Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021233--07611-3031948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 9 Vr. Lloch's VochrntchrM Seite 163 werden gern gelesen, unbedeutende Stücke werden öfter aufgeführt, wenn Juden in ihnen Vorkommen. Findige Autoren verkünden es gleich im Titel ihrer Werke, daß darin etwas Jüdisches behandelt wird, in anderen Büchern findet man es ganz unerwartet. Ich habe neulich zwei Bücher gelesen, deren Titel nicht erwarten ließ, daß sie mir Veranlassung zu einem Bericht an die „Oesterreichische Wochenschrift geben würden. „L'Europa giovane" von Guglielmo Ferrero (Mailand, Fratelli Treves) heißt das eine, „Die Keuschheitsidee in ihrer geschichtlichen Entwicklung und praktischen Bedeutung" von Dr. Phil. Josef Müller (Mainz, Franz Kirchheim) das andere. Was hat „das junge Europa" mit den Semiten zu thun? fragt vielleicht der Leser; aber der, übrigens selbst noch junge Italiener widmet ein Capitel seines Werkes dem Antisemitismus, und der deutsche Philosophiedoctor hat vielleicht an einen Vers Walthers von der Vogelweide gedacht, als er sein Buch schrieb: „Wilt Du's dann alles übergülden, so sprich wohl von Wiben" rieth der deutsche Dichter vor mehr als sechshundert Jahren, jetzt scheint man es als beste Uebergüldung zu halten, Uebles von Juden zu sagen, und wenn man noch dazu ein clericaler Antisemit ist, auf Protestanten zu schimpfen. Bei Dr. Josef Müller scheint übrigens das Beschimpfen der Protestanten die Hauptsache zu sein und die Juden bekommen nur so nebenbei ihre kleine Dosis Beschimpfung. Der Protestantismus wird von Müller, von seiner Entstehung bis zur Gegenwart in Bausch und Bogen verworfen, in seinen edelsten Persönlichkeiten geschmäht, Luther auf's Gröblichste beschimpft, seine Worte entstellt oder ihnen eine andere Bedeutung unterschoben. Da mir nicht dieselbe Preßfreiheit zusteht, wie Herr Müller sie vielleicht genießt und ich auch etwas mehr Respect vor den Lesern habe, als er, so wage ich nicht alles das, was er von Luther und dem Protestantismus sagt, hier zu wiederholen. Auch können sich ja die Protestanten, wenn sie es der Mühe werth finden, selbst vertheidigen. Es mag genügen, hier hervorzuheben, wie jetzt von Ultramontanen stets Protestanten und Juden in einen Topf geworfen, in gleicher Weise verleumdet werden. Den französischen Gassenjungen sind Protestanten und Juden Landesverräther, dem deutschen Philosophiedoctor sind sie unmoralische Wollüstlinge. Ist dies Zufall oder gehorcht man in Deutschland, Frankreich und Italien — denn auch in Italien geht die clericale Presse nach diesem System vor — einer von einem Punkte ausgehenden Parole? Uebrigens kommen in Müller's Buch, die Juden noch verhältnißmäßig mit einem blauen Auge davon, muß er doch — ein zweiter Bileam — die Moral und Sittenreinheit des biblischen Judenthums loben. Wo er aber vom Fasten, von der Enthaltsamkeit im Essen und Trinken spricht, weiß er nur den Katholizismus zu loben, von den darauf bezüglichen jüdischen Religionsvorschriften sagt er kein Wort. Eugen Sue wird von Müller mir nichts dir nichts zum Juden gemacht und tüchtig heruntergerissen. Dazu erklärt er es noch für „eine perfide Insinuation" Julian Schmidt's, daß er für die Lasterhaftigkeit „dieses Juden" den Katholizismus verantwortlich macht. Tadelt man aber die lockere Moral katholischer, sogar den kirchlichen Kreisen angehöriger Männer, so antwortet Müller: „wenn wir die Persönlichkeiten zum Vergleiche der Religionen heranziehen, so müssen wir doch Personen wählen, in denen die Doctrin lebendige Gestalt, Fleisch und Blut angenommen hat, nicht solche, die zwar zufällig in einer Religion geboren waren, sich von ihrem Einfluß aber völlig emancipirten." Weßhalb betont er also das höchst zweifelhafte Judenthum Sue's und warum nennt er die zum Christenthum übergetretene Rahel Varnhagen, ebenso wahr, als höflich, „die geile Jüdin"? Weder im französischen Romancier, noch in der geistreichen Berlinerin, hatte die jüdische „Doctrin lebendige Gestalt, Fleisch und Blut angenommen." Daß Müller auf Leute wie Lessing und Goethe nicht besonders gut zu sprechen ist, ist leicht begreiflich. Dabei macht er aber, ich weiß nicht, ob absichtlich oder aus Mangel an Verständniß, einen sonderbaren Schnitzer im Citiren. Er sagt nämlich (S. 120) „Schon Lessing pries an Goethe die Gewandtheit, mit der er ein körperliches Bedürfniß in eine geistige Vollkommenheit zu verwandeln wußte* — und auf Seite 156 wiederholt er dieses Citat mit dem Zusatz: „Dem großen Dichter mußte natürlich consequent eine geistige und ethische Vollkommenheit (der Junggesellen) als eine Schwachheit, wenn nicht gar als ein Laster erscheinen." In Wirklichkeit sagt aber Lessing (im Briefe vom 26. October 1774 an Eschenburg) von Weither sprechend: „Solche kleingroße, verächtlich schätzbare Originale hervorzubringen, war nur der christlichen Erziehung Vorbehalten, die ein körperliches Bedürfniß so schön in eine geistige Vollkommenheit zu verwandeln weiß." Der Hohn Müller's trifft also nicht Goethe, sondern die christliche Erziehung. Ein ganz anderer Geist weht dagegen in Ferrero's jungem Europa. Der Verfasser ist zwar kein besonderer Judenfreund, aber er hat doch Verständniß für das Wesen des Judenthums und ist bestrebt, unparteiisch zu sein. „Der jüdische Nationalcharakter", sagt er, „ist ein vorzugsweise ethischer, die gesellschaftliche Moral leidenschaftlich kritisirender, ihre Lügen bekämpfender, aggressiv gegen alle Vorurtheile der Gesellschaft vorgehend. Mit diesem Charakter find die Propheten aufgetreten, und Jesus, der letzte und erfolgreichste Prophet, ist der vollkommenste Typus des Judenthums; er begann eine moralische, nicht politische Reform. Ebenso sind die Meisterwerke der jüdischen Literatur, das Buch Hiob, die Propheten, die Evangelien, moralische Werke in verschiedener Form, Kritiken der zeitgenössischen Moral, riesige Versuche auf dem beweglichen Sande der menschlichen Laster das granitene ewige Gebäude der absoluten Moral zu errichten". „Wenn das Christenthum unter den Heiden mehr Anhänger fand als unter den Juden, so ist es, weil bei den Römern und Griechen schon der furchtbare Kampf um den Besitz begonnen hatte, großer Reichthum neben großer Armuth herrschte, während bei den Juden noch so ziemlich die Vermögensgleichheit wie in der Zeit der Patriarchen herrschte". Auch meint Ferrero, daß auch in der Gegenwart die moralisch-reformirende Thätigkeit des Judenthums nicht aufgehört habe, und Marx ist ihm „in gewissem Sinne der Jesaias der modernen capitalistischen Gesellschaft." Der Socialismus, sagt er, ist wohl eine politische und ökonomische Partei, aber für seine Hauptgründer, die Juden Marx und Lassalle, war er zugleich eine herbe Kritik der modernen Moral. Es wird wohl nicht Jeder zustimmen, wenn Ferrero sagt, daß die Juden das Genie des Proselytismus besitzen, daß die religiöse und moralische Propaganda vielleicht die größte Schöpfung des jüdischen Geistes ist. Aber er hebt auch herror, „daß es den Juden mit den Ideen, die sie propagiren, voller Ernst ist, daß sie stets bestrebt sind, ihre Lebensführung mit den Theorien, die sie verkünden, in Einklang zu bringen, während bei anderen Völkern, besonders bei den Deutschen, sich oft ein Widerspruch zwischen Theorie und Praxis findet. Ein Professor ist manchmal als Denker ein Revolutionär, der in seinen Theorien alle Institutionen, Ideen und moralischen Anschauungen der Gesellschaft, in der er lebt, umstürzt, Staat, Religion und Familie der zerstörendsten Kritik unterwirft, in der Wirklichkeit ist er aber ein treuer Unterthan, der Polizei ergeben, dem es nie einfällt, daß er mit den Gesetzen des Staates in Conflict gerathen könnte. Manchmal ist er auch ein wohl besoldeter Professor, vom Minister gern gesehen, mit Orden ausgezeichnet. Wenn Marx kein Jude gewesen wäre, hätte er wohl auch das Capital geschrieben, aber ohne bittere Ironie, in wohlgerundetem schönen, etwas prosaischem Style; er wäre Univerfitätsprofessor geworden und hieße vielleicht Karl von Marx". Als zweites Kennzeichen des jüdischen Charakters bezeichnet Ferrero den Peffimismus, welcher im Verein mit dem Fanatismus für Moral direct und durch das Christenthum so viel Wirkung auf die Menschheit ausgeübt hat und noch ausübt. Schopenhauer hat dagegen die Juden unverbesserliche Optimalen genannt, und wir könnten es füglich dem Italiener überlassen, sich mit dem deutschen Philosophen auseinanderzusetzen. Aber es scheint uns, daß Ferrero sich nur schlecht ausgedrückt hat, daß er Melancholie oder etwas Aehnliches meinte. Die ewige Unruhe und Unzufriedenheit, das beständige Streben nach Verbesserung und Veränderung, das er selbst bei reichen Juden in angenehmer angesehener Stellung wahrgenommen haben will, ist eher alles andere als Peffimismus. Der Pessimist kann ja keine Verbesserung erwarten, er weiß ja, daß alle Mühe vergeblich ist. In der That ist das, was Ferrero als jüdischen Pessimismus bezeichnet, eher Melancholie