordneten den verschiedenen Fragen und Beschlüssen gegenüber eingenommen wurde. Fischhof und Goldmark waren Mitglieder des Constitutionsausschuffes, letzterer auch des Ausschusses für Volks- und Staatswirthschaft, woselbst er eine äußerst rege Thätigkeit entwickelte. Dreizehn, die Rechte der Staatsbürger gewährleistende Satzungen der Verfassung wurden im Plenum durchberathen. Die Stimmung der Mehrheit war judenfreundlich. Von dem späteren Minister, Freiherrn von Ziemialkovski riihrt das Wort her: „auf daß die Juden uns als Brüder lieben lernen"; Schwarzer, Prato und Löhner fanden sich mit mehreren liberalen Abgeordneten in der Wohnung Fischhof's ein, um eine Besprechung in Ansehung eines der bedeutungsvollen Paragraphe des Verfassungswerkes abzuhalten. Der ereignißreiche Winter von 1848 auf 1849 hatte so manchen politischen Sturm gesehen. Der Umschwung der Zeit fand in den wechselnden Stimmungen, den leicht erregbaren Gemüthern lebhaften Ausdruck. Bezeichnend für die schwankende Haltung der „Linken" war der Umstand, daß es noch vor der unerwarteten Auflösung des Reichsrathes zu keiner Einigung über diese so tiefgreifenden Gesetzesänderungen gekommen war. Meisels*) war noch vor Schluß der Session in seine Heimat abgereist, Mannheimer verließ, ganz mißmuthig über die eigentümliche Haltung der Rechten, die Versammlung, nachdem er schon vordem durch Ludwig August Frankl seitens des Vorstandes der Wiener Gemeinde verhalten worden war, sich Mäßigung aufzuerlegen. Seine fortschrittliche Gesinnung äußerte sich auch in dem Bestreben, die Institutionen des Gottesdienstes zu reformiren, und die Gemeinde Kremsier verdankt ihm eine Reihe von Neuerungen. Hente — also fünfzig Jahre später — würde man vergebens nach solchen Worten suchen, wie sie der freiheitliche Gottesmann in der Rede, die — erfüllt von edelster Empfindung — einen beherzigenswerthen Mahnruf an alle Zeitgenossen enthielt, gebrauchte. Auch Goldmark nahm des Oefteren Anlaß, für seine Glaubensgenossen Partei zu ergreifen. Auf den Vorwurf des Abgeordneten Kautschitsch: die jüdische Religion habe ein von jeder Staatsgrenze unabhängiges Centrum, erklärte Goldmark: „Bezüglich der jüdischen Religion ist der Abgeordnete im Jrrthum. Daß die Unabhängigkeit der jüdischen Kirche nicht staatsgefährlich ist, folgt schon daraus, daß sie kein Vermögen hat." Es ist weder Aufgabe noch Zweck dieser Zeilen, alle Einzelheiten, welche jenen bedeutungsvollen Tagen ein besonderes Gepräge gaben, aufzuzählen und alle Thatsachen wieder auszufrischen, die mehr oder minder auf die österreichische Judenschaft Bezug hatten. Wohl aber hat dieselbe mit Fug und Recht Anspruch, die Jubiläumsfeier jener Tage festlich zu begehen und in dankbarer Erinnerung der Reichsversammlung zu gedenken, auf welcher der Grundstein zu der Verfassung gelegt wurde, die, frei von allem Vorurtheil, die engen Schranken der Bevormundung und Zurücksetzung niederriß. Das vielgeschmähte Jahr 1848 befreite die Juden von den drückenden Fesseln der politischen und bürgerlichen Abgeschlossenheit. Der Geist der Aufklärung rüttelte, die engen Grenzen sprengend, heftig an den Thoren und Mauern des Ghettos, die dem Zuflüsse freier Gedanken und Worte zugänglich gemacht wurden. Orsmsirienois. *) Als ihn Präsident Smolka eines Tages freundlichst begrüßte und ihm einen Sitz auf der Rechten anwies, erwiderte er: „Wir Juden haben keine Rechte."