Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 9 (4.3.1898)
- Date
- 1898-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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^eite 162 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 9 heraufbeschworene Gespenst des zu befürchtenden Landesverrathes der Juden sich bei den Bewohnern festsetzen. Diese List und Tücke bildete schon damals eine tüchtig belegte Leimruthe, auf welche die dummen Gimpel flogen. Jedoch die Führer der Bewegung mußten sich selbst einander zugestehen, wenn Israel erdrückt werden soll, kann das keineswegs auf geradem Wege geschehen. „Wir müssen es ü b e r l i st e n!" Darin liegt das Geheimnis der Judenfeinde, doch darin liegt zugleich das Geheimnis der Rettung Israels, da es gegen List und Ränke sicher ist. „Es könnte zu zahlreich werden!" Ist dies wirklich eine Gefahr für den Staat, wenn Juden in größerer Zahl in demselben wohnen!? In allen Ländern, in denen die Juden ungestört wohnten, herrschte Wohlstand, Bewegung, erhöhte Cultur; solche von Juden bewohnte Staaten waren durchhaucht vom Lenze wissenschaftlicher Blüthe, durchsonnt, erwärmt und erleuchtet von den Strahlen der Wohlthätigkeit, der Freiheit und der Menschenliebe. Nur dort, wo sie gedrückt, verdrängt oder gar verjagt wurden, traten Hemmung des Verkehrs, Verdunklung und Verdummung der Geister, Verhärtung der Herzen, Beschränkung und Verfinsterung idealer Grundsätze, Verödung und Vereinsamung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, Niedergang und Versumpfung ein, und Weltreiche, in deren Grenzen vorher nie die Sonne untergegangen war, schrumpften zu Kleinstaaten nieder» Ranges zusammen. Das aus denselben verjagte Israel ist aber deshalb nicht zu Grunde gegangen, es blühte in andern Ländern wieder auf, und so der Tyrann gesprochen „es könnte zahlreich werden" und deshalb hinaus, hinweg! „sprach der heilige Geist" — erzählt der Talmud — „es wird dennoch zahlreich werden und sich verbreiten", und wenn nicht hier in dem Lande, wo es von List und Trug verfolgt — in anderen Ländern, die die fortschreitende Cultur ihm eröffnet. Darin liegt das Geheimniß der Rettung Israels aus allen Phasen der Verfolgung, daß diese nie auf eine rechtliche Grundlage sich stützen konnte, es war nur immer die List, die zu Hilfe gerufen werden mußte, aber „Recht muß Recht bleiben" und die Gerechtigkeit ist auf Israels Seite. Da sehen wir, wie selbst in einer fteien Republik heute mit der Gerechtigkeit verfahren wird, mit eben derselben tückischen Beschuldigung des Landesverrathes „wenn Krieg ausbrechen sollte, so würde sich der Jude den Feinden anschließen", und man findet Glauben, weil es sich um das verweigerte Recht gegen Juden handelt. Welche Schmach! Da bauen sie Justizpaläste, schmücken sie aus, kostbar und reich, bekleiden die Richter und Rechtsvertreter mit Ornaten, um göttlichen Priestern zu gleichen, wie wenn das Recht das Höchste ihnen wäre. Und wie wird es in Wirklichkeit zum Hohne der Welt!? Da stellen sie auf in den Gängen der Justizgebäude die alte mythologische Themis mit der Binde vor den Augen, wie um zu zeigen, daß sie blind ihr Urtheil spricht und keinen Unterschied kennt zwischen Mensch und Mensch — ziehen ihr aber die Binde weg von den Augen hin über die Ohren, daß sie mit Taubheit geschlagen sich zeigt. Es ist eine verschiebbare Binde, es ist ein falsches Bild aus wahnbethörter Zeit. Der Jude hat auch ein Bild zur Darstellung des Rechtes, aber nicht in Form einer Gestalt, sondern eines Gegenstandes, und in der Bezeichnung derselben hat bereits der alte Hebräer seine Auffassung über Gerechtigkeit geistreich gekennzeichnet. Es ist die „Wage", hebräisch „M e o s n a i m", das heißt eigentlich „ein Gegen st and, der zwei Ohren h at." Die Gerechtigkeit muß vor Allem Ohren haben, und zwar nicht nur eines, sondern zwei Ohren, die sowohl den Geklagten wie den Kläger anhören. Wir sehen jedoch, wie die Gerechtigkeit dem Juden gegenüber taub ist, und wenn alle Ohren der Menschen in der ganzen Welt von dem Unrecht hören, so daß es allüberall schaurig erklingt, einem Juden gegenüber ist die moderne. Gerechtigkeit — taub. Die Wahrheit läßt sich aber nur auf kurze Zeit ersticken, schließlich leuchtet sie auf und die Schauspieler der List, die ihre Comödie aufgeführt haben, werden in der Geschichte nicht nur verachtet — sondern auch verlacht und verspottet „und auch des Charbona" — der als Nichtjude auf die drohende Zerstörung durch die Verhöhnung des Rechtes hinweist, der offen seine Beschuldigung ausspricht, der sich in idealem Heroismus des beleidigten Rechtes annimmt — „wird vor der Welt zum Heile gHacht!" Immer wenn wir sehen, daß unsere Feinde zur List und Tücke greifen müssen, um Israel zu schaden, kann es lachen, denn es sieht, wie „der im Himmel Thronende lacht und wie der Herr ihrer spottet." Diese Tage der Errettung werden uns immer erneuert, in jedem Zeitalter, in jedem Geschlechte, in jedem Lande und in jeder Stadt, ihr Andenken wird nicht schwindeil und nicht aufhören. Denn so schrieben es Esther und Mardochai allen Juden z u m z w e i t e n M a l e, daß nebst der Purinigeschichte an sich selbst auch die Lehre aus derselben Israel vorschwebe, es stets zu erkennen, daß es „die Worte des Friedens und der Wahrheit" sind, die es dazumal errettet haben und es in Zukunft erretten werden. So lange wir die Ideale des Friedens und der Wahrheit für uns haben, werden List und Tücke zerschellen; Friede und Wahrheit schützen uns vor dem Untergang, und diese bilden selbst in den bedrohlichsten Zeiten ulld auch nach den bittersten Enttäuschungen das berechtigte Motiv der Freude Israels. Ein Italiener und ein Deutscher über das Iudenthum. Wenn heute ein Bewohner des Mondes oder des Mars auf die Erde hinabstiege und aus den Verhandlungen der verschiedenen Vertretungskörper, der Wählerversammlungen und Vereine in manchen Ländern Europas, aus den Zeitungen und der für den Tag berechneten Literatur „in Buchform" auf die europäischen Zustände schließen wollte, so würde er wahrscheinlich zu dem Resultat gelangen, daß Europa von 90 Percent starker und tapferer Juden und zehn Percent schwacher und armer, von ihnen beherrschter Christen bewohnt sei. Ueberall würde er klagen hören, daß alle Macht und aller Reichthum in den Händen der Juden sei, überall würde er von Vorschlägen zum Schutze und zur Rettung der armen unterdrückten Christen hören. Würde dann der Mond- oder Marsbewohner den gothaischen Almanach, die verschiedenen Stäatshandbücher, Militärschematismen u. dgl. nützliche Schriften studiren, so -würde er höchlich verwundert sein, keinen einzigen jüdischen Monarchen, Minister, Statthalter, Gesandten oder Feldmarschall, ja nicht einmal einen jüdischen Bezirkshauptmann zu finden. Aber ein Antisemit würde ihn gleich darüber aufklären: „Die Juden ziehen es vor, die wirkliche Macht zu besitzen und Andern den Schein zu lassen; sie regieren die Welt durch ihren Reichthum, durch den Grundbesitz, dessen sie sich ganz bemächtigt haben." Ginge dann unser Selenit etwa in die Prager Synagoge, um sich einmal die jüdischen Großgrundbesitzer anzusehen, so würde er ganz erstaunt sein, die Schwarzenberg und Lobkowitz, die Liechtenstein und Clam-Gallas dort nicht zu finden. Und doch ist es wahr, daß jetzt etwas Jüdisches in einem großen Theil Europas herrscht. Freilich, nicht die Juden, aber die jüdische Frage, die schon zu einer europäischen geworden ist. In alle politische, sociale und religiöse Diskussionen wird die jüdische Frage hineingezogen, in allen Parteikämpfen spielt sie eine Rolle. Hier löst sie Verbindungen auf, scheidet langjährige Parteifreunde, dort vereinigt sie die'erbittertsten Gegner. In früheren Zeiten, als den Juden in Oesterreich der Grundbesitz überhaupt, der Besitz von Häusern in manchen Städten oder Straßen nicht gestattet war, pflegte mitunter ein Jude ein Haus zu kaufen und es auf den Namen eines befreundeten Christen in das Grundbuch ' eintragen zu lassen — jetzt werden große politische Kämpfe auf den Nymen von Juden geführt. Unter dem Namen des Juden Dreyfus wird in Frankreich zwischen den Anhängern der geltenden republikanischen Verfassung und der clerical - militärischen Umsturzpartei gekämpft. Auch in Oesterreich ist der Antisemitismus die Maske für gefährliche Bestrebungen, die mit dem Judenthuck nichts zu schaffen haben, eine Maske, die er, freilich immer kecker werdend, schon abzuwerfen beginnt. Und nun erst in der Literatur! Es erscheint kaum irgend ein politisches oder nationalökonomisches Buch, das nicht die Judenftage berührte, belletristische Werke, in denen etwas Jüdisches, sei es pro, sei es contra, vorkommt, finden schnellen Absatz, unbedeutende Romane