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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Date
1898-03-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 164 Dr. »loch » WochrnschrM. Nr. 9 und Furcht. „Die furchtbaren Verfolgungen der früheren Jahrhunderte haben aufgehört, die civilisirten europäischen Völker haben den Juden Gastfreundschaft und Gleichberechtigung gewährt; warum also, ftagt er, diese ewige Furcht, dieses Gefühl der Unbehaglichkeit und des Fremdseins? Herr Ferrero ist ja auch in Rußland gewesen und hat Gelegenheit gehabt, die Lage der dortigen Juden kennen zu lernen. — Findet er, daß sie dort nicht verfolgt werden, oder zählt er Rußland nicht zu den civilisirten Staaten? — Dort lebt aber die größere Hälfte der Juden Europas, und wie ihr Zustand auf die Juden im übrigen Europa zurückwirkt, das sieht man an den phantastischen Plänen der Zionisten, welche Unruhe und Verwirrung auch in die Reihen der westeuropäischen Juden hineingetragen haben. Hätte der Italiener sein Buch nach den neuesten Vorgängen in Prag und Rumänien, nach den Processen Esterhazy und Zola geschrieben, so würde er die Ursachen dieser Beängstigung und Unruhe der Juden klar und deutlich gesehen haben. Aber selbst vor diesen Vorgängen konnten sich die Juden nur in sehr wenigen Ländern sicher und heimisch fühlen. Waren sie auch gesetzlich gleichgestellt, so waren sie es nicht gesellschaftlich; stets erinnerte man sie daran, daß sie eigentlich Fremde seien, stets verlangte man von ihnen besondere Dankbarkeit. Wofür? Für die Gleichstellung. Als ob man Jemanden, der ein lange vorenthaltenes Gut uns zurückgibt, daftir dankbar zu sein verpflichtet wäre. Und wie ein kranker Körpertheil zuerst jede herannahende Veränderung der Witterung spürt, so spüren die Juden stets zuerst jede herannahende Reaction, jede Veränderung des polittschen Wetters, weil, wenn dann der Sturm hereinbricht, er sie am stärksten ttifft. Darin liegt die Ursache der jüdischen Nervosität, des Mangels an Lebensfteude. Herr Ferrero irrt aber sehr, wenn er solche Stimmung schon im Alten Testament zu finden glaubt. Unrichttg ist es auch, wenn Ferrero sagt, daß das deutsche Volk den deutschen Schriftstellern jüdischen Glaubens, selbst wenn es sie bewundert und von ihnen beeinflußt wird, geringere Sympathie entgegenbringt als stammechten Deutschen. Er sucht dies durch die geringere Popularität Heine's im Vergleich mit der Goethe's und Schiller's zu beweisen. Aber, abgesehen davon, daß diese beiden auch größere Dichter als Heine sind, hat dessen Popularität erst in Folge der antisemttischen Hetzereien abzunehmen begonnen. Trotz -alledem' ist Heine noch immer beliebter, wird viel mehr gelesen als die echt Deutschen Klopstock, Uhland, Platen u. s. w. Und wie lange hat es gedauert, bis man Grillparzer den ihm von Manchen noch jetzt streittg gemachten Platz gleich hinter Schiller einräumte? Ein weiterer Beweis, daß die großen deutschen Genies jüdischen Ursprungs von den christlichen Deutschen als Halbftemde betrachtet werden und sich selbst als solche fühlen, ist für Ferrero, daß sie gern außerhalb Deutschlands wohnen. Er führt aber aus der großen Zahl berühmter jüdischer Deutscher nur drei an: Marx, Heine, und gleich neben diesen — Herrn Max Nordau! Wie viele christliche hervorragende und berühmte Männer Deutschlands und Italiens in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts außerhalb chres Vaterlandes lebten, zu leben genöthigt waren, das übersieht er. Und zwei so ganz als echte Deutsche allgemein anerkannte jüdische Männer wie Felix Mendelssohn und Auerbach erwähnt er gar nicht. Aber trotz mancher Jrrthümer und Mißverständnisse erscheint uns Ferrero als gut unterrichteter, vollkommen unparteiischer Krttiker des Judenthums und seines Verhältnisses zu den anderen Völkern. Er nennt diese ari s ch e, bemertt aber, daß er diese Bezeichnung nur als unterscheidenden Ausdruck gebrauche, denn „ethnographisch sind die Juden wahrscheinlich eben solche Arier wie die Deutschen". Damit wollen wir von dem Buche Ferrero's Abschied nehmen, da der übrige größere Theil seines interessanten Werkes nicht die Juden betrifft. M. Dr. Lueger m der „Nordhauser Zeitung". Die weißen Fahnen flattern, die weißen Nelken duften — «in und weiß wie Schnee sind die Grundsätze der christlichsocialen Partei! So versichert wenigstens Herr Lueger in einer Berichttgung, welche er — man höre und staune! — zur Ehrenrettung seines Freundes Schneider an die „Nordhauser Zeitung" gerichtet hat. Herr Lueger fühlt das Bedürfniß, sich und die Seinen vor dem Auslande reinzuwaschen, nachdem im Jnlande eine solche Mühe ganz vergeblich wäre. Das Ausland ist ja auch das goldene Land der Gas- und sonstigen Anleihen. Als ein Drachentödter ist Dr. Lueger einst ausgezogen, um die Kenntnisse zu verwerthen, die er an der Seite seines jüdischen Freundes, des Corruptionsriechers Dr. Mandl, gesammelt hatte. Das arme, betrogene und bestohlene christliche Volk sollte wieder Herr seiner Geschicke werden und es sollte ein Regiment der ehrlichen Hände, der unbelasteten Gewissen, der Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit aufgerichtet werden, wie die Welt noch keines gesehen. Auf volkswirthschaftlichem Gebiete sollte der Banken- und Börsenschwindel, das Concessions- und Protectionssystem ins Herz gettoffen werden. Auf dem Gebiete der Verwaltung sollte die Stellen- und Aemterjägerei, die Cumulirung der Mandate ein Ende nehmen. Man lief Sturm gegen die hohen Dotattonen des Bürgermeisters und seiner Stellvertreter, und man schwor hoch und theuer, daß die Institution des bezahlten Stadtrathes abgeschafft werden solle, weil die Gemeinde keine Versorgungsanstalt sein dürfe. Auch die Presse sollte gereinigt werden von allen kapitalistischen Auswüchsen, von dem System der Schweiggelder und Pauschalien. „Alles für das Volk, nichts für uns!" lautete die christlichsociale Parole. Nun denn, seit mehr als zwei Jahren sind die Christlich- Socialen an der Herrschaft, seit einem Jahr ist Dr. Lueger, der „Mann mit den reinen Händen", Bürgermeister von Wien. Ueppiger und giftiger aber hat noch niemals die Corruptton in Wien geblüht als unter dem antisemitischen Regime. Das christliche Volk wird von seinen Führern in der schamlosesten Weise ausgebeutet, eine wahre Orgie der Ausbeutung, der Bereicherung auf öffentliche Unkosten wird vor uns aufgeführt und im bacchantischen Reigen umtanzt der Anttsemitismus das goldene Kalb, das er zu stürzen versprochen hat. Der bezahlte Stadtrath ist nicht abgeschafft worden, denn man braucht seine einträglichen Stellen zur Belohnung der getreuesten Satelliten. Die Stellenjägerei, die Cumulirung der Aemter und Mandate ist bis zum Exceß ausgebildet worden. Herr L u e g e r ist Bürgermeister, Reichsraths- und Landtags-Abgeordneter, Herr G e ß m a n n ist Gemeinderath, Reichsraths- und Landtags- Abgeordneter, Landesausschuß und Chef der Landes - Brandschaden-Versicherungsgesellschaft, Herr S t r o b a ch ist Bürgermeister-Stellvertreter, Reichsraths- und Landtags-Abgeordneter, Herr G r e g o r i g ist Gemeinderath, Reichsraths- und Landtags-Abgeordneter, Bezirksschulrath, Mitglied der Donauregulirungs-Commission rc. Alle diese Herren beziehen für ihre öffentliche Thätigkeit Entlohnung in der Höhe von Hofraths- und Ministergehalten. Aber auch für die Anderen wird liebevoll gesorgt durch Concessionsertheilungen, Lieferungsverträge und sonstige Offertvergebungen oder sie sorgen selbst für sich, indem sie sich zu Commanditären von großen Baugesellschaften machen, wie Herr Stadtrath Dr. M a y r e d e r, der „Verbauer" des Cobenzl. Man hat keine Ahnung, welche Schleichwege die antisemitische Corruption einschlägt Die Geschichte dieser Corruption wird einmal geschrieben werden und es werden haarsträubende Dinge zu Tage kommen. Dann erst wird man genau erfahren, warum eine städtische Gasanstalt für 40 Millionen gebaut werden mußte, obwohl man die Werke der Engländer für 13 Millionen haben konnte. Die Vergebung der Gasmefferlieferung an Herrn Ernst Schneider hat ja schon einen Zipfel des Schleiers an diesem Geheimnisse gelüstet. Man hat einen großen Futtertrog für alle Getreuen gebraucht, und dieser Futtertrog hat sich gefunden. In der „Nordhauser Zeitung" nimmt sich Herr Lueger brüderlich seines Freundes Schneider an und erklärtes als unwahr, daß der Gewinn aus der Gasmesser-Lieferung im Kostenbeträge von 27* Millionen nicht „g rößtentheil s" in die Tasche seines Intimus fließt. Also nicht „größtentheils", aber doch zum großen Theil e. Und auch der innige Zusammenhang zwischen Gasanleihe und Tramway wird noch klar werden und man wird erfahren, daß die antisemitischen Größen in den letzten Wochen an der Börse ein wildes Spiel in Tramway-Actien entrirt haben. Auch mit Namen werden wir dienen, sobald der richtige Zeitpunkt dazu gekommen sein wird. Die kleinen Beneficien, Trinkgelder, Bestechungen und Subventionen, die unter dem anttsemitischen Regime ausgetheilt werden, sind zahllos wie der Sand am Meere. Bei den letzten

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